Prof. Dr. Martin Balle

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Martin Balle

Reichtum ist nicht alles

von Prof. Dr. Martin Balle | 04. Juli 2020

Wie viel Geld macht glücklich? Voller Unverständnis schüttelte vor Jahren mein Religionslehrer, zugleich ein guter Priester, den Kopf, weil ihn sein Bruder...


Die Armen der Welt

von Prof. Dr. Martin Balle | 20. Juni 2020

Wie schlecht es den Menschen in Afrika wirklich geht, bringt der Landesdirektor der Welthungerhilfe für Äthiopien Matthias Späth exakt auf den Punkt:...


Der Phantomschmerz der verlorenen Macht

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Juni 2020

Verehrt und verhasst: Der Glaubenskrieg um den Virologen Christian Drosten“, so titelte das Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“ seine Ausgabe vom 30. Mai....


Eine bayerische Erfolgsgeschichte

von Prof. Dr. Martin Balle | 30. Mai 2020

Mit viel Umsicht und Geschick hat Josef Schörghuber ein florierendes Unternehmen gegründet, das im Laufe der Zeit immer mehr expandierte und von seiner...


Sehnsucht nach dem anderen

von Prof. Dr. Martin Balle | 16. Mai 2020

Das erste Kapitel der Corona-Krise ist geschrieben. Auch für uns Zeitungsverlage hat es enorme Einsichten erbracht. „Totgesagte leben länger.“ Noch...


Für das Leben oder die Schule

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. April 2020

Es könnte tatsächlich sein, geben wir es aufrichtig zu, dass für manche Klassen wegen des Coronavirus die Schule bis zu den Sommerferien ausfällt. Und...


Es gibt keine Alternative zum Frieden

von Prof. Dr. Martin Balle | 10. April 2020

Stalingrad und der Zweite Weltkrieg lehren uns auch heute, dass die Waffen für immer schweigen müssen

Auf ein bestimmtes Foto blicke ich immer...


Das Recht, in Würde zu sterben

von Prof. Dr. Martin Balle | 04. April 2020

Den Arzt kannte ich. Wir waren eine Gruppe recht junger Männer und Frauen, die sich entschieden hatte, das Hilfswerk „Misereor“ zu unterstützen....


Die Genese einer Volkspartei

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. März 2020

SZ-Redakteur Roman Deininger porträtiert humorvoll und kenntnisreich das Profil der CSU

Als vor 40 Jahren Franz Josef Strauß das Straubinger...


Zeit zur Besinnung

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. März 2020

Ob die Geschichte der Menschheit einen Sinn hat oder doch eher nicht, ob vieles vorherbestimmt ist oder nicht; wie viel Freiheit angesichts eines auch vorfestgelegten...


Das Gift des Bösen

von Prof. Dr. Martin Balle | 07. März 2020

Als der Schriftsteller Stefan Zweig und der geniale Entdecker des Unbewussten Sigmund Freud sich in London trafen, während Hitler und die Seinen in Deutschland ihren...


Vorteil für Armin Laschet

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. Februar 2020

Das wundert mich, dass sich jemand wundert, dass ganz plötzlich Armin Laschet und Jens Spahn im selben Segelboot sitzen. Das war doch klar, dass der Schwächste...


In eigener Sache

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. Februar 2020

Natürlich war es nur eine Karnevalsveranstaltung in Aachen, bei der Friedrich Merz mit Bezug auf die digitalen Möglichkeiten für Politiker über...


Noch ein Märchen

von Prof. Dr. Martin Balle | 15. Februar 2020

Es gibt fast nichts Schöneres, als in einer feinen Schweizer Gesellschaft, zum Beispiel in Zürich, den Namen Jean Ziegler fallen zu lassen und am besten noch...


Produktives Misstrauen

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. Januar 2020

Wenn der Philosoph Jürgen Habermas zu Besuch in München ist und über den Marienplatz bummelt, schauen ihm die Leute neugierig nach. 90 Jahre ist er jetzt...


Merkels Erbe

von Prof. Dr. Martin Balle | 24. Dezember 2019

Zwei persönliche Erzählungen zeigen sehr gut einen Wesenszug von Angela Merkel, der für diese lange Zeit ihres Regierens, wie es jetzt in allen Zeitungen...


Weihnachten 2019

von Prof. Dr. Martin Balle | 23. Dezember 2019

„Könnte es sein, dass es in Wahrheit bergab geht, weil die Menschen in einer vollständig aufgeklärten, digitalisierten und berechenbaren Welt reicher...


Seifenblasen sehen anders aus

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Dezember 2019

Robert Habeck ist alles andere als ein Schaumschläger. Sein politisches Engagement wirkt darum echt

Neugierig war ich auf meine Begegnung mit Robert Habeck....


Reichtum ist nicht alles

von Prof. Dr. Martin Balle | 04. Juli 2020

Wie viel Geld macht glücklich? Voller Unverständnis schüttelte vor Jahren mein Religionslehrer, zugleich ein guter Priester, den Kopf, weil ihn sein Bruder extra angerufen habe, dass er jetzt die erste Million verdient habe. Eine Million Mark damals, das sei doch gar nicht vorstellbar, sein Vorstellungsvermögen höre schon weit vorher auf, so meinte der redliche Mann. Warum scheffeln Menschen Millionen? Der Schriftsteller Martin Walser hat eine Diagnose: Es seien die entscheidenden Zahlen gegen den Tod. Die Uhr des Lebens mit ihren abnehmenden Zahlen auf den Tod zu laufe ab. Bis zum bitteren Ende. Wenn wenigstens der Geldhaufen wachse, ein Leben lang, dann sei das für viele die Gegenbewegung, die wenigstens tröstlich sei.

„Vermute nie eine bessere Gesinnung, wenn es noch eine schlechtere gibt“, so meinte dagegen ein Politikredakteur dieses Verlages und noch kurz vor seinem Tod hielt er an dieser Meinung fest. Ja, das Geld ist für viele der ganz große Treiber. In den letzten Wochen zu besichtigen beim Schlachthofmagnaten Clemens Tönnies. Während seine Mitarbeiter in vorzivilisatorischen Standards hausen mussten, scheffelte er buchstäblich ein Milliardenvermögen, nicht nur eine oder zwei Millionen.

Gleichzeitig führte er den Traditionsclub Schalke 04 in der Form, dass dort heute Schulden sind in Höhe von 200 Millionen Euro. Warum hat er die nicht beglichen? Das wäre doch naheliegend gewesen. Und ihm wären immer noch sage und schreibe 800 Millionen Euro geblieben. Auch davon kann man doch noch einigermaßen leben. Stattdessen bezahlte er den ehemaligen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel gut, um sein Schlachtunternehmen international noch weiter nach vorne zu bringen. Die Jugendmannschaften von Schalke 04 dagegen haben heute keine Busfahrer mehr, die waren immerhin auf 450-Euro-Basis angestellt, aber das konnte sich der Verein nicht mehr leisten.

All das war schon ein sehr seltsames Schauspiel. Aber immerhin ist Tönnies mit Armin Laschet befreundet, der in Deutschland immer noch Kanzler werden will, auch wenn es jetzt allmählich eng für ihn wird. Ganz exakt so schauen also die Schattenseiten des Kapitalismus aus. Karl Marx lässt grüßen.

Dass die Grundrente schlampig gebaut ist und alle Züge eines typischen politischen Kompromisses trägt, ist das eine. Aber sie ist gerade in diesen Tagen ein Signal, dass es wenigstens den Versuch von mehr Gerechtigkeit gibt. Es kann doch nicht sein, dass die einen Milliarden scheffeln und die anderen im Alter hungern müssen. Oder im Krankheitsfall sich keine ausreichende Versorgung leisten können. Ein Drittel der Menschen in Deutschland hat Angst, abgehängt zu werden, und das hat dann doch Gründe. Die Grundrente hätte man viel differenzierter und sorgfältiger bauen müssen, aber das Signal, dass es sie jetzt gibt, ist richtig und gut.

Es gibt viele Sprüche, die uns sagen, dass Reichtum beileibe nicht alles ist. „Das letzte Hemd hat keine Taschen“, ist einer der schönsten davon. Eine Münchner Society-Lady sagte dagegen vor Kurzem im Fernsehen auf die Frage, wann es denn genug sei, was ein Mann ihr bieten müsse: „Es ist nie genug!“, und ihre Augen funkelten voller Lust am Reichtum. Dass sie selber mittlerweile aussieht wie ein verfallenes mittelalterliches Schloss, das längst keiner mehr bewohnen will, war ihr im Spiegel offenkundig nicht aufgefallen. Denn zu viel Geld macht in aller Regel die, die ihm nachjagen und häufig regelrecht verfallen sind, hässlich, und das gilt für Männer und Frauen.

Ins Bild dieser Tage passt dann gut, dass es ein windiges Unternehmen wie Wirecard mit Luftbuchungen in den Dax geschafft hat. Seit 2014 sollen dort die Bilanzen gefälscht worden sein. Einer der Gangster will sich verantworten, damit danach sein Leben wenigstens irgendwie weitergeht. Der andere ist untergetaucht. Wer das bessere Schicksal haben wird, ist lange nicht ausgemacht.

In den Vorlesungen der Betriebswirtschaft lernt man, dass das Engagement der Klugen und Begabten, die so am Ende zu Geld kommen, den allgemeinen Wohlstand fördert und so auch die Mehrheit der Bürger in einem Land zu mehr Wohlstand bringt. Das ist nicht nur falsch. Die klassische These der Linken ist dagegen, dass der Reichtum der Reichen sich zulasten und auf Kosten der Armen aufbaut. Das ist auch nicht nur falsch!

Straubinger Tagblatt vom 4. Juli 2020

Die Armen der Welt

von Prof. Dr. Martin Balle | 20. Juni 2020

Wie schlecht es den Menschen in Afrika wirklich geht, bringt der Landesdirektor der Welthungerhilfe für Äthiopien Matthias Späth exakt auf den Punkt: „Äthiopien steht vor Herausforderungen, die man sich selbst in gut entwickelten Ländern gar nicht vorstellen will: die Corona-Pandemie, eine Heuschreckenplage, eine in Teilen des Landes ausgebrochene Cholera-Epidemie, Millionen binnenvertriebener Menschen, die aus klimatischen oder politischen Gründen fliehen mussten, sowie die Aufnahme von rund einer Million Geflüchteter aus benachbarten Krisenregionen. Für viel zu viele dieser Menschen sind Leiden und Verzicht keine kurz- oder mittelfristigen Phänomene, sondern seit jeher fester Bestandteil ihres Alltags.“

Alle zehn Sekunden stirbt in Afrika ein Kind an Unterernährung. Weltbekannt wurde vor Jahren das Foto eines Journalisten, auf dem ein Kind zu sehen war, das wenige Minuten später an Hunger sterben würde. Vor ihm stand ein Aasgeier, der in Ruhe auf den Tod des Kindes warten konnte. Ein entsetzliches Bild.

In unseren Zeitungen veröffentlichen wir gerne jede Woche neu, wie die Corona-Kurven in den europäischen Ländern nach unten gehen. Wir machen Milliarden-Hilfspakete und zeigen so, wie kraftvoll wir Krisen begegnen können. Wie schnell wir handlungsfähig sind, wo es um unser eigenes Schicksal geht. Die Bilder aus Afrika berühren uns in den Fernsehnachrichten zwar kurz, aber dann ist er schon wieder weg: der Moment des Erschreckens, der zum Handeln führen sollte.

Zwei Argumente sind es, die die Reichen im Westen immer wieder anführen, um zu entschuldigen, weshalb sie ihren Reichtum nicht teilen wollen. Das erste: Diese ganzen Hilfsorganisationen, so sagen sie, da weiß man doch am Ende gar nicht, was wirklich in Afrika ankommt. Was versickert nicht alles auf dem Weg dorthin. So sprechen sie. Dem kann man aber ganz einfach entgegnen: Alle Hilfsorganisationen, die für Afrika arbeiten, von Misereor bis hin zur Welthungerhilfe, weisen in ihren Jahresberichten exakt aus, wie viel Geld sie selbst für die eigene Organisation brauchen, um den Menschen vor Ort zu helfen. In der Regel sind das ziemlich genau fünf Prozent des gespendeten Etats. Das heißt, dass von einem Euro im Regelfall tatsächlich 95 Cent bei den Armen in Afrika landen. Und die anderen fünf Cent sind wichtig, damit das Geld nicht wirklich versickert. Denn es muss ja Menschen geben, die die Prozesse des Handelns und Helfens begleiten und aussteuern, sowohl in Deutschland als auch in Afrika selbst. Und man muss auch sagen, dass ein Euro in Afrika ein Vielfaches von dem wert ist, was er hier für uns bedeutet. Mit einem Euro kommt man dort durch einen ganzen Tag!

Das zweite Argument, weshalb so mancher, der Geld hat, nicht teilen will, ist noch billiger. So sagte mir vor Jahren ein sehr erfolgreicher Baulöwe: „Wissen Sie, weshalb ich grundsätzlich nichts gebe? Ich sage es Ihnen. Wenn ich anfange, einem etwas zu geben, dann kommen sie alle! Und das kann ich nun wirklich nicht brauchen.“ So sprach er tatsächlich und fühlte sich so unglaublich schlau dabei. Antworten kann man dem nochmals mit dem Afrika-Helfer Matthias Späth, wenn der sagt: „Wir in Deutschland sind verängstigt, weil wir etwas zu verlieren haben im Heute, aber auch in der Zukunft, die uns meist so viele Perspektiven eröffnet. Ich weiß nicht, wie das eine völlig verarmte Frau im Hinterland Äthiopiens sieht, deren Alltag ein Leben lang bestimmt war von Wasserholen, der beschwerlichen Beschaffung von Feuerholz und allen kräftezehrenden Aufgaben des Haushalts. Und am Ende des Tages findet diese Frau dann ein paar Stunden Ruhe auf dem Boden einer kärglichen Hütte, wo sie umgeben von Ungeziefer eine unruhige Nacht verbringt, ungeduscht und in der Regel ungesättigt.“

Natürlich, es gibt noch weitere Einwände, um sich von Afrika abzuwenden. In wie vielen Ländern dort gibt es nicht politische Führer, die korrupt sind und mit Gewalt ihre Länder in den Abgrund führen. Oder auch das bekannte Argument, dass wir die Armen der Welt mit unserer Hilfe nur zu eigener Untätigkeit verdammen. Aber das haben doch alle Hilfsorganisationen längst verinnerlicht, dass es immer um Hilfe zur Selbsthilfe geht, um den Aufbau von Schulen, um Ausbildung, um nachhaltiges Wirtschaften. Und wollen wir wirklich den Ärmsten der Armen vorhalten, dass ihre politischen Anführer allzu oft Schurken sind? Soll das unser Argument sein, dort nichts zu tun?

Besser ist doch die Antwort des hervorragenden Entwicklungsministers Gerd Müller (CSU), der jeden Tag wieder neu die Situation Afrikas zur Sprache bringt und wirklich alles tut, um dort Hilfe zu leisten. Kein Politiker, wie es sie allzu oft gibt, der nur Phrasen drischt, sondern ein nimmermüder Streiter dafür, dass die Welt tatsächlich ein wenig besser wird. Oder auch der bekannte Gregor Gysi von der Partei Die Linke, der in seinen vielen Vorträgen immer wieder betont, dass es doch nicht sein kann, dass auf unserem Erdball jeden Tag das Eineinhalbfache von dem produziert wird, was die Menschheit zum Überleben braucht und am Ende verhungern dennoch Millionen von Menschen, weil wir nicht fähig sind, den Reichtum der Welt fair zu verteilen, obwohl das möglich wäre!

Es gibt aber noch ein ganz entscheidendes Argument dafür, dass wir uns ändern und endlich unseren westlichen Reichtum teilen. Wer durch die Flaniermeile von St. Moritz oben auf dem Hügel läuft, der sieht in die Schaufenster der bekanntesten Marken der Welt: Brillanten für Millionen, Uhren für Zigtausende von Euro, Kleider, Schuhe, Hüte bis zum Abwinken. Und vor den Schaufenstern stehen die Menschen, die von ihrem Reichtum längst krank geworden sind. Die schon alles haben und auch nicht satt geworden sind. Sie stehen also vor den Schaufenstern und fragen sich, ob nicht dieser Kauf sie etwas glücklicher in ihrem Unglück machen könnte. Dabei ist ihre Aura längst so krank, dass ihnen eine Perlenkette oder eine neue Rolex sicher nicht helfen werden.

In der christlichen Theologie gibt es das wunderbare Motiv des sogenannten Sorgentausches. Gott sage zu den Menschen: Kümmere du dich um den anderen, dann kümmere ich mich um dich! Oder auch einen Schritt weiter: Wenn du dich um den anderen kümmerst, dann wird auch er sich um dich kümmern und ihr werdet beide ein besseres Lebenslos gezogen haben. Oder wie es der jüdische Schriftsteller Franz Kafka aus Prag formuliert: „Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur, aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, das du vermeiden könntest.“ Dem allzu schlauen Baulöwen, der seinen Reichtum nicht teilen mag, damit er seine Ruhe hat, muss man also antworten: Wenn du dein Haus öffnest für die Armen der Welt, dann wirst du vielleicht herausfinden, dass es schöner ist, mit anderen zu sein, als alleine im Reichtum zu erfrieren.

