Prof. Dr. Martin Balle

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Martin Balle

AKK ist ein Sicherheitsrisiko

von Prof. Dr. Martin Balle | 18. November 2019

Kurz bevor der kleine George W. Bush vor bald 20 Jahren seinen Feldzug gegen den Irak begann, auch um dem eigenen Vater zu beweisen, dass er die Sache des Zweiten...


Alles für den Frieden

von Prof. Dr. Martin Balle | 21. Oktober 2019

Das eigentlich Spannende an meinem Freund, dem Religionsphilosophen Eugen Biser, war nicht nur seine intellektuelle Art, die Welt oder vor allem Gott zu sehen. Fast noch...


Denn sie wissen, was sie tun

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. Juni 2019

Udo Di Fabios Studie über die Weimarer Reichsverfassung, die am 14. August 1919 verkündet wurde

Wer im Jahr 1913 seinen 21. Geburtstag feierte, der war...


So nicht!

von Prof. Dr. Martin Balle | 15. Juni 2019

Vor wenigen Tagen war ich in einem ganz kleinen Kreis eingeladen zu einem Abendessen mit der neuen Vorsitzenden der CDU Annegret Kramp-Karrenbauer. Nach einem...


Der andere wird zum Objekt

von Prof. Dr. Martin Balle | 08. Juni 2019

Von der EU bis Trump: In der Politik wird alles dem Machtstreben untergeordnet - Ein Essay

Das Schöne an der Psychologie ist, dass sie viel näher am...


Hunger nach Bewusstsein

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. April 2019

„Irgendwann will sie wissen, warum er ist, wie er ist. Wie soll ein heller Mensch das Dunkle begreifen, denkt er. Er versucht es mit den Worten der Ärzte, sie...


Nicht mit Franziskus brechen

von Prof. Dr. Martin Balle | 02. März 2019

Die Enttäuschung über das Treffen der Kardinäle mit ihrem Papst in Rom am letzten Wochenende war also groß. Besonders enttäuscht waren viele von...


Begegnung als Sinnprinzip

von Prof. Dr. Martin Balle | 09. Februar 2019

Der Psychotherpauet Erwin Möde deutet die Emmaus-Geschichte auch als innerweltliches Heilsangebot 

Unsere Gegenwart steht viel stärker im Zeichen...


Die Populisten dieser Welt

von Prof. Dr. Martin Balle | 19. Januar 2019

Irgendwie war es doch auch ein sympathisches Bild, wie der amerikanische Präsident Donald Trump beim Empfang seiner Football-Stars in großem Stil Hamburger und...


AKK ist ein Sicherheitsrisiko

von Prof. Dr. Martin Balle | 18. November 2019

Kurz bevor der kleine George W. Bush vor bald 20 Jahren seinen Feldzug gegen den Irak begann, auch um dem eigenen Vater zu beweisen, dass er die Sache des Zweiten Golfkriegs sauber zu Ende bringen würde, begann der damalige Kanzler Gerhard Schröder (SPD) im Wahlkampf seine laute Verweigerungspolitik gegenüber diesem Krieg. Auf den Marktplätzen trug er seine Kritik am amerikanischen Präsidenten in aller Deutlichkeit vor und sagte den Menschen zu, dass Deutschland sich unter seiner Kanzlerschaft an diesem Krieg nicht beteiligen werde. Auch weil es zeitgleich noch schlimm zu regnen begann und Schröder tatkräftig durch die überfluteten Landstriche watete, schien er einer Mehrheit der Deutschen nochmals der richtige Mann für die Kanzlerschaft – und er gewann, auch zu seiner eigenen Überraschung.

Unvergessen ist bis heute das mediale Echo auf die neue Außenpolitik Schröders in dieser Zeit. Der kluge Kunst- und Gesellschaftskritiker Joachim Kaiser schrieb damals in der Süddeutschen Zeitung, dass noch selten eine richtige Politik so schlecht gemacht worden sei. Gemeint war damit, dass Schröder offenkundig Außenpolitik auch einsetzte, um Wahlen zu gewinnen, und damit das deutsch-amerikanische Verhältnis belasten würde.

Kritisiert wurde vor allem auch, dass Schröder nach der Abwendung von Amerika das „Weimarer Dreieck“ belebte, ein Konsultationsbündnis von Frankreich, Polen und Deutschland. Ohne Amerika gebe es keine Sicherheit, hieß es allenthalben, und diese vielen Treffen der drei europäischen Länder, die sich erkennbar von der aggressiven amerikanischen Außenpolitik abgrenzten, wurden bestenfalls belächelt.

Heute urteilen die meisten Menschen doch anders über Schröders Politik von damals. Nachdem sich immer mehr zeigte, wie sinnlos dieser Krieg war, der eine gesamte Region destabilisierte; nachdem immer klarer wurde, dass der amerikanische Präsident schlicht gelogen hatte, um diesen Krieg führen zu können, begannen doch auch manche Kritiker Schröders Wahlkampfbotschaft als nicht mehr ganz so negativ einzuordnen und ihn sogar für seinen Mut, für die eigene Sache einzustehen, zu bewundern. Und der glänzende Außenpolitiker Horst Teltschik fordert in seinem letzten Buch sogar, dass es für Europa lebenswichtig wäre, dieses damals so verspottete Weimarer Dreieck immer wieder neu zu beleben, um für Europa eine passende Sicherheitsarchitektur zu entwickeln.

Sicher bleibt der Makel, dass Schröder diese Politik für Wahlkampfzwecke missbrauchte. Er musste danach auch im Krieg in Afghanistan Zugeständnisse machen, um die Amerikaner zu besänftigen – und dort wurde es bald genauso blutig wie im Irak und so starben eben dort deutsche Soldaten. Aber es bleibt am Ende von Schröders Außenpolitik auch ein Impuls, dass es für Deutschland nicht sinnvoll ist, sich an allen möglichen Kriegsschauplätzen der Welt zu beteiligen.

Was ist das für ein Unterschied zur derzeitigen Verteidigungsministerin, die zugleich Vorsitzende der CDU bleiben möchte. Alles wird dem eigenen politischen Fortkommen geopfert. Schon das Amt der Verteidigungsministerin übernahm sie primär, um in der Öffentlichkeit ein klareres Profil von sich zu entwickeln. Zwar knallten damals – so ist es glaubwürdig überliefert – in vielen Abteilungen des Ministeriums die Sektkorken, