Prof. Dr. Martin Balle

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Martin Balle

Die Genese einer Volkspartei

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. März 2020

SZ-Redakteur Roman Deininger porträtiert humorvoll und kenntnisreich das Profil der CSU

Als vor 40 Jahren Franz Josef Strauß das Straubinger...


Zeit zur Besinnung

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. März 2020

Ob die Geschichte der Menschheit einen Sinn hat oder doch eher nicht, ob vieles vorherbestimmt ist oder nicht; wie viel Freiheit angesichts eines auch vorfestgelegten...


Das Gift des Bösen

von Prof. Dr. Martin Balle | 07. März 2020

Als der Schriftsteller Stefan Zweig und der geniale Entdecker des Unbewussten Sigmund Freud sich in London trafen, während Hitler und die Seinen in Deutschland ihren...


Vorteil für Armin Laschet

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. Februar 2020

Das wundert mich, dass sich jemand wundert, dass ganz plötzlich Armin Laschet und Jens Spahn im selben Segelboot sitzen. Das war doch klar, dass der Schwächste...


In eigener Sache

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. Februar 2020

Natürlich war es nur eine Karnevalsveranstaltung in Aachen, bei der Friedrich Merz mit Bezug auf die digitalen Möglichkeiten für Politiker über...


Noch ein Märchen

von Prof. Dr. Martin Balle | 15. Februar 2020

Es gibt fast nichts Schöneres, als in einer feinen Schweizer Gesellschaft, zum Beispiel in Zürich, den Namen Jean Ziegler fallen zu lassen und am besten noch...


Produktives Misstrauen

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. Januar 2020

Wenn der Philosoph Jürgen Habermas zu Besuch in München ist und über den Marienplatz bummelt, schauen ihm die Leute neugierig nach. 90 Jahre ist er jetzt...


Merkels Erbe

von Prof. Dr. Martin Balle | 24. Dezember 2019

Zwei persönliche Erzählungen zeigen sehr gut einen Wesenszug von Angela Merkel, der für diese lange Zeit ihres Regierens, wie es jetzt in allen Zeitungen...


Weihnachten 2019

von Prof. Dr. Martin Balle | 23. Dezember 2019

„Könnte es sein, dass es in Wahrheit bergab geht, weil die Menschen in einer vollständig aufgeklärten, digitalisierten und berechenbaren Welt reicher...


Seifenblasen sehen anders aus

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Dezember 2019

Robert Habeck ist alles andere als ein Schaumschläger. Sein politisches Engagement wirkt darum echt

Neugierig war ich auf meine Begegnung mit Robert Habeck....


Die Genese einer Volkspartei

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. März 2020

SZ-Redakteur Roman Deininger porträtiert humorvoll und kenntnisreich das Profil der CSU

Als vor 40 Jahren Franz Josef Strauß das Straubinger Gäubodenvolksfest eröffnete, hatte er für danach auch einen Besuch im „Straubinger Tagblatt“ zugesagt. Weil die Redakteure wussten, dass Strauß während seiner Eröffnungsrede bereits ein oder auch zwei Maß Bier getrunken haben würde, tischten sie danach alles Mögliche auf: Kaffee, Säfte, Kuchen und auch Tee. Doch Strauß blickte voller Verachtung auf die dargebrachten Gaben und meinte nur: „Habt’s kei Bier?“ Das Redaktionsgespräch dauerte dann über zwei Stunden, Strauß redete sich in Rage und trank währenddessen noch sechs Flaschen Bier. Die Tonbandaufnahmen, die wir mitlaufen lassen durften, behielten wir für uns, um den Frieden im Land nicht zu stören.

Wer die CSU und ihre Politiker über Jahre begleitet, der hat wahrhaftig etwas zu erzählen. Roman Deininger, Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“, hat jetzt eine Fülle von Begegnungen mit Politikern der CSU in seinem Buch „Die CSU – Bildnis einer speziellen Partei“ festgehalten. Deiningers Buch ist aber vor allem deshalb so lesenswert, weil es gerade nicht nur Anekdoten versammelt, die witzig und unglaublich erheiternd sind, sondern weil es all diese Begebnisse in einen Historienteppich hineinwebt, der zeigt, wie die CSU seit ihrer Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg genau die Partei wurde, als die wir sie heute kennen: ganz speziell eben.

Gut ist vor allem, dass der Autor dem Gegenstand seines Erzählens bei aller Kritik prinzipiell wohlwollend gegenübersteht. Er arbeitet die historischen Leistungen der Partei exakt heraus und hat durchaus Sympathie für die prägenden Figuren dieser Partei. Vieles, was er erzählt, ist heute auch vergessen. Umso wertvoller sind seine Erinnerungen. Etwa die Auseinandersetzung mit der Bayernpartei, die am Anfang noch ein ebenbürtiger Rivale war, dann aber mit viel List und Tücke niedergerungen wurde. Oder auch die Regierungsjahre des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner ab 1954, der deshalb das Land lenken durfte, weil die CSU ihn unterschätzte und sich selbst überschätzte.

Besonders interessant sind natürlich die Teile, die sich der jüngeren Geschichte Bayerns widmen. Der Verlust der Macht von Stoiber, die harte Auseinandersetzung zwischen Seehofer und Söder, der Machtkampf zwischen Waigel und Stoiber, die Kanzlerkandidaturen von Strauß und Stoiber, all das wird detail- und kenntnisreich erzählt.

Weil es aber ein glänzender Journalist ist, der erzählt, finden sich wunderbare, fast literarische Bilder und Wortspiele in diesem Buch. So etwa, wenn er den Landesgruppenchef der CSU in Berlin, Alexander Dobrindt, folgendermaßen charakterisiert: „Am Ende seiner Verwandlung vom Schützenkönig zum Maßanzugträger stand deshalb auch eine Art Maske, die er in der Öffentlichkeit seither immer aufhat. Das freundliche, aber komplett unbewegte Gesicht. Die vor der Brust verschränkten Arme. Der weiche, stocknüchterne Ton, als würde er von einem unsichtbaren Blatt ablesen.“ Oder wenn Deininger erzählt, wie Markus Söder als Ministerpräsident zum ersten Mal bei der Fronleichnamsprozession in München teilnahm: „Nach der Fronleichnamsprozession beschwerten sich Katholiken mit Sinn für Etikette, Söder habe während der Prozession ständig den Zuschauern am Wegesrand zugewinkt. ‚Wir sind doch nicht beim Oktoberfestumzug‘, schimpfte einer.“

All diese Miniaturen arbeiten am Ende das Profil einer Partei heraus, die Bayern über Jahrzehnte prägte und immer noch prägt. Und die Figuren, die so unglaublich gut beschrieben werden und die man sonst eher aus der Tagesschau festgezurrt in ihren Berufspolitikerrollen erlebt, werden dabei lebendig wie Romanfiguren, mit denen man mitempfindet und mitgeht. Das ist nicht nur spannend zu lesen, sondern auch sehr lehrreich. Die Zeit vergeht beim Lesen wie im Flug!

Roman Deininger: Die CSU – Bildnis einer speziellen Partei. C. H. Beck Verlag, München, 352 Seiten, 24 Euro.

Straubinger Tagblatt vom 28. März 2020 

Zeit zur Besinnung

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. März 2020

Ob die Geschichte der Menschheit einen Sinn hat oder doch eher nicht, ob vieles vorherbestimmt ist oder nicht; wie viel Freiheit angesichts eines auch vorfestgelegten Schicksals der Mensch überhaupt hat, darüber haben Philosophen aller Jahrhunderte immer wieder nachgedacht. Gibt es eine Entwicklung zum Guten? Warum dann immer wieder all die schlimmen Rückschläge? Und wenn die Welt schlecht ist und schlecht bleibt, warum dann überhaupt arbeiten für eine bessere Welt?

Im Geschichtskonzept des deutschen Idealismus von Friedrich von Schiller bis hin zu Friedrich Hegel gibt es darauf eine ganz einfache, aber auch hochproblematische Antwort. Die Menschheitsgeschichte sei schon eine Aufwärtsbewegung zum Ideal, weil die in der Geschichte innewohnende Vernunft sich über die Gegensätze von Gut und Böse in die richtige Richtung bewege. Die Schattenseiten des Bösen seien notwendig, weil nur so in der Dynamik des Widerspruchs zwischen Licht und Schatten die Geschichte an ihr gutes Ziel kommen könne. Das ist mit Recht immer wieder kritisiert worden. Denn wenn das notwendig so ist, wie Schiller oder Hegel das postulieren, dann sind das Böse, der Absturz, der Rückschritt in der Menschheitsgeschichte immer schon gerechtfertigt, weil sie ja notwendig sind, damit die Vernunft die Geschichte zu ihrem guten Ende bringen kann. Dann gibt es gute Gründe, dass es einen Hitler gibt, einen Stalin oder auch all die anderen Bösewichte der Weltgeschichte.

