Prof. Dr. Martin Balle

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Martin Balle

Die Populisten dieser Welt

von Prof. Dr. Martin Balle | 19. Januar 2019

Irgendwie war es doch auch ein sympathisches Bild, wie der amerikanische Präsident Donald Trump beim Empfang seiner Football-Stars in großem Stil Hamburger und...


Weihnachten 2018

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. Dezember 2018

Dass der Schweizer Schriftsteller Max Frisch sich bei einem längeren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten das Leben nehmen wollte, steht heute außer Frage....


Suche nach dem Markenkern

von Prof. Dr. Martin Balle | 01. Dezember 2018

Es war schon ein sehr seltsames Schauspiel, als vor wenigen Wochen der ehemalige Fraktionsvorsitzende der CDU, Friedrich Merz, vor der Bundespressekonferenz in Berlin sein...


Sinn des Lebens erkennen

von Prof. Dr. Martin Balle | 05. Mai 2018

„Das Leben wird vorbei gewesen sein.“ Dieser Satz ist einer der Schlüsselsätze des weltberühmten Philosophen Martin Heidegger. Dabei ist dieser...


Die Populisten dieser Welt

von Prof. Dr. Martin Balle | 19. Januar 2019

Irgendwie war es doch auch ein sympathisches Bild, wie der amerikanische Präsident Donald Trump beim Empfang seiner Football-Stars in großem Stil Hamburger und Cheeseburger auffahren ließ, weil wegen des Shutdowns in Washington die Küche seit Tagen kalt bleiben musste. Aber es entspricht ganz der Amtsführung von Donald Trump: Auf den ersten Blick nimmt seine hemdsärmelige Art für ihn ein; auf den zweiten Blick gibt es nicht einmal mehr eine vernünftige warme Mahlzeit für die Gäste im Weißen Haus. Ein Symbol für den Schaden, den seine nationalistische Politik vor allem auch in seinem eigenen Land anrichtet. Dass es in Großbritannien nicht besser gehen wird, wenn sich die nationale Perspektive am Ende tatsächlich durchsetzen sollte, wurde in dieser Woche in allen Medien eindringlich beschrieben. Bleibt die Frage, weshalb entscheiden eigentlich die Bürgerinnen und Bürger eines Landes gegen ihre eigenen Interessen? Weshalb wählen sie einen aberwitzigen und hoch aggressiven Hasardeur zu ihrem Präsidenten oder entscheiden im Fall Großbritanniens für den Ausstieg aus Europa, der am Ende vor allem ihnen selbst schadet?

 

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler analysierte vor wenigen Wochen in einem Gastbeitrag der Wochenzeitung Die Zeit exakt dieses Phänomen. Er stellt fest: „Man sollte nicht glauben, die Bedrohung der Demokratie gehe nur von einigen Reichen und Mächtigen aus. Im Gegenteil: In einigen Fällen sind es Teile des Volks selbst, die der Demokratie den Rücken kehren, weil sie mit deren Ergebnissen nicht zufrieden sind und ihnen die Bereitschaft fehlt, die Mühen und Lasten der Aufrechterhaltung einer demokratischen Ordnung auf sich zu nehmen. Die Wahl von Erdogan, Trump, Rodrigo Duterte auf den Philippinen und Jair Bolsonaro in Brasilien ist so zu erklären.“ Der ehemalige Leitartikler dieser Zeitung Fridolin Markus Rüb pflegte das immer mit dem schönen Satz zusammenzufassen: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.“ Als Grund für ein solches selbstzerstörerisches Verhalten sieht Münkler aber nicht nur eine Unzufriedenheit mit der notwendigen Langwierigkeit und Komplexität von demokratischen Prozessen, sondern auch die Sehnsucht danach, eine plurale Gesellschaft, die die Verschiedenartigkeit von Menschen und Interessen anerkennt, durch die Rückkehr zu einer nationalen Gemeinschaft abzulösen. Münkler diagnostiziert eine „nostalgische Sehnsucht nach der Geborgenheit früherer Gemeinschaften. Gemeinschaften sind und werden integriert, indem die Menschen den Zusammenhalt wollen und ihn gegen alle Widerstrebenden durchsetzen; Gesellschaften hingegen integrieren sich, indem ihre Teile miteinander konkurrieren und konfligieren“.