Straubinger Tagblatt vom 20. Juni 2020 

Der Phantomschmerz der verlorenen Macht

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Juni 2020

Verehrt und verhasst: Der Glaubenskrieg um den Virologen Christian Drosten“, so titelte das Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“ seine Ausgabe vom 30. Mai. Der Fall ist klar und bekannt: Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, stellte eine Studie über die Infektiosität von Kindern ins Netz, die er als Ausgangspunkt einer Debatte verstanden wissen wollte, ob es nicht doch so sei, dass Kinder sehr viel leichter das Virus Covid-19 übertragen, als dies bisher allgemein angenommen wurde.

Diese Studie war ein erster Entwurf, sicher unter Zeitdruck entstanden, gemeint als Anstoß, wissenschaftlich mehr Wissen einzubringen, um die Gesellschaft schon für die nahe Zukunft besser zu schützen. Diese Studie war ein sogenanntes „Preprint“, also ein Diskussionsmodell auch für andere Wissenschaftler, die auf diese Weise eingeladen wurden, sich an dieser Fragestellung zu beteiligen.

Die schwierige Frage nach der Objektivität der Wirklichkeit

Kritik gab es daraufhin vor allem von Wissenschaftskollegen aus dem Fachbereich der Statistik, die einwarfen, dass das gesammelte Material nicht ausreiche, um wissenschaftlich sauber zu argumentieren. Das war allerdings auch nie die Absicht des Virologen gewesen. In einem Radio-Interview antwortete er deshalb auf diese Kritik mit den Worten: „Ein geübter Virologe sieht auf den ersten Blick, was da los ist“, so dass klar wurde, dass es ihm nicht um eine statistische Letztbegründung ging, sondern um eine wissenschaftliche Diskussion, die aus seiner Sicht allerdings deutlich in eine bestimmte Richtung wies. Mittlerweile liegt eine zweite Studie von ihm vor, die wissenschaftlich relevanter ist, deren Ergebnisse aber den Rohentwurf der ersten Studie bestätigen.

Gesellschaftlich interessant ist, was dann passierte. Die „Bild“- Zeitung blies die wissenschaftlichen Einwürfe der Statistiker zu einer Fundamentalkritik an dem seriösen Wissenschaftler auf. „Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“ titelte die Boulevardzeitung und fiel über den angesehenen Virologen regelrecht her.

Dieser Fall ist deshalb so interessant, weil sich mit den Medien auf der einen Seite und dem Wissenschaftsbetrieb auf der anderen Seite zwei gesellschaftsrelevante Systeme gegenüberstehen, die beide einen vergleichbaren Anspruch erheben: nämlich Fakten möglichst objektiv zu erkennen und zu kommunizieren. Jeder Journalismusstudent kennt die Forderung, dass eine Nachricht „möglichst objektiv“ geschrieben sein muss; und jeder angehende Wissenschaftler weiß, dass er so nahe wie möglich an die „objektive“ Wirklichkeit herankommen will, dass ihm aber jede echte Objektivität verwehrt bleibt.

Dieses Wissenschaftsverständnis, dass alles Erkennen nur vorläufig ist, dass es immer nur kleine Schritte gibt, die beim Erkenntnisfortschritt weiterhelfen, dass alles Forschen ein Experimentieren bleibt, das sich zwischen „Versuch und Irrtum“ bewegt, hat am besten der Philosoph Karl Popper herausgearbeitet. Letztlich ist es bei ihm die entscheidende Basis seiner wissenschaftlichen Methodik, die sich durch all seine Schriften zieht.

Die Kritik der Statistiker und Ökonomen wurde von „Bild“ sinnverzerrt

In seiner Schrift „Das Elend des Historizismus“ (1944/45) formuliert er es in brillanter Weise: „Es gibt keine scharfe Trennungslinie zwischen dem vorwissenschafltichen und dem wissenschaftlichen Experimentieren, wenn auch die immer bewußtere Anwendung wissenschaftlicher, d. h. kritischer Methoden von großer Bedeutung ist. Sowohl vorwissenschaftliche als auch wissenschaftliche Experimente bedienen sich im Grunde der gleichen Methode: sie gehen mit Hilfe von Versuch und Irrtum vor. Wir versuchen, d. h. wir registrieren nicht einfach Beobachtungen, sondern bemühen uns aktiv, mehr oder weniger praktische und klar umrissene Probleme zu lösen. Und wir machen dann und nur dann Fortschritte, wenn wir bereit sind, aus unseren Fehlern zu lernen. Alle Theorien sind Versuche, sind vorläufige Hypothesen, die erprobt werden, damit man feststellen kann, ob sie funktionieren, und jede experimentelle Bewährung ist nichts als das Ergebnis von Prüfungen, um herauszufinden, wo unsere Theorien irren.“

Drosten hat sich also nach Popper idealtypisch verhalten: Er hat zum einen seine vorwissenschaftliche Intuition erprobt und dann eine kleine Studie als wissenschaftliche Hypothese in den Raum gestellt. Wenn er dann sagt, dass er als Virologe mit „geübtem Blick“ sofort sehe, was los sei, schlägt er wiederum die Brücke zu seiner Alltagserfahrung. Das alles ist durchaus seriös. „DER SPIEGEL“ urteilt zutreffend: „Diese Studie stellte er ins Netz, damit es Kollegen begutachten und kritisieren können. Eine Gewissheit sollte nicht verkündet werden.“

Zwei Aspekte auf journalistischer Seite sind dem Wissenschaftsaspekt vergleichbar. Zum einen der Zeitmangel: Gerade einmal eine Stunde wurde Drosten von dem „Bild“- Journalisten gegeben, um Stellung zu beziehen. Die Boulevardzeitung hatte die Geschichte über Drosten geschrieben, und dem Betroffenen wurde nur ein minimales Zeitfenster eingeräumt, um Stellung zu nehmen. Außerdem wurde nur ein kleiner Ausschnitt von Wirklichkeit dargestellt, der scheinbar objektiv stimmig war. Echte Recherche sieht anders aus!

Und das Zweite: Die Kritik von Ökonomen und Statistikern an der Studie von Drosten wurde so falsch ausgedeutet, dass sie sich sofort von der „Bild“-Geschichte distanzierten. Objektiv war zwar etwas richtig benannt worden, aber es wurde bewusst manipuliert und tendenziös verfälscht. Drosten sagt deshalb: „Und ich hatte auch nicht den Eindruck, als sei die ‚Bild‘-Zeitung wirklich daran interessiert, das wissenschaftliche Problem zu verstehen. Es war klar, dass sie einen tendenziösen Artikel planten. Nach der Veröffentlichung zeigte sich dann auch, dass sie mit den vier kritischen Statistikexperten nicht einmal gesprochen, sondern nur online verfügbare Zitate aus dem Zusammenhang gerissen hatten.“

„Sollte ich mich fürchten? In meinem Alltag kommt die ‚Bild‘-Zeitung nicht vor“

Und warum das Ganze am Ende? Die Antwort ist einfach: Keine Zeitung in Deutschland hat einen vergleichbaren Bedeutungsschwund hinter sich wie die „Bild“-Zeitung. Die virtuelle Medienwelt hat wesentliche Funktionen dessen übernommen, für was „Bild“ immer stand: Emotionen wecken, Aggressionen verstärken, Gerüchte lancieren. Wer mit der „Bild“ im Fahrstuhl nach oben fährt, der fährt mit ihr wieder nach unten, so hieß es früher. Heute fährt dieser Fahrstuhl nur noch in bedeutungslose Mitteletagen. Einen Bundespräsidenten wegzuschreiben oder auch sonst Menschen zu schaden – die Möglichkeiten der „Bild“ werden von Jahr zu Jahr weniger.

Es ist der Phantomschmerz der verlorenen Macht in unserer Gesellschaft, der zweitklassige Redakteure zu den verwegensten Mitteln greifen lässt. Oder wie es „DER SPIEGEL“ über Chefredakteur Julian Reichelt schreibt: Er will zeigen, „dass ‚Bild‘ noch die alte Kraft hat trotz sinkender Auflage. Dass sie entscheidet, wer in Deutschland zu den Gewinnern zählt und wer zu den Verlierern. Dass sie Karrieren ermöglichen, aber auch zerstören kann“. Aber das ist alles vorbei. Und so sagt der Virologe Christian Drosten: „Sollte ich mich fürchten? Kann ich mir nicht vorstellen. Das letzte Mal, dass ich die ‚Bild‘ gelesen habe, das war zu Zeiten von ‚Bumm-Bumm-Boris‘. In meinem Alltag kommt die ‚Bild‘-Zeitung nicht vor. Niemand in meinem Bekanntenkreis liest das Blatt.“

Straubinger Tagblatt vom 13. Juni 2020

Eine bayerische Erfolgsgeschichte

von Prof. Dr. Martin Balle | 30. Mai 2020

Mit viel Umsicht und Geschick hat Josef Schörghuber ein florierendes Unternehmen gegründet, das im Laufe der Zeit immer mehr expandierte und von seiner Familie erfolgreich weitergeführt wird

Was macht einen Mann erfolgreich? Weshalb schaffen es die einen fast aus dem Nichts zu einem Reich aus Macht und Reichtum, während den anderen dieser Aufstieg trotz großer Bemühungen verwehrt bleibt? Was sind die Tugenden, die Fähigkeiten, die es braucht? Ist es Glück, ist es Begabung, ist es Fleiß oder die Mischung aus allem? Was ist die Tür zum Erfolg? Wo geht die Treppe nach oben?

Bei Josef Schörghuber, dem Gründer der Unternehmensgruppe Schörghuber, die jetzt in dritter Generation erfolgreich geführt wird, waren es buchstäblich Treppen und Türen, die ihm den Weg zum Erfolg gebahnt haben. Zum 65. Jubiläum der Schörghuber-Gruppe wurde jetzt ein 368-seitiger, äußerst spannender Rückblick vorgelegt, der die Geschichte des Unternehmens detailliert beschreibt und zeigt: Am Anfang standen tatsächlich Türen und Treppen.

Die Nachkriegszeit braucht dynamische Unternehmer

Auf dem Land, in Mitteraham bei Mühldorf beginnt die Geschichte der Unternehmerfamilie Schörghuber. 1859 gründet der Urgroßvater Simon Schörghuber eine Werkstatt. Letztlich ist es eine Schreinerei, die der Zimmerer betreibt, um Scheunen, Heuböden oder auch Getreidelager zu errichten. Aber 100 Jahre später hat sich die Firma schon spezialisiert und im Gewerbeverzeichnis von Mühldorf heißt es 1946, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg: „Wegen der Bombenschäden“ ist dieser Betrieb „sehr lebenswichtig, denn Schörghuber ist in der nächsten Umgebung Mühldorfs der einzige Treppenbauer“.

Aus Mühldorf heraus beginnt Josef Schörghuber drei Generationen nach der Gründung des Betriebs nach München Holztüren und auch Holztreppen zu liefern. Erfolgreich. Dann das Schlüsselerlebnis. Der junge Unternehmer soll für ein Haus einen Dachstuhl liefern. Ein arroganter und unsympathischer Bauträger fährt mit einem Cabrio vor und löst in Schörghuber einen Gedanken aus: „Eigentlich bin ich doch blöd, wenn ich dem das liefere und mache. Bauträger kann ich selbst werden.“

Das Geschick des jungen Josef Schörghuber aber zeigt sich schon bei einer anderen kleinen Facette, die den Unterschied ausmacht. Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft schon 1945 entlassen, bringt er aus dem Zweiten Weltkrieg als junger Soldat nicht nur seelische Verletzungen nach Hause, sondern auch einen Kleintransporter der Marke Opel Blitz. Es war dem jungen Soldaten tatsächlich gelungen, dieses Fahrzeug von seinem Stab günstig zu erwerben und so einen Meilenstein zu setzen auf dem Weg in eine neue Zukunft nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg.

Was ist der Unterschied? Was macht einen Mann erfolgreich? Es sind einzelne Baustellen, mit denen der junge Unternehmer als Bauträger beginnt. Zwei verfallene Häuser in München-Bogenhausen, die er erfolgreich saniert. Zeitgleich ein Vertrag mit dem beauftragten Architekten, dass er im Gegenzug Türen liefern darf für andere Projekte. Und das sind dann schon größere Baustellen: Es sind die Siemens-Hochhäuser in München. Ein weiterer Durchbruch.

All das in den frühen 50er Jahren. Die Zeit braucht neue und dynamische Unternehmer, die Märkte sind da, der Wiederaufbau Deutschlands schafft ungeheure Möglichkeiten. Allein in den 50er Jahren errichtet Schörghuber in München knapp 600 Wohnungen und sechs Reihenhäuser. Da entsteht natürlich Kraft, aber auch Know-how.

Und weiter? Glück und Findigkeit: Zeitgleich mit der Idee der Stadt München, große Tochterstädte zu entwickeln, entdeckt der Unternehmer in Bogenhausen ein nicht erschlossenes Areal von 320 000 Quadratmetern. Der Arabellapark entsteht. Allein im Arabellahaus 700 Appartements, dazu Kliniken, daneben das Hotel, Restaurants und viele Geschäfte. Ein nächster, großer Schritt. So beginnen Erfolgsgeschichten. Nicht dann, wenn in der Zeitung steht, was gelungen ist, sondern wenn keiner darauf achtet.

Was dann kommt, ist bekannt, und jeder Unternehmer kennt die Mechanismen, die ab da greifen. Wer hat, dem wird gegeben. Er muss nicht mehr buchstäblich Türklinken putzen. Die anderen rufen an, aus anderen Städten, aus anderen Ländern, aus anderen Kontinenten. Ein Reich entsteht und wächst. Es gibt auch Krisen, aber längst ist die Fachkompetenz der Führungsfiguren zu groß, als dass ein Scheitern denkbar wäre. Die Welt wird zum Schachbrett, und der Unternehmer als Schachspieler hat Freude, die richtigen Züge zu wählen oder auch die falschen zu verstehen und nicht wieder zu machen. Die Politik lädt ein und freut sich, wenn der Unternehmer zusagt und kommt. Am Anfang einer Unternehmergeschichte ist das noch umgekehrt.

Das Fortsetzen des bewährten Weges

Auch die nächste Generation steht im Zeichen solider Ausbildung, die sich einem abgehobenen oder arroganten Verhalten verweigert. Der Sohn Stefan darf schon mit 18 Jahren die Brauneck Bergbahnen leiten. Denn in der Praxis kann man am besten lernen, nicht beim Betriebswirtschaftsstudium. Und deshalb wird der Junge auch Bierbrauer. Das ist konkret. Wenn er ’s falsch macht, schmeckt das Bier nicht, die Quittung kommt sofort. Besser kann man nicht lernen. Am Ende aber wird das Bier nicht von ihm gebraut, sondern es entsteht der bekannte Brauerei-Konzern mit den Marken Hacker-Pschorr und Paulaner. Wieder ein Spiel auf der Weltbühne. Noch mehr Immobilien, aber auch Kooperationen mit anderen Spielern, die genauso stark sind, zum Beispiel Coca-Cola oder Heineken. Wer hat, dem wird gegeben.

Trauriges gibt es auch zu lesen: Mit 75 Jahren hat Josef Schörghuber Magenkrebs. Am 12. Mai 1995 feiert er noch mit vielen Wegbegleitern seinen Geburtstag, keine zwei Wochen später klagt Ministerpräsident Edmund Stoiber beim Requiem in der Theatinerkirche: „Als Josef Schörghuber am Freitag, den 12. Mai 1995, mit vielen Freunden und Gästen seinen Geburtstag feierte, hätte niemand daran gedacht, dass binnen zwölf Tagen die ehrenden Worte und Geburtstagsreden in Nachrufe münden würden.“ Und auch der Sohn Stefan, der genauso erfolgreich ist wie der Vater, erleidet ein schlimmes Schicksal. Nur 13 Jahre nach dem Vater stirbt er mit 47 Jahren an Herzversagen.

Was macht ein Unternehmen erfolgreich? Dass die Unternehmer es breit und solide aufstellen. Es hängt dann längst nicht mehr nur vom erfolgreichen Gründer ab, sondern von Strukturen und verlässlichen Führungsleuten, die es über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut wurden. So dass dann die nächste Generation auf den Leistungen der Gründer und ihrer Söhne aufbauen kann. Da geht es dann nicht mehr darum, nochmals Türen und Treppen zu bauen oder auch Häuser. Da geht es dann um das Bewahren und Fortsetzen eines Weges, den die Vorfahren mit viel Mühe beschritten haben. Es geht um die bewahrende Integration dessen, was geschaffen wurde. Und so sagt Alexandra Schörghuber nach dem Tod ihres Mannes Stefan: „Mir war von Anfang an klar, dass ich das Unternehmen nicht operativ führen würde. Ich konnte und wollte nicht in die Fußstapfen meines Mannes treten. Zum Glück gelang es mir aber sehr schnell, ein Management aufzubauen, das die erforderliche Erfahrung und Kompetenz mitbringt.“ Was macht ein Unternehmen erfolgreich? Dass in jeder Generation exakt die Kompetenz aufgebaut wird, die gerade jetzt notwendig ist.

Michael Kamp, Florian Neumann: Schörghuber 1954-2019. Eine bayerische Unternehmergeschichte. Volk Verlag, München, 368 Seiten, 28 Euro.

Straubinger Tagblatt vom 30. Mai 2020

Sehnsucht nach dem anderen

von Prof. Dr. Martin Balle | 16. Mai 2020

Das erste Kapitel der Corona-Krise ist geschrieben. Auch für uns Zeitungsverlage hat es enorme Einsichten erbracht. „Totgesagte leben länger.“ Noch nie hatten wir in den letzten Jahrzehnten eine solche Nachfrage nach dem gedruckten Wort. Viele Neubestellungen, fast stündlich Anrufe von Lesern, die sich bedanken wollten dafür, dass ihre Zeitung gerade jetzt in der Krise erscheint. Und das nicht nur in Straubing, Landshut oder München, nein, diese Entwicklung ging durch die ganze Republik.

Dasselbe gilt für unsere digitalen Auftritte. In dieser ersten Phase der Krise, die uns noch bis Ende nächsten Jahres massiv beschäftigen wird, waren es gerade die Internetauftritte der Zeitungen in ganz Deutschland, wo die Reichweiten geradewegs durch die Decke gingen. In der Krise geht es eben um die seriöse, um die echte Information. Und die findet sich nicht bei RTL 2 oder den verschiedenen Chatrooms des Cyberspace, wo man in der Regel noch nicht einmal genau weiß, mit wem man gerade spricht.

Überhaupt, das Fernsehen. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen galt vielen gerade noch als Auslaufmodell. Jetzt schaltete ganz Deutschland bei der Tagesschau oder dem Heute-Journal des ZDF rechtzeitig ein, um buchstäblich im Bild zu sein. Man war dankbar für die Claus Klebers dieser Welt oder auch für Armin Wolf, der im ORF 2 seit Jahren zeigt, was seriöser Nachrichtenjournalismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu leisten imstande ist. Und gerade Markus Lanz, der viel geschmähte, der seinen Gästen so gerne ins Wort fällt, nahm sich fast wissenschaftlich viel Zeit, um mit Politikern und Fachleuten in allem gebotenen Ernst jeden Tag wieder neu zu erforschen, wo wir wirklich stehen. Auch das hob sich von dem Talkshow-Trash, den wir so oft erlebt haben, äußerst wohltuend ab. Und wenn wir schon von der Wissenschaft reden: Von Leschs Kosmos bis hin zu all den Wissenschaftsredakteuren, die es in den großen Zeitungen dieses Landes gibt – es wurde schon erkennbar, was für eine Qualität unsere traditionellen Medien anzubieten haben.

Knapp 30 Jahre gibt es die Welt des Internets jetzt. Und es zeigt sich: Das ist auch nur ein Spieler in der Medienwelt und es macht das, was es seit Jahrhunderten gibt, bei Weitem nicht überflüssig. Das Buch nicht, das doch kein Mensch auf der kalten Oberfläche des Computers lesen will, und gerade auch die Zeitung nicht, die man so bequem zusammenfalten kann, wenn man auf dem Weg ist und sich die Zeit erst nehmen muss, um sich ein wenig in sie zu vertiefen. Im Jahr 2000 würde es sie nicht mehr geben, sagten die Zukunftsforscher Mitte der 1990er-Jahre. Die Zukunftsforscher aus dieser Zeit leben zum großen Teil nicht mehr, aber die Zeitungen sind immer noch quicklebendig. Es war auch ein Irrtum, zu denken, dass eine Geschichte, die vor mehr als 400 Jahren begann, in so ganz kurzer Zeit nichts mehr wert wäre. Alle Zeitungen des letzten Jahrtausends sind immer noch da und die Wochenzeitung Die Zeit hat gerade die Auflagenhöhe von 500 000 Exemplaren durchbrochen. Und das bei dem Anspruch, der von diesem Blatt ausgeht – das ehrt ihre Leser.

Überhaupt die Zeit! Wer ernsthaft meint, dass eine Innovation wie die digitale Welt in ihrer Bedeutung und in ihren Wirkungen sofort verstanden und berechnet werden könnte, der sollte eher Gartenarbeit machen. Gesellschaftliche Veränderungen, die unser ganzes Alltagsverhalten beeinflussen, entwickeln sich über Generationen – und nicht von heute auf morgen. Und auch der Vorwurf, dass die Zeitungen es vor 20 Jahren verschlafen hätten, ihre Angebote im Netz sinnvoll zu bepreisen, ist völliger Blödsinn. Wer im Netz verkaufen wollte, war damals im Netz nicht da. Und umgekehrt: Wer damals im Netz da sein wollte, durfte dort nichts verlangen! Der zögerliche Weg der Zeitungen ins Netz, der dort einerseits die Zeitungen als virtuellen Mitspieler etablierte und andererseits die gedruckten Auflagen nicht überflüssig machte, war genau der goldene Weg in die heutige Welt. Die gedruckten Auflagen der Zeitungen sind immer noch enorm hoch und im Netz sind die User heute bereit, für seriöse Informationen auch zu bezahlen. In dieser Mischform ihrer Angebote haben die Zeitungshäuser von gestern als Medienhäuser von heute und morgen längst wieder eine Zukunft.

Und eines darf auch gesagt werden: Während die großen Dax-Konzerne, die gerade mit den Autos und mit den Versicherungen noch Milliarden verdient haben, entweder sofort nach dem Staat schreien oder als Versicherungen erklären, dass sie im Schadensfall gar nicht zuständig seien, haben die Zeitungen von Anfang an erklärt, dass sie vom Staat kein Geld nehmen würden. Weil wir unabhängig bleiben wollen. Nur für die Zustellung auf dem Land braucht es bei steigenden Mindestlöhnen bessere Rahmenbedingungen, sonst geht das dort auf lange Sicht nicht mehr. Und das wäre auch schlimm für die Demokratie: denn Lesen bildet. Immer noch. Auch heute.

Und die Schulen? Grauenhaft waren sie, die digitalen Schulstunden. Geruchlos, geschmacklos – und ohne Beziehung zum anderen. „Reine Digitalformen sind nachweislich schlechter als interaktiver analoger Unterricht oder Mischformen analoger und digitaler Varianten.“ So sagt es der Hirnforscher Henning Beck, um hinzuzufügen: „Der beste Unterricht ist bloß mit einer Schiefertafel möglich. Sobald man digitale Medien dafür nutzen muss, muss man auch das didaktische Konzept hinterfragen.“

Und die Videokonferenzen, die man als Geschäftsmann jetzt über sich ergehen lassen musste? Selbst die Partner, von denen man bisher dachte, man wäre schon sehr bereit, auf ihre Gegenwart zu verzichten – wie hat man sich danach gesehnt, selbst die endlich wieder von Angesicht zu Angesicht zu erleben, zu spüren, zu sprechen.

Es ist nur das erste Kapitel der Corona-Krise, das jetzt zu Ende gelesen ist. Aber schon das war unendlich lehrreich. Das Schützenswerte der Natur – wer wollte jetzt einfach so blind weitermachen wie bisher? Die Sehnsucht nach der Gegenwart des anderen Menschen – hoffentlich bleibt sie lebendig. Aber eben auch: Der Wert der Medien, die in dieser Demokratie über Jahrzehnte hervorragende Dienste geleistet haben – auch das wurde so überdeutlich sichtbar.

Professor Thomas Pollmächer, Leiter des Zentrums für psychische Gesundheit im Klinikum Ingolstadt, schreibt über Menschen in Ausnahmesituationen: „Alter, Armut, Wohnungslosigkeit, Heimunterbringung, geistige oder seelische Behinderung, Sucht und andere psychische Erkrankungen machen es für die Betroffenen unmöglich, für viele Wochen die Folgen physischer Distanz ohne schwere negative Folgen für ihr psychisches Gleichgewicht zu überstehen.“ Machen wir uns nichts vor: Eine fortdauernde Isolation führt uns alle in eine psychische Ausnahmesituation. Und deshalb sollten wir uns jetzt auch ändern. Mitmenschlichkeit neu beleben – es wird sich lohnen!

Straubinger Tagblatt vom 16. Mai 2020 

Für das Leben oder die Schule

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. April 2020

Es könnte tatsächlich sein, geben wir es aufrichtig zu, dass für manche Klassen wegen des Coronavirus die Schule bis zu den Sommerferien ausfällt. Und die Eltern fragen besorgt: Was passiert dann? Wird der Stoff auch wirklich nachgeholt? Hat mein Kind jetzt dieselben Chancen im Leben? Lassen Sie uns dieser Frage ein wenig in allem Ernst nachspüren!

Mein erster Lateinlehrer war fast ein Offizier. Mit militärischem Drill lernten wir Wörter, Sätze, Konjunktive und Imperative – und all das auch noch in Latein. Noch heute schwirren in meinem Kopf ungezählte lateinische Wörter, die mir plötzlich und auch ungebeten in allen möglichen und unmöglichen Lebenssituationen einfallen. Sie sind einfach da und melden sich immer noch. Was wäre, wenn es etwas weniger davon wären?

Sicher, wäre ich der Aufforderung, die vom ganzen Wesen und Verhalten meines ersten Lateinlehrers ausging, nachgekommen, dann wäre ich heute Vier-Sterne-General oder auch ein hochdekorierter Astronaut. Aber leider kamen schon in der Schulzeit einige Dinge dazwischen, sodass mir diese Lebenswege verbaut blieben.

Und auch mein durchaus sympathischer Lateinlehrer von damals sitzt heute pensioniert und am Kopf ganz glatt rasiert an jedem Sonnentag vor den italienischen Cafés meiner Heimatstadt und trinkt genüsslich seinen Espresso. Vielleicht kassiert er wirklich Schutzgelder für seine sizilianischen Freunde, weil er eben doch kein Offizier wurde, aber selbst das ist wohl eher ein lustiges Gerücht.

Oder Mathematik: Einübung in lebenslange Traumata. Sinus und Cosinus, schräge und rechte Winkel, im Leben brauchte ich meist die schrägen, die wurden aber gar nicht so recht gelehrt. Und dass es am Ende nie aufging! In der Schulzeit, da musste am Ende bei Mathe immer ein exaktes Ergebnis stehen. Und auch noch richtig sein. Im Leben war es dann schon so, dass es dann stimmte, wenn es nicht so genau aufging, aber in der Schulaufgabe sollte immer ein Ergebnis herauskommen.

War das wirklich richtig so? Haben wir da für das Leben gelernt?

Überhaupt die Schulaufgaben in Mathematik. Drei Tage haben sie regelmäßig in der Kindheit versaut. Den Tag vor der Schulaufgabe, den Tag mit der Schulaufgabe und den Tag, an dem die Schulaufgabe zurückgegeben wurde. Meine Lieblingslehrerin in Mathe, die immer die Noten in der Reihenfolge von eins bis sechs zurückgab – spätestens bei der Vier war man schon verzweifelt und hoffte auf eine gnädige Fünf. Wenn sie dann bei den Allerletzten mit elegantem Schwung und leichter Beugung nach vorne, sodass die ganze Schönheit ihres Wesens sich kurz zeigte, die Mathearbeit auf unsere Tische legte und kommentierte: „Da war leider nichts mehr zu machen …“, da frage ich mich heute: Hätte etwas weniger davon nicht auch gereicht?

Sicher, das war eine wertvolle Schule fürs Leben. Eine rechtzeitige Einübung in schlimme Niederlagen. Eine Vorbereitung auf all die Katastrophen, die da noch kommen sollten. Aber schlimm war es auch.

Jahre nach meiner Schulzeit traf ich einen etwas schrulligen Mathematiklehrer aus der Mittelstufe meiner Gymnasialzeit auf dem Straubinger Stadtplatz wieder. Vor einem Süßwarenladen erkannte er mich, rief mich beim Namen und meinte freundlich, aber auch bestimmt: „I hab fei all eure Noten no.“ Entsetzt wandte ich mich ab, in der Hoffnung, dass er niemals von seiner Drohung Gebrauch machen würde.

Oder unser ganz ungewöhnlicher Erdkundelehrer. Alle Früchte dieser Erde presste er auf abgezogenen DIN-A 4-Blättern in kleine Quadrate und stellte sie unter die Länder, die er mit uns durchreiste. Zitronen, Orangen, Bananen. Keine Frucht war stark genug, dass sie den Sprung aus einem dieser Quadrate je herausgeschafft hätte. Immerhin, den Monsun in Indien führte er bei Sturm und Donnergrollen an einem Donnerstag in der sechsten Stunde so sinnlich vor, dass es heute noch in mir stürmt und wütet, wenn in den Nachrichten Unwetter aus Indien gemeldet werden.

Ich hatte viele Lehrer. Nette, nicht so nette, lustige und ganz ernste, verrückte und weniger verrückte. Aber wäre mein Leben ärmer, wenn das ganze Schulkarussell einmal für ein halbes Jahr ausgefallen wäre? Wenn die traumatischen Mathematikübungen für ein halbes Jahr zurückgestellt worden wären? Wenn ich nicht wüsste, dass in Äthiopien immer noch keine Schokolade auf den Bäumen wächst?

Sicher, später lasen wir den Tod des Sokrates im griechischen Original bei Platon. Und das ist wirklich eine Erfahrung, die ich bis heute nicht missen möchte. Oder das Gelage des Parvenüs Trimalchio im Latein-Leistungskurs bei Petron. Das waren Sternstunden meines geistigen Lebens, auch wenn ich die Fressgelage der Dekadenten von heute gar nicht so lustig finde wie ihr lateinisches Original.

Aber war die Schulzeit nicht deshalb so wichtig, weil man Freunde hatte, die man täglich sah? Und Lehrerinnen und Lehrer, die man doch sehr mochte? Ein Netz des gewohnten Lebens, das einen auffing und Struktur gab? Waren es wirklich all die vielen Details, die es auswendig zu lernen galt und die man bis heute – Gott sei Dank – alle längst vergessen hat? Lernte man die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nicht doch auch ganz woanders? Auf dem Fußballplatz, später auf den Straßen New Yorks, vor allem, wenn es dort dunkel war – oder auch bei kleineren Schlägereien, die man glücklicherweise unverletzt überstand und die einem die Gewissheit mitgaben, dass es doch bessere Wege der Konfliktlösung geben muss.

Bei dem Schriftsteller Martin Walser sind es immer die Einserschüler, die im Leben so kläglich versagen und die sich wundern, warum die, die in der Schule nie so gut waren, jetzt im Leben plötzlich die Erfolgreichen sind. Ja, das ist mehr als Literatur!

Aber doch: Ich bin all meinen Lehrern aus der Schulzeit bis heute sehr dankbar. Deshalb lade ich die, die noch leben, jeden Sommer an einem warmen Sonnenabend zum Weintrinken in meinen Garten ein. Das sind herrliche Stunden voll der Erinnerung. Schöne Gespräche mit gebildeten Menschen, was will man mehr? Es ist dann fast so, als wäre die Zeit der Kindheit ein wenig stehen geblieben und würde jetzt nochmals zum Fenster hereinschauen. Glückliche Stunden, wie es sie seit der Kindheit kaum mehr gibt.

Aber eines wundert mich doch. Nach einem solchen Abend mit etwas Weißwein, dann etwas Rotwein – alles in Maßen –, wenn sie dann gegen Mitternacht heimgehen, dann können die weder radfahren noch geradeauslaufen noch eine ganz kleine Treppe sturzfrei nach unten gehen. Da frage ich mich dann schon – als ein Schüler, der es in der Schule wahrlich oft nicht leicht hatte: Was haben euch eure Lehrer denn eigentlich Vernünftiges beigebracht? Wenn solch leichte Übungen euch bereits solche Schwierigkeiten machen!

Straubinger Tagblatt vom 25. April 2020

Es gibt keine Alternative zum Frieden

von Prof. Dr. Martin Balle | 10. April 2020

Stalingrad und der Zweite Weltkrieg lehren uns auch heute, dass die Waffen für immer schweigen müssen

Auf ein bestimmtes Foto blicke ich immer wieder gerne. Es ist der Tag der Heimkehr. Aus Russland. Aus Stalingrad. Einmal knapp dem Tod entkommen, weil er als Funker die feindlichen Funksprüche abgehört hatte und die Kompanie über den einzigen Ausweg noch aus der feindlichen Umzingelung herausführte. Dann doch schwer verletzt. Im Lazarett hört er einen Kameraden sagen: „Gib mir Deine Stiefel! Du brauchst sie doch nicht mehr.“ Nach Wochen soweit wiederhergestellt, dass die Heimkehr möglich wurde. Jetzt zurück in Oberbergen im Kaiserstuhl. Vom Krieg gezeichnet. Des Krieges für immer müde. Später würde Eugen Biser einer der wichtigsten Religionsphilosophen der Nachkriegszeit werden.