Den entscheidenden Widerspruch gegen ein solches auch typisch deutsches Geschichtsverständnis hat die christliche Philosophie eingelegt. Von ihr kommt der Begriff der sogenannten „Heilsgeschichte“. Dieser Begriff meint, dass mit der Menschwerdung Jesu Christi eine Beziehung zwischen Gott und der Welt gestiftet worden sei, die diese ganze Schöpfung schon jetzt auf eine andere, bessere Ebene stellen würde. Damals sei der Durchgriff des Ewigen ins Zeitliche, also in diese Welt, geöffnet worden. Schon jetzt. Schon heute. In jeder Zeit. In jedem Augenblick. In diesem Augenblick.

Schon diese Welt stünde durch Jesu Leben und Sterben im Horizont ewigen Heils, und auch wenn es immer wieder Rückschläge gebe, sei es Aufgabe der Menschen, immer wieder neu aufzustehen und für ein Leben in Würde schon in dieser Welt zu arbeiten. Als Ärzte, als Priester, als Lehrer, als Philosophen. Gott kümmere sich auch heute um seine Welt. Das Ewige sei nicht das, was eben später käme, sondern greife schon heute in diese Welt immer wieder auch ein. Trotz aller Rückschläge. Gerade in allen Rückschlägen. Von daher verbiete sich auch jeder Zynismus oder auch die Mutlosigkeit, mit der viele all die Rückschläge quittieren, die täglich in der Zeitung stehen.

Es ist das „Prinzip Hoffnung“, das die Philosophie mit dem Glauben teilt und von dem her ein bekannter Philosoph sogar die Überschrift seines ermutigenden Werkes herleitet. Überhaupt haben so manche Philosophen oder auch Schriftsteller, die mitten im Leben eher den Materialismus oder sogar den Nihilismus gerne pflegten, gegen Ende des Lebens im Prinzip Hoffnung doch noch den Anker auch des eigenen Lebens gesehen. Max Horkheimer etwa, der bekannte Philosoph, oder auch Alfred Döblin, der am Ende seines Lebens zum Christsein bekehrte geniale Schriftsteller.

Thomas Gottschalk hat sich im Fernsehen einmal mit dem geistreichen Theologen Hans Küng getroffen. Von ihren völlig unterschiedlichen Lebenspositionen heraus diskutierten sie eine Stunde lang die Frage, ob und warum es Gott gebe. Besonders lustig war, als Thomas Gottschalk sagte, er wünsche sich einfach einmal einen ganz einfachen Gottesbeweis, zum Beispiel, dass er sage: Gott, wenn Du jetzt die Nachttischlampe ausmachst, dann weiß ich, dass es Dich gibt. Herzig.

Aber eine ganz einfache Antwort, was Glaube und Religion denn seien, gibt es dann doch auch und der französische Theologe Jean Baptist Metz hat sie exakt auf den Punkt gebracht. Glaube sei „Unterbrechung“. Nicht einfach immer weitermachen. Bedenkenlos, vom Glücks- und Vergnügungsstreben bis zur Besinnungslosigkeit betäubt. Sondern eben innehalten. Die Pause zulassen. Denn der Glaube ist ja keine aktive Tat, wie der moderne Mensch so gerne denkt, sondern Geschehen, das aber nur kommen kann, wo einer innehält.

Jetzt ist also seit zwei Wochen Pause. Für alle. Die Schöpfung atmet auf und durch. Klimaziele werden plötzlich wie von selbst erreicht. Die Luft ist gut und klar und Zeit gibt es auch wieder. Zum Lesen, zum Musikhören, zum Gespräch, für die Familie. Das Leben fühlt sich an wie ein Ausflug in die Kindheit. Dasselbe Tempo, keine Termine, Freiheit. Was für ein Geschenk. Zeit zur Besinnung. Ist es das alles wert? Diese ganze Beschleunigung des Tempos, damit die Weltmärkte florieren. Das Diktat des beständigen Wettbewerbs. Und jetzt fehlen die Dinge, die wir schon längst die Chinesen machen lassen.

„Globalisierung gestalten“ – „Digitalisierung in allen Bereichen“ – die Schlagwörter von gestern stoßen einem jetzt auf wie schlechter Rotwein. Für jedes Krankenhaus auf dem Land, das wir dann doch nicht geschlossen haben, sind wir jetzt dankbar und auch für jeden Landarzt, den es dann doch noch gibt und der sich kümmert.

Und es zeigt sich auch, wie fähig wir sind, uns schnell besser zu organisieren und zu handeln, wenn es um unser Wohl geht. Warum nicht auch für andere? Könnten wir denn nicht auch so klug und aktiv sein, wenn es um Afrika geht? Da sind seit der großen Krise 2015 schon wieder fünf Jahre ins Land gegangen und wir haben gesagt: Es geht jetzt wieder gut, an den Grenzen stehen kaum mehr welche. Bis vor ein paar Wochen, weil der Hunger dort eben derselbe geblieben ist.

Wir werden diese Krise überstehen. Wir werden die Probleme lösen. In drei Monaten, in einem halben Jahr, in absehbarer Zeit. Aber werden wir – und das ist doch die viel wichtigere Frage – für unsere Zukunft die richtigen Folgen daraus ziehen? Dass wir unseren Kosmos zugrunde richten, wenn wir so weitermachen, dass dieses Coronavirus nur ein milder Vorgeschmack für die Krisen war, in die wir so unsere Kinder und Enkelkinder stürzen. Die das dann in regelmäßigen Abständen erleben müssen, eher wehrlos, so wie die Menschen in Afrika jetzt, die sich gegen die Heuschrecken nicht wehren können.

Es ist schon gut, wie die Politiker jetzt als Krisenmanager ihre Leistung bringen, der tapfere Markus Söder allen voran. Aber entscheidend ist doch, dass wir danach unseren Weg ändern, nachhaltig, dauerhaft, bewusst. Dass wir diese Krise nutzen und unsere Lehren wirklich ziehen. Nicht nach zwei Wochen alles vergessen haben und sagen: Die Karawane zieht weiter. Denn diese Krise ist für unser Bewusstsein eine Riesenchance. Gerade auch, weil sie so lange dauert und so massiv ist. Gerade noch wollten wir mit der Digitalisierung nach den Sternen greifen – und jetzt fehlt auf dem Scheißhaus das Klopapier!

Straubinger Tagblatt vom 28. März 2020 

Das Gift des Bösen

von Prof. Dr. Martin Balle | 07. März 2020

Als der Schriftsteller Stefan Zweig und der geniale Entdecker des Unbewussten Sigmund Freud sich in London trafen, während Hitler und die Seinen in Deutschland ihren Wahnsinn betrieben, da äußerte Zweig seine Verwunderung, in welche Barbarei ein Land wie Deutschland zurückfallen könne. Sigmund Freud, der die Schattenseiten des Menschen kannte wie kaum ein Zweiter, meinte nur, er wundere sich nicht.

Was das Böse ist und woher es kommt, darüber haben die Philosophen und Psychologen immer wieder diskutiert. Das vielleicht schönste Buch über das Böse hat vor 30 Jahren der Philosoph Dieter Wyss geschrieben: „Kain – Eine Phänomenologie und Psychopathologie des Bösen“, so heißt sein Werk, in dem er von Hitlers Morden bis hin zu Heideggers verschwurbelter Philosophie, die im letzten den Mitmenschen nicht kennen will, mit allem abrechnet, was er zum Bösen zählt. Während in der Philosophie das Böse häufig als Fehlen des Guten oder als „menschliches Versagen gegenüber dem sittlichen normativen Sollen“ definiert ist, diagnostiziert Wyss das Böse als eine „eigenständig-destruktive Macht“. Beim Bösen geht es für ihn primär um die „Nichtung, Vernichtung des Anderen, als gegenethischen Willensakt, der stets Berechnung und Planung impliziert“. Bedrohlich ist beim Bösen nach Wyss der „Andere, der entweder vernichtet, unterworfen oder integriert werden“ muss. Der Umgang mit dem Anderen ist für ihn also der Schlüssel zur Frage nach dem Guten oder Bösen. Bin ich dem Anderen gegenüber ein Nächster oder ein Mörder, ein wahrhaftiger Mensch oder ein Verleumder, ein Liebender oder ein Unmensch, so stellt Wyss die Frage nach dem Guten oder Bösen.

Der Begriff des „Anderen“ steht auch im Zentrum der Philosophie Jacques Lacans, des ebenfalls genialen Theoretikers der Psychoanalyse in Frankreich. Es sei gerade die Entwicklungsaufgabe des Menschen ein „Anderer“ zu werden. Exakt: dem Anderen der Andere. Das sei die sozialintegrative Kraft des Lebens, dass nur der, der diesen Entwicklungsweg vom Einzelnen zum Anderen des Anderen schaffe, in der Gesellschaft einen wahren Platz finden könne. Hatte Sigmund Freud die Entwicklung des Kindes noch durch die Rivalität mit den Eltern motiviert gesehen, erklärt Lacan, dass alle Menschen im Zeichen des Mangels und gegenseitiger Bedürfnisse miteinander verbunden seien. Indem sie das zugeben und zulassen, würden sie zu Mitmenschen, so Lacan. Menschliche Gesellschaft sei nichts Anderes als die ständige Dynamik einer fairen Organisation gegenseitiger Interessen.

