Prof. Dr. Martin Balle

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Martin Balle

Noch ein Märchen

von Prof. Dr. Martin Balle | 15. Februar 2020

Es gibt fast nichts Schöneres, als in einer feinen Schweizer Gesellschaft, zum Beispiel in Zürich, den Namen Jean Ziegler fallen zu lassen und am besten noch...


Produktives Misstrauen

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. Januar 2020

Wenn der Philosoph Jürgen Habermas zu Besuch in München ist und über den Marienplatz bummelt, schauen ihm die Leute neugierig nach. 90 Jahre ist er jetzt...


Merkels Erbe

von Prof. Dr. Martin Balle | 24. Dezember 2019

Zwei persönliche Erzählungen zeigen sehr gut einen Wesenszug von Angela Merkel, der für diese lange Zeit ihres Regierens, wie es jetzt in allen Zeitungen...


Weihnachten 2019

von Prof. Dr. Martin Balle | 23. Dezember 2019

„Könnte es sein, dass es in Wahrheit bergab geht, weil die Menschen in einer vollständig aufgeklärten, digitalisierten und berechenbaren Welt reicher...


Seifenblasen sehen anders aus

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Dezember 2019

Robert Habeck ist alles andere als ein Schaumschläger. Sein politisches Engagement wirkt darum echt

Neugierig war ich auf meine Begegnung mit Robert Habeck....


Noch ein Märchen

von Prof. Dr. Martin Balle | 15. Februar 2020

Es gibt fast nichts Schöneres, als in einer feinen Schweizer Gesellschaft, zum Beispiel in Zürich, den Namen Jean Ziegler fallen zu lassen und am besten noch hinzuzufügen, wie sehr man ihn schätze. Die Reaktion der anderen Gäste bewegt sich dann in der Regel zwischen Unglauben und dem sichtbaren Wunsch, die Porzellanteller auf dem Tisch schnell leerzuräumen und auf den zu werfen, der solches von sich gibt. Jean Ziegler ist der notorische Ankläger seines Landes. Seit Jahrzehnten hält er seinen Landsleuten unerbittlich den Spiegel vor. Einen Buchtitel wie „Die Schweiz wäscht weißer“ muss man kaum lesen, um nicht schon zu wissen, was drinnen steht. Und als UN-Sonderbotschafter klopft er in Fernsehsendungen zudem immer mit dem Finger auf den Tisch und zählt so die Sekunden, in denen in Afrika schon wieder ein Kind an Hunger gestorben ist. Mehrfach in der Minute ist das. Sicher, die andere Seite von Jean Ziegler ist eine ganz gehörige Portion Narzissmus, er gefällt sich schon sehr in der Rolle des gealterten Revoluzzers, aber er gehört nun mal zur Schweiz wie die wunderbaren Berge oder der weltbekannte Käse, der dort gewonnen wird, mitsamt den Hustenbonbons, die so unverwechselbar beworben werden und an die man fast zwangsläufig denkt, sobald es im Hals kratzt.

Diese scheinbare Geschichtslosigkeit der Schweiz, die es so gut versteht, sich aus so vielem fein rauszuhalten, das haben ihr die Schriftsteller dort so gerne vorgehalten. Auch den Max Frisch hätten sie deshalb an manchen Tagen am liebsten aus seiner Heimat verbannt, so beißend war seine Kritik an seinem Heimatland, nicht weniger als Friedrich Dürrenmatt, der es in Deutschland immerhin genauso in die Schulbücher der Gymnasien gebracht hat. Offensichtlich erzeugt ein hohes Maß an Reichtum auch Gegenkräfte, die genauso stark und prägend sind.

Aber die andere Seite dominiert dann doch: Der Schweizer Joe Ackermann, der im Fernsehen so gewinnend die Aktien der Deutschen Bank empfahl, als sie noch über 60 Euro wert waren, hat es immerhin geschafft, nicht nur die eigene Bank zu ruinieren, in diesem Fall auch noch eine deutsche, sondern zudem das Geschäftsmodell mit den in Amerika beliehenen Immobilien auch hierzulande an die Börse zu bringen und sich so jeden soliden Sparkassenchef zum Feind zu machen. Heute genießt er seinen Ruhestand und hat wohl kaum ein Bewusstsein von all dem Schaden, den er angerichtet hat. Wer dann auch noch in St. Moritz über die berühmte Einkaufsmeile oben auf dem Berg über dem See bummelt, wo die hochpreisigen Marken der ganzen westlichen Welt versammelt sind, der bekommt schnell eine Ahnung, wo das Geld ist, das in Afrika oder Lateinamerika fehlt. Dass die korrupten FIFA-Bosse allesamt aus der Schweiz kommen, versteht sich und natürlich steht gerade in Zürich die Zentrale des weltweit korrupt gewordenen Fußballs. Fast schon eine Leistung allerdings ist es, dass auf den berüchtigten Sepp Blatter mit dem neuen FIFA-Boss Gianni Infantino ein noch undurchsichtigerer Geselle als Nachfolger ins Amt kam.

Aber die Schweiz hat auch eine andere Seite. In ihrer Selbst- und Geschichtsvergessenheit an manchen Orten gibt es dort Zeitungen, die so wenig aktuell sind, dass man auf das Titelblatt schauen muss, um sich zu vergewissern, was denn heute für ein Tag ist. Liest man so zum Beispiel die Basler Zeitung, so kommt man leicht ins Grübeln über der Frage, in welchem Jahrhundert man sich beim Lesen gerade bewegt. Das hat schon auch etwas Liebenswürdiges. Hier ist die berühmte Langsamkeit der Schweizer buchstäblich Gestalt geworden!

Und so nimmt es vor all diesem Hintergrund nicht wunder, dass auch die Ermittlungen rund um das deutsche Fußballmärchen 2006 jetzt zu verjähren drohen. Erschrocken fragt deshalb die Süddeutsche Zeitung vor wenigen Wochen: „Für ihre Sommermärchen-Ermittlungen nahm sich die Schweizer Justiz viel Zeit. So viel, dass jetzt wahrscheinlich die ganze Affäre verjährt. Ist das nur Inkompetenz – oder politisches Kalkül?“ Solches ist natürlich schwer vorstellbar in einem Land wie Deutschland, wo Kanzler ihren Ruf und den Ehrenvorsitz der Partei verlieren, weil sie illegal Parteispenden angenommen haben, oder wo amtierende Oberbürgermeister ganz früh am Morgen in der Tiefgarage mit Fesseln abgeführt werden, weil der Verdacht besteht, dass sie Wahlkampfspenden nicht so ganz sauber verbucht haben. Und jetzt das: Knapp sieben Millionen Euro sind irgendwie bei Franz Beckenbauer gelandet und mit einem gezielten weiten Pass in den freien Raum so verschwunden, dass sie nicht mehr auffindbar sind. Zurückgegeben wurden sie Jahre später von Funktionären des deutschen Fußballverbandes, aber das waren andere sieben Millionen und auch das war recht undurchsichtig. Das Geld aber, das in Beckenbauers weißer Weste so plötzlich unsichtbar wurde, es bleibt auf unerklärliche Weise verschwunden. Erklären kann man es eigentlich nur mit der Geschichte des besten Fußballers der Welt in seiner Zeit: Da gab es einmal ein Bundesligaspiel, es regnete stark und der Platz war völlig verdreckt. Die weißen Trikots und vor allem die Stutzen der Spieler waren nicht mehr als weiß erkennbar; der Einzige, bei dem es nicht so war, das war der Kaiser, obwohl er voller Einsatz mitgespielt hatte. Und auch die Zauberpässe über 50, 60 Meter, auch da ging es doch nie mit ganz rechten Dingen zu. Sinnbildlich für sein Zauberspiel blieb der Werbespot mit dem Kaiser, der einem bis in den Tod im Ohr klingen wird: „Ja, is denn scho wieder Weihnachten?“

Die Schweizer Justiz hat also recht getan. Sie hat nicht den Buchstaben des Gesetzes zuerst in den Vordergrund gestellt, weil das hier ganz falsch wäre. Sondern sie ist zwei Schritte zurückgetreten und hat versucht, dem Fall als Ganzes gerecht zu werden. Das braucht Zeit und das macht Freude. Nochmals dieses Leben anzuschauen, die Spiele, die Pässe, die Siege, die Frauen, die Erfolge, die vielen wunderbaren Stunden, die uns der Kaiser geschenkt hat. Die unendlich vielen Sätze in die Fernsehkameras der Welt, die immer auch so philosophisch waren, dass sie uns über Tage zum Denken brachten. Und da hat die Schweizer Justiz schlicht die Zeit vergessen, so wie wir auch, wenn wir ein spannendes Fußballspiel anschauen und alles vergessen, was um uns herum geschieht.

Und ich muss sagen: Mich freut das. Dass in einer Welt, wo so viel echtes Unrecht geschieht und so viel Recht gesprochen wird, aber es hilft am Ende doch so wenig, über dem Kaiser wieder einmal die Sonne scheint. Und vielleicht hat die Schweizer Justiz ja doch bemerkt, dass dem Kaiser ein geliebter Sohn gestorben ist und dass sein Herz tatsächlich nicht mehr so schlägt, wie es sollte. Und vielleicht gehört das ja auch zu einer menschlichen Gesellschaft, dass selbst die Justiz so etwas nicht übersieht. Für einen deutschen Staatsanwalt aber ist das schwer vorstellbar, um es vorsichtig auszudrücken. In der Schweiz aber ticken die Uhren doch anders.

Straubinger Tagblatt vom 15. Februar 2020 

Produktives Misstrauen

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. Januar 2020

Wenn der Philosoph Jürgen Habermas zu Besuch in München ist und über den Marienplatz bummelt, schauen ihm die Leute neugierig nach. 90 Jahre ist er jetzt schon alt, aber er gilt als der vielleicht letzte ganz große Denker unserer Tage. Mit zwei dicken Büchern, die den seltsamen Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“ tragen, hat er gerade die Summe seines Lebens und Denkens publiziert. Und das ist erstaunlich: Dieser alte Philosoph, der aus der Tradition der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer kommt, erzählt auf diesen knapp 2 000 Seiten eigentlich nur von seinem Heimweh; vom Heimweh danach, dass unsere moderne und so selbstvergessene Zeit die religiösen und spirituellen Voraussetzungen unserer Kultur nicht vergisst. Vom Christentum, vom Buddhismus oder auch von Konfuzianismus und Taoismus. Dass eine Welt, die glaubt, sich ganz bewusst von ihren religiösen Wurzeln abschneiden zu können oder sogar zu müssen, am Ende des Tages eine ärmere Welt sei, das ist es, was er am Ende seines Lebens zu sagen hat. Es ist schon bewundernswert, wie es diesem großen Denker gelingt, den Bogen von der griechischen Philosophie bis in unsere Tage zu schlagen und so aufzuzeigen, wie sich über die Jahrtausende unser Bewusstsein entwickelt und verändert hat.

Ganz am Anfang seines großen Werks aber macht Habermas eine Anmerkung zur gegenwärtigen Situation von Politik und Medien, die hochinteressant ist. Er schreibt hier, dass eine moderne Demokratie davon lebe, dass das Politische in der „diffusen Gestalt frei konkurrierender öffentlicher Meinungen in Verbindung mit demokratischen Wahlen ein einigendes Zentrum bilde“. Übersetzt: Es braucht Wahlen und zahlreiche Medien, damit Demokratie funktioniert. Und dann merkt er an: „Das ist freilich nur so lange möglich, wie die entscheidungsbedürftigen Themen überhaupt noch in die Kommunikationskreisläufe Eingang finden und die staatlich institutionalisierten Entscheidungen selbst in dem pluralistischen Stimmengewirr einer vitalen Öffentlichkeit verwurzelt bleiben.“ Übersetzt: Wenn Politik nicht mehr über das entscheidet, was die Menschen bewegt, und die Medien das nicht mehr berichten, was wirklich wichtig ist, kann Demokratie scheitern.

Habermas weiter: „Die Belastungen, die durch die Funktionsstörungen in einzelnen Teilsystemen der Gesellschaft, vor allem im ökonomischen System, hervorgerufen werden, finden auf dem Resonanzboden der Zivilgesellschaft ein Echo in einer zerstreuten, aber gesellschaftsweit verbreiteten Krisenempfindlichkeit.“ Übersetzt: Wenn Wirtschaft und Medien vom Primat des Geldes her funktionieren, beginnen viele Menschen zu misstrauen. Nicht nur den Medien, sondern auch der Welt, in der sie leben. Habermas ein letztes Mal: Dieses Misstrauen „kann sich in der politischen Öffentlichkeit artikulieren und unter günstigen Bedingungen mobilisierende Kraft entfalten. Die längst verstaatlichten politischen Eliten empfangen von dieser Seite einen intentionalen Gegendruck zu dem Erpressungspotenzial der Märkte und allgemein zum systemischen Sog funktionaler Imperative, die im Scheine von Sachnotwendigkeiten auftreten.“ Eine letzte Übersetzung: Das Misstrauen, das viele Menschen heute prägt, ist ein Hoffnungsschimmer. Denn die Menschen spüren, dass es eine Welt geben muss, die nicht von Angela Merkels „alternativlosem“ Sprechen und Handeln geprägt wird und auch nicht von den Giganten am Medienmarkt, die da Google oder Amazon heißen. Und weil die Menschen das spüren, gehe von diesem Gespür ein Widerspruch aus, der für Politik und Gesellschaft produktiv werden könne.

Heute gibt es unglaublich viele Verschwörungstheorien. Die da oben empfingen ihre Befehle von geheimen Mächten, so sagen viele. Und in den Medien gebe es nur Ablenkungsmanöver, sie seien längst mit den Mächtigen im Bunde. Habermas erklärt auf diese Art und Weise, warum Menschen so denken. Sie erleben ihr Leben als abgekoppelt von dem, was täglich in Politik und Medien verhandelt wird.

Erstaunlich ist, wie sich die Extreme berühren. Die Botschaft von Habermas ist dem, was die Politiker von der AfD erzählen, gar nicht so fremd. Oder auch dem, was Donald Trump jeden Tag von sich gibt: „Euch hat man betrogen. Man hat euch um euer Leben betrogen.“ Das ist die Botschaft der extremen Rechten mitsamt der Lösung: „Ich oder auch wir werden euch helfen.“

Und das ist dann auch der entscheidende Unterschied. Denn der kritische Impuls, den Habermas vollkommen zu Recht gibt, wird gerade von denen missbraucht, die die Menschen heute in ihrer Angst um ihre Zukunft mit falschen Versprechen abholen. Genau diese politischen Kräfte haben ohne Philosophiestudium verstanden, wie es um die Gesellschaft heute auch bestellt ist – und missbrauchen das Vakuum, das auch in Deutschland entstanden ist. Ein Drittel der Menschen in unserem Land hat Angst vor Armut, hat Angst, ausgeschlossen zu werden von den Mechanismen, die die Gesellschaft solidarisch zusammenhalten. Hat Angst, herauszufallen aus dem Miteinander der Menschen, das für alle so lebensnotwendig ist. Und man kann also sagen, dass genau die Menschen, die heute ein verständliches Misstrauen entwickelt haben, wie die Dinge politisch so laufen, von genau den Parteien missbraucht und ein zweites Mal belogen und betrogen werden, denen sie ihr Misstrauen sozusagen anvertrauen. Von Donald Trump bis hin zur AfD, die keinerlei Rezepte für eine bessere Welt zu bieten hat.

Die zweite Frage: Ist es denn wirklich so, dass die Medien heute abgekoppelt sind vom Leben der Menschen? Vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel über die Süddeutsche Zeitung bis hin zur Wochenzeitung Die Zeit? Ist es nicht doch so, dass gerade in den Printmedien die sozialen Fragen einen breiten Raum einnehmen? Dass dort Einzelschicksale in aller Härte dokumentiert werden oder auch aufgezeigt wird, welche politischen Strukturen welche Folgen nach sich ziehen? Selbst die Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Ist es nicht doch so, dass wir ein recht gutes Bild bekommen von den Politikern aller Parteien, die wir am Wahlsonntag wählen können?

Der Befund von Habermas, dass etwas nicht mehr stimmt, ist sicher zutreffend. Aber gibt es nicht doch gerade in unserer Demokratie ganz viele Hebel, wo wir mitarbeiten können, dass die Welt besser wird? In den Vereinen und Verbänden, an unserem Arbeitsplatz, selbst in den viel gescholtenen Parteien, die offensichtlich so stark sind, dass die extreme Rechte viel weniger Chancen hat, als dies in anderen auch europäischen Ländern der Fall ist.

Den kritischen Impuls also, den Habermas vollkommen zu Recht ausspricht und der von den radikalen Kräften weltweit so gerne missbraucht wird, den gilt es in anderer Weise aufzunehmen und umzusetzen. Indem wir nämlich den radikalen Impuls, dass wir etwas ändern müssen, nicht den radikalen Kräften im Land anvertrauen!

Straubinger Tagblatt vom 25. Januar 2020 

Merkels Erbe

von Prof. Dr. Martin Balle | 24. Dezember 2019

Zwei persönliche Erzählungen zeigen sehr gut einen Wesenszug von Angela Merkel, der für diese lange Zeit ihres Regierens, wie es jetzt in allen Zeitungen gewürdigt wurde, kennzeichnend ist. Ein CDU-Bundestagsabgeordneter aus Nordrhein-Westfalen erzählte mir, dass er einmal in einer internen Fraktionssitzung deutliche Kritik an Angela Merkels Politik geübt habe. Die Kritik sei von allen als sachlich fundiert und nicht persönlich kränkend erlebt worden. Weil einige Kollegen in der Fraktion aber die Medien über SMS bereits verständigt hätten, dass es in der Fraktion deutliche Kritik an der Regierungschefin gegeben habe, hätten vor der Tür am Ende der Sitzung bereits zahlreiche Mikrofone und Kamerateams gewartet, um ihn zu interviewen. Das habe er als treuer Parteisoldat verweigert, weil es ihm alleine um eine inhaltliche Kritik gegangen sei, aber nicht um persönliche Profilierung.

Der Abgeordnete hat sich also mehr als korrekt verhalten. Das Ende der Geschichte aber ist, dass die Kanzlerin ihn nach seiner Kritik knapp zwei Jahre lang keines Blickes mehr würdigte. Ganz genauso erging es dem Vorstand eines Dax-Konzerns. Er erhielt vom Kanzleramt eines Morgens einen Anruf, dass die Kanzlerin es nicht für opportun halte, wenn er eine Einladung zu Wirtschaftsgesprächen in St. Petersburg annehme. Nachdem der Vorstand aber die Sache ganz anders sah und sich vor allem seinem Unternehmen und nicht der Regierung verpflichtet fühlte, nahm er die Einladung dennoch an. „Danach wurde ich von Angela Merkel nie mehr zu einer Wirtschaftsreise ins Ausland mitgenommen – und die persönlichen Gespräche, die es vorher mindestens einmal im Jahr gegeben hatte, entfielen von da an für immer“, so sagte er mir Jahre später unter vier Augen.

Nachtragend ist sie die Kanzlerin, so erzählen es alle, die sie näher kennen. Und vor allem möchte sie niemals einen Fehler gemacht haben. Und zugeben schon gleich überhaupt nicht. Wie eine fehlerfreie Prinzessin möchte sie gesehen werden nach 14 Jahren Kanzlerschaft, einer neuen Rekordzeit, die sich jetzt also nochmals um zwei Jahre verlängern soll. Dabei wissen wir doch, dass es das Wichtigste im Leben ist, sich korrigieren zu lassen. Mit dem Philosophen Popper das Leben als einen Weg von Versuch und Irrtum zu beschreiten, auf dem man nur mühsam mit vielen Irrtümern sich aber dennoch der Wahrheit immer mehr annähert.

Am Anfang von Angela Merkels politischem Weg stand das Wahlkampfmanagement für ihre Partei nach der Wende vor knapp 30 Jahren. Sie sah, wie es ging. Sie verstand, wie man ein Rennen gewinnt. Nicht um Inhalte geht es beim Ringen um die Macht, sondern um den Sieg und dass man ihn erringt. Und sie verstand das Spiel und war darin erfolgreich. Warum also nicht für sich selber trommeln, statt für einen anderen? Auch ihre Abkehr von Helmut Kohl vor 20 Jahren in einem viel beachteten Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte inhaltlich wenig zu bieten. Er war bloß ein Signal, sich endlich vom schwach gewordenen Altkanzler abzuwenden. Weil sie es war, die die Chance zur persönlichen Profilierung als Erste wahrnahm, wurde auch sie es, der die Partei, die Kohls müde war, den roten Teppich auszurollen begann. Viel ist geschrieben worden über all die Männer, die damals noch glaubten, „Kohls Mädchen“ wieder loszuwerden. Aber sie war es, die all die Männer einen nach dem anderen entsorgte und sich selbst immer besser darzustellen verstand. Um manchen der Krieger aus diesen Tagen ist es beileibe nicht schade, dass er in der zweiten oder sogar dritten politischen Reihe verschwand oder sich eben ganz aus der Politik zurückzog. Aber was Merkel versäumte, war, neue und junge begabte Politikerinnen und Politiker zu fördern und als (fast) gleichberechtigte Partner an sich zu binden. Lieber umgab sie sich mit eher zweitklassigen Claqueuren, mit den Schavans oder von der Leyens dieser Welt. Heute hat die CDU kaum Führungspersonal in ihren Reihen, dem man zutrauen würde, einen Weg in die Zukunft zu finden, der Erfolg versprechend sein könnte. Die Partei erscheint als ausgezehrt, nicht nur, was die Personen angeht, sondern auch, wenn es um Inhalte geht.

Der Ausstieg aus der Kernenergie, nicht aus Überzeugung, sondern so ganz schnell im intuitiven Wissen, dass die Menschen nach Japans Atomkatastrophe jetzt Angst haben, sodass also Wahlen verloren gehen könnten. Und auch dort, wo Angela Merkel in Sonntagsreden von Frieden in Freiheit, von Menschen- und Grundrechten sprach, es hatte nie den Zauber dessen, der diese Dinge aus tiefstem Herzen liebt und sie so zur Sprache bringt, dass sie in ihrer wunderbaren Bedeutung faszinieren und lebendig werden. Stattdessen Rüstungsexporte auf Rekordniveau gerade auch in die Krisenländer der Welt und eine halbherzige Verurteilung von Saudi-Arabien, das in seiner türkischen Botschaft einen Regimekritiker töten und in seine Einzelteile zerlegen lässt.

Über das Jahr 2015 ist viel gesprochen worden. Natürlich war es ein Fehler, den Zuzug von mehr als einer Million Menschen unvorbereitet zuzulassen und erst dann in Brüssel nachzufragen, ob man eine europäische Lösung nicht doch finden könnte. Aber auch diesen Fehler konnte Merkel nie eingestehen, obwohl sie schnell alles tat, um ihn wenigstens halbwegs einzufangen. Am Ende stand der Teufelspakt mit Erdogan, den man jetzt also nicht mehr nur in der Nato braucht. Dann drei Reisen nach Afrika, um zu zeigen, dass man sich endlich für diesen Kontinent einsetzt, die aber am Ende buchstäblich im Sande verliefen. Dann wieder nichts. Vier lange Jahre kaum nennenswerte Ansätze in Afrika, sich entscheidend vor Ort einzusetzen und die Welt dort besser zu machen, damit die Flüchtlingsströme endlich weniger werden. Jetzt kommen neue Flüchtlinge und damit alte Probleme.

Auf Macrons flammendes Plädoyer für mehr Europa antwortete Angela Merkel nicht selbst, sondern ließ nach Verstreichen von viel zu viel Zeit die neue Parteivorsitzende antworten. Ein Regelbruch, der nicht zu akzeptieren ist. Und am Europawahlkampf nahm sie gleich überhaupt nicht mehr teil. Sie sei ja jetzt nicht mehr Parteichefin, so ließ sie verlauten, sondern nur mehr Kanzlerin, was soll sie sich auf den Wahlkampfplätzen der Welt die Hacken ablaufen, hat sie sich gedacht und sich auch so verhalten.

Es gibt nicht wenige, die sagen, die Welt werde sich nach Angela Merkel und der Stabilität, die es in ihren Jahren auch gegeben habe, noch zurücksehnen. Aber die andere Seite dieser Jahre sind die unendlichen Defizite dieser Kanzlerschaft. Ihr durchgängiges Mittelmaß, ein Regieren ohne eine Idee für das Land. Das ständige Lavieren, um ja die Macht zu erhalten. Faule Kompromisse, die nach allen Seiten dienen wollten, eine Politik ohne echte Ecken und Kanten. In zwei Jahren also ist es endlich vorbei. Natürlich – es kann auch immer noch schlimmer kommen!