Aber all das liegt jetzt noch in weiter Ferne. Noch ist Krieg, aber in Eugen Bisers Kopf hat sich ein Gedanke für immer verewigt: Nie wieder Krieg! 50 Jahre später würde er als Philosoph das so ausdrücken: „Wer Krieg und Frieden sagt, hat den Frieden schon verraten.“ Oder auch: „Der Frieden ist alternativlos.“ Und so verurteilte er jedes Zurückschlagen, auch schon in Afghanistan, nachdem die Terroristen in New York die Türme zum Einsturz gebracht hatten, aber erst recht im Irak, wo es die Lügen eines amerikanischen Präsidenten waren, die diesen Krieg erst möglich machten.

Das Friedensgeschenk von Präsident Gorbatschow

Mein Großvater war friedliebend. Verleger in Straubing wurde er nur, weil sein Vater 1935 Berufsverbot bekommen hatte. Als den in seinem Büro ein Nazi mit dem Hitlergruß begrüßt hatte, antwortete mein Urgroßvater: „Geh, dans den Arm net so weit nauf, Sie miaßan an später wieder umso weiter aba doa.“ Dieser Satz und noch eine kritische Anmerkung im Zigarrenladen der Stadt Straubing reichten damals für ein Berufsverbot. Als sein Sohn als Verleger ebenfalls nicht linientreu funktionieren wollte und immer am Samstag die katholische Gottesdienstordnung veröffentlichte – gegen den Willen der Nazis –, da musste auch er an die Front.

Mein Großvater war alles andere als ein Krieger. Aus Angst. Aber auch aus Menschenfreundlichkeit. Eines Tages steht ihm in einem einsamen Wald bei Danzig an der Ostfront ein feindlicher Soldat gegenüber. Beide haben sich eher zufällig getroffen. Jeder ist allein. Beide zögern, dann schießt der andere zuerst. Ein Schuss in den Arm meines Großvaters.

Auch er also ein Heimkehrer. Als er völlig verdreckt in der Haustür steht, fragt ihn seine Frau: „Wer sind Sie und was wollen Sie?“ Erst dann erkennt sie ihn. Wenn mein Großvater Jahrzehnte später über den Krieg sprach, dann immer mit dem einen Satz: „Ich war im Krieg, aber ich habe dort keinen einzigen Schuss abgegeben. Gott sei Dank!“

Ich sitze in Landshut bei einem Mittagessen allein. Ein freundliches älteres Paar setzt sich zu mir. Zufällig. Wir kommen ins Gespräch. Es geht um Politik und die Welt im Großen und wie im Kleinen. „Da haben die mich also im Zweiten Weltkrieg plötzlich an die Ostfront versetzt“, sagt der Mann. „Die Division hieß Totenkopfdivision. Während die Panzer vorrückten, mussten wir Fußsoldaten vor den Panzern hermarschieren und mit unseren Gewehren alles niedermähen, was auch nur den Kopf hebt, damit keine Minen unter die Panzer gelegt werden können. Wo bin ich da hingeraten, habe ich mir gedacht“, so erzählt es der alte Mann und lacht ein hartes Männerlachen dazu. Als ich ihn frage: „Und wie viele Menschen haben Sie damals getötet?“, da wird er kurz blass, beginnt zu schweigen, bis er sagt: „Darüber spricht man nicht.“ Dann wechselt er das Thema und wendet sich wieder seinem Mittagessen zu.

Vor exakt 75 Jahren endete dieser grausame Zweite Weltkrieg. Weil auch noch die schrecklichen zwei Atombomben in Japan fielen, waren Kriege keine echte politische Option mehr. Zu grausam das Erinnern, im Letzten waren Kriege geächtet. Auch die atomare Abschreckung im „Kalten Krieg“ hatte in ihrer paradoxen Logik nur ein Ziel: Kein Krieg mehr! Es war und ist die Leistung der Friedensbewegung, verständlich gemacht zu haben, dass ein „Gleichgewicht des Schreckens“ immer auch schiefgehen kann. Dann kam Gorbatschow, der Menschenfreund, und mit ihm ein neues Europa ohne Grenzen. Eine unglaubliche Friedenschance! Niemand hätte Anfang der 90er Jahre gedacht, dass diese Friedensmöglichkeiten so schnell mit Füßen getreten werden, wie es dann geschah. Die Kriege der Russen, die Kriege der Amerikaner, Erdogan, Syrien, oder auch im Jemen. Stellvertreterkriege, sinnlos. Wer kann die Welt schon besitzen? Wieder Millionen Tote, wieder Millionen Flüchtlinge.

Und wir? Plötzlich schreibt ein Leitartikler auch noch in einer renommierten Wochenzeitung aus Hamburg, dass man jetzt wieder seinen Clausewitz lesen müsse. Der war preußischer General und sagte vor 200 Jahren, dass der „Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei“. Und in den Nachrichten hört man immer öfter, dass es wichtig sei, unsere Truppen jetzt mit einem „robusten Mandat“ auszustatten. Also militärische Lösungen in schwierigen Zeiten. Dabei steht die Welt so hochgerüstet in Waffen, dass ein Funke, ein Missverständnis reicht, um sie in Flammen zu setzen. Darauf hat gerade in seinem letzten Buch der kluge Außenpolitiker Horst Teltschik hingewiesen, immerhin Chefberater von Helmut Kohl, als die Politik noch alles tat, um den Frieden zu bewahren.

Es heißt, sich aus der Spirale der Gewalt zu lösen

Jetzt liefern wir wieder Waffen in die ganze Welt. Am Jemenkrieg, in dem die Menschen am schlimmsten leiden, hat die deutsche Rüstungsindustrie viele Millionen verdient. Rekordexporte. Das Blut, das an ihren Händen klebt, ist den Managern der Rüstungsindustrie gleichgültig. Genehmigt hat es die Bundesregierung. Warum also selber fragen, was mit den Waffen am Ende geschieht? Was scheinbar legal ist, muss doch auch legitim sein, so sagen die Manager zu sich selbst und am Ende zu den anderen. Ums Geld geht es ihnen und das Wort Gewissen bleibt ein Fremdwort für sie. Dass die Regierung das zulässt und auch noch mit den Stimmen der SPD!

Echte Friedenspolitik würde ganz anders aussehen. Sich herausnehmen aus der Spirale der Gewalt! Nicht mitmachen! Sich einsetzen für den Frieden in vielen Gesprächen, in unendlich mühsamer Kleinarbeit – was ja zum Teil auch geschieht, aber es wird eben nicht durchgehalten! Wehrfähig sein, aber auch keinen einzigen Schritt darüber hinaus! Den Krieg wieder ächten und die Waffenexporte sowieso! Nicht zurückschlagen, schon gar nicht wir – als die westliche Welt! Was hat der Krieg in Afghanistan den Amerikanern am Ende gebracht? Winzige Verbesserungen in der Region um Kabul, aber kein durchschlagender Erfolg für das ganze Land. Jetzt ziehen die Truppen langsam ab. Und hinterlassen verbrannte Erde. Nachdem Tausende Mütter in Amerika, in Afghanistan und im Irak um ihre Söhne geweint haben.

Und man kann gerade auch heute vom Osterfest her Politik machen. Denn das Böse in der Welt wird eben nicht weniger, wenn wir versuchen, es auszumerzen. Neben allen anderen Bedeutungen des Osterfestes, die von Jesu Leben und Sterben bis in gerade unsere Zeit reichen, ist das eine ganz entscheidende Lesart, die immer noch gilt und auf die wir besser hören sollten.

Straubinger Tagblatt vom 10. April 2020 

Das Recht, in Würde zu sterben

von Prof. Dr. Martin Balle | 04. April 2020

Den Arzt kannte ich. Wir waren eine Gruppe recht junger Männer und Frauen, die sich entschieden hatte, das Hilfswerk „Misereor“ zu unterstützen. Unternehmer, Ärzte, Manager. Etwas Gutes tun, Geld für Afrika und Lateinamerika sammeln, das Hilfswerk der katholischen Kirche unterstützen. Jedes Mal trafen wir uns woanders. Dieses Mal zeigte uns der stolze Klinikchef das Reich, das er erschaffen hatte. Eine wunderbare Privatklinik, wir tagten in einem hellen und lichten Nebenraum.

Als er die nächsten Male nicht mehr kam, fragte ich, wo er denn abgeblieben sei, und man sagte mir nur, er sei schwer an der Nervenkrankheit ALS erkrankt. Das ist die Krankheit, die den Physiker Stephen Hawking ein Leben lang an den Rollstuhl gefesselt hat.

Er drohte, zum stummen Gefangenen seines eigenen Körpers zu werden

Das Ende des ehrgeizigen Arztes stand in „Die Zeit“. In einem Interview erzählte der Arzt Uwe-Christian Arnold, der ein Leben lang Menschen zu sterben half, wie er dem Kollegen beim Freitod assistierte:

„Mein Kollege war schon eineinhalb Jahre nach der Diagnose fast bewegungsunfähig, konnte kaum schlucken oder sprechen. Spindeldürr saß er in einen Spezialpflegestuhl geschnallt, litt unter Erstickungskrämpfen. Als ich ihn zum ersten Mal besuchte, schaute er mich mit klaren Augen an, aber gab unverständliche Laute von sich, während ihm große Mengen von Speichel aus dem Mund liefen. Dieser Arzt drohte mit 61 Jahren bei vollem Bewusstsein seine Fähigkeit zu verlieren, sich nach außen verständlich zu machen. Mich brauchte er nur als Berater und Sicherheit, die Assistenz übernahm seine Frau. Trotz seines Zustandes starb er ruhig, im Kreis seiner Familie. Ich werde nie vergessen, wie erschütternd sein Bittbrief an mich war, mühsam mit nur einem Finger in den Computer getippt. Und ich vergesse auch nicht die Erleichterung in seinen Augen, am Ende, als er sicher war, nicht zum stummen Gefangenen seines gepeinigten Körpers zu werden.“

Das ist das Zeugnis eines glaubwürdigen Arztes, der sich ein Leben lang dafür einsetzte, Menschen in schlimmster Todesbedrängnis zu helfen. Das Interview, das die Wochenzeitung „Die Zeit“ vor wenigen Wochen abdruckte, gab er kurz vor seinem eigenen Freitod, den auch er wählte, weil er seine schwere Krebserkrankung nicht bis zum ganz bitteren Ende austragen wollte. Sein entscheidendes Argument für den assistierten Freitod ist, dass die Palliativmedizin nicht in allen Fällen so helfen könne, dass schmerzfreies und bewusstes Sterben möglich wäre. Zu viele Fälle habe er erlebt, wo Menschen über die Grenze des Unerträglichen hinaus geplagt gewesen wären. Er erzählt von einer jungen Frau, die am Ende nach einer Unterleibsoperation den eigenen Kot erbrach. Das ist schlimm. So half er ihr also am Ende.

Problematisch allerdings erscheint die Haltung des Arztes dort, wo ein Graubereich beginnt, der verstört. So kommentiert der Arzt den Fall des ehemaligen Intendanten des MDR, Udo Reiter, der sich das Leben nahm, als er im Rollstuhl saß: „Ich sage, es gibt ein Recht auf letzte Hilfe. Was ältere Rollstuhlfahrer betrifft: Mit zunehmendem Alter wächst die Gefahr, dass sie sich wundsitzen. Die offenen Wunden heilen schlecht und tun wahnsinnig weh. Man kann das behandeln, aber oft platzen die Wunden wieder auf. Wer das mehrfach durchhat, hat womöglich die Nase voll.“ Aber wo ist dann die Grenze? Ist hier die Palliativmedizin mit ihren Hospizen und ihrer ambulanten Betreuung auch schon am Ende? Ist das wirklich die Antwort, dass man da den Freitod wählt?

Interessanterweise gab der niederländische Professor Theo A. Boer in derselben Ausgabe von „Die Zeit“ ebenso ein Interview zum selben Thema. In ihm erklärte er, weshalb er von einem Befürworter aktiver Sterbehilfe zu einem Skeptiker und sogar Kritiker wurde. Als jahrelanges Mitglied in der niederländischen Prüfungskommission, die über die Rechtmäßigkeit von aktiver Sterbehilfe befand, habe er zu viele Fälle gesehen, bei denen aktive Sterbehilfe gar nicht angebracht war. Eine demenzkranke Frau erwachte trotz eines Beruhigungsmittels und wurde von einem Arzt unter Zwang gegen ihren Willen getötet. Oft gebe es Druck von Verwandten, dass das Familienmitglied aus den verschiedensten Gründen jetzt zu sterben habe. Aufgrund der liberalen Gesetze sei die Sterbehilfe in Holland heute eine der häufigsten Todesursachen. Der Professor urteilt deshalb: „Unser Konsumverhalten greift inzwischen auf das menschliche Leben über: Erhalten wollen wir nur noch, was autonom ist, genießen kann, etwas zur Wirtschaft beitragen kann und was gesund ist. Alles, was dem nicht entspricht, gerät in eine Gefahrenzone.“

Reinhold Iblacker brachte die Hospizbewegung nach Deutschland

Immer mehr Ärzte seien deshalb heute in Holland nicht mehr bereit, Sterbehilfe zu leisten. Deshalb gebe es in Holland jetzt die berüchtigten „Sterbekliniken“, wo man zum Sterben hinginge. Auch ein Geschäftsmodell. Er selbst würde zwar im Zweifel eventuell auch Sterbehilfe in Anspruch nehmen, aber: „Allerdings glaube ich, dass das bei dem heutigen Stand der Medizin höchst unwahrscheinlich ist, weil es nicht nötig sein wird. Heute weiß ich: Hätten wir in den Achtzigerjahren dasselbe hohe Niveau der Palliativmedizin wie heute in den Niederlanden gehabt, wären wir diesen Weg niemals gegangen.“

Und Professor Boer kritisiert am Ende die Entwicklung in Deutschland: „Wenn dort nun die Gerichte die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe begünstigen, ist das die völlig falsche Reihenfolge in der Rangordnung der Wichtigkeiten. Man sollte zunächst die Palliativmedizin auf das allerhöchste Niveau bringen, wie es in anderen Ländern bereits getan wurde.“

Vor 30 Jahren war ich eng mit dem Münchner Jesuitenpater Reinhold Iblacker befreundet, der nicht alt wurde. Er war von der Palliativmedizin zutiefst überzeugt und hatte mit einem Film die Hospizbewegung von Cicely Saunders von England nach Deutschland gebracht. Ein erstes Hospiz entstand damals in München, mittlerweile schreitet die Palliativmedizin immer weiter voran. Nachdem jetzt das Bundesverfassungsgericht die Beihilfe zum Suizid nicht mehr unter Strafe stellt, kann man zusammenfassend sagen, dass beide Wege am Lebensende möglich sind. Es bedarf also vor allem einer tiefgreifenden Bewusstseinsarbeit, aber auch der ausreichenden finanziellen Unterstützung von Hospizen und Palliativmedizin, so dass Menschen gerade am Lebensende spüren, dass sie auch jetzt wirklich geborgen sind.

Straubinger Tagblatt vom 4. April 2020

 

 

Die Genese einer Volkspartei

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. März 2020

SZ-Redakteur Roman Deininger porträtiert humorvoll und kenntnisreich das Profil der CSU

Als vor 40 Jahren Franz Josef Strauß das Straubinger Gäubodenvolksfest eröffnete, hatte er für danach auch einen Besuch im „Straubinger Tagblatt“ zugesagt. Weil die Redakteure wussten, dass Strauß während seiner Eröffnungsrede bereits ein oder auch zwei Maß Bier getrunken haben würde, tischten sie danach alles Mögliche auf: Kaffee, Säfte, Kuchen und auch Tee. Doch Strauß blickte voller Verachtung auf die dargebrachten Gaben und meinte nur: „Habt’s kei Bier?“ Das Redaktionsgespräch dauerte dann über zwei Stunden, Strauß redete sich in Rage und trank währenddessen noch sechs Flaschen Bier. Die Tonbandaufnahmen, die wir mitlaufen lassen durften, behielten wir für uns, um den Frieden im Land nicht zu stören.

Wer die CSU und ihre Politiker über Jahre begleitet, der hat wahrhaftig etwas zu erzählen. Roman Deininger, Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“, hat jetzt eine Fülle von Begegnungen mit Politikern der CSU in seinem Buch „Die CSU – Bildnis einer speziellen Partei“ festgehalten. Deiningers Buch ist aber vor allem deshalb so lesenswert, weil es gerade nicht nur Anekdoten versammelt, die witzig und unglaublich erheiternd sind, sondern weil es all diese Begebnisse in einen Historienteppich hineinwebt, der zeigt, wie die CSU seit ihrer Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg genau die Partei wurde, als die wir sie heute kennen: ganz speziell eben.