Der existenziell bedrohte Mensch verliert sich selbst

Auch der Religionsphilosoph Eugen Biser sieht den Menschen von „seiner Konstitution her auf Solidarität angelegt und somit zur Liebe disponiert“. Die andere Seite aber sei: „Er schlägt zurück, und dies immer dann, wenn er sich in die Enge getrieben, in seinen Interessen geschmälert und um seine Lebensbereiche betrogen fühlt. Mit Aggressivität reagiert er somit auf die Bedrohungen seines Selbsterhaltungstriebs, seines Selbstwertgefühls und damit seiner biologisch-geistigen Existenz.“ Beginne diese zweite Seite des Menschen zu dominieren, so komme es am Ende regelrecht zum „Abfall des Menschen von sich selbst“.

All die Symptome, die die Risse in unserer Gesellschaft heute offenlegen, weisen in dieselbe Richtung. Ob eine Synagoge angegriffen wird, ein Autofahrer in einen Faschingszug mit Kindern hineinfährt, ein Amokläufer zehn Menschen tötet, oder am Ende ein erfolgreicher und liebenswerter Kaufmann wie Dietmar Hopp in Fußballstadien buchstäblich ins Visier genommen wird: Es ist das Böse, das in all diesen Fällen sein Gesicht zeigt. In Form von Menschen, die abgestumpft sind für das Wesen der Liebe, für den Wert des Lebens. Dieter Wyss beschreibt diese Abstumpfung geradezu als innersten Bestandteil des Bösen: „den Anderen, den Mitmenschen objektiviert nur noch als Gegenstand zu ‚verrechnen‘. Vergegenständlichung ist inhärenter Bestandteil der Lehrpläne aller Schulen. Im Medizin- und Psychologie-Studium nicht weniger als in den ökonomischen Berufen, in Technik und Naturwissenschaften, in denen Zahl und Zählen im Vordergrund stehen, wird Vergegenständlichung der Person praktiziert. Damit wird der Abstumpfung der Weg gebahnt, insbesondere in ihren inhumansten Formen: in der Tötung des Anderen.“ In der Psychologie gibt es das schöne Wort vom Schicksal eines Menschen, „der sich selbst nicht mehr spüren kann“. Wer sich selbst aber nicht mehr spürt, für den wird der Mitmensch nicht mehr zum Rettungsanker des eigenen Lebens, sondern – wie im Fall von Dietmar Hopp – zur Zielscheibe von Hass und Aggression.

Es dreht sich hier primär nicht um ein Problem, das der Fußball hat, sondern um ein gesellschaftliches Problem, das in ganz viele Teilbereiche des Lebens, also auch in den Sport, hineinreicht. In der Ära Merkel wurde jetzt fast 15 Jahre darauf verzichtet, ein glaubhaftes Leitbild zu entwickeln, von dem her unsere Gesellschaft eine menschenfreundliche Vorstellung entwickeln konnte, wo sie hinwollte. Was präsentiert wurde, waren alles inhaltsleere Parteiprogramme, die bedeutungslos blieben. Den Sprechblasen von einer solidarischen Gesellschaft steht heute in Wirklichkeit eine Welt entgegen, in der ein Drittel der Menschen in Deutschland Angst hat, abgehängt zu werden. Eine Welt, in der es keinen fairen Ausgleich zwischen Arm und Reich gibt. Eine Welt, in der zu viele Menschen nicht ausreichend Chancen bekommen. Entfremdungsprozesse.

Die Friedfertigkeit der überwältigenden Mehrheit

Und Politik bestand in den letzten Jahren oft genug aus nichts Anderes als faulen Kompromissen, die primär der eigenen Wiederwahl dienten. Da war es nicht schwer für die AfD, allerorts an den Stammtischen Fuß zu fassen, zumal sie doch vorgab, die Sprache der Menschen zu sprechen. Noch die billigsten Parolen waren für manche glaubwürdiger als das ausgleichende Moment der demokratischen Parteien, die sich längst viel zu weit von der Wirklichkeit entfernt haben. In das Vakuum, das die demokratischen Parteien zu oft zuließen, drang das böse Gift des radikalen Denkens und Sprechens.

Kommt hinzu, dass die digitale Welt den Abstand der Menschen von der gelebten Wirklichkeit bis ins Unendliche vergrößert. Wer nur mehr in einer virtuellen Welt lebt, der kann doch den Weg in die Wirklichkeit nicht mehr so finden, dass er sich in der echten Welt und der wahren Gesellschaft noch als normaler Mitmensch erleben und spüren kann. Über den Siegeszug der digitalen Medien schrieb Eugen Biser schon im letzten Jahrtausend: „Sie entziehen dem narkotisierten Rezipienten den tragenden Boden, indem sie ihm anstelle der für seine Grundorientierung unerlässlichen Primärerfahrungen das Surrogat täuschender Reproduktionen bieten.“

Hoffnung macht die Antwort vieler Menschen auf diese Probleme: In den Fußballstadien sind sie die Mehrheit und zeigen sich. Die überwältigende Mehrheit hat Freude am Spiel und ist friedfertig. Und der mit den Stimmen der AfD gewählte Ministerpräsident in Thüringen war nach gut einem Tag schon wieder von der Bühne verschwunden, weil er – in unserer Demokratie – eben nicht zu halten war. Doch die Brutalität der Wenigen, die anders bleiben und böse sein wollen, ist ungeheuer erschreckend.

Straubinger Tagblatt vom 7. März 2020 

 

Vorteil für Armin Laschet

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. Februar 2020

Das wundert mich, dass sich jemand wundert, dass ganz plötzlich Armin Laschet und Jens Spahn im selben Segelboot sitzen. Das war doch klar, dass der Schwächste unter den drei Bewerbern seine Chance im Vorfeld sucht! Warum verlieren, wenn man auch gewinnen kann? Genauer gesagt der Zweitschwächste. Denn Norbert Röttgen hat sich beworben, weil er sonst gar keine Chancen mehr auf irgendetwas gehabt hätte.

Wenn Laschet, Friedrich Merz und Spahn sich geeinigt hätten, dann wäre im neuen Kabinett für Röttgen auf keinen Fall was geblieben, denn die drei hätten ja zuerst ihre ganz Entourage auch noch bedienen müssen. Und einen Koalitionspartner noch dazu! So viele Posten hat keine Regierung, dass dann für den kleinen Röttgen auch noch was geblieben wäre.

Und dann wären die ganzen Fernsehauftritte des außenpolitischen Experten Röttgen umsonst gewesen. Also einfach melden. Keine Chance – also nutze sie, das hat er sich gedacht und eine Woche Vorsprung herausgelaufen. Immerhin. Wer jetzt denkt, dass das wieder so knapp wird wie beim letzten Rennen um den CDU-Vorsitz vor zwei Jahren, könnte sich täuschen. Denn Merz punktet zwar bei schönem Wetter und bei geladenen Gästen. Aber der andere ist doch stärker.

Nicht nur erfolgreicher Ministerpräsident, und das auch bei Regen, sondern auch in der Partei aktiv ohne längere Pause. Im Gespräch fähig, zuzuhören, man fühlt es durch den Fernseher hindurch. Differenziert in der Sache, fein und nicht feindselig. Polarisiert nicht künstlich, und das will man ja in diesen stürmischen Zeiten. Fähig zur Partnerschaft, das könnte wichtig werden in der Zukunft. Und das nach rückwärts Gewandte, was ihm der andere andrehen will, gilt das nicht eher für den selbst, wo er doch so viele alte Rechnungen offen hat?

Und wenn Angela Merkel bei den Bürgern halt immer noch so beliebt ist, wie die Umfragen sagen, ein radikaler Bruch? Warum nur? Die, die da wählen in zwei Monaten, werden das alles bedenken. Mein Tipp: Deutlich für Laschet, wenn nicht noch Ungewöhnliches passiert.

Straubinger Tagblatt vom 28. Februar 2020 

In eigener Sache

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. Februar 2020

Natürlich war es nur eine Karnevalsveranstaltung in Aachen, bei der Friedrich Merz mit Bezug auf die digitalen Möglichkeiten für Politiker über Journalisten jetzt sagte: „Wir brauchen die nicht mehr.“ Heute könne man als Politiker die „eigenen Interessen“ medial wahrnehmen und so auch die „eigene Deutungshoheit“ behalten. Aber Kinder und Narren sagen bekanntlich die Wahrheit und so war der Protest groß bei denen, die sich so nicht mehr gebraucht fühlen, zum Beispiel bei Daniel Überall, immerhin Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, der in einem offenen Brief an Merz klarstellte: „Was für ein Verständnis von der Rolle der Medien im demokratischen Rechtsstaat haben Sie? Glauben Sie ernsthaft, dass Videos, Tweets und Facebook-Postings als Informationsquellen der Bürgerinnen und Bürger ausreichen?“

Merz beschwichtigte dann gleich und formulierte fernsehgerecht, für wie wichtig er die klassischen Medien halte. Aber doch gilt seit Sigmund Freud, dem Wahrheitsfinder in den Abgründen des Unbewussten, dass man am Versprecher oder auch am Witz die innerste Wahrheit eines Menschen erkennen kann, ganz gleich, was das Bewusstsein und die korrigierende Sprache später sicherheitshalber nachschieben.