 

Trumps Devise „America first“ war deshalb für viele genauso attraktiv wie die Versuchung für manchen Briten, aus Europa auszusteigen. Die Botschaft war jeweils einfach und appellierte an die Ängste der Menschen, in komplexen Gesellschaften und Lebenssituationen Gefahr zu laufen, den Weg zu verlieren. Bei Donald Trump wird diese Politik der Abgrenzung und Abschottung gegen das Andere und Fremde regelrecht symbolisch, wenn er eine Mauer zu Mexiko bauen lassen will. Sein aggressiv vorgetragener Satz, dass die Mexikaner selbst die Kosten für diese Mauer tragen müssen, erinnert dabei durchaus an die Haltung der Nationalsozialisten, die den Juden in Deutschland 1938 in gespielter Empörung die Kosten für die Reichskristallnacht aufbürdeten. Dass Donald Trumps Amtsführung auch postfaschistoide Züge trägt, ist vielfach kommentiert worden und lässt sich an vielen Beispielen belegen. Alle Fachleute bestätigen heute, dass dem Drogenimport aus Mexiko durch eine Mauer kein Einhalt geboten werden kann, sodass es keinen vernünftigen Grund gibt, eine solche Mauer zu bauen. Es geht primär um die Stigmatisierung des Anderen und des Fremden.

 

In Deutschland nimmt der Verfassungsschutz jetzt die AfD stärker unter die Lupe. Das ist das richtige und ein wichtiges Zeichen. Denn wie fragwürdig die Politiker dieser Partei dann doch sind, wurde gerade jetzt wieder sichtbar. Der Bremer Bundestagsabgeordnete Franz Magnitz wurde eben nicht, wie schnell behauptet wurde, mit einem Holzscheit niedergestreckt und war so Opfer eines Mordanschlages, sondern wurde brutal umgerannt und fiel unglücklich auf seinen Schädel. Laufende Kameras, die es zufällig gab, konnten das eindeutig zeigen. Das ist dann doch ein entscheidender Unterschied. Aber das Mittel der Lüge oder auch des Verdrehens von Sachverhalten, wie es die AfD praktiziert, also Lüge und Manipulation als Mittel der Politik, wurde an diesem Fall sehr gut lesbar. Es muss darum gehen, diese Partei immer wieder zu entlarven als das, was sie wirklich ist: ein Abgrund von Ewig-Gestrigen, denen kein Mittel zu schade ist, um die Menschen in diesem Land zu manipulieren und unsere Demokratie zu diskreditieren.

 

Dabei geht es vor allem auch darum, dass wir uns die Perspektive unseres politischen Diskurses von denen nicht manipulieren lassen. So hat die Sprachforscherin Elisabeth Wehling vor Kurzem gezeigt, dass es Donald Trump gerade mit seinen unsäglichen Twitter-Tweets gelungen ist, die politische Diskussion in Amerika zu bestimmen: „Das alles ist keine mediale Irrfahrt, das ist Taktik und fast schon hohe Kunst. Den landesweiten Diskurs bestimmt Trump mittels Twitter meisterhaft. Trump nutzt dabei grundlegende Erkenntnisse der neurokognitiven Ideologieforschung: Sprache aktiviert im Gehirn stets einen gedanklichen Deutungsrahmen. Wenn seine Gegner toben, seine dreisten Botschaften mit Fakten und Expertise widerlegen, transportieren sie diese dennoch weiter; Trumps Worte verankern sich in den Synapsen der Wähler. Das menschliche Gehirn kann die Verneinung nicht denken, ohne die nicht verneinte Form derselben Aussage zu denken.“ Wenn Trump also sinngemäß sagt: Das Fremde ist das Böse – so liegt diese Botschaft auf dem Tisch und man mag ihr noch so oft widersprechen, sie bleibt gerade dadurch auf dem Tisch und die Diskutanten bleiben auf das Thema fixiert, das Trump gesetzt hat – und etwas bleibt immer hängen ...