Gut ist vor allem, dass der Autor dem Gegenstand seines Erzählens bei aller Kritik prinzipiell wohlwollend gegenübersteht. Er arbeitet die historischen Leistungen der Partei exakt heraus und hat durchaus Sympathie für die prägenden Figuren dieser Partei. Vieles, was er erzählt, ist heute auch vergessen. Umso wertvoller sind seine Erinnerungen. Etwa die Auseinandersetzung mit der Bayernpartei, die am Anfang noch ein ebenbürtiger Rivale war, dann aber mit viel List und Tücke niedergerungen wurde. Oder auch die Regierungsjahre des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner ab 1954, der deshalb das Land lenken durfte, weil die CSU ihn unterschätzte und sich selbst überschätzte.

Besonders interessant sind natürlich die Teile, die sich der jüngeren Geschichte Bayerns widmen. Der Verlust der Macht von Stoiber, die harte Auseinandersetzung zwischen Seehofer und Söder, der Machtkampf zwischen Waigel und Stoiber, die Kanzlerkandidaturen von Strauß und Stoiber, all das wird detail- und kenntnisreich erzählt.

Weil es aber ein glänzender Journalist ist, der erzählt, finden sich wunderbare, fast literarische Bilder und Wortspiele in diesem Buch. So etwa, wenn er den Landesgruppenchef der CSU in Berlin, Alexander Dobrindt, folgendermaßen charakterisiert: „Am Ende seiner Verwandlung vom Schützenkönig zum Maßanzugträger stand deshalb auch eine Art Maske, die er in der Öffentlichkeit seither immer aufhat. Das freundliche, aber komplett unbewegte Gesicht. Die vor der Brust verschränkten Arme. Der weiche, stocknüchterne Ton, als würde er von einem unsichtbaren Blatt ablesen.“ Oder wenn Deininger erzählt, wie Markus Söder als Ministerpräsident zum ersten Mal bei der Fronleichnamsprozession in München teilnahm: „Nach der Fronleichnamsprozession beschwerten sich Katholiken mit Sinn für Etikette, Söder habe während der Prozession ständig den Zuschauern am Wegesrand zugewinkt. ‚Wir sind doch nicht beim Oktoberfestumzug‘, schimpfte einer.“

All diese Miniaturen arbeiten am Ende das Profil einer Partei heraus, die Bayern über Jahrzehnte prägte und immer noch prägt. Und die Figuren, die so unglaublich gut beschrieben werden und die man sonst eher aus der Tagesschau festgezurrt in ihren Berufspolitikerrollen erlebt, werden dabei lebendig wie Romanfiguren, mit denen man mitempfindet und mitgeht. Das ist nicht nur spannend zu lesen, sondern auch sehr lehrreich. Die Zeit vergeht beim Lesen wie im Flug!

Roman Deininger: Die CSU – Bildnis einer speziellen Partei. C. H. Beck Verlag, München, 352 Seiten, 24 Euro.

Straubinger Tagblatt vom 28. März 2020 

Zeit zur Besinnung

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. März 2020

Ob die Geschichte der Menschheit einen Sinn hat oder doch eher nicht, ob vieles vorherbestimmt ist oder nicht; wie viel Freiheit angesichts eines auch vorfestgelegten Schicksals der Mensch überhaupt hat, darüber haben Philosophen aller Jahrhunderte immer wieder nachgedacht. Gibt es eine Entwicklung zum Guten? Warum dann immer wieder all die schlimmen Rückschläge? Und wenn die Welt schlecht ist und schlecht bleibt, warum dann überhaupt arbeiten für eine bessere Welt?

Im Geschichtskonzept des deutschen Idealismus von Friedrich von Schiller bis hin zu Friedrich Hegel gibt es darauf eine ganz einfache, aber auch hochproblematische Antwort. Die Menschheitsgeschichte sei schon eine Aufwärtsbewegung zum Ideal, weil die in der Geschichte innewohnende Vernunft sich über die Gegensätze von Gut und Böse in die richtige Richtung bewege. Die Schattenseiten des Bösen seien notwendig, weil nur so in der Dynamik des Widerspruchs zwischen Licht und Schatten die Geschichte an ihr gutes Ziel kommen könne. Das ist mit Recht immer wieder kritisiert worden. Denn wenn das notwendig so ist, wie Schiller oder Hegel das postulieren, dann sind das Böse, der Absturz, der Rückschritt in der Menschheitsgeschichte immer schon gerechtfertigt, weil sie ja notwendig sind, damit die Vernunft die Geschichte zu ihrem guten Ende bringen kann. Dann gibt es gute Gründe, dass es einen Hitler gibt, einen Stalin oder auch all die anderen Bösewichte der Weltgeschichte.

Den entscheidenden Widerspruch gegen ein solches auch typisch deutsches Geschichtsverständnis hat die christliche Philosophie eingelegt. Von ihr kommt der Begriff der sogenannten „Heilsgeschichte“. Dieser Begriff meint, dass mit der Menschwerdung Jesu Christi eine Beziehung zwischen Gott und der Welt gestiftet worden sei, die diese ganze Schöpfung schon jetzt auf eine andere, bessere Ebene stellen würde. Damals sei der Durchgriff des Ewigen ins Zeitliche, also in diese Welt, geöffnet worden. Schon jetzt. Schon heute. In jeder Zeit. In jedem Augenblick. In diesem Augenblick.

Schon diese Welt stünde durch Jesu Leben und Sterben im Horizont ewigen Heils, und auch wenn es immer wieder Rückschläge gebe, sei es Aufgabe der Menschen, immer wieder neu aufzustehen und für ein Leben in Würde schon in dieser Welt zu arbeiten. Als Ärzte, als Priester, als Lehrer, als Philosophen. Gott kümmere sich auch heute um seine Welt. Das Ewige sei nicht das, was eben später käme, sondern greife schon heute in diese Welt immer wieder auch ein. Trotz aller Rückschläge. Gerade in allen Rückschlägen. Von daher verbiete sich auch jeder Zynismus oder auch die Mutlosigkeit, mit der viele all die Rückschläge quittieren, die täglich in der Zeitung stehen.

Es ist das „Prinzip Hoffnung“, das die Philosophie mit dem Glauben teilt und von dem her ein bekannter Philosoph sogar die Überschrift seines ermutigenden Werkes herleitet. Überhaupt haben so manche Philosophen oder auch Schriftsteller, die mitten im Leben eher den Materialismus oder sogar den Nihilismus gerne pflegten, gegen Ende des Lebens im Prinzip Hoffnung doch noch den Anker auch des eigenen Lebens gesehen. Max Horkheimer etwa, der bekannte Philosoph, oder auch Alfred Döblin, der am Ende seines Lebens zum Christsein bekehrte geniale Schriftsteller.

Thomas Gottschalk hat sich im Fernsehen einmal mit dem geistreichen Theologen Hans Küng getroffen. Von ihren völlig unterschiedlichen Lebenspositionen heraus diskutierten sie eine Stunde lang die Frage, ob und warum es Gott gebe. Besonders lustig war, als Thomas Gottschalk sagte, er wünsche sich einfach einmal einen ganz einfachen Gottesbeweis, zum Beispiel, dass er sage: Gott, wenn Du jetzt die Nachttischlampe ausmachst, dann weiß ich, dass es Dich gibt. Herzig.

Aber eine ganz einfache Antwort, was Glaube und Religion denn seien, gibt es dann doch auch und der Theologe Johann Baptist Metz hat sie exakt auf den Punkt gebracht. Glaube sei „Unterbrechung“. Nicht einfach immer weitermachen. Bedenkenlos, vom Glücks- und Vergnügungsstreben bis zur Besinnungslosigkeit betäubt. Sondern eben innehalten. Die Pause zulassen. Denn der Glaube ist ja keine aktive Tat, wie der moderne Mensch so gerne denkt, sondern Geschehen, das aber nur kommen kann, wo einer innehält.

Jetzt ist also seit zwei Wochen Pause. Für alle. Die Schöpfung atmet auf und durch. Klimaziele werden plötzlich wie von selbst erreicht. Die Luft ist gut und klar und Zeit gibt es auch wieder. Zum Lesen, zum Musikhören, zum Gespräch, für die Familie. Das Leben fühlt sich an wie ein Ausflug in die Kindheit. Dasselbe Tempo, keine Termine, Freiheit. Was für ein Geschenk. Zeit zur Besinnung. Ist es das alles wert? Diese ganze Beschleunigung des Tempos, damit die Weltmärkte florieren. Das Diktat des beständigen Wettbewerbs. Und jetzt fehlen die Dinge, die wir schon längst die Chinesen machen lassen.

„Globalisierung gestalten“ – „Digitalisierung in allen Bereichen“ – die Schlagwörter von gestern stoßen einem jetzt auf wie schlechter Rotwein. Für jedes Krankenhaus auf dem Land, das wir dann doch nicht geschlossen haben, sind wir jetzt dankbar und auch für jeden Landarzt, den es dann doch noch gibt und der sich kümmert.

Und es zeigt sich auch, wie fähig wir sind, uns schnell besser zu organisieren und zu handeln, wenn es um unser Wohl geht. Warum nicht auch für andere? Könnten wir denn nicht auch so klug und aktiv sein, wenn es um Afrika geht? Da sind seit der großen Krise 2015 schon wieder fünf Jahre ins Land gegangen und wir haben gesagt: Es geht jetzt wieder gut, an den Grenzen stehen kaum mehr welche. Bis vor ein paar Wochen, weil der Hunger dort eben derselbe geblieben ist.

Wir werden diese Krise überstehen. Wir werden die Probleme lösen. In drei Monaten, in einem halben Jahr, in absehbarer Zeit. Aber werden wir – und das ist doch die viel wichtigere Frage – für unsere Zukunft die richtigen Folgen daraus ziehen? Dass wir unseren Kosmos zugrunde richten, wenn wir so weitermachen, dass dieses Coronavirus nur ein milder Vorgeschmack für die Krisen war, in die wir so unsere Kinder und Enkelkinder stürzen. Die das dann in regelmäßigen Abständen erleben müssen, eher wehrlos, so wie die Menschen in Afrika jetzt, die sich gegen die Heuschrecken nicht wehren können.

Es ist schon gut, wie die Politiker jetzt als Krisenmanager ihre Leistung bringen, der tapfere Markus Söder allen voran. Aber entscheidend ist doch, dass wir danach unseren Weg ändern, nachhaltig, dauerhaft, bewusst. Dass wir diese Krise nutzen und unsere Lehren wirklich ziehen. Nicht nach zwei Wochen alles vergessen haben und sagen: Die Karawane zieht weiter. Denn diese Krise ist für unser Bewusstsein eine Riesenchance. Gerade auch, weil sie so lange dauert und so massiv ist. Gerade noch wollten wir mit der Digitalisierung nach den Sternen greifen – und jetzt fehlt auf dem Scheißhaus das Klopapier!

Straubinger Tagblatt vom 28. März 2020 

Das Gift des Bösen

von Prof. Dr. Martin Balle | 07. März 2020

Als der Schriftsteller Stefan Zweig und der geniale Entdecker des Unbewussten Sigmund Freud sich in London trafen, während Hitler und die Seinen in Deutschland ihren Wahnsinn betrieben, da äußerte Zweig seine Verwunderung, in welche Barbarei ein Land wie Deutschland zurückfallen könne. Sigmund Freud, der die Schattenseiten des Menschen kannte wie kaum ein Zweiter, meinte nur, er wundere sich nicht.

Was das Böse ist und woher es kommt, darüber haben die Philosophen und Psychologen immer wieder diskutiert. Das vielleicht schönste Buch über das Böse hat vor 30 Jahren der Philosoph Dieter Wyss geschrieben: „Kain – Eine Phänomenologie und Psychopathologie des Bösen“, so heißt sein Werk, in dem er von Hitlers Morden bis hin zu Heideggers verschwurbelter Philosophie, die im letzten den Mitmenschen nicht kennen will, mit allem abrechnet, was er zum Bösen zählt. Während in der Philosophie das Böse häufig als Fehlen des Guten oder als „menschliches Versagen gegenüber dem sittlichen normativen Sollen“ definiert ist, diagnostiziert Wyss das Böse als eine „eigenständig-destruktive Macht“. Beim Bösen geht es für ihn primär um die „Nichtung, Vernichtung des Anderen, als gegenethischen Willensakt, der stets Berechnung und Planung impliziert“. Bedrohlich ist beim Bösen nach Wyss der „Andere, der entweder vernichtet, unterworfen oder integriert werden“ muss. Der Umgang mit dem Anderen ist für ihn also der Schlüssel zur Frage nach dem Guten oder Bösen. Bin ich dem Anderen gegenüber ein Nächster oder ein Mörder, ein wahrhaftiger Mensch oder ein Verleumder, ein Liebender oder ein Unmensch, so stellt Wyss die Frage nach dem Guten oder Bösen.

Der Begriff des „Anderen“ steht auch im Zentrum der Philosophie Jacques Lacans, des ebenfalls genialen Theoretikers der Psychoanalyse in Frankreich. Es sei gerade die Entwicklungsaufgabe des Menschen ein „Anderer“ zu werden. Exakt: dem Anderen der Andere. Das sei die sozialintegrative Kraft des Lebens, dass nur der, der diesen Entwicklungsweg vom Einzelnen zum Anderen des Anderen schaffe, in der Gesellschaft einen wahren Platz finden könne. Hatte Sigmund Freud die Entwicklung des Kindes noch durch die Rivalität mit den Eltern motiviert gesehen, erklärt Lacan, dass alle Menschen im Zeichen des Mangels und gegenseitiger Bedürfnisse miteinander verbunden seien. Indem sie das zugeben und zulassen, würden sie zu Mitmenschen, so Lacan. Menschliche Gesellschaft sei nichts Anderes als die ständige Dynamik einer fairen Organisation gegenseitiger Interessen.

Der existenziell bedrohte Mensch verliert sich selbst

Auch der Religionsphilosoph Eugen Biser sieht den Menschen von „seiner Konstitution her auf Solidarität angelegt und somit zur Liebe disponiert“. Die andere Seite aber sei: „Er schlägt zurück, und dies immer dann, wenn er sich in die Enge getrieben, in seinen Interessen geschmälert und um seine Lebensbereiche betrogen fühlt. Mit Aggressivität reagiert er somit auf die Bedrohungen seines Selbsterhaltungstriebs, seines Selbstwertgefühls und damit seiner biologisch-geistigen Existenz.“ Beginne diese zweite Seite des Menschen zu dominieren, so komme es am Ende regelrecht zum „Abfall des Menschen von sich selbst“.

All die Symptome, die die Risse in unserer Gesellschaft heute offenlegen, weisen in dieselbe Richtung. Ob eine Synagoge angegriffen wird, ein Autofahrer in einen Faschingszug mit Kindern hineinfährt, ein Amokläufer zehn Menschen tötet, oder am Ende ein erfolgreicher und liebenswerter Kaufmann wie Dietmar Hopp in Fußballstadien buchstäblich ins Visier genommen wird: Es ist das Böse, das in all diesen Fällen sein Gesicht zeigt. In Form von Menschen, die abgestumpft sind für das Wesen der Liebe, für den Wert des Lebens. Dieter Wyss beschreibt diese Abstumpfung geradezu als innersten Bestandteil des Bösen: „den Anderen, den Mitmenschen objektiviert nur noch als Gegenstand zu ‚verrechnen‘. Vergegenständlichung ist inhärenter Bestandteil der Lehrpläne aller Schulen. Im Medizin- und Psychologie-Studium nicht weniger als in den ökonomischen Berufen, in Technik und Naturwissenschaften, in denen Zahl und Zählen im Vordergrund stehen, wird Vergegenständlichung der Person praktiziert. Damit wird der Abstumpfung der Weg gebahnt, insbesondere in ihren inhumansten Formen: in der Tötung des Anderen.“ In der Psychologie gibt es das schöne Wort vom Schicksal eines Menschen, „der sich selbst nicht mehr spüren kann“. Wer sich selbst aber nicht mehr spürt, für den wird der Mitmensch nicht mehr zum Rettungsanker des eigenen Lebens, sondern – wie im Fall von Dietmar Hopp – zur Zielscheibe von Hass und Aggression.

Es dreht sich hier primär nicht um ein Problem, das der Fußball hat, sondern um ein gesellschaftliches Problem, das in ganz viele Teilbereiche des Lebens, also auch in den Sport, hineinreicht. In der Ära Merkel wurde jetzt fast 15 Jahre darauf verzichtet, ein glaubhaftes Leitbild zu entwickeln, von dem her unsere Gesellschaft eine menschenfreundliche Vorstellung entwickeln konnte, wo sie hinwollte. Was präsentiert wurde, waren alles inhaltsleere Parteiprogramme, die bedeutungslos blieben. Den Sprechblasen von einer solidarischen Gesellschaft steht heute in Wirklichkeit eine Welt entgegen, in der ein Drittel der Menschen in Deutschland Angst hat, abgehängt zu werden. Eine Welt, in der es keinen fairen Ausgleich zwischen Arm und Reich gibt. Eine Welt, in der zu viele Menschen nicht ausreichend Chancen bekommen. Entfremdungsprozesse.