Schon Gerd Schröder meinte ja am Beginn seiner Kanzlerschaft, dass er zum Regieren nur „Bild, BamS und die Glotze“ brauche, ein eher manipulativer Ansatz also, um vor allem wiedergewählt zu werden. Und Markus Söder sagte ausgerechnet beim alljährlichen Treffen der Bayerischen Zeitungsverleger in Berlin, dass die Zeitungen nur deshalb noch existierten, weil es immer noch Leute gebe, die gerne „blätterten“, er aber, so erklärte er mit Blick auf Handy und Laptop, gehöre zu den Menschen, die in diesen Tagen ausschließlich noch „wischen“.

Was dem durchsetzungsstarken Ministerpräsidenten leider so ganz entgangen ist, ist der Befund der Wissenschaft, dass ein Text im Netz mit einem gedruckten Text nicht vergleichbar ist. Die Nachhaltigkeit, die Wahrnehmung, die Perzeptionsweise des Digitalen sind vom gedruckten Wort ganz verschieden. Und gerade das Reflektieren dessen, was politisch zu diskutieren ist, eignet sich, wenn es ernsthaft sein soll, nicht wirklich für die digitale Welt. Es sind eben gerade die radikalen Parteien und Menschen, die sich mit Vorliebe der digitalen Medien bedienen, wo sie weitgehend unzensiert ihre Botschaften ablassen können. Nicht umsonst hat der Politologe Heinrich Oberreuter schon vor Jahren gewarnt, dass Politiker, die glaubten, auf die klassischen Medien verzichten zu können, buchstäblich an „dem Ast sägen, auf dem sie sitzen“.

Was Friedrich Merz aber so augenzwinkernd formulierte, geht dann doch noch einen Schritt weiter: Da geht es nicht mehr nur um die Art und Weise der Kommunikation, also ob gedruckt oder digital, sondern da geht es schon auch darum, dass Politiker die kritische Funktion des Journalismus gar nicht mehr haben wollen. Der „Linksfunk“ vor allem in der ARD war es, der den Konservativen schon immer auf den Wecker ging. Ein Grund auch, weshalb es vor allem die Konservativen waren, denen es bei der Einführung von Sat.1 und RTL in den 80er-Jahren gar nicht schnell genug gehen konnte. Die Schimpftiraden von Franz Josef Strauß gegen Journalisten aus diesen Tagen klingen gerade in Bayern noch heute in den Ohren.

Als viele Zeitungen im 19. Jahrhundert nach der gescheiterten Revolution 1848 gegründet wurden, waren sie tatsächlich Parteizeitungen. Als in der Frankfurter Paulskirche die Delegierten der Parteien damals über die Zukunft einer deutschen Demokratie oder eines deutschen Parlaments diskutierten, da wurden sie tatsächlich von Parteizeitungen begleitet, die so den demokratischen Diskurs, der damals entstand, journalistisch orchestrierten. Das war aber in diesen Tagen ein Fortschritt, weil in den Monarchien, die es in den Ländern vor der Gründung des deutschen Nationalstaats noch gab, hätten es die Fürsten und Könige schon lieber gehabt, dass es weder Parteien noch Zeitungen gebe. Im Lauf der Jahrzehnte schon des 19. Jahrhunderts aber emanzipierten sich die Zeitungen nahezu allesamt von den Parteien und wurden buchstäblich überparteilich. Die Gleichschaltung der Medien im Dritten Reich bei Adolf Hitler machte dann endgültig klar, welch wichtige Rolle unabhängige Medien für eine Demokratie spielen. Als „vierte Gewalt“ wurden sie fortan bezeichnet, auch wenn dieser Begriff so nicht im Grundgesetz steht. Aber klar war allen, dass neben der Gewaltenteilung in Parlament, Regierung und Gerichte die Medien ein wichtiger Baustein für jede Demokratie sind.

Heute sprechen digital alle durcheinander und Politiker versuchen, das für sich zu nutzen. In den Echokammern des Netzes hallt es gerade von ganz rechts vor lauter Blödsinn unendlich laut. Und deshalb geht es eben nicht an, dass seriöse Politiker, die sich auch noch um den Vorsitz ihrer Partei bewerben, die Rolle der klassischen Medien – von den Zeitungen bis hin zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen – lautstark infrage stellen. Schon der Vorstoß von Horst Seehofer vor wenigen Jahren, dass ein öffentlich-rechtlicher Kanal doch reiche, war deshalb absurd und im Letzten ein Anschlag auf die Rolle der Medien in unserer Demokratie.

Politiker haben heute gelernt, die digitalen Medien für sich zu nutzen. Der amtierende Oberbürgermeister von Landshut machte vor einem Jahr ein Foto aus seinem Dienstfahrzeug und postete an seine Follower die Frage: „Wo bin ich?“ Immerhin fragte er also nicht: „Wer bin ich?“ Das wäre noch seltsamer gewesen. Und auch aus den Stadtratssitzungen vieler Städte wird oft schon während der laufenden Sitzungen gepostet und gedeutet. Städte und Kommunen haben zudem begonnen, eigene digitale Kanäle zu bespielen, und versuchen so tatsächlich, die Deutungshoheit über ihre Politik zu gewinnen. Weil sie das aber gar nicht dürfen, klagen vor allem wir Verleger auch mit Schadenersatzforderungen gegen diese Städte und ihr Treiben. Das Internetportal der Stadt München beschäftigt heute 30 Mitarbeiter und lädt auch noch die Kaufleute der Stadt ein, für Werbung hier ihr Geld auszugeben. Dagegen haben jetzt alle Münchner Zeitungen geklagt und es gibt kaum Anhaltspunkte, dass dieser Prozess anders ausgehen wird als der in Dortmund, wo die Stadt exakt diesen Prozess schon verloren hat und ihr digitales Portal jetzt zurückbauen muss. Denn der Gesetzgeber und die Gerichte haben in Deutschland aus gutem Grund festgelegt, dass journalistische Formate den Städten und Kommunen nicht erlaubt sind. Die Trennung von Politik und medialer Berichterstattung ist aus gutem Grund demokratiepolitisch heilig. Natürlich geht es immer auch um Geld und um Arbeitsplätze. Aber wer mit Steuermitteln den klassischen Medien Konkurrenz macht, der hat nicht verstanden, dass die Trennung von Politik und Medien gute Gründe hat.

Straubinger Tagblatt vom 22. Februar 2020

Noch ein Märchen

von Prof. Dr. Martin Balle | 15. Februar 2020

Es gibt fast nichts Schöneres, als in einer feinen Schweizer Gesellschaft, zum Beispiel in Zürich, den Namen Jean Ziegler fallen zu lassen und am besten noch hinzuzufügen, wie sehr man ihn schätze. Die Reaktion der anderen Gäste bewegt sich dann in der Regel zwischen Unglauben und dem sichtbaren Wunsch, die Porzellanteller auf dem Tisch schnell leerzuräumen und auf den zu werfen, der solches von sich gibt. Jean Ziegler ist der notorische Ankläger seines Landes. Seit Jahrzehnten hält er seinen Landsleuten unerbittlich den Spiegel vor. Einen Buchtitel wie „Die Schweiz wäscht weißer“ muss man kaum lesen, um nicht schon zu wissen, was drinnen steht. Und als UN-Sonderbotschafter klopft er in Fernsehsendungen zudem immer mit dem Finger auf den Tisch und zählt so die Sekunden, in denen in Afrika schon wieder ein Kind an Hunger gestorben ist. Mehrfach in der Minute ist das. Sicher, die andere Seite von Jean Ziegler ist eine ganz gehörige Portion Narzissmus, er gefällt sich schon sehr in der Rolle des gealterten Revoluzzers, aber er gehört nun mal zur Schweiz wie die wunderbaren Berge oder der weltbekannte Käse, der dort gewonnen wird, mitsamt den Hustenbonbons, die so unverwechselbar beworben werden und an die man fast zwangsläufig denkt, sobald es im Hals kratzt.

Diese scheinbare Geschichtslosigkeit der Schweiz, die es so gut versteht, sich aus so vielem fein rauszuhalten, das haben ihr die Schriftsteller dort so gerne vorgehalten. Auch den Max Frisch hätten sie deshalb an manchen Tagen am liebsten aus seiner Heimat verbannt, so beißend war seine Kritik an seinem Heimatland, nicht weniger als Friedrich Dürrenmatt, der es in Deutschland immerhin genauso in die Schulbücher der Gymnasien gebracht hat. Offensichtlich erzeugt ein hohes Maß an Reichtum auch Gegenkräfte, die genauso stark und prägend sind.