 

In Amerika prallt die Kritik der Medien und der politischen Gegner an Donald Trump regelrecht ab und es ist durchaus möglich, dass er bei allem Irrsinn nochmals gewählt wird. In Deutschland immerhin funktionieren die Mechanismen von Kritik und Kontrolle in Politik und Medien noch so gut, dass einem noch nicht angst und bange ist. Aber dennoch wird gerade bei den Landtagswahlen im Osten die AfD in allen drei Fällen vergleichsweise gut abschneiden. Als Mittel gegen die Populisten dieser Welt empfiehlt Politikwissenschaftler Herfried Münkler „die Zivilgesellschaft mit ihren Vereinen und Verbänden“. Dort muss es Geborgenheit und Rückhalt geben. Nicht in einer Wiederbelebung der „völkischen Idee“, sondern in unserer Heimat.

Straubinger Tagblatt vom 19. Januar 2019 

Weihnachten 2018

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. Dezember 2018

Dass der Schweizer Schriftsteller Max Frisch sich bei einem längeren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten das Leben nehmen wollte, steht heute außer Frage. Natürlich warnt die Literaturwissenschaft in ihrer unbefriedigenden Methodendiskussion davor, literarische Produktionen als autobiografische Zeugnisse zu lesen. Aber was Max Frisch im „Stiller“ als Nahtoderfahrung erzählt, ist ohne Zweifel eine eigene Erfahrung, die unbedingt ernst zu nehmen ist. Auf nur zwei Seiten wird beschrieben, wie Stillers Selbstmordversuch misslingt: „Die kleine Schusswaffe ... hatte einen viel leichteren Druckpunkt, als ich es vom Armeegewehr gewohnt war. Vermutlich ging die Waffe vorzeitig los, so dass das Projektil den Schädel nur streifte, ohne einzudringen ...“ Dennoch streift Stiller der Tod. Was er erlebt, erzählt er später: „... und dann war alles weg: bis auf eine runde Öffnung in der Ferne ... und der Zustand war unerträglich, dabei nicht schmerzhaft. Eher sogar Sehnsucht nach Schmerz ... die entsetzliche Pein bestand darin, plötzlich nichts mehr zu können, nicht rückwärts, nicht vorwärts, nicht stürzen zu können, kein Oben und kein Unten mehr, dennoch vorhanden zu bleiben, rettungslos ohne Schluss, ohne Tod.“ Eine unerlöste Situation also, kein Leben, kein Sterben, kein Raum, keine Zeit. Ein unhaltbarer Zustand, der aber erst einmal da ist, von Stiller erlebt wird und im Letzten unglaublich entsetzlich ist.

 

Was dann geschieht, ist eine spirituelle Wiedererweckung des Helden. Denn der erschrickt und dieses Erschrecken ist ein so tiefes Gefühl, dass es ihn ins Leben zurückführt. Stiller schreibt: „Und dass ich mich, einer Gnade gewiss, zum Leben entschieden hatte, merkte ich daran, dass ein rasender Schmerz einsetzte. Ich hatte die bestimmte Empfindung, jetzt erst geboren worden zu sein.“ Dem ersten Erschrecken folgen Träume, die „kettenweise“ kommen und von Stillers engsten Beziehungen handeln, nämlich zu seiner Ehefrau und auch zu seiner Mutter. Für den Leser wird erlebbar, wie Stiller in seiner innersten Seele eingesperrt gewesen war, in Bildern, die sich andere, aber auch er selbst sich von sich gemacht hatten. Es wird fast körperlich spürbar, wie er sich selbst nicht hatte wahrnehmen können und erst mit der Wiedergeburtserfahrung nach seinem Selbstmordversuch zu sich selbst findet. Seine Träume leiten ihn dabei an. Eine Erfahrung der Wiedergeburt also, die aus dem tiefsten Unbewussten heraus Leben neu schafft, verbunden mit dem Erleben des Schmerzes und der Bilderfahrung der Träume. Das Erschrecken aber über das nicht gelebte Leben als erste Erfahrung nach seinem versuchten Suizid nennt Stiller seinen „Engel“. Denn aus diesem tiefen Erschrecken heraus vollzieht sich seine Wieder- und Neugeburt. Am Ende gibt Stiller noch preis, dass er all das kaum fassen kann und es auch kaum in Sprache zu bringen ist: „Eigentlich kann ich bloß sagen: Ich habe damals eine Ahnung erlebt. Nicht die Scham verbietet mir, sie auf den Tisch zu legen, sondern ich kann es einfach nicht.“

 

Der Schlüssel zum Verständnis dieses Textes ist das Unbewusste. Aus dem Unbewussten heraus entscheidet sich Stiller für sein Leben, die Träume leiten ihn an, der Schrecken über das versäumte Leben ist sprachlos, aber doch les- und verstehbar. Der körperliche Schmerz in seiner extremsten Form, ein Urschmerz gleichsam, gibt Stiller sich selbst zurück. Während noch vor Jahren die Psychologie von den Theologen als glaubensfremdes Teufelszeug verdammt wurde, gilt das Unbewusste heute als Einflugschneise von wahrem Leben. Ins Unbewusste schreibe sich der Sinn ein, sagen heute Theologen und Therapeuten. Das Unbewusste ist die radikale Möglichkeit, sich selbst zu erfahren auf der Grenze zur Transzendenz, also zum Glauben. In der Tür, die das Unbewusste öffnet, beginnt die Glaubenserfahrung – und so spricht Stiller ganz recht von dem „Engel“, der ihn seither begleitet. Damit aber ist auch Glaube eine radikal persönliche Erfahrung und Begegnung, die sich nicht abstrakt herstellen, gleichsam machen lässt. „In mir begann es zu beten“, sagen die, die von der eigenen Glaubenserfahrung überrascht wurden.

 

Alle Erfahrungen aber, die Stiller macht, sind radikal subjektiv. Sie sind ganz persönlich. Sein Erschrecken, sein Schmerz, seine Träume, seine Scham, seine Sprachgrenze, die ein letztes Erzählen, was wirklich geschah, nicht zulässt, auch wenn er es immer wieder versucht. All diese Erfahrungen hat nur genau er gemacht. Sie sind nicht imitierbar, sie bleiben Unikate seines Lebens und ihm gerade in ihrer Nicht-Erzählbarkeit unverlierbar.

 

„Ich bin mein Gehirn“ hat ein Schweizer Philosoph auf Poppers Meisterwerk „Das Ich und sein Gehirn“ geantwortet, um damit zu sagen, dass kein Mensch in seiner Persönlichkeit von anderen erzählt werden kann. Das Leben kann nicht von Computern besser abgebildet werden, als es ist. Es kann von Computern im Gegenteil gar nicht abgebildet werden dort, wo es wirklich ist. Dort, wo der Mensch ganz er selber ist, in Augenblicken, in Freundschaften, in wahren Begegnungen, dort ist nur mehr spürbar, was geschieht und es entzieht sich eben den Algorithmen von Facebook oder Google. Das ist der entscheidende Widerspruch zum Digitalisierungswahn unserer Zeit. Die Weihnachtszeit ist also auch ein Einspruch gegen den Irrsinn einer weitgehend rationalen Planbarkeit von Leben, die am Ende lebensfeindlich ist. Ein Einspruch gegen die Verfügbarkeit von Leben, die vor allem auch dahin führt, dass wieder einmal einige Großkonzerne viel Geld verdienen.

 

In seiner immer noch lesenswerten Enzyklika „Laudato Si“ schreibt Papst Franziskus deshalb: „Dazu kommen die Dynamiken der Medien und der digitalen Welt, die, wenn sie sich in eine Allgegenwart verwandeln, nicht die Entwicklung einer Fähigkeit zu weisem Leben, tiefgründigem Denken und großherziger Liebe begünstigen. Die großen Weisen der Vergangenheit würden in diesem Kontext Gefahr laufen, dass ihre Weisheit inmitten des zerstreuenden Lärms der Information erlischt. Die wirkliche Weisheit, die aus der Reflexion, dem Dialog und der großherzigen Begegnung zwischen Personen hervorgeht, erlangt man nicht mit einer bloßen Anhäufung von Daten, die sättigend und benebelnd in einer Art geistiger Umweltverschmutzung endet.“ Eine solche im Übermaß digitalisierte Welt hindere uns, „mit der Angst, mit dem Schaudern, mit der Freude des anderen und mit der Komplexität seiner persönlichen Erfahrung direkt in Kontakt zu kommen“.

 

Heute ist es nicht so sehr nötig, die Welt noch digitaler zu machen. Noch kurzatmiger, noch oberflächlicher. Aus dem dreidimensionalen Lebensraum überzulaufen auf die glatte Computeroberfläche. Sondern Räume zu öffnen für Leben. Für wahres Gespräch, aber auch für wahre Stille. Weihnachten ist so beides: wahre Ansprache Gottes an den Menschen und genauso stiller Rückzugsraum aus der Betriebsamkeit des Alltags.

Straubinger Tagblatt vom 22. Dezember 2018

Suche nach dem Markenkern

von Prof. Dr. Martin Balle | 01. Dezember 2018

Es war schon ein sehr seltsames Schauspiel, als vor wenigen Wochen der ehemalige Fraktionsvorsitzende der CDU, Friedrich Merz, vor der Bundespressekonferenz in Berlin sein politisches Comeback verkündete. Wie Phoenix aus der Asche tauchte er auf, erklärte kurz, wie man seinen Namen richtig schreibe, um am Ende mit wenigen Floskeln anzumahnen, dass es mit Floskeln nicht getan sei. Dabei sagte er dennoch einen Satz, der zum Nachdenken Anlass gibt. Die CDU müsse ihren „Markenkern“ wiederentdecken. Dabei ist der Markenkern ein Begriff, der gar nicht aus der Politik kommt, sondern in der Werbepsychologie verwandt wird.

Zum sogenannten Markenkern gehört neudeutsch das „look and feel“ eines Produktes. Coca-Cola schmeckt nicht nur unverwechselbar anders als Pepsi, auch der Schriftzug, den man sofort erkennt, ist Teil der Identität des Produktes. Genauso bei der Creme Nivea oder der Milka-Schokolade. Die sind blau oder lila verpackt, der Schriftzug ist sofort erkennbar, mit dem Inhalt aber ist es hier schon schwieriger. Wer würde bei anderer Verpackung tatsächlich erkennen, ob er sich gerade mit Nivea-Creme eingeschmiert hat, oder ob es tatsächlich eine Milka-Schokolade war, die man sich noch schnell vor dem Schlafengehen genehmigt hat, wenn die Verpackung das nicht auf den ersten Blick anzeigen würde. Zum Markenkern gehören also immer die Kontinuität der Tradition und die Außenansicht, die das Produkt für den Verbraucher unverwechselbar machen soll.

Legt man solche Werbepsychologie zugrunde, dann wird vor allem schnell klar, weshalb die SPD auch bundesweit nur noch knapp über dem bayerischen Ergebnis liegt. Man kann nicht die zwei Führungsfiguren der Partei, Martin Schulz und Sigmar Gabriel, von heute auf morgen entsorgen und sich selbst auf die Schnelle ein ganz neues Gesicht geben. Wer ist denn die SPD heute unter der Führung von Andrea Nahles und Olaf Scholz? Da wird keine Identität erkennbar, kein Gesicht vorstellbar. Die SPD hat ihre Vorsitzenden sowieso schon über Jahre hinweg allzu oft ausgewechselt. Die traditionelle Wählerklientel der klassischen Arbeiterschaft gibt es auch nicht mehr und mit Gerhard Schröder hatte ein Kanzler die Partei so sehr auf den eigenen persönlichen Erfolg zugeschnitten, dass es auch hier massive Identitätsverluste gab, ganz gleich, wie man heute die Hartz-Reformen bewertet. Was der Partei jetzt aber vor allem geschadet hat, war der bedingungslose Machthunger von Nahles und Scholz, die solche Erwägungen hätten treffen müssen, aber eben nur an die eigene Karriere dachten. Scholz bereitete es in jeder Talkshow sichtliches Vergnügen, wenn über den damaligen Parteivorsitzenden Martin Schulz hergezogen wurde. Und ein Urgestein der SPD, ein ehemaliger bekannter bayerischer Oberbürgermeister, sagte mir letzte Woche, dass es bei Nahles nicht besser wäre, und war sichtlich entsetzt vom Abstieg seiner geliebten Partei. Heute sucht die SPD bei einberufenen Konferenzen künstlich ihr neues Profil – ein auswegloses Unterfangen.

Die CSU hat mit Blick auf den Begriff des Markenkerns ebenfalls einen recht seltsamen Weg eingeschlagen. Hier wird in jedem Interview betont, dass die neue CSU in voller Kontinuität mit der Parteigeschichte der letzten Jahrzehnte stehe. Das ist regelrecht das Programm der Partei. Der neue Ministerpräsident stellt sich zudem in nostalgischer Schwärmerei sogar die Möbel von Franz Josef Strauß in sein Büro und der schwer zu deutende Alexander Dobrindt kauft sich tatsächlich einen alten 3er-BMW auf dem Gebrauchtwagenmarkt, weil in genau diesem Auto Strauß gefahren sei. Auf der anderen und doch entscheidenden Seite aber hat man den ehemaligen König von Bayern, Horst Seehofer, mit aller Gewalt zum Hausmeister Deutschlands in Berlin degradiert und wundert sich in München tatsächlich über dessen Lustlosigkeit in seinem neuen Amt. Seehofer gibt in Berlin eine Mischung aus Django und Oblomow, auch das ein seltsames, aber immerhin verstehbares Schauspiel. Jetzt fordern selbst die ehemaligen Claqueure aus der eigenen Partei lauthals sein politisches Ende auch in Berlin. Wenn es dann demnächst kommt, werden sie tränenreich erklären, wie wichtig Horst Seehofer und sein Erbe für die Partei seien. Das Blöde ist nur: Jeder Wähler, der auch nur einen durchschnittlichen IQ hat, wendet sich bei solchem Schauspiel angewidert ab. Bei aller Beschwörung der Kontinuität der Geschichte der Partei ist es schon so: Der Machtkampf mit all seinen hässlichen Spuren, das ist auch ein unverdrängbares Erbe der neuen CSU, die sich jetzt in der Geste der Unschuld als Partei der Mitte wieder beruhigen will.

Und die CDU? Wer wird hier das Rennen machen? Es gibt viele, die glauben, dass Merz es schaffen kann, weil die Abneigung gegen Angela Merkel in der Partei so groß sei, dass ihre Generalsekretärin am Ende chancenlos ist. Aber wer Annegret Kramp-Karrenbauer auf ihrer Tour durch die Talkshows und Regionalkonferenzen jetzt erlebt, der spürt eine Frau, die doch viel mehr zu bieten hat, als sie in ihrem Amt der Generalsekretärin zeigen konnte. Und sie war nicht zehn Jahre lang abwesend und sie strahlt auch nicht die Aura der Finanzwelt aus, die am Ende doch abstößt. Viele erinnern sich zudem, dass Merz schon damals eher Provokationen in die Welt setzte, wie die Begriffe von der Steuer auf dem Bierdeckel oder den der Leitkultur, die aber niemals den Lackmustest der Wirklichkeit bestehen mussten. Von Nostalgie allein kann man nicht leben. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird sich Kramp-Karrenbauer deutlich durchsetzen und Merz für immer in der Finanzwelt verschwinden. Kramp-Karrenbauer strahlt heute eine Freiheit des eigenen Denkens und Sprechens aus, die für die CDU zu einer Chance werden könnte.

Und die anderen? Christian Lindner will jetzt doch regieren. Die Grünen wollten schon damals. Das Personal der Grünen überzeugt. Das Detailwissen der Führungsmannschaft überrascht. Jürgen Trittin und Joschka Fischer in ihrer unerträglichen Arroganz sind Geschichte, geblieben ist die Freiheit der Diskussion, die es bei Fischer und Trittin so auch nicht gab. Manches bei den Grünen ist amateurhaft und fast kindlich, aber der Ernst des Bemühens unverkennbar.

Die Grünen gehen bundesweit wohl auf über 20 Prozent. Eine CDU ohne Angela Merkel hat Chancen auf eine deutliche Erholung gegenüber den verheerenden Prozentzahlen, die heute in den Nachrichten aufscheinen. Ein neu gewählter Bundestag könnte so aussehen, dass den zwei großen Blöcken von Union und Grünen die kleineren Parteien SPD, Linke, AfD und FDP gegenüberstehen. Was für ein Wandel!

Und für die FDP mit ihrem Vorsitzenden, der damals nicht regieren wollte, gilt dann der Satz, dass man im Leben manchmal zweimal gefragt wird, häufig aber auch nur einmal. Was die politischen Inhalte angeht, wäre ein solcher Ausgang der nächsten Wahl eine Chance.