Die Friedfertigkeit der überwältigenden Mehrheit

Und Politik bestand in den letzten Jahren oft genug aus nichts Anderes als faulen Kompromissen, die primär der eigenen Wiederwahl dienten. Da war es nicht schwer für die AfD, allerorts an den Stammtischen Fuß zu fassen, zumal sie doch vorgab, die Sprache der Menschen zu sprechen. Noch die billigsten Parolen waren für manche glaubwürdiger als das ausgleichende Moment der demokratischen Parteien, die sich längst viel zu weit von der Wirklichkeit entfernt haben. In das Vakuum, das die demokratischen Parteien zu oft zuließen, drang das böse Gift des radikalen Denkens und Sprechens.

Kommt hinzu, dass die digitale Welt den Abstand der Menschen von der gelebten Wirklichkeit bis ins Unendliche vergrößert. Wer nur mehr in einer virtuellen Welt lebt, der kann doch den Weg in die Wirklichkeit nicht mehr so finden, dass er sich in der echten Welt und der wahren Gesellschaft noch als normaler Mitmensch erleben und spüren kann. Über den Siegeszug der digitalen Medien schrieb Eugen Biser schon im letzten Jahrtausend: „Sie entziehen dem narkotisierten Rezipienten den tragenden Boden, indem sie ihm anstelle der für seine Grundorientierung unerlässlichen Primärerfahrungen das Surrogat täuschender Reproduktionen bieten.“

Hoffnung macht die Antwort vieler Menschen auf diese Probleme: In den Fußballstadien sind sie die Mehrheit und zeigen sich. Die überwältigende Mehrheit hat Freude am Spiel und ist friedfertig. Und der mit den Stimmen der AfD gewählte Ministerpräsident in Thüringen war nach gut einem Tag schon wieder von der Bühne verschwunden, weil er – in unserer Demokratie – eben nicht zu halten war. Doch die Brutalität der Wenigen, die anders bleiben und böse sein wollen, ist ungeheuer erschreckend.

Straubinger Tagblatt vom 7. März 2020 

 

Vorteil für Armin Laschet

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. Februar 2020

Das wundert mich, dass sich jemand wundert, dass ganz plötzlich Armin Laschet und Jens Spahn im selben Segelboot sitzen. Das war doch klar, dass der Schwächste unter den drei Bewerbern seine Chance im Vorfeld sucht! Warum verlieren, wenn man auch gewinnen kann? Genauer gesagt der Zweitschwächste. Denn Norbert Röttgen hat sich beworben, weil er sonst gar keine Chancen mehr auf irgendetwas gehabt hätte.

Wenn Laschet, Friedrich Merz und Spahn sich geeinigt hätten, dann wäre im neuen Kabinett für Röttgen auf keinen Fall was geblieben, denn die drei hätten ja zuerst ihre ganz Entourage auch noch bedienen müssen. Und einen Koalitionspartner noch dazu! So viele Posten hat keine Regierung, dass dann für den kleinen Röttgen auch noch was geblieben wäre.

Und dann wären die ganzen Fernsehauftritte des außenpolitischen Experten Röttgen umsonst gewesen. Also einfach melden. Keine Chance – also nutze sie, das hat er sich gedacht und eine Woche Vorsprung herausgelaufen. Immerhin. Wer jetzt denkt, dass das wieder so knapp wird wie beim letzten Rennen um den CDU-Vorsitz vor zwei Jahren, könnte sich täuschen. Denn Merz punktet zwar bei schönem Wetter und bei geladenen Gästen. Aber der andere ist doch stärker.

Nicht nur erfolgreicher Ministerpräsident, und das auch bei Regen, sondern auch in der Partei aktiv ohne längere Pause. Im Gespräch fähig, zuzuhören, man fühlt es durch den Fernseher hindurch. Differenziert in der Sache, fein und nicht feindselig. Polarisiert nicht künstlich, und das will man ja in diesen stürmischen Zeiten. Fähig zur Partnerschaft, das könnte wichtig werden in der Zukunft. Und das nach rückwärts Gewandte, was ihm der andere andrehen will, gilt das nicht eher für den selbst, wo er doch so viele alte Rechnungen offen hat?

Und wenn Angela Merkel bei den Bürgern halt immer noch so beliebt ist, wie die Umfragen sagen, ein radikaler Bruch? Warum nur? Die, die da wählen in zwei Monaten, werden das alles bedenken. Mein Tipp: Deutlich für Laschet, wenn nicht noch Ungewöhnliches passiert.

Straubinger Tagblatt vom 28. Februar 2020 

In eigener Sache

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. Februar 2020

Natürlich war es nur eine Karnevalsveranstaltung in Aachen, bei der Friedrich Merz mit Bezug auf die digitalen Möglichkeiten für Politiker über Journalisten jetzt sagte: „Wir brauchen die nicht mehr.“ Heute könne man als Politiker die „eigenen Interessen“ medial wahrnehmen und so auch die „eigene Deutungshoheit“ behalten. Aber Kinder und Narren sagen bekanntlich die Wahrheit und so war der Protest groß bei denen, die sich so nicht mehr gebraucht fühlen, zum Beispiel bei Daniel Überall, immerhin Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, der in einem offenen Brief an Merz klarstellte: „Was für ein Verständnis von der Rolle der Medien im demokratischen Rechtsstaat haben Sie? Glauben Sie ernsthaft, dass Videos, Tweets und Facebook-Postings als Informationsquellen der Bürgerinnen und Bürger ausreichen?“

Merz beschwichtigte dann gleich und formulierte fernsehgerecht, für wie wichtig er die klassischen Medien halte. Aber doch gilt seit Sigmund Freud, dem Wahrheitsfinder in den Abgründen des Unbewussten, dass man am Versprecher oder auch am Witz die innerste Wahrheit eines Menschen erkennen kann, ganz gleich, was das Bewusstsein und die korrigierende Sprache später sicherheitshalber nachschieben.

Schon Gerd Schröder meinte ja am Beginn seiner Kanzlerschaft, dass er zum Regieren nur „Bild, BamS und die Glotze“ brauche, ein eher manipulativer Ansatz also, um vor allem wiedergewählt zu werden. Und Markus Söder sagte ausgerechnet beim alljährlichen Treffen der Bayerischen Zeitungsverleger in Berlin, dass die Zeitungen nur deshalb noch existierten, weil es immer noch Leute gebe, die gerne „blätterten“, er aber, so erklärte er mit Blick auf Handy und Laptop, gehöre zu den Menschen, die in diesen Tagen ausschließlich noch „wischen“.

Was dem durchsetzungsstarken Ministerpräsidenten leider so ganz entgangen ist, ist der Befund der Wissenschaft, dass ein Text im Netz mit einem gedruckten Text nicht vergleichbar ist. Die Nachhaltigkeit, die Wahrnehmung, die Perzeptionsweise des Digitalen sind vom gedruckten Wort ganz verschieden. Und gerade das Reflektieren dessen, was politisch zu diskutieren ist, eignet sich, wenn es ernsthaft sein soll, nicht wirklich für die digitale Welt. Es sind eben gerade die radikalen Parteien und Menschen, die sich mit Vorliebe der digitalen Medien bedienen, wo sie weitgehend unzensiert ihre Botschaften ablassen können. Nicht umsonst hat der Politologe Heinrich Oberreuter schon vor Jahren gewarnt, dass Politiker, die glaubten, auf die klassischen Medien verzichten zu können, buchstäblich an „dem Ast sägen, auf dem sie sitzen“.

Was Friedrich Merz aber so augenzwinkernd formulierte, geht dann doch noch einen Schritt weiter: Da geht es nicht mehr nur um die Art und Weise der Kommunikation, also ob gedruckt oder digital, sondern da geht es schon auch darum, dass Politiker die kritische Funktion des Journalismus gar nicht mehr haben wollen. Der „Linksfunk“ vor allem in der ARD war es, der den Konservativen schon immer auf den Wecker ging. Ein Grund auch, weshalb es vor allem die Konservativen waren, denen es bei der Einführung von Sat.1 und RTL in den 80er-Jahren gar nicht schnell genug gehen konnte. Die Schimpftiraden von Franz Josef Strauß gegen Journalisten aus diesen Tagen klingen gerade in Bayern noch heute in den Ohren.

Als viele Zeitungen im 19. Jahrhundert nach der gescheiterten Revolution 1848 gegründet wurden, waren sie tatsächlich Parteizeitungen. Als in der Frankfurter Paulskirche die Delegierten der Parteien damals über die Zukunft einer deutschen Demokratie oder eines deutschen Parlaments diskutierten, da wurden sie tatsächlich von Parteizeitungen begleitet, die so den demokratischen Diskurs, der damals entstand, journalistisch orchestrierten. Das war aber in diesen Tagen ein Fortschritt, weil in den Monarchien, die es in den Ländern vor der Gründung des deutschen Nationalstaats noch gab, hätten es die Fürsten und Könige schon lieber gehabt, dass es weder Parteien noch Zeitungen gebe. Im Lauf der Jahrzehnte schon des 19. Jahrhunderts aber emanzipierten sich die Zeitungen nahezu allesamt von den Parteien und wurden buchstäblich überparteilich. Die Gleichschaltung der Medien im Dritten Reich bei Adolf Hitler machte dann endgültig klar, welch wichtige Rolle unabhängige Medien für eine Demokratie spielen. Als „vierte Gewalt“ wurden sie fortan bezeichnet, auch wenn dieser Begriff so nicht im Grundgesetz steht. Aber klar war allen, dass neben der Gewaltenteilung in Parlament, Regierung und Gerichte die Medien ein wichtiger Baustein für jede Demokratie sind.

Heute sprechen digital alle durcheinander und Politiker versuchen, das für sich zu nutzen. In den Echokammern des Netzes hallt es gerade von ganz rechts vor lauter Blödsinn unendlich laut. Und deshalb geht es eben nicht an, dass seriöse Politiker, die sich auch noch um den Vorsitz ihrer Partei bewerben, die Rolle der klassischen Medien – von den Zeitungen bis hin zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen – lautstark infrage stellen. Schon der Vorstoß von Horst Seehofer vor wenigen Jahren, dass ein öffentlich-rechtlicher Kanal doch reiche, war deshalb absurd und im Letzten ein Anschlag auf die Rolle der Medien in unserer Demokratie.

Politiker haben heute gelernt, die digitalen Medien für sich zu nutzen. Der amtierende Oberbürgermeister von Landshut machte vor einem Jahr ein Foto aus seinem Dienstfahrzeug und postete an seine Follower die Frage: „Wo bin ich?“ Immerhin fragte er also nicht: „Wer bin ich?“ Das wäre noch seltsamer gewesen. Und auch aus den Stadtratssitzungen vieler Städte wird oft schon während der laufenden Sitzungen gepostet und gedeutet. Städte und Kommunen haben zudem begonnen, eigene digitale Kanäle zu bespielen, und versuchen so tatsächlich, die Deutungshoheit über ihre Politik zu gewinnen. Weil sie das aber gar nicht dürfen, klagen vor allem wir Verleger auch mit Schadenersatzforderungen gegen diese Städte und ihr Treiben. Das Internetportal der Stadt München beschäftigt heute 30 Mitarbeiter und lädt auch noch die Kaufleute der Stadt ein, für Werbung hier ihr Geld auszugeben. Dagegen haben jetzt alle Münchner Zeitungen geklagt und es gibt kaum Anhaltspunkte, dass dieser Prozess anders ausgehen wird als der in Dortmund, wo die Stadt exakt diesen Prozess schon verloren hat und ihr digitales Portal jetzt zurückbauen muss. Denn der Gesetzgeber und die Gerichte haben in Deutschland aus gutem Grund festgelegt, dass journalistische Formate den Städten und Kommunen nicht erlaubt sind. Die Trennung von Politik und medialer Berichterstattung ist aus gutem Grund demokratiepolitisch heilig. Natürlich geht es immer auch um Geld und um Arbeitsplätze. Aber wer mit Steuermitteln den klassischen Medien Konkurrenz macht, der hat nicht verstanden, dass die Trennung von Politik und Medien gute Gründe hat.

Straubinger Tagblatt vom 22. Februar 2020

Noch ein Märchen

von Prof. Dr. Martin Balle | 15. Februar 2020

Es gibt fast nichts Schöneres, als in einer feinen Schweizer Gesellschaft, zum Beispiel in Zürich, den Namen Jean Ziegler fallen zu lassen und am besten noch hinzuzufügen, wie sehr man ihn schätze. Die Reaktion der anderen Gäste bewegt sich dann in der Regel zwischen Unglauben und dem sichtbaren Wunsch, die Porzellanteller auf dem Tisch schnell leerzuräumen und auf den zu werfen, der solches von sich gibt. Jean Ziegler ist der notorische Ankläger seines Landes. Seit Jahrzehnten hält er seinen Landsleuten unerbittlich den Spiegel vor. Einen Buchtitel wie „Die Schweiz wäscht weißer“ muss man kaum lesen, um nicht schon zu wissen, was drinnen steht. Und als UN-Sonderbotschafter klopft er in Fernsehsendungen zudem immer mit dem Finger auf den Tisch und zählt so die Sekunden, in denen in Afrika schon wieder ein Kind an Hunger gestorben ist. Mehrfach in der Minute ist das. Sicher, die andere Seite von Jean Ziegler ist eine ganz gehörige Portion Narzissmus, er gefällt sich schon sehr in der Rolle des gealterten Revoluzzers, aber er gehört nun mal zur Schweiz wie die wunderbaren Berge oder der weltbekannte Käse, der dort gewonnen wird, mitsamt den Hustenbonbons, die so unverwechselbar beworben werden und an die man fast zwangsläufig denkt, sobald es im Hals kratzt.

Diese scheinbare Geschichtslosigkeit der Schweiz, die es so gut versteht, sich aus so vielem fein rauszuhalten, das haben ihr die Schriftsteller dort so gerne vorgehalten. Auch den Max Frisch hätten sie deshalb an manchen Tagen am liebsten aus seiner Heimat verbannt, so beißend war seine Kritik an seinem Heimatland, nicht weniger als Friedrich Dürrenmatt, der es in Deutschland immerhin genauso in die Schulbücher der Gymnasien gebracht hat. Offensichtlich erzeugt ein hohes Maß an Reichtum auch Gegenkräfte, die genauso stark und prägend sind.

Aber die andere Seite dominiert dann doch: Der Schweizer Joe Ackermann, der im Fernsehen so gewinnend die Aktien der Deutschen Bank empfahl, als sie noch über 60 Euro wert waren, hat es immerhin geschafft, nicht nur die eigene Bank zu ruinieren, in diesem Fall auch noch eine deutsche, sondern zudem das Geschäftsmodell mit den in Amerika beliehenen Immobilien auch hierzulande an die Börse zu bringen und sich so jeden soliden Sparkassenchef zum Feind zu machen. Heute genießt er seinen Ruhestand und hat wohl kaum ein Bewusstsein von all dem Schaden, den er angerichtet hat. Wer dann auch noch in St. Moritz über die berühmte Einkaufsmeile oben auf dem Berg über dem See bummelt, wo die hochpreisigen Marken der ganzen westlichen Welt versammelt sind, der bekommt schnell eine Ahnung, wo das Geld ist, das in Afrika oder Lateinamerika fehlt. Dass die korrupten FIFA-Bosse allesamt aus der Schweiz kommen, versteht sich und natürlich steht gerade in Zürich die Zentrale des weltweit korrupt gewordenen Fußballs. Fast schon eine Leistung allerdings ist es, dass auf den berüchtigten Sepp Blatter mit dem neuen FIFA-Boss Gianni Infantino ein noch undurchsichtigerer Geselle als Nachfolger ins Amt kam.

Aber die Schweiz hat auch eine andere Seite. In ihrer Selbst- und Geschichtsvergessenheit an manchen Orten gibt es dort Zeitungen, die so wenig aktuell sind, dass man auf das Titelblatt schauen muss, um sich zu vergewissern, was denn heute für ein Tag ist. Liest man so zum Beispiel die Basler Zeitung, so kommt man leicht ins Grübeln über der Frage, in welchem Jahrhundert man sich beim Lesen gerade bewegt. Das hat schon auch etwas Liebenswürdiges. Hier ist die berühmte Langsamkeit der Schweizer buchstäblich Gestalt geworden!