Straubinger Tagblatt vom 24. Dezember 2019

Weihnachten 2019

von Prof. Dr. Martin Balle | 23. Dezember 2019

„Könnte es sein, dass es in Wahrheit bergab geht, weil die Menschen in einer vollständig aufgeklärten, digitalisierten und berechenbaren Welt reicher und gleichzeitig ärmer, gesünder und gleichzeitig kränker, toleranter und gleichzeitig missgünstiger, sicherer und gleichzeitig ängstlicher, vernetzter und gleichzeitig einsamer werden?“ So fragt der Autor Tobias Haberl in der Wochenzeitung Die Zeit vor wenigen Tagen. Zwar gäbe es heute im Netz ein immenses Wissen und auch einen ungeheuren Austausch von Wissen, aber all das sei am Ende nur eine „Tyrannei der Rationalität“. Mit einem schönen Bild beschreibt Haberl unsere Welt im 21. Jahrhundert: „aufgeklärt, aber leblos, hübsch, aber langweilig, sicher, aber kontrolliert wie ein nordkoreanisches Straflager – ein Ort ohne Zauber, aus dem sich jedes Temperament, jede Poesie und Transzendenz verabschiedet haben“.

„Der Ton macht die Musik“, heißt ein bekanntes Sprichwort. Aber was für ein Ton ist das denn überhaupt noch, der im Netz gepflegt wird. Sicher, es gibt die Hate Speech, das Herausschreien der eigenen Aggressionen, aber selbst dort, wo das nicht stattfindet, ist das Netz am Ende auch ein Ort der Unwirtlichkeit. Tonlos – trotz aller Informationen, die es da gibt, ganz im Unterschied zur Stimme eines Menschen, den man lieb gewonnen hat. Bei guten Priestern oder Ärzten fällt oft gleich die Stimme auf, mit der sie sich an die Menschen wenden, denen sie helfen wollen. Auch bei so manchem Psychotherapeuten oder Psychoanalytiker. Weich klingen diese Stimmen, den Menschen zugewandt. Man kann sich kaum abwenden von der Zugewandtheit ihres Sprechens und wundert sich, wie sie dahin gekommen sind – dass sie im Grundton ihres Sprechens diesen freundlichen Klang vor sich her sprechen können.

Aus Studien zur Arbeitswelt wissen wir heute zudem, dass Mitarbeiter in einem Unternehmen gar nicht so sehr auf den Inhalt dessen achten, was ihnen gesagt wird; sie hören vielmehr auf den Klang des Gesagten. In welchem Ton werde ich angesprochen? Das ist die Unternehmenskultur, die für den Mitarbeiter am Ende zählt. Und wird dieser Ton auch durchgetragen und durchgehalten, wenn Fehler passieren? Wenn nicht die Sonne scheint, sondern gerade auch in schwierigen Situationen, oder auch wenn Fehler gemacht werden. Ein ernsthafter Ton, der aber nicht die bewusste Aggression sucht, weil man das eigene Unglück schon längst im Herzen trägt und den ganzen Frust jetzt endlich begründet am anderen, am Nächsten auslassen kann.

Immer wieder haben Menschen gefragt, wie wohl Jesus geklungen hat. Wie seine Stimme war. In welchem Ton er auf die Menschen zugegangen ist. Oder auch sein Blick, den die ganzen Hollywood-Filme über diese Zeit so schmalzig gerade nicht treffen können. Und das Evangelium, das die ganzen Geschichten erzählt, ist ja doch scheinbar nur trockener Buchstabe, der das wirkliche Leben dieser Zeit zu wenig ausdrücken könne, sodass viel zu wenig fühlbar werde von dem, was damals vor 2 000 Jahren geschah. So klagen gerade auch die besten Theologen, die doch die Sehnsucht haben, in sich selbst zu spüren, was damals wirklich geschah. Aber ist das wirklich so?

Denn feststellen muss man schon, dass die Evangelien im Unterschied zum Netz einen ganz beschränkten Umfang haben. Vier Evangelisten erzählen aus ihrer Sicht das Geschehen. Recht viel mehr ist es nicht. Passt in jede Manteltasche. Und die einzelnen Gleichnisse sind so kurz und einfach, dass sie schon von daher ein Gegenprogramm zum überflüssigen Überfluss der digitalen Welt bieten. Bilder für das gute Leben. Kaufleute, die sich ernsthaft bemühen. Jesus als Arzt, der Leben schenkt. Einfache Bilder, einfache Geschichten, die aber sofort unvergesslich sind, wo man sie zum ersten Mal hört.

„Jesus hat nicht Programme und Ideen verkündigt, sondern auch und wesentlich physische, heilvolle Präsenz Gottes in sich selbst“, schreibt der Theologe Klaus Berger. Er ist es, der hör- und fühlbar wird in all den Texten des Neuen Testaments. Aber hinter dieser viel besprochenen Ebene des reinen Inhalts gibt es auch einen Ton, der hörbar wird im Neuen Testament? Das ist eine entscheidende Frage zum Weihnachtsfest. Die Evangelien sind alle Jahrzehnte nach der Kreuzigung Jesu geschrieben. Jede Zeile atmet das tragische Ostergeschehen. Schon die Weihnachtsbotschaft ist vom Ende her erzählt. Auch sie also steht in der Mitte von Freude und Trauer, von Unglück und Hoffnung, von Hoffnungslosigkeit und Erlösung und trägt so als Kehrseite der Trauer in ihrem Ton die Liebe in sich. Schon Augustinus schreibt: „Gut sollten wir diese Stimme kennenlernen, diese glücklich singende, diese stöhnende, diese in Hoffnung aufjubelnde, in ihrem gegenwärtigen Zustand aber seufzende Stimme: Gut sollten wir sie kennenlernen, sie innerlich vernehmen und sie uns zu eigen machen.“

Aus den Texten des Neuen Testaments wird sehr wohl ein Ton hörbar, der die reine Schrift aufbricht. Es ist der Ton der Liebe, die den ganzen Schmerz und die ganze Trauer des Ostergeschehens als fruchtbaren Humus der Liebe in sich trägt und damit erst in die wirkliche Lebensfülle führt. Schon das Geburtsgeschehen an Weihnachten spielt so zuinnerst auf das ewige Geboren-Sein an, das im Ostergeschehen der Todesverfallenheit des Lebens widerspricht. „In seinem von Johannes als Siegesruf verstandenen Todesschrei, im Umschlag von Schmerz in Jubel kommt zum Vorschein, was er vollbringt, indem er leidet, was er sagt.“ (Eugen Biser) Von hier aus rührt der Ton, der die wunderbaren Texte des Evangeliums durchklingt.

Unsere Zeit sucht eher das leidlose Glück. Die ununterbrochene Freude. „Die Unfähigkeit zu trauern.“ Den leidlosen Komfort. „Was ist denn gewonnen, wenn die Glasfasernetze verlegt und Zahnbürsten mit dem Internet verbunden sind, aber keine Verlockung mehr ausgeht von der Welt, wenn die Impulse ausbleiben, die Reize versiegen, die Schönheit schwindet und der Sinn“, so fragt unser Autor Tobias Haberl.

Glaube, so sagte einmal ein berühmter Theologe, sei Unterbrechung. Die Medienwelt von heute sendet fortdauernd. Das Weihnachtsgeschehen unterbricht diese rastlose Welt, wenn wir es zulassen. Und hinter dem Ton, der von ihm ausgeht, wird auch etwas sichtbar. Im Leidens- und Liebeston, der die Evangelientexte durchzieht, wird in unserer seelischen Vorstellungskraft sogar die Bilderwelt wirkmächtig. „An die Stelle des Sinns tritt das Gesicht Jesu. Es ist gleicherweise gezeichnet vom Entsetzen wie von der alles erduldenden Liebe.“ (Biser) Auf diese Weise können wir neue Kraft tanken. Weil in uns selbst sich so ein neuer Ton bahnbrechen kann. So können wir erleben, wie sich das Evangelium in unsere Zeit hineinspricht. Mit seinen Bildern und in seinem Ton der Liebe nimmt es uns gerade an Weihnachten bei der Hand und führt uns in die Welt, die wir oft genug vermissen, ohne es zu bemerken.

Straubinger Tagblatt vom 21. Dezember 2019 

Seifenblasen sehen anders aus

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Dezember 2019

Robert Habeck ist alles andere als ein Schaumschläger. Sein politisches Engagement wirkt darum echt

Neugierig war ich auf meine Begegnung mit Robert Habeck. Ein ungewöhnlicher Politiker ist er auf jeden Fall. Aber wer ist er wirklich? „Wissen Sie, der Habeck hat zu allem eine Meinung, aber von nichts eine Ahnung“, hatte mir gerade noch ein konservativer Politiker am Rande einer Veranstaltung zugeraunt. Aber wie schafft man es dann zum Parteichef der Grünen oder wenigstens zu einem von beiden? Und in Talkshows am Fernsehen kommt er doch immer recht gut rüber, denke ich mir; und dass er bei der Fahrtkostenpauschale mal nicht ganz im Bild war – nachvollziehbar. Aber dennoch: „Der Habeck wird platzen wie eine Seifenblase“, hört man nicht selten. Und jetzt also kommt er nach Landshut, wo die Bauern schon protestieren.

Es ist früher Abend. Kalt und unwirtlich. Nasser Nebel. 1 000 Bauern stehen mit 600 Schleppern vor der Sparkassenarena und sprechen sich Mut zu. Sie fühlen sich nicht mehr gesehen und geschätzt für ihre Leistung für das Land. Sie warten auf Habeck, der heute hier mit Sigi Hagl für die Grünen den Landshuter Kommunalwahlkampf eröffnet. Ihre Stimmung passt zum Wetter. Habeck und Hagl sind zu spät. Wer nur mit dem Zug und dem Fahrrad reist, muss froh sein, überhaupt anzukommen, denke ich mir. Da sind die 20 Minuten Verspätung eigentlich eine positive Überraschung.