Aber die andere Seite dominiert dann doch: Der Schweizer Joe Ackermann, der im Fernsehen so gewinnend die Aktien der Deutschen Bank empfahl, als sie noch über 60 Euro wert waren, hat es immerhin geschafft, nicht nur die eigene Bank zu ruinieren, in diesem Fall auch noch eine deutsche, sondern zudem das Geschäftsmodell mit den in Amerika beliehenen Immobilien auch hierzulande an die Börse zu bringen und sich so jeden soliden Sparkassenchef zum Feind zu machen. Heute genießt er seinen Ruhestand und hat wohl kaum ein Bewusstsein von all dem Schaden, den er angerichtet hat. Wer dann auch noch in St. Moritz über die berühmte Einkaufsmeile oben auf dem Berg über dem See bummelt, wo die hochpreisigen Marken der ganzen westlichen Welt versammelt sind, der bekommt schnell eine Ahnung, wo das Geld ist, das in Afrika oder Lateinamerika fehlt. Dass die korrupten FIFA-Bosse allesamt aus der Schweiz kommen, versteht sich und natürlich steht gerade in Zürich die Zentrale des weltweit korrupt gewordenen Fußballs. Fast schon eine Leistung allerdings ist es, dass auf den berüchtigten Sepp Blatter mit dem neuen FIFA-Boss Gianni Infantino ein noch undurchsichtigerer Geselle als Nachfolger ins Amt kam.

Aber die Schweiz hat auch eine andere Seite. In ihrer Selbst- und Geschichtsvergessenheit an manchen Orten gibt es dort Zeitungen, die so wenig aktuell sind, dass man auf das Titelblatt schauen muss, um sich zu vergewissern, was denn heute für ein Tag ist. Liest man so zum Beispiel die Basler Zeitung, so kommt man leicht ins Grübeln über der Frage, in welchem Jahrhundert man sich beim Lesen gerade bewegt. Das hat schon auch etwas Liebenswürdiges. Hier ist die berühmte Langsamkeit der Schweizer buchstäblich Gestalt geworden!

Und so nimmt es vor all diesem Hintergrund nicht wunder, dass auch die Ermittlungen rund um das deutsche Fußballmärchen 2006 jetzt zu verjähren drohen. Erschrocken fragt deshalb die Süddeutsche Zeitung vor wenigen Wochen: „Für ihre Sommermärchen-Ermittlungen nahm sich die Schweizer Justiz viel Zeit. So viel, dass jetzt wahrscheinlich die ganze Affäre verjährt. Ist das nur Inkompetenz – oder politisches Kalkül?“ Solches ist natürlich schwer vorstellbar in einem Land wie Deutschland, wo Kanzler ihren Ruf und den Ehrenvorsitz der Partei verlieren, weil sie illegal Parteispenden angenommen haben, oder wo amtierende Oberbürgermeister ganz früh am Morgen in der Tiefgarage mit Fesseln abgeführt werden, weil der Verdacht besteht, dass sie Wahlkampfspenden nicht so ganz sauber verbucht haben. Und jetzt das: Knapp sieben Millionen Euro sind irgendwie bei Franz Beckenbauer gelandet und mit einem gezielten weiten Pass in den freien Raum so verschwunden, dass sie nicht mehr auffindbar sind. Zurückgegeben wurden sie Jahre später von Funktionären des deutschen Fußballverbandes, aber das waren andere sieben Millionen und auch das war recht undurchsichtig. Das Geld aber, das in Beckenbauers weißer Weste so plötzlich unsichtbar wurde, es bleibt auf unerklärliche Weise verschwunden. Erklären kann man es eigentlich nur mit der Geschichte des besten Fußballers der Welt in seiner Zeit: Da gab es einmal ein Bundesligaspiel, es regnete stark und der Platz war völlig verdreckt. Die weißen Trikots und vor allem die Stutzen der Spieler waren nicht mehr als weiß erkennbar; der Einzige, bei dem es nicht so war, das war der Kaiser, obwohl er voller Einsatz mitgespielt hatte. Und auch die Zauberpässe über 50, 60 Meter, auch da ging es doch nie mit ganz rechten Dingen zu. Sinnbildlich für sein Zauberspiel blieb der Werbespot mit dem Kaiser, der einem bis in den Tod im Ohr klingen wird: „Ja, is denn scho wieder Weihnachten?“

Die Schweizer Justiz hat also recht getan. Sie hat nicht den Buchstaben des Gesetzes zuerst in den Vordergrund gestellt, weil das hier ganz falsch wäre. Sondern sie ist zwei Schritte zurückgetreten und hat versucht, dem Fall als Ganzes gerecht zu werden. Das braucht Zeit und das macht Freude. Nochmals dieses Leben anzuschauen, die Spiele, die Pässe, die Siege, die Frauen, die Erfolge, die vielen wunderbaren Stunden, die uns der Kaiser geschenkt hat. Die unendlich vielen Sätze in die Fernsehkameras der Welt, die immer auch so philosophisch waren, dass sie uns über Tage zum Denken brachten. Und da hat die Schweizer Justiz schlicht die Zeit vergessen, so wie wir auch, wenn wir ein spannendes Fußballspiel anschauen und alles vergessen, was um uns herum geschieht.

Und ich muss sagen: Mich freut das. Dass in einer Welt, wo so viel echtes Unrecht geschieht und so viel Recht gesprochen wird, aber es hilft am Ende doch so wenig, über dem Kaiser wieder einmal die Sonne scheint. Und vielleicht hat die Schweizer Justiz ja doch bemerkt, dass dem Kaiser ein geliebter Sohn gestorben ist und dass sein Herz tatsächlich nicht mehr so schlägt, wie es sollte. Und vielleicht gehört das ja auch zu einer menschlichen Gesellschaft, dass selbst die Justiz so etwas nicht übersieht. Für einen deutschen Staatsanwalt aber ist das schwer vorstellbar, um es vorsichtig auszudrücken. In der Schweiz aber ticken die Uhren doch anders.

Straubinger Tagblatt vom 15. Februar 2020 

Produktives Misstrauen

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. Januar 2020

Wenn der Philosoph Jürgen Habermas zu Besuch in München ist und über den Marienplatz bummelt, schauen ihm die Leute neugierig nach. 90 Jahre ist er jetzt schon alt, aber er gilt als der vielleicht letzte ganz große Denker unserer Tage. Mit zwei dicken Büchern, die den seltsamen Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“ tragen, hat er gerade die Summe seines Lebens und Denkens publiziert. Und das ist erstaunlich: Dieser alte Philosoph, der aus der Tradition der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer kommt, erzählt auf diesen knapp 2 000 Seiten eigentlich nur von seinem Heimweh; vom Heimweh danach, dass unsere moderne und so selbstvergessene Zeit die religiösen und spirituellen Voraussetzungen unserer Kultur nicht vergisst. Vom Christentum, vom Buddhismus oder auch von Konfuzianismus und Taoismus. Dass eine Welt, die glaubt, sich ganz bewusst von ihren religiösen Wurzeln abschneiden zu können oder sogar zu müssen, am Ende des Tages eine ärmere Welt sei, das ist es, was er am Ende seines Lebens zu sagen hat. Es ist schon bewundernswert, wie es diesem großen Denker gelingt, den Bogen von der griechischen Philosophie bis in unsere Tage zu schlagen und so aufzuzeigen, wie sich über die Jahrtausende unser Bewusstsein entwickelt und verändert hat.

Ganz am Anfang seines großen Werks aber macht Habermas eine Anmerkung zur gegenwärtigen Situation von Politik und Medien, die hochinteressant ist. Er schreibt hier, dass eine moderne Demokratie davon lebe, dass das Politische in der „diffusen Gestalt frei konkurrierender öffentlicher Meinungen in Verbindung mit demokratischen Wahlen ein einigendes Zentrum bilde“. Übersetzt: Es braucht Wahlen und zahlreiche Medien, damit Demokratie funktioniert. Und dann merkt er an: „Das ist freilich nur so lange möglich, wie die entscheidungsbedürftigen Themen überhaupt noch in die Kommunikationskreisläufe Eingang finden und die staatlich institutionalisierten Entscheidungen selbst in dem pluralistischen Stimmengewirr einer vitalen Öffentlichkeit verwurzelt bleiben.“ Übersetzt: Wenn Politik nicht mehr über das entscheidet, was die Menschen bewegt, und die Medien das nicht mehr berichten, was wirklich wichtig ist, kann Demokratie scheitern.

Habermas weiter: „Die Belastungen, die durch die Funktionsstörungen in einzelnen Teilsystemen der Gesellschaft, vor allem im ökonomischen System, hervorgerufen werden, finden auf dem Resonanzboden der Zivilgesellschaft ein Echo in einer zerstreuten, aber gesellschaftsweit verbreiteten Krisenempfindlichkeit.“ Übersetzt: Wenn Wirtschaft und Medien vom Primat des Geldes her funktionieren, beginnen viele Menschen zu misstrauen. Nicht nur den Medien, sondern auch der Welt, in der sie leben. Habermas ein letztes Mal: Dieses Misstrauen „kann sich in der politischen Öffentlichkeit artikulieren und unter günstigen Bedingungen mobilisierende Kraft entfalten. Die längst verstaatlichten politischen Eliten empfangen von dieser Seite einen intentionalen Gegendruck zu dem Erpressungspotenzial der Märkte und allgemein zum systemischen Sog funktionaler Imperative, die im Scheine von Sachnotwendigkeiten auftreten.“ Eine letzte Übersetzung: Das Misstrauen, das viele Menschen heute prägt, ist ein Hoffnungsschimmer. Denn die Menschen spüren, dass es eine Welt geben muss, die nicht von Angela Merkels „alternativlosem“ Sprechen und Handeln geprägt wird und auch nicht von den Giganten am Medienmarkt, die da Google oder Amazon heißen. Und weil die Menschen das spüren, gehe von diesem Gespür ein Widerspruch aus, der für Politik und Gesellschaft produktiv werden könne.

Heute gibt es unglaublich viele Verschwörungstheorien. Die da oben empfingen ihre Befehle von geheimen Mächten, so sagen viele. Und in den Medien gebe es nur Ablenkungsmanöver, sie seien längst mit den Mächtigen im Bunde. Habermas erklärt auf diese Art und Weise, warum Menschen so denken. Sie erleben ihr Leben als abgekoppelt von dem, was täglich in Politik und Medien verhandelt wird.

Erstaunlich ist, wie sich die Extreme berühren. Die Botschaft von Habermas ist dem, was die Politiker von der AfD erzählen, gar nicht so fremd. Oder auch dem, was Donald Trump jeden Tag von sich gibt: „Euch hat man betrogen. Man hat euch um euer Leben betrogen.“ Das ist die Botschaft der extremen Rechten mitsamt der Lösung: „Ich oder auch wir werden euch helfen.“

Und das ist dann auch der entscheidende Unterschied. Denn der kritische Impuls, den Habermas vollkommen zu Recht gibt, wird gerade von denen missbraucht, die die Menschen heute in ihrer Angst um ihre Zukunft mit falschen Versprechen abholen. Genau diese politischen Kräfte haben ohne Philosophiestudium verstanden, wie es um die Gesellschaft heute auch bestellt ist – und missbrauchen das Vakuum, das auch in Deutschland entstanden ist. Ein Drittel der Menschen in unserem Land hat Angst vor Armut, hat Angst, ausgeschlossen zu werden von den Mechanismen, die die Gesellschaft solidarisch zusammenhalten. Hat Angst, herauszufallen aus dem Miteinander der Menschen, das für alle so lebensnotwendig ist. Und man kann also sagen, dass genau die Menschen, die heute ein verständliches Misstrauen entwickelt haben, wie die Dinge politisch so laufen, von genau den Parteien missbraucht und ein zweites Mal belogen und betrogen werden, denen sie ihr Misstrauen sozusagen anvertrauen. Von Donald Trump bis hin zur AfD, die keinerlei Rezepte für eine bessere Welt zu bieten hat.

Die zweite Frage: Ist es denn wirklich so, dass die Medien heute abgekoppelt sind vom Leben der Menschen? Vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel über die Süddeutsche Zeitung bis hin zur Wochenzeitung Die Zeit? Ist es nicht doch so, dass gerade in den Printmedien die sozialen Fragen einen breiten Raum einnehmen? Dass dort Einzelschicksale in aller Härte dokumentiert werden oder auch aufgezeigt wird, welche politischen Strukturen welche Folgen nach sich ziehen? Selbst die Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Ist es nicht doch so, dass wir ein recht gutes Bild bekommen von den Politikern aller Parteien, die wir am Wahlsonntag wählen können?

Der Befund von Habermas, dass etwas nicht mehr stimmt, ist sicher zutreffend. Aber gibt es nicht doch gerade in unserer Demokratie ganz viele Hebel, wo wir mitarbeiten können, dass die Welt besser wird? In den Vereinen und Verbänden, an unserem Arbeitsplatz, selbst in den viel gescholtenen Parteien, die offensichtlich so stark sind, dass die extreme Rechte viel weniger Chancen hat, als dies in anderen auch europäischen Ländern der Fall ist.

Den kritischen Impuls also, den Habermas vollkommen zu Recht ausspricht und der von den radikalen Kräften weltweit so gerne missbraucht wird, den gilt es in anderer Weise aufzunehmen und umzusetzen. Indem wir nämlich den radikalen Impuls, dass wir etwas ändern müssen, nicht den radikalen Kräften im Land anvertrauen!

Straubinger Tagblatt vom 25. Januar 2020 

Merkels Erbe

von Prof. Dr. Martin Balle | 24. Dezember 2019

Zwei persönliche Erzählungen zeigen sehr gut einen Wesenszug von Angela Merkel, der für diese lange Zeit ihres Regierens, wie es jetzt in allen Zeitungen gewürdigt wurde, kennzeichnend ist. Ein CDU-Bundestagsabgeordneter aus Nordrhein-Westfalen erzählte mir, dass er einmal in einer internen Fraktionssitzung deutliche Kritik an Angela Merkels Politik geübt habe. Die Kritik sei von allen als sachlich fundiert und nicht persönlich kränkend erlebt worden. Weil einige Kollegen in der Fraktion aber die Medien über SMS bereits verständigt hätten, dass es in der Fraktion deutliche Kritik an der Regierungschefin gegeben habe, hätten vor der Tür am Ende der Sitzung bereits zahlreiche Mikrofone und Kamerateams gewartet, um ihn zu interviewen. Das habe er als treuer Parteisoldat verweigert, weil es ihm alleine um eine inhaltliche Kritik gegangen sei, aber nicht um persönliche Profilierung.

Der Abgeordnete hat sich also mehr als korrekt verhalten. Das Ende der Geschichte aber ist, dass die Kanzlerin ihn nach seiner Kritik knapp zwei Jahre lang keines Blickes mehr würdigte. Ganz genauso erging es dem Vorstand eines Dax-Konzerns. Er erhielt vom Kanzleramt eines Morgens einen Anruf, dass die Kanzlerin es nicht für opportun halte, wenn er eine Einladung zu Wirtschaftsgesprächen in St. Petersburg annehme. Nachdem der Vorstand aber die Sache ganz anders sah und sich vor allem seinem Unternehmen und nicht der Regierung verpflichtet fühlte, nahm er die Einladung dennoch an. „Danach wurde ich von Angela Merkel nie mehr zu einer Wirtschaftsreise ins Ausland mitgenommen – und die persönlichen Gespräche, die es vorher mindestens einmal im Jahr gegeben hatte, entfielen von da an für immer“, so sagte er mir Jahre später unter vier Augen.

Nachtragend ist sie die Kanzlerin, so erzählen es alle, die sie näher kennen. Und vor allem möchte sie niemals einen Fehler gemacht haben. Und zugeben schon gleich überhaupt nicht. Wie eine fehlerfreie Prinzessin möchte sie gesehen werden nach 14 Jahren Kanzlerschaft, einer neuen Rekordzeit, die sich jetzt also nochmals um zwei Jahre verlängern soll. Dabei wissen wir doch, dass es das Wichtigste im Leben ist, sich korrigieren zu lassen. Mit dem Philosophen Popper das Leben als einen Weg von Versuch und Irrtum zu beschreiten, auf dem man nur mühsam mit vielen Irrtümern sich aber dennoch der Wahrheit immer mehr annähert.

Am Anfang von Angela Merkels politischem Weg stand das Wahlkampfmanagement für ihre Partei nach der Wende vor knapp 30 Jahren. Sie sah, wie es ging. Sie verstand, wie man ein Rennen gewinnt. Nicht um Inhalte geht es beim Ringen um die Macht, sondern um den Sieg und dass man ihn erringt. Und sie verstand das Spiel und war darin erfolgreich. Warum also nicht für sich selber trommeln, statt für einen anderen? Auch ihre Abkehr von Helmut Kohl vor 20 Jahren in einem viel beachteten Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte inhaltlich wenig zu bieten. Er war bloß ein Signal, sich endlich vom schwach gewordenen Altkanzler abzuwenden. Weil sie es war, die die Chance zur persönlichen Profilierung als Erste wahrnahm, wurde auch sie es, der die Partei, die Kohls müde war, den roten Teppich auszurollen begann. Viel ist geschrieben worden über all die Männer, die damals noch glaubten, „Kohls Mädchen“ wieder loszuwerden. Aber sie war es, die all die Männer einen nach dem anderen entsorgte und sich selbst immer besser darzustellen verstand. Um manchen der Krieger aus diesen Tagen ist es beileibe nicht schade, dass er in der zweiten oder sogar dritten politischen Reihe verschwand oder sich eben ganz aus der Politik zurückzog. Aber was Merkel versäumte, war, neue und junge begabte Politikerinnen und Politiker zu fördern und als (fast) gleichberechtigte Partner an sich zu binden. Lieber umgab sie sich mit eher zweitklassigen Claqueuren, mit den Schavans oder von der Leyens dieser Welt. Heute hat die CDU kaum Führungspersonal in ihren Reihen, dem man zutrauen würde, einen Weg in die Zukunft zu finden, der Erfolg versprechend sein könnte. Die Partei erscheint als ausgezehrt, nicht nur, was die Personen angeht, sondern auch, wenn es um Inhalte geht.