Und so nimmt es vor all diesem Hintergrund nicht wunder, dass auch die Ermittlungen rund um das deutsche Fußballmärchen 2006 jetzt zu verjähren drohen. Erschrocken fragt deshalb die Süddeutsche Zeitung vor wenigen Wochen: „Für ihre Sommermärchen-Ermittlungen nahm sich die Schweizer Justiz viel Zeit. So viel, dass jetzt wahrscheinlich die ganze Affäre verjährt. Ist das nur Inkompetenz – oder politisches Kalkül?“ Solches ist natürlich schwer vorstellbar in einem Land wie Deutschland, wo Kanzler ihren Ruf und den Ehrenvorsitz der Partei verlieren, weil sie illegal Parteispenden angenommen haben, oder wo amtierende Oberbürgermeister ganz früh am Morgen in der Tiefgarage mit Fesseln abgeführt werden, weil der Verdacht besteht, dass sie Wahlkampfspenden nicht so ganz sauber verbucht haben. Und jetzt das: Knapp sieben Millionen Euro sind irgendwie bei Franz Beckenbauer gelandet und mit einem gezielten weiten Pass in den freien Raum so verschwunden, dass sie nicht mehr auffindbar sind. Zurückgegeben wurden sie Jahre später von Funktionären des deutschen Fußballverbandes, aber das waren andere sieben Millionen und auch das war recht undurchsichtig. Das Geld aber, das in Beckenbauers weißer Weste so plötzlich unsichtbar wurde, es bleibt auf unerklärliche Weise verschwunden. Erklären kann man es eigentlich nur mit der Geschichte des besten Fußballers der Welt in seiner Zeit: Da gab es einmal ein Bundesligaspiel, es regnete stark und der Platz war völlig verdreckt. Die weißen Trikots und vor allem die Stutzen der Spieler waren nicht mehr als weiß erkennbar; der Einzige, bei dem es nicht so war, das war der Kaiser, obwohl er voller Einsatz mitgespielt hatte. Und auch die Zauberpässe über 50, 60 Meter, auch da ging es doch nie mit ganz rechten Dingen zu. Sinnbildlich für sein Zauberspiel blieb der Werbespot mit dem Kaiser, der einem bis in den Tod im Ohr klingen wird: „Ja, is denn scho wieder Weihnachten?“

Die Schweizer Justiz hat also recht getan. Sie hat nicht den Buchstaben des Gesetzes zuerst in den Vordergrund gestellt, weil das hier ganz falsch wäre. Sondern sie ist zwei Schritte zurückgetreten und hat versucht, dem Fall als Ganzes gerecht zu werden. Das braucht Zeit und das macht Freude. Nochmals dieses Leben anzuschauen, die Spiele, die Pässe, die Siege, die Frauen, die Erfolge, die vielen wunderbaren Stunden, die uns der Kaiser geschenkt hat. Die unendlich vielen Sätze in die Fernsehkameras der Welt, die immer auch so philosophisch waren, dass sie uns über Tage zum Denken brachten. Und da hat die Schweizer Justiz schlicht die Zeit vergessen, so wie wir auch, wenn wir ein spannendes Fußballspiel anschauen und alles vergessen, was um uns herum geschieht.

Und ich muss sagen: Mich freut das. Dass in einer Welt, wo so viel echtes Unrecht geschieht und so viel Recht gesprochen wird, aber es hilft am Ende doch so wenig, über dem Kaiser wieder einmal die Sonne scheint. Und vielleicht hat die Schweizer Justiz ja doch bemerkt, dass dem Kaiser ein geliebter Sohn gestorben ist und dass sein Herz tatsächlich nicht mehr so schlägt, wie es sollte. Und vielleicht gehört das ja auch zu einer menschlichen Gesellschaft, dass selbst die Justiz so etwas nicht übersieht. Für einen deutschen Staatsanwalt aber ist das schwer vorstellbar, um es vorsichtig auszudrücken. In der Schweiz aber ticken die Uhren doch anders.

Straubinger Tagblatt vom 15. Februar 2020 

Produktives Misstrauen

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. Januar 2020

Wenn der Philosoph Jürgen Habermas zu Besuch in München ist und über den Marienplatz bummelt, schauen ihm die Leute neugierig nach. 90 Jahre ist er jetzt schon alt, aber er gilt als der vielleicht letzte ganz große Denker unserer Tage. Mit zwei dicken Büchern, die den seltsamen Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“ tragen, hat er gerade die Summe seines Lebens und Denkens publiziert. Und das ist erstaunlich: Dieser alte Philosoph, der aus der Tradition der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer kommt, erzählt auf diesen knapp 2 000 Seiten eigentlich nur von seinem Heimweh; vom Heimweh danach, dass unsere moderne und so selbstvergessene Zeit die religiösen und spirituellen Voraussetzungen unserer Kultur nicht vergisst. Vom Christentum, vom Buddhismus oder auch von Konfuzianismus und Taoismus. Dass eine Welt, die glaubt, sich ganz bewusst von ihren religiösen Wurzeln abschneiden zu können oder sogar zu müssen, am Ende des Tages eine ärmere Welt sei, das ist es, was er am Ende seines Lebens zu sagen hat. Es ist schon bewundernswert, wie es diesem großen Denker gelingt, den Bogen von der griechischen Philosophie bis in unsere Tage zu schlagen und so aufzuzeigen, wie sich über die Jahrtausende unser Bewusstsein entwickelt und verändert hat.

Ganz am Anfang seines großen Werks aber macht Habermas eine Anmerkung zur gegenwärtigen Situation von Politik und Medien, die hochinteressant ist. Er schreibt hier, dass eine moderne Demokratie davon lebe, dass das Politische in der „diffusen Gestalt frei konkurrierender öffentlicher Meinungen in Verbindung mit demokratischen Wahlen ein einigendes Zentrum bilde“. Übersetzt: Es braucht Wahlen und zahlreiche Medien, damit Demokratie funktioniert. Und dann merkt er an: „Das ist freilich nur so lange möglich, wie die entscheidungsbedürftigen Themen überhaupt noch in die Kommunikationskreisläufe Eingang finden und die staatlich institutionalisierten Entscheidungen selbst in dem pluralistischen Stimmengewirr einer vitalen Öffentlichkeit verwurzelt bleiben.“ Übersetzt: Wenn Politik nicht mehr über das entscheidet, was die Menschen bewegt, und die Medien das nicht mehr berichten, was wirklich wichtig ist, kann Demokratie scheitern.

Habermas weiter: „Die Belastungen, die durch die Funktionsstörungen in einzelnen Teilsystemen der Gesellschaft, vor allem im ökonomischen System, hervorgerufen werden, finden auf dem Resonanzboden der Zivilgesellschaft ein Echo in einer zerstreuten, aber gesellschaftsweit verbreiteten Krisenempfindlichkeit.“ Übersetzt: Wenn Wirtschaft und Medien vom Primat des Geldes her funktionieren, beginnen viele Menschen zu misstrauen. Nicht nur den Medien, sondern auch der Welt, in der sie leben. Habermas ein letztes Mal: Dieses Misstrauen „kann sich in der politischen Öffentlichkeit artikulieren und unter günstigen Bedingungen mobilisierende Kraft entfalten. Die längst verstaatlichten politischen Eliten empfangen von dieser Seite einen intentionalen Gegendruck zu dem Erpressungspotenzial der Märkte und allgemein zum systemischen Sog funktionaler Imperative, die im Scheine von Sachnotwendigkeiten auftreten.“ Eine letzte Übersetzung: Das Misstrauen, das viele Menschen heute prägt, ist ein Hoffnungsschimmer. Denn die Menschen spüren, dass es eine Welt geben muss, die nicht von Angela Merkels „alternativlosem“ Sprechen und Handeln geprägt wird und auch nicht von den Giganten am Medienmarkt, die da Google oder Amazon heißen. Und weil die Menschen das spüren, gehe von diesem Gespür ein Widerspruch aus, der für Politik und Gesellschaft produktiv werden könne.

Heute gibt es unglaublich viele Verschwörungstheorien. Die da oben empfingen ihre Befehle von geheimen Mächten, so sagen viele. Und in den Medien gebe es nur Ablenkungsmanöver, sie seien längst mit den Mächtigen im Bunde. Habermas erklärt auf diese Art und Weise, warum Menschen so denken. Sie erleben ihr Leben als abgekoppelt von dem, was täglich in Politik und Medien verhandelt wird.

Erstaunlich ist, wie sich die Extreme berühren. Die Botschaft von Habermas ist dem, was die Politiker von der AfD erzählen, gar nicht so fremd. Oder auch dem, was Donald Trump jeden Tag von sich gibt: „Euch hat man betrogen. Man hat euch um euer Leben betrogen.“ Das ist die Botschaft der extremen Rechten mitsamt der Lösung: „Ich oder auch wir werden euch helfen.“

Und das ist dann auch der entscheidende Unterschied. Denn der kritische Impuls, den Habermas vollkommen zu Recht gibt, wird gerade von denen missbraucht, die die Menschen heute in ihrer Angst um ihre Zukunft mit falschen Versprechen abholen. Genau diese politischen Kräfte haben ohne Philosophiestudium verstanden, wie es um die Gesellschaft heute auch bestellt ist – und missbrauchen das Vakuum, das auch in Deutschland entstanden ist. Ein Drittel der Menschen in unserem Land hat Angst vor Armut, hat Angst, ausgeschlossen zu werden von den Mechanismen, die die Gesellschaft solidarisch zusammenhalten. Hat Angst, herauszufallen aus dem Miteinander der Menschen, das für alle so lebensnotwendig ist. Und man kann also sagen, dass genau die Menschen, die heute ein verständliches Misstrauen entwickelt haben, wie die Dinge politisch so laufen, von genau den Parteien missbraucht und ein zweites Mal belogen und betrogen werden, denen sie ihr Misstrauen sozusagen anvertrauen. Von Donald Trump bis hin zur AfD, die keinerlei Rezepte für eine bessere Welt zu bieten hat.

Die zweite Frage: Ist es denn wirklich so, dass die Medien heute abgekoppelt sind vom Leben der Menschen? Vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel über die Süddeutsche Zeitung bis hin zur Wochenzeitung Die Zeit? Ist es nicht doch so, dass gerade in den Printmedien die sozialen Fragen einen breiten Raum einnehmen? Dass dort Einzelschicksale in aller Härte dokumentiert werden oder auch aufgezeigt wird, welche politischen Strukturen welche Folgen nach sich ziehen? Selbst die Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Ist es nicht doch so, dass wir ein recht gutes Bild bekommen von den Politikern aller Parteien, die wir am Wahlsonntag wählen können?

Der Befund von Habermas, dass etwas nicht mehr stimmt, ist sicher zutreffend. Aber gibt es nicht doch gerade in unserer Demokratie ganz viele Hebel, wo wir mitarbeiten können, dass die Welt besser wird? In den Vereinen und Verbänden, an unserem Arbeitsplatz, selbst in den viel gescholtenen Parteien, die offensichtlich so stark sind, dass die extreme Rechte viel weniger Chancen hat, als dies in anderen auch europäischen Ländern der Fall ist.

Den kritischen Impuls also, den Habermas vollkommen zu Recht ausspricht und der von den radikalen Kräften weltweit so gerne missbraucht wird, den gilt es in anderer Weise aufzunehmen und umzusetzen. Indem wir nämlich den radikalen Impuls, dass wir etwas ändern müssen, nicht den radikalen Kräften im Land anvertrauen!

Straubinger Tagblatt vom 25. Januar 2020 

Merkels Erbe

von Prof. Dr. Martin Balle | 24. Dezember 2019

Zwei persönliche Erzählungen zeigen sehr gut einen Wesenszug von Angela Merkel, der für diese lange Zeit ihres Regierens, wie es jetzt in allen Zeitungen gewürdigt wurde, kennzeichnend ist. Ein CDU-Bundestagsabgeordneter aus Nordrhein-Westfalen erzählte mir, dass er einmal in einer internen Fraktionssitzung deutliche Kritik an Angela Merkels Politik geübt habe. Die Kritik sei von allen als sachlich fundiert und nicht persönlich kränkend erlebt worden. Weil einige Kollegen in der Fraktion aber die Medien über SMS bereits verständigt hätten, dass es in der Fraktion deutliche Kritik an der Regierungschefin gegeben habe, hätten vor der Tür am Ende der Sitzung bereits zahlreiche Mikrofone und Kamerateams gewartet, um ihn zu interviewen. Das habe er als treuer Parteisoldat verweigert, weil es ihm alleine um eine inhaltliche Kritik gegangen sei, aber nicht um persönliche Profilierung.

Der Abgeordnete hat sich also mehr als korrekt verhalten. Das Ende der Geschichte aber ist, dass die Kanzlerin ihn nach seiner Kritik knapp zwei Jahre lang keines Blickes mehr würdigte. Ganz genauso erging es dem Vorstand eines Dax-Konzerns. Er erhielt vom Kanzleramt eines Morgens einen Anruf, dass die Kanzlerin es nicht für opportun halte, wenn er eine Einladung zu Wirtschaftsgesprächen in St. Petersburg annehme. Nachdem der Vorstand aber die Sache ganz anders sah und sich vor allem seinem Unternehmen und nicht der Regierung verpflichtet fühlte, nahm er die Einladung dennoch an. „Danach wurde ich von Angela Merkel nie mehr zu einer Wirtschaftsreise ins Ausland mitgenommen – und die persönlichen Gespräche, die es vorher mindestens einmal im Jahr gegeben hatte, entfielen von da an für immer“, so sagte er mir Jahre später unter vier Augen.

Nachtragend ist sie die Kanzlerin, so erzählen es alle, die sie näher kennen. Und vor allem möchte sie niemals einen Fehler gemacht haben. Und zugeben schon gleich überhaupt nicht. Wie eine fehlerfreie Prinzessin möchte sie gesehen werden nach 14 Jahren Kanzlerschaft, einer neuen Rekordzeit, die sich jetzt also nochmals um zwei Jahre verlängern soll. Dabei wissen wir doch, dass es das Wichtigste im Leben ist, sich korrigieren zu lassen. Mit dem Philosophen Popper das Leben als einen Weg von Versuch und Irrtum zu beschreiten, auf dem man nur mühsam mit vielen Irrtümern sich aber dennoch der Wahrheit immer mehr annähert.

Am Anfang von Angela Merkels politischem Weg stand das Wahlkampfmanagement für ihre Partei nach der Wende vor knapp 30 Jahren. Sie sah, wie es ging. Sie verstand, wie man ein Rennen gewinnt. Nicht um Inhalte geht es beim Ringen um die Macht, sondern um den Sieg und dass man ihn erringt. Und sie verstand das Spiel und war darin erfolgreich. Warum also nicht für sich selber trommeln, statt für einen anderen? Auch ihre Abkehr von Helmut Kohl vor 20 Jahren in einem viel beachteten Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte inhaltlich wenig zu bieten. Er war bloß ein Signal, sich endlich vom schwach gewordenen Altkanzler abzuwenden. Weil sie es war, die die Chance zur persönlichen Profilierung als Erste wahrnahm, wurde auch sie es, der die Partei, die Kohls müde war, den roten Teppich auszurollen begann. Viel ist geschrieben worden über all die Männer, die damals noch glaubten, „Kohls Mädchen“ wieder loszuwerden. Aber sie war es, die all die Männer einen nach dem anderen entsorgte und sich selbst immer besser darzustellen verstand. Um manchen der Krieger aus diesen Tagen ist es beileibe nicht schade, dass er in der zweiten oder sogar dritten politischen Reihe verschwand oder sich eben ganz aus der Politik zurückzog. Aber was Merkel versäumte, war, neue und junge begabte Politikerinnen und Politiker zu fördern und als (fast) gleichberechtigte Partner an sich zu binden. Lieber umgab sie sich mit eher zweitklassigen Claqueuren, mit den Schavans oder von der Leyens dieser Welt. Heute hat die CDU kaum Führungspersonal in ihren Reihen, dem man zutrauen würde, einen Weg in die Zukunft zu finden, der Erfolg versprechend sein könnte. Die Partei erscheint als ausgezehrt, nicht nur, was die Personen angeht, sondern auch, wenn es um Inhalte geht.

Der Ausstieg aus der Kernenergie, nicht aus Überzeugung, sondern so ganz schnell im intuitiven Wissen, dass die Menschen nach Japans Atomkatastrophe jetzt Angst haben, sodass also Wahlen verloren gehen könnten. Und auch dort, wo Angela Merkel in Sonntagsreden von Frieden in Freiheit, von Menschen- und Grundrechten sprach, es hatte nie den Zauber dessen, der diese Dinge aus tiefstem Herzen liebt und sie so zur Sprache bringt, dass sie in ihrer wunderbaren Bedeutung faszinieren und lebendig werden. Stattdessen Rüstungsexporte auf Rekordniveau gerade auch in die Krisenländer der Welt und eine halbherzige Verurteilung von Saudi-Arabien, das in seiner türkischen Botschaft einen Regimekritiker töten und in seine Einzelteile zerlegen lässt.