Straubinger Tagblatt vom 1. Dezember 2018

 

 

Sinn des Lebens erkennen

von Prof. Dr. Martin Balle | 05. Mai 2018

„Das Leben wird vorbei gewesen sein.“ Dieser Satz ist einer der Schlüsselsätze des weltberühmten Philosophen Martin Heidegger. Dabei ist dieser Satz vollkommener Blödsinn. Es gibt zwei Sätze, die dagegen klug und aufrichtig sind. Einer wäre: „Das Leben wird vorbei sein“ – aus der Perspektive des Lebens gesprochen. Der andere wäre: „Das Leben wird gewesen sein“ – aus der Perspektive des Denkens gesprochen. Der Satz „Das Leben wird vorbei gewesen sein“ spielt dagegen das Leben und das Denken in eine sowohl undenkbare als auch nicht lebbare Situation hinein: Der Schrecken des Todes wird so gerade nicht aufgelöst, sondern er ist für immer der Schatten, der sich als fürchterlicher Todesbote über jeden Sinn des Lebens legt.

Den wunderbaren Philosophen und Psychotherapeuten Dieter Wyss hat dieser schreckliche Nihilismus des Martin Heidegger so angewidert, dass er ihn in seiner monumentalen Studie „Kain: Eine Phänomenologie und Psychopathologie des Bösen“ in einem Atemzug mit Hitler und Lenin nennt. In der verschwurbelten Philosophie Heideggers sieht er „primär ein krankhaftes Geltungsbedürfnis“. Das Wegdenken jeder Erlösung des Menschen und das gedankliche Hineinstellen seiner Existenz in einen Abgrund von Angst und Sinnlosigkeit ist für ihn ein Anschlag auf die Menschenwürde und jede wahre Philosophie, die ja gerade menschenfreundlich sein muss.

Das haben aber alle Existenzialisten gemeinsam. Sie gruseln sich gerne mit der Einsamkeit und dem Tod. Ob Sören Kierkegaard aus Dänemark, Sartre in Frankreich oder eben Heidegger. Der Mensch bleibt für sie unerlöst und unerlösbar. Weder Gott noch der andere Mensch kommen als lebensrettendes Ufer der eigenen Existenz in ihren Blick. Am schlimmsten treiben es dabei Martin Heidegger und der Däne Sören Kierkegaard schon im 19. Jahrhundert. Es ist bei beiden der Abgrund der Angst, in den sie den Menschen mit ihrer Philosophie verstoßen wollen.

Für Kierkegaard ist die wahnsinnige Angst sogar der Urgrund des Glaubens. Aus seiner Angst heraus soll der Mensch im Todesaugenblick in das Gottesvertrauen springen. Als ganz Geängsteter wird er erlöst sein. Was für ein perverser Irrsinn! In seiner wunderbaren Arbeit über Kierkegaard hat ihn Theodor W. Adorno als das entlarvt, was er am Ende ist: ein Nihilist, der weder wahren Glauben noch wirkliche Philosophie hat, sich aber Christ schimpft.

Das Einzige, was diesen schrecklichen Existenzialisten abzugewinnen ist, ist ihre glänzende Analyse der postmodernen Gesellschaft. Kierkegaard nimmt in seinem Buch „Die Krankheit zum Tode“ alle modernen Zivilisationskrankheiten der heutigen Zeit voraus: die übersteigerte Sehnsucht des Menschen, nur er selbst zu sein, aber auch seine gegenteilige Sehnsucht, sich selbst ganz zu verlieren. Und Heidegger kennt die Langeweile der Menschen von heute. Angst und Langeweile sind für viele ihr Lebensthema geworden. Sie können keinen Sinn mehr spüren, ihr Leben nicht als wertvoll erfahren. Aber Heidegger und Kierkegaard nehmen diese Probleme dankbar auf und machen ihre grausame Philosophie daraus.