Der Ausstieg aus der Kernenergie, nicht aus Überzeugung, sondern so ganz schnell im intuitiven Wissen, dass die Menschen nach Japans Atomkatastrophe jetzt Angst haben, sodass also Wahlen verloren gehen könnten. Und auch dort, wo Angela Merkel in Sonntagsreden von Frieden in Freiheit, von Menschen- und Grundrechten sprach, es hatte nie den Zauber dessen, der diese Dinge aus tiefstem Herzen liebt und sie so zur Sprache bringt, dass sie in ihrer wunderbaren Bedeutung faszinieren und lebendig werden. Stattdessen Rüstungsexporte auf Rekordniveau gerade auch in die Krisenländer der Welt und eine halbherzige Verurteilung von Saudi-Arabien, das in seiner türkischen Botschaft einen Regimekritiker töten und in seine Einzelteile zerlegen lässt.

Über das Jahr 2015 ist viel gesprochen worden. Natürlich war es ein Fehler, den Zuzug von mehr als einer Million Menschen unvorbereitet zuzulassen und erst dann in Brüssel nachzufragen, ob man eine europäische Lösung nicht doch finden könnte. Aber auch diesen Fehler konnte Merkel nie eingestehen, obwohl sie schnell alles tat, um ihn wenigstens halbwegs einzufangen. Am Ende stand der Teufelspakt mit Erdogan, den man jetzt also nicht mehr nur in der Nato braucht. Dann drei Reisen nach Afrika, um zu zeigen, dass man sich endlich für diesen Kontinent einsetzt, die aber am Ende buchstäblich im Sande verliefen. Dann wieder nichts. Vier lange Jahre kaum nennenswerte Ansätze in Afrika, sich entscheidend vor Ort einzusetzen und die Welt dort besser zu machen, damit die Flüchtlingsströme endlich weniger werden. Jetzt kommen neue Flüchtlinge und damit alte Probleme.

Auf Macrons flammendes Plädoyer für mehr Europa antwortete Angela Merkel nicht selbst, sondern ließ nach Verstreichen von viel zu viel Zeit die neue Parteivorsitzende antworten. Ein Regelbruch, der nicht zu akzeptieren ist. Und am Europawahlkampf nahm sie gleich überhaupt nicht mehr teil. Sie sei ja jetzt nicht mehr Parteichefin, so ließ sie verlauten, sondern nur mehr Kanzlerin, was soll sie sich auf den Wahlkampfplätzen der Welt die Hacken ablaufen, hat sie sich gedacht und sich auch so verhalten.

Es gibt nicht wenige, die sagen, die Welt werde sich nach Angela Merkel und der Stabilität, die es in ihren Jahren auch gegeben habe, noch zurücksehnen. Aber die andere Seite dieser Jahre sind die unendlichen Defizite dieser Kanzlerschaft. Ihr durchgängiges Mittelmaß, ein Regieren ohne eine Idee für das Land. Das ständige Lavieren, um ja die Macht zu erhalten. Faule Kompromisse, die nach allen Seiten dienen wollten, eine Politik ohne echte Ecken und Kanten. In zwei Jahren also ist es endlich vorbei. Natürlich – es kann auch immer noch schlimmer kommen!

Straubinger Tagblatt vom 24. Dezember 2019

Weihnachten 2019

von Prof. Dr. Martin Balle | 23. Dezember 2019

„Könnte es sein, dass es in Wahrheit bergab geht, weil die Menschen in einer vollständig aufgeklärten, digitalisierten und berechenbaren Welt reicher und gleichzeitig ärmer, gesünder und gleichzeitig kränker, toleranter und gleichzeitig missgünstiger, sicherer und gleichzeitig ängstlicher, vernetzter und gleichzeitig einsamer werden?“ So fragt der Autor Tobias Haberl in der Wochenzeitung Die Zeit vor wenigen Tagen. Zwar gäbe es heute im Netz ein immenses Wissen und auch einen ungeheuren Austausch von Wissen, aber all das sei am Ende nur eine „Tyrannei der Rationalität“. Mit einem schönen Bild beschreibt Haberl unsere Welt im 21. Jahrhundert: „aufgeklärt, aber leblos, hübsch, aber langweilig, sicher, aber kontrolliert wie ein nordkoreanisches Straflager – ein Ort ohne Zauber, aus dem sich jedes Temperament, jede Poesie und Transzendenz verabschiedet haben“.

„Der Ton macht die Musik“, heißt ein bekanntes Sprichwort. Aber was für ein Ton ist das denn überhaupt noch, der im Netz gepflegt wird. Sicher, es gibt die Hate Speech, das Herausschreien der eigenen Aggressionen, aber selbst dort, wo das nicht stattfindet, ist das Netz am Ende auch ein Ort der Unwirtlichkeit. Tonlos – trotz aller Informationen, die es da gibt, ganz im Unterschied zur Stimme eines Menschen, den man lieb gewonnen hat. Bei guten Priestern oder Ärzten fällt oft gleich die Stimme auf, mit der sie sich an die Menschen wenden, denen sie helfen wollen. Auch bei so manchem Psychotherapeuten oder Psychoanalytiker. Weich klingen diese Stimmen, den Menschen zugewandt. Man kann sich kaum abwenden von der Zugewandtheit ihres Sprechens und wundert sich, wie sie dahin gekommen sind – dass sie im Grundton ihres Sprechens diesen freundlichen Klang vor sich her sprechen können.

Aus Studien zur Arbeitswelt wissen wir heute zudem, dass Mitarbeiter in einem Unternehmen gar nicht so sehr auf den Inhalt dessen achten, was ihnen gesagt wird; sie hören vielmehr auf den Klang des Gesagten. In welchem Ton werde ich angesprochen? Das ist die Unternehmenskultur, die für den Mitarbeiter am Ende zählt. Und wird dieser Ton auch durchgetragen und durchgehalten, wenn Fehler passieren? Wenn nicht die Sonne scheint, sondern gerade auch in schwierigen Situationen, oder auch wenn Fehler gemacht werden. Ein ernsthafter Ton, der aber nicht die bewusste Aggression sucht, weil man das eigene Unglück schon längst im Herzen trägt und den ganzen Frust jetzt endlich begründet am anderen, am Nächsten auslassen kann.

Immer wieder haben Menschen gefragt, wie wohl Jesus geklungen hat. Wie seine Stimme war. In welchem Ton er auf die Menschen zugegangen ist. Oder auch sein Blick, den die ganzen Hollywood-Filme über diese Zeit so schmalzig gerade nicht treffen können. Und das Evangelium, das die ganzen Geschichten erzählt, ist ja doch scheinbar nur trockener Buchstabe, der das wirkliche Leben dieser Zeit zu wenig ausdrücken könne, sodass viel zu wenig fühlbar werde von dem, was damals vor 2 000 Jahren geschah. So klagen gerade auch die besten Theologen, die doch die Sehnsucht haben, in sich selbst zu spüren, was damals wirklich geschah. Aber ist das wirklich so?

Denn feststellen muss man schon, dass die Evangelien im Unterschied zum Netz einen ganz beschränkten Umfang haben. Vier Evangelisten erzählen aus ihrer Sicht das Geschehen. Recht viel mehr ist es nicht. Passt in jede Manteltasche. Und die einzelnen Gleichnisse sind so kurz und einfach, dass sie schon von daher ein Gegenprogramm zum überflüssigen Überfluss der digitalen Welt bieten. Bilder für das gute Leben. Kaufleute, die sich ernsthaft bemühen. Jesus als Arzt, der Leben schenkt. Einfache Bilder, einfache Geschichten, die aber sofort unvergesslich sind, wo man sie zum ersten Mal hört.

„Jesus hat nicht Programme und Ideen verkündigt, sondern auch und wesentlich physische, heilvolle Präsenz Gottes in sich selbst“, schreibt der Theologe Klaus Berger. Er ist es, der hör- und fühlbar wird in all den Texten des Neuen Testaments. Aber hinter dieser viel besprochenen Ebene des reinen Inhalts gibt es auch einen Ton, der hörbar wird im Neuen Testament? Das ist eine entscheidende Frage zum Weihnachtsfest. Die Evangelien sind alle Jahrzehnte nach der Kreuzigung Jesu geschrieben. Jede Zeile atmet das tragische Ostergeschehen. Schon die Weihnachtsbotschaft ist vom Ende her erzählt. Auch sie also steht in der Mitte von Freude und Trauer, von Unglück und Hoffnung, von Hoffnungslosigkeit und Erlösung und trägt so als Kehrseite der Trauer in ihrem Ton die Liebe in sich. Schon Augustinus schreibt: „Gut sollten wir diese Stimme kennenlernen, diese glücklich singende, diese stöhnende, diese in Hoffnung aufjubelnde, in ihrem gegenwärtigen Zustand aber seufzende Stimme: Gut sollten wir sie kennenlernen, sie innerlich vernehmen und sie uns zu eigen machen.“

Aus den Texten des Neuen Testaments wird sehr wohl ein Ton hörbar, der die reine Schrift aufbricht. Es ist der Ton der Liebe, die den ganzen Schmerz und die ganze Trauer des Ostergeschehens als fruchtbaren Humus der Liebe in sich trägt und damit erst in die wirkliche Lebensfülle führt. Schon das Geburtsgeschehen an Weihnachten spielt so zuinnerst auf das ewige Geboren-Sein an, das im Ostergeschehen der Todesverfallenheit des Lebens widerspricht. „In seinem von Johannes als Siegesruf verstandenen Todesschrei, im Umschlag von Schmerz in Jubel kommt zum Vorschein, was er vollbringt, indem er leidet, was er sagt.“ (Eugen Biser) Von hier aus rührt der Ton, der die wunderbaren Texte des Evangeliums durchklingt.