Über das Jahr 2015 ist viel gesprochen worden. Natürlich war es ein Fehler, den Zuzug von mehr als einer Million Menschen unvorbereitet zuzulassen und erst dann in Brüssel nachzufragen, ob man eine europäische Lösung nicht doch finden könnte. Aber auch diesen Fehler konnte Merkel nie eingestehen, obwohl sie schnell alles tat, um ihn wenigstens halbwegs einzufangen. Am Ende stand der Teufelspakt mit Erdogan, den man jetzt also nicht mehr nur in der Nato braucht. Dann drei Reisen nach Afrika, um zu zeigen, dass man sich endlich für diesen Kontinent einsetzt, die aber am Ende buchstäblich im Sande verliefen. Dann wieder nichts. Vier lange Jahre kaum nennenswerte Ansätze in Afrika, sich entscheidend vor Ort einzusetzen und die Welt dort besser zu machen, damit die Flüchtlingsströme endlich weniger werden. Jetzt kommen neue Flüchtlinge und damit alte Probleme.

Auf Macrons flammendes Plädoyer für mehr Europa antwortete Angela Merkel nicht selbst, sondern ließ nach Verstreichen von viel zu viel Zeit die neue Parteivorsitzende antworten. Ein Regelbruch, der nicht zu akzeptieren ist. Und am Europawahlkampf nahm sie gleich überhaupt nicht mehr teil. Sie sei ja jetzt nicht mehr Parteichefin, so ließ sie verlauten, sondern nur mehr Kanzlerin, was soll sie sich auf den Wahlkampfplätzen der Welt die Hacken ablaufen, hat sie sich gedacht und sich auch so verhalten.

Es gibt nicht wenige, die sagen, die Welt werde sich nach Angela Merkel und der Stabilität, die es in ihren Jahren auch gegeben habe, noch zurücksehnen. Aber die andere Seite dieser Jahre sind die unendlichen Defizite dieser Kanzlerschaft. Ihr durchgängiges Mittelmaß, ein Regieren ohne eine Idee für das Land. Das ständige Lavieren, um ja die Macht zu erhalten. Faule Kompromisse, die nach allen Seiten dienen wollten, eine Politik ohne echte Ecken und Kanten. In zwei Jahren also ist es endlich vorbei. Natürlich – es kann auch immer noch schlimmer kommen!

Straubinger Tagblatt vom 24. Dezember 2019

Weihnachten 2019

von Prof. Dr. Martin Balle | 23. Dezember 2019

„Könnte es sein, dass es in Wahrheit bergab geht, weil die Menschen in einer vollständig aufgeklärten, digitalisierten und berechenbaren Welt reicher und gleichzeitig ärmer, gesünder und gleichzeitig kränker, toleranter und gleichzeitig missgünstiger, sicherer und gleichzeitig ängstlicher, vernetzter und gleichzeitig einsamer werden?“ So fragt der Autor Tobias Haberl in der Wochenzeitung Die Zeit vor wenigen Tagen. Zwar gäbe es heute im Netz ein immenses Wissen und auch einen ungeheuren Austausch von Wissen, aber all das sei am Ende nur eine „Tyrannei der Rationalität“. Mit einem schönen Bild beschreibt Haberl unsere Welt im 21. Jahrhundert: „aufgeklärt, aber leblos, hübsch, aber langweilig, sicher, aber kontrolliert wie ein nordkoreanisches Straflager – ein Ort ohne Zauber, aus dem sich jedes Temperament, jede Poesie und Transzendenz verabschiedet haben“.

„Der Ton macht die Musik“, heißt ein bekanntes Sprichwort. Aber was für ein Ton ist das denn überhaupt noch, der im Netz gepflegt wird. Sicher, es gibt die Hate Speech, das Herausschreien der eigenen Aggressionen, aber selbst dort, wo das nicht stattfindet, ist das Netz am Ende auch ein Ort der Unwirtlichkeit. Tonlos – trotz aller Informationen, die es da gibt, ganz im Unterschied zur Stimme eines Menschen, den man lieb gewonnen hat. Bei guten Priestern oder Ärzten fällt oft gleich die Stimme auf, mit der sie sich an die Menschen wenden, denen sie helfen wollen. Auch bei so manchem Psychotherapeuten oder Psychoanalytiker. Weich klingen diese Stimmen, den Menschen zugewandt. Man kann sich kaum abwenden von der Zugewandtheit ihres Sprechens und wundert sich, wie sie dahin gekommen sind – dass sie im Grundton ihres Sprechens diesen freundlichen Klang vor sich her sprechen können.

Aus Studien zur Arbeitswelt wissen wir heute zudem, dass Mitarbeiter in einem Unternehmen gar nicht so sehr auf den Inhalt dessen achten, was ihnen gesagt wird; sie hören vielmehr auf den Klang des Gesagten. In welchem Ton werde ich angesprochen? Das ist die Unternehmenskultur, die für den Mitarbeiter am Ende zählt. Und wird dieser Ton auch durchgetragen und durchgehalten, wenn Fehler passieren? Wenn nicht die Sonne scheint, sondern gerade auch in schwierigen Situationen, oder auch wenn Fehler gemacht werden. Ein ernsthafter Ton, der aber nicht die bewusste Aggression sucht, weil man das eigene Unglück schon längst im Herzen trägt und den ganzen Frust jetzt endlich begründet am anderen, am Nächsten auslassen kann.

Immer wieder haben Menschen gefragt, wie wohl Jesus geklungen hat. Wie seine Stimme war. In welchem Ton er auf die Menschen zugegangen ist. Oder auch sein Blick, den die ganzen Hollywood-Filme über diese Zeit so schmalzig gerade nicht treffen können. Und das Evangelium, das die ganzen Geschichten erzählt, ist ja doch scheinbar nur trockener Buchstabe, der das wirkliche Leben dieser Zeit zu wenig ausdrücken könne, sodass viel zu wenig fühlbar werde von dem, was damals vor 2 000 Jahren geschah. So klagen gerade auch die besten Theologen, die doch die Sehnsucht haben, in sich selbst zu spüren, was damals wirklich geschah. Aber ist das wirklich so?

Denn feststellen muss man schon, dass die Evangelien im Unterschied zum Netz einen ganz beschränkten Umfang haben. Vier Evangelisten erzählen aus ihrer Sicht das Geschehen. Recht viel mehr ist es nicht. Passt in jede Manteltasche. Und die einzelnen Gleichnisse sind so kurz und einfach, dass sie schon von daher ein Gegenprogramm zum überflüssigen Überfluss der digitalen Welt bieten. Bilder für das gute Leben. Kaufleute, die sich ernsthaft bemühen. Jesus als Arzt, der Leben schenkt. Einfache Bilder, einfache Geschichten, die aber sofort unvergesslich sind, wo man sie zum ersten Mal hört.

„Jesus hat nicht Programme und Ideen verkündigt, sondern auch und wesentlich physische, heilvolle Präsenz Gottes in sich selbst“, schreibt der Theologe Klaus Berger. Er ist es, der hör- und fühlbar wird in all den Texten des Neuen Testaments. Aber hinter dieser viel besprochenen Ebene des reinen Inhalts gibt es auch einen Ton, der hörbar wird im Neuen Testament? Das ist eine entscheidende Frage zum Weihnachtsfest. Die Evangelien sind alle Jahrzehnte nach der Kreuzigung Jesu geschrieben. Jede Zeile atmet das tragische Ostergeschehen. Schon die Weihnachtsbotschaft ist vom Ende her erzählt. Auch sie also steht in der Mitte von Freude und Trauer, von Unglück und Hoffnung, von Hoffnungslosigkeit und Erlösung und trägt so als Kehrseite der Trauer in ihrem Ton die Liebe in sich. Schon Augustinus schreibt: „Gut sollten wir diese Stimme kennenlernen, diese glücklich singende, diese stöhnende, diese in Hoffnung aufjubelnde, in ihrem gegenwärtigen Zustand aber seufzende Stimme: Gut sollten wir sie kennenlernen, sie innerlich vernehmen und sie uns zu eigen machen.“

Aus den Texten des Neuen Testaments wird sehr wohl ein Ton hörbar, der die reine Schrift aufbricht. Es ist der Ton der Liebe, die den ganzen Schmerz und die ganze Trauer des Ostergeschehens als fruchtbaren Humus der Liebe in sich trägt und damit erst in die wirkliche Lebensfülle führt. Schon das Geburtsgeschehen an Weihnachten spielt so zuinnerst auf das ewige Geboren-Sein an, das im Ostergeschehen der Todesverfallenheit des Lebens widerspricht. „In seinem von Johannes als Siegesruf verstandenen Todesschrei, im Umschlag von Schmerz in Jubel kommt zum Vorschein, was er vollbringt, indem er leidet, was er sagt.“ (Eugen Biser) Von hier aus rührt der Ton, der die wunderbaren Texte des Evangeliums durchklingt.

Unsere Zeit sucht eher das leidlose Glück. Die ununterbrochene Freude. „Die Unfähigkeit zu trauern.“ Den leidlosen Komfort. „Was ist denn gewonnen, wenn die Glasfasernetze verlegt und Zahnbürsten mit dem Internet verbunden sind, aber keine Verlockung mehr ausgeht von der Welt, wenn die Impulse ausbleiben, die Reize versiegen, die Schönheit schwindet und der Sinn“, so fragt unser Autor Tobias Haberl.

Glaube, so sagte einmal ein berühmter Theologe, sei Unterbrechung. Die Medienwelt von heute sendet fortdauernd. Das Weihnachtsgeschehen unterbricht diese rastlose Welt, wenn wir es zulassen. Und hinter dem Ton, der von ihm ausgeht, wird auch etwas sichtbar. Im Leidens- und Liebeston, der die Evangelientexte durchzieht, wird in unserer seelischen Vorstellungskraft sogar die Bilderwelt wirkmächtig. „An die Stelle des Sinns tritt das Gesicht Jesu. Es ist gleicherweise gezeichnet vom Entsetzen wie von der alles erduldenden Liebe.“ (Biser) Auf diese Weise können wir neue Kraft tanken. Weil in uns selbst sich so ein neuer Ton bahnbrechen kann. So können wir erleben, wie sich das Evangelium in unsere Zeit hineinspricht. Mit seinen Bildern und in seinem Ton der Liebe nimmt es uns gerade an Weihnachten bei der Hand und führt uns in die Welt, die wir oft genug vermissen, ohne es zu bemerken.

Straubinger Tagblatt vom 21. Dezember 2019 

Seifenblasen sehen anders aus

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Dezember 2019

Robert Habeck ist alles andere als ein Schaumschläger. Sein politisches Engagement wirkt darum echt

Neugierig war ich auf meine Begegnung mit Robert Habeck. Ein ungewöhnlicher Politiker ist er auf jeden Fall. Aber wer ist er wirklich? „Wissen Sie, der Habeck hat zu allem eine Meinung, aber von nichts eine Ahnung“, hatte mir gerade noch ein konservativer Politiker am Rande einer Veranstaltung zugeraunt. Aber wie schafft man es dann zum Parteichef der Grünen oder wenigstens zu einem von beiden? Und in Talkshows am Fernsehen kommt er doch immer recht gut rüber, denke ich mir; und dass er bei der Fahrtkostenpauschale mal nicht ganz im Bild war – nachvollziehbar. Aber dennoch: „Der Habeck wird platzen wie eine Seifenblase“, hört man nicht selten. Und jetzt also kommt er nach Landshut, wo die Bauern schon protestieren.

Es ist früher Abend. Kalt und unwirtlich. Nasser Nebel. 1 000 Bauern stehen mit 600 Schleppern vor der Sparkassenarena und sprechen sich Mut zu. Sie fühlen sich nicht mehr gesehen und geschätzt für ihre Leistung für das Land. Sie warten auf Habeck, der heute hier mit Sigi Hagl für die Grünen den Landshuter Kommunalwahlkampf eröffnet. Ihre Stimmung passt zum Wetter. Habeck und Hagl sind zu spät. Wer nur mit dem Zug und dem Fahrrad reist, muss froh sein, überhaupt anzukommen, denke ich mir. Da sind die 20 Minuten Verspätung eigentlich eine positive Überraschung.

„Habeck wird nicht aggressiv, aber er gibt seine Position auch nicht auf“

Beide sprinten jetzt nach oben auf die Bühne im Freien, wo gerade ein im Grunde sympathischer Bauer die Stimmung nochmals angeheizt hat. Freundlich ist der Empfang für Habeck hier also nicht. Der Grünen-Chef ist leger gekleidet und stellt sich sofort vor die 1 000 protestierenden Bauern. Natürlich, das muss ein Politiker können, aber irgendwie ist es doch auch mutig. Beifall bekommt er keinen. Dass es seltsam sei, in die Verantwortung genommen zu werden für eine Politik, die er gar nicht gemacht habe, meint er, um doch zuzugeben, dass die Rolle der Bauern gerade auch für ihn heute eine ganz andere sei als in den letzten 50 Jahren. Die Bauern hätten nach dem Zweiten Weltkrieg die Aufgabe bekommen, ein ausgehungertes Land für wenig Geld wieder gut zu versorgen. Viel zu produzieren, um das Land wieder nach oben zu bringen. Heute sei die Aufgabe der Bauern eine andere. Neben der Ernährung vor allem Landschaftsschutz auch zulasten des Ertrags, und dieser Rollenkonflikt, so erklärt er, sei eine neue strukturelle Problematik, die es jetzt zu lösen gelte.

Im Gespräch auf der Bühne gehen die Bauern nicht wirklich auf ihn ein, sondern schreien ihre Not wieder laut aus sich heraus. Die Antwort Robert Habecks: Er erklärt nochmals in fast denselben Worten die von ihm aufgezeigte Problematik und gibt nicht nach. Allein der Ton seiner Stimme verändert sich. Sie bekommt diesen hellen, abwehrenden Klang, den ich schon aus den Talkshows kenne. Habeck wird nicht aggressiv, aber er gibt seine Position auch nicht auf. Ich kenne Politiker sonst eher als Menschen, die sich entweder durchsetzen wollen oder, wenn das nicht geht, dann halt nachgeben. Habeck steht. Nur in seine Stimme zeichnet sich der innere Kampf und die Mühe ein, die eigene Position zu erklären und nicht aufzugeben.

Beim Pressegespräch danach erklärt Habeck seine Haltung. Er wolle bewusst nicht provozieren und im politischen Streit auch nicht aggressiv reagieren. Auch als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in den letzten Wochen besonders aggressiv auf die Grünen losgegangen wäre, habe man sich nicht provozieren lassen, sondern schlicht die eigene Position bewahrt und erklärt. Ausbrechen wolle man so aus den Negativ-Ritualen der Politik, die die Bürgerinnen und Bürger so satthätten.

Denken muss ich an einen Auftritt von Habeck mit Annalena Baerbock, der anderen Chefin der Grünen, als sie zu Gast waren bei Markus Lanz im ZDF. Ein eher drittklassiger Journalist hatte zu Beginn der Sendung mit allzu einfachen Parolen versucht, Habeck und Baerbock aus der Reserve zu locken. Dem ging es nicht um ein Gespräch, sondern nur um Randale. Aber die beiden waren ganz ruhig geblieben, erklärten ihre Position; was sie sich über den Kollegen dachten, kann ich mir vorstellen. Respekt aber nötigte es mir ab, dass sie ihre gelassene Position die ganze Sendung lang durchhielten und weiter von der Sache her argumentierten.

Über den freundlichen und doch so tragischen Schriftsteller Boehlendorff aus dem 18. Jahrhundert schrieb Habeck seine Magisterarbeit, bevor er in seiner Dissertation dafür warb, dass literarische Welten den Zugang zur Alltagswirklichkeit besser und schöner machen. Seine eigenen Bücher, die er dann als Schriftsteller selber schrieb, gelten bis heute als qualitativ gut, gerade auch seine Kinderbücher. Auch dass er vieles aus Liebe ganz bewusst zusammen mit seiner Frau schrieb, mit der er gleich noch vier Kinder hat, deutet eher nicht darauf hin, dass er nur ein Hochstapler wäre.

„Bis in sein Sprechen hinein ist Platz für andere Menschen“

Noch nicht einmal 20 Jahre ist es jetzt her, dass er sich am Beginn des neuen Jahrtausends ganz bewusst für die Politik entschied. 10 Jahre nach dem Einstieg ins neue Metier wurde er in Schleswig-Holstein Landwirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident. Sechs Jahre lang. Jetzt kümmert er sich nur noch um die Bundespolitik. Das Amt von damals und die Bücher von früher sind heute weit weg. Geblieben ist die freundliche Art, die er aus früheren Tagen mitnimmt und offensichtlich nicht preisgeben will.

Am Abend gibt es noch eine Einladung für knapp 40 geladene Gäste. In seiner Rede spricht Habeck nicht von sich, sondern nur von seiner Freundschaft mit Sigi Hagl, die in Landshut Oberbürgermeisterin werden will und dafür den Vorsitz der Partei in Bayern aufgab. Für einen Politiker ungewöhnlich: Bis in sein Sprechen hinein ist da wirklich Platz für den anderen Menschen. Dann geht Robert Habeck von Tisch zu Tisch und spricht mit den anderen Gästen. Dabei bleibt er freundlich und zugewandt. Seifenblasen sehen anders aus, denke ich mir, als ich am Ende spätabends nach Hause fahre.

Straubinger Tagblatt vom 7. Dezember 2019

 

 

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