Was aber macht die Verführung dieser Denker aus? Weshalb sind so viele kluge Köpfe auf dieses Denken über Jahrzehnte und Jahrhunderte hereingefallen? Ein Grund liegt in der Gesellschaft von heute. Sie bietet viel zu wenig Raum für tiefgründiges Erleben und Spüren unseres Daseins. Im Alltag der Arbeit, in der schnelllebigen Welt der kurzatmigen Kommunikation kommt das, was der Mensch in seinem Innersten an Tiefe des Erlebens ersehnt, viel zu kurz. Wie eine Plastikwelt türmt sich die Zivilisation von heute vor unseren Augen auf. Ein Dschungel von leichtsinnigen Verführungen, die nichts einlösen und uns mit dem schalen Geschmack einer äußerlichen Existenz zurücklassen.

In der monumentalen Sprachwelt eines Martin Heidegger, der von Tod, Angst und Sorge „kündet“, liegt auch ein Rückruf zu den Kräften, die Leben zuerst ausmachen. Und weil Heidegger jeden Trost und jede Erlösung wegdenkt, werden diese Begriffe so überstark, dass sie zu faszinieren beginnen und einen seltsamen Bann auf unser Denken auszuüben vermögen. Diesem Bann muss man sich aber genauso entziehen wie dem Bann einer oberflächlichen Konsumgesellschaft, die unsere Seelen mit ihren Pseudoangeboten zukleistert.

Eine angemessene Antwort auf Heidegger wäre als Beispiel Karl Popper. Auch für ihn gibt es keine letzte Wahrheit, von der her wir sicher leben könnten. Aber das führt bei ihm nicht zu einer Perspektive der Sinnlosigkeit, die alle Werte relativieren würde. Sondern in vielen kleinen Schritten kann der Mensch für Popper immer weiter in der Annäherung an seine eigene Wahrheit kommen. Versuch und Irrtum – aber nicht lebenslanges Irren, das ist Poppers hilfreiche Philosophie, die ein ungeheuer menschenfreundliches Gesicht hat. Oder der Psychologe Erik Erikson. Er unterteilt das Leben in acht Abschnitte, die von verschiedenen Lebensaufgaben charakterisiert sind. Heideggers Welt ist zeitlos, der Mensch ist immer von Angst befallen und so dem Wahnsinn ausgeliefert. Der realistische Blick von Erikson erkennt dagegen die Chance des Lebens und sagt uns, was wir etwa mit Anfang 30 tun können, um am Ende auf ein erfülltes Leben zurückzublicken.

„Das Leben wird vorbei gewesen sein.“ Was für ein Blödsinn! Die Antwort des Christentums wäre dagegen, dass in Jesus Christus schon dieses Leben im Zeichen des ewigen Lebens steht. Dass diese Welt trotz aller Schatten erlöst ist. Dass damit auch diese Welt Aufgabe für uns ist, vor der wir nicht in Angst erstarrt zurückstehen dürfen. Selbst moderne marxistische Philosophen geben heute zu, dass im Glauben ein Hoffnungsgrund in diese Welt einverwoben ist, auf dem alle gesellschaftlichen Utopien für eine bessere Welt zu wachsen beginnen können.

Wenn Christen an jedem Sonntag die Erinnerung an Ostern feiern, dann feiern sie exakt diesen Hoffnungseinbruch in eine Welt, die auch düster sein könnte. Sie vergewissern sich der Hoffnungsperspektive, die schon in dieser Welt beginnt. Was im Glauben bei jedem Einzelnen genau geschieht, bleibt sein Geheimnis. Aber das Atemholen am Sonntag scheint doch für viele immer noch ein reeller Weg des Lebens zu sein, sonst würden sie es ja nicht tun. Es ist also auch sehr zu begrüßen, wenn die katholische Bischofskonferenz unter ihrem Vorsitzenden Hindernisse auf dem besseren Weg zu einem gemeinsamen Sonntag von Protestanten und Katholiken aus dem Weg räumt. Das gilt auch für das Geheimnis des Abendmahls. Als ich vor Jahren einem konservativen Bischof sagte, dass ein Priester, den ich sehr schätzte, die Protestanten und auch die Geschiedenen expressis verbis zur Kommunion einlade, meinte der entsetzt: „Dafür wird er sich vor Gott verantworten müssen.“ Hochwürden, das Entsetzen ist heute – nach Eurem Brief nach Rom – ganz auf meiner Seite!

Straubinger Tagblatt vom 5. Mai 2018

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