„Habeck wird nicht aggressiv, aber er gibt seine Position auch nicht auf“

Beide sprinten jetzt nach oben auf die Bühne im Freien, wo gerade ein im Grunde sympathischer Bauer die Stimmung nochmals angeheizt hat. Freundlich ist der Empfang für Habeck hier also nicht. Der Grünen-Chef ist leger gekleidet und stellt sich sofort vor die 1 000 protestierenden Bauern. Natürlich, das muss ein Politiker können, aber irgendwie ist es doch auch mutig. Beifall bekommt er keinen. Dass es seltsam sei, in die Verantwortung genommen zu werden für eine Politik, die er gar nicht gemacht habe, meint er, um doch zuzugeben, dass die Rolle der Bauern gerade auch für ihn heute eine ganz andere sei als in den letzten 50 Jahren. Die Bauern hätten nach dem Zweiten Weltkrieg die Aufgabe bekommen, ein ausgehungertes Land für wenig Geld wieder gut zu versorgen. Viel zu produzieren, um das Land wieder nach oben zu bringen. Heute sei die Aufgabe der Bauern eine andere. Neben der Ernährung vor allem Landschaftsschutz auch zulasten des Ertrags, und dieser Rollenkonflikt, so erklärt er, sei eine neue strukturelle Problematik, die es jetzt zu lösen gelte.

Im Gespräch auf der Bühne gehen die Bauern nicht wirklich auf ihn ein, sondern schreien ihre Not wieder laut aus sich heraus. Die Antwort Robert Habecks: Er erklärt nochmals in fast denselben Worten die von ihm aufgezeigte Problematik und gibt nicht nach. Allein der Ton seiner Stimme verändert sich. Sie bekommt diesen hellen, abwehrenden Klang, den ich schon aus den Talkshows kenne. Habeck wird nicht aggressiv, aber er gibt seine Position auch nicht auf. Ich kenne Politiker sonst eher als Menschen, die sich entweder durchsetzen wollen oder, wenn das nicht geht, dann halt nachgeben. Habeck steht. Nur in seine Stimme zeichnet sich der innere Kampf und die Mühe ein, die eigene Position zu erklären und nicht aufzugeben.

Beim Pressegespräch danach erklärt Habeck seine Haltung. Er wolle bewusst nicht provozieren und im politischen Streit auch nicht aggressiv reagieren. Auch als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in den letzten Wochen besonders aggressiv auf die Grünen losgegangen wäre, habe man sich nicht provozieren lassen, sondern schlicht die eigene Position bewahrt und erklärt. Ausbrechen wolle man so aus den Negativ-Ritualen der Politik, die die Bürgerinnen und Bürger so satthätten.

Denken muss ich an einen Auftritt von Habeck mit Annalena Baerbock, der anderen Chefin der Grünen, als sie zu Gast waren bei Markus Lanz im ZDF. Ein eher drittklassiger Journalist hatte zu Beginn der Sendung mit allzu einfachen Parolen versucht, Habeck und Baerbock aus der Reserve zu locken. Dem ging es nicht um ein Gespräch, sondern nur um Randale. Aber die beiden waren ganz ruhig geblieben, erklärten ihre Position; was sie sich über den Kollegen dachten, kann ich mir vorstellen. Respekt aber nötigte es mir ab, dass sie ihre gelassene Position die ganze Sendung lang durchhielten und weiter von der Sache her argumentierten.

Über den freundlichen und doch so tragischen Schriftsteller Boehlendorff aus dem 18. Jahrhundert schrieb Habeck seine Magisterarbeit, bevor er in seiner Dissertation dafür warb, dass literarische Welten den Zugang zur Alltagswirklichkeit besser und schöner machen. Seine eigenen Bücher, die er dann als Schriftsteller selber schrieb, gelten bis heute als qualitativ gut, gerade auch seine Kinderbücher. Auch dass er vieles aus Liebe ganz bewusst zusammen mit seiner Frau schrieb, mit der er gleich noch vier Kinder hat, deutet eher nicht darauf hin, dass er nur ein Hochstapler wäre.

„Bis in sein Sprechen hinein ist Platz für andere Menschen“

Noch nicht einmal 20 Jahre ist es jetzt her, dass er sich am Beginn des neuen Jahrtausends ganz bewusst für die Politik entschied. 10 Jahre nach dem Einstieg ins neue Metier wurde er in Schleswig-Holstein Landwirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident. Sechs Jahre lang. Jetzt kümmert er sich nur noch um die Bundespolitik. Das Amt von damals und die Bücher von früher sind heute weit weg. Geblieben ist die freundliche Art, die er aus früheren Tagen mitnimmt und offensichtlich nicht preisgeben will.

Am Abend gibt es noch eine Einladung für knapp 40 geladene Gäste. In seiner Rede spricht Habeck nicht von sich, sondern nur von seiner Freundschaft mit Sigi Hagl, die in Landshut Oberbürgermeisterin werden will und dafür den Vorsitz der Partei in Bayern aufgab. Für einen Politiker ungewöhnlich: Bis in sein Sprechen hinein ist da wirklich Platz für den anderen Menschen. Dann geht Robert Habeck von Tisch zu Tisch und spricht mit den anderen Gästen. Dabei bleibt er freundlich und zugewandt. Seifenblasen sehen anders aus, denke ich mir, als ich am Ende spätabends nach Hause fahre.

Straubinger Tagblatt vom 7. Dezember 2019

 

 

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