Unsere Zeit sucht eher das leidlose Glück. Die ununterbrochene Freude. „Die Unfähigkeit zu trauern.“ Den leidlosen Komfort. „Was ist denn gewonnen, wenn die Glasfasernetze verlegt und Zahnbürsten mit dem Internet verbunden sind, aber keine Verlockung mehr ausgeht von der Welt, wenn die Impulse ausbleiben, die Reize versiegen, die Schönheit schwindet und der Sinn“, so fragt unser Autor Tobias Haberl.

Glaube, so sagte einmal ein berühmter Theologe, sei Unterbrechung. Die Medienwelt von heute sendet fortdauernd. Das Weihnachtsgeschehen unterbricht diese rastlose Welt, wenn wir es zulassen. Und hinter dem Ton, der von ihm ausgeht, wird auch etwas sichtbar. Im Leidens- und Liebeston, der die Evangelientexte durchzieht, wird in unserer seelischen Vorstellungskraft sogar die Bilderwelt wirkmächtig. „An die Stelle des Sinns tritt das Gesicht Jesu. Es ist gleicherweise gezeichnet vom Entsetzen wie von der alles erduldenden Liebe.“ (Biser) Auf diese Weise können wir neue Kraft tanken. Weil in uns selbst sich so ein neuer Ton bahnbrechen kann. So können wir erleben, wie sich das Evangelium in unsere Zeit hineinspricht. Mit seinen Bildern und in seinem Ton der Liebe nimmt es uns gerade an Weihnachten bei der Hand und führt uns in die Welt, die wir oft genug vermissen, ohne es zu bemerken.

Straubinger Tagblatt vom 21. Dezember 2019 

Seifenblasen sehen anders aus

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Dezember 2019

Robert Habeck ist alles andere als ein Schaumschläger. Sein politisches Engagement wirkt darum echt

Neugierig war ich auf meine Begegnung mit Robert Habeck. Ein ungewöhnlicher Politiker ist er auf jeden Fall. Aber wer ist er wirklich? „Wissen Sie, der Habeck hat zu allem eine Meinung, aber von nichts eine Ahnung“, hatte mir gerade noch ein konservativer Politiker am Rande einer Veranstaltung zugeraunt. Aber wie schafft man es dann zum Parteichef der Grünen oder wenigstens zu einem von beiden? Und in Talkshows am Fernsehen kommt er doch immer recht gut rüber, denke ich mir; und dass er bei der Fahrtkostenpauschale mal nicht ganz im Bild war – nachvollziehbar. Aber dennoch: „Der Habeck wird platzen wie eine Seifenblase“, hört man nicht selten. Und jetzt also kommt er nach Landshut, wo die Bauern schon protestieren.

Es ist früher Abend. Kalt und unwirtlich. Nasser Nebel. 1 000 Bauern stehen mit 600 Schleppern vor der Sparkassenarena und sprechen sich Mut zu. Sie fühlen sich nicht mehr gesehen und geschätzt für ihre Leistung für das Land. Sie warten auf Habeck, der heute hier mit Sigi Hagl für die Grünen den Landshuter Kommunalwahlkampf eröffnet. Ihre Stimmung passt zum Wetter. Habeck und Hagl sind zu spät. Wer nur mit dem Zug und dem Fahrrad reist, muss froh sein, überhaupt anzukommen, denke ich mir. Da sind die 20 Minuten Verspätung eigentlich eine positive Überraschung.

„Habeck wird nicht aggressiv, aber er gibt seine Position auch nicht auf“

Beide sprinten jetzt nach oben auf die Bühne im Freien, wo gerade ein im Grunde sympathischer Bauer die Stimmung nochmals angeheizt hat. Freundlich ist der Empfang für Habeck hier also nicht. Der Grünen-Chef ist leger gekleidet und stellt sich sofort vor die 1 000 protestierenden Bauern. Natürlich, das muss ein Politiker können, aber irgendwie ist es doch auch mutig. Beifall bekommt er keinen. Dass es seltsam sei, in die Verantwortung genommen zu werden für eine Politik, die er gar nicht gemacht habe, meint er, um doch zuzugeben, dass die Rolle der Bauern gerade auch für ihn heute eine ganz andere sei als in den letzten 50 Jahren. Die Bauern hätten nach dem Zweiten Weltkrieg die Aufgabe bekommen, ein ausgehungertes Land für wenig Geld wieder gut zu versorgen. Viel zu produzieren, um das Land wieder nach oben zu bringen. Heute sei die Aufgabe der Bauern eine andere. Neben der Ernährung vor allem Landschaftsschutz auch zulasten des Ertrags, und dieser Rollenkonflikt, so erklärt er, sei eine neue strukturelle Problematik, die es jetzt zu lösen gelte.

Im Gespräch auf der Bühne gehen die Bauern nicht wirklich auf ihn ein, sondern schreien ihre Not wieder laut aus sich heraus. Die Antwort Robert Habecks: Er erklärt nochmals in fast denselben Worten die von ihm aufgezeigte Problematik und gibt nicht nach. Allein der Ton seiner Stimme verändert sich. Sie bekommt diesen hellen, abwehrenden Klang, den ich schon aus den Talkshows kenne. Habeck wird nicht aggressiv, aber er gibt seine Position auch nicht auf. Ich kenne Politiker sonst eher als Menschen, die sich entweder durchsetzen wollen oder, wenn das nicht geht, dann halt nachgeben. Habeck steht. Nur in seine Stimme zeichnet sich der innere Kampf und die Mühe ein, die eigene Position zu erklären und nicht aufzugeben.

Beim Pressegespräch danach erklärt Habeck seine Haltung. Er wolle bewusst nicht provozieren und im politischen Streit auch nicht aggressiv reagieren. Auch als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in den letzten Wochen besonders aggressiv auf die Grünen losgegangen wäre, habe man sich nicht provozieren lassen, sondern schlicht die eigene Position bewahrt und erklärt. Ausbrechen wolle man so aus den Negativ-Ritualen der Politik, die die Bürgerinnen und Bürger so satthätten.

Denken muss ich an einen Auftritt von Habeck mit Annalena Baerbock, der anderen Chefin der Grünen, als sie zu Gast waren bei Markus Lanz im ZDF. Ein eher drittklassiger Journalist hatte zu Beginn der Sendung mit allzu einfachen Parolen versucht, Habeck und Baerbock aus der Reserve zu locken. Dem ging es nicht um ein Gespräch, sondern nur um Randale. Aber die beiden waren ganz ruhig geblieben, erklärten ihre Position; was sie sich über den Kollegen dachten, kann ich mir vorstellen. Respekt aber nötigte es mir ab, dass sie ihre gelassene Position die ganze Sendung lang durchhielten und weiter von der Sache her argumentierten.

Über den freundlichen und doch so tragischen Schriftsteller Boehlendorff aus dem 18. Jahrhundert schrieb Habeck seine Magisterarbeit, bevor er in seiner Dissertation dafür warb, dass literarische Welten den Zugang zur Alltagswirklichkeit besser und schöner machen. Seine eigenen Bücher, die er dann als Schriftsteller selber schrieb, gelten bis heute als qualitativ gut, gerade auch seine Kinderbücher. Auch dass er vieles aus Liebe ganz bewusst zusammen mit seiner Frau schrieb, mit der er gleich noch vier Kinder hat, deutet eher nicht darauf hin, dass er nur ein Hochstapler wäre.

„Bis in sein Sprechen hinein ist Platz für andere Menschen“

Noch nicht einmal 20 Jahre ist es jetzt her, dass er sich am Beginn des neuen Jahrtausends ganz bewusst für die Politik entschied. 10 Jahre nach dem Einstieg ins neue Metier wurde er in Schleswig-Holstein Landwirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident. Sechs Jahre lang. Jetzt kümmert er sich nur noch um die Bundespolitik. Das Amt von damals und die Bücher von früher sind heute weit weg. Geblieben ist die freundliche Art, die er aus früheren Tagen mitnimmt und offensichtlich nicht preisgeben will.

Am Abend gibt es noch eine Einladung für knapp 40 geladene Gäste. In seiner Rede spricht Habeck nicht von sich, sondern nur von seiner Freundschaft mit Sigi Hagl, die in Landshut Oberbürgermeisterin werden will und dafür den Vorsitz der Partei in Bayern aufgab. Für einen Politiker ungewöhnlich: Bis in sein Sprechen hinein ist da wirklich Platz für den anderen Menschen. Dann geht Robert Habeck von Tisch zu Tisch und spricht mit den anderen Gästen. Dabei bleibt er freundlich und zugewandt. Seifenblasen sehen anders aus, denke ich mir, als ich am Ende spätabends nach Hause fahre.

Straubinger Tagblatt vom 7. Dezember 2019

 

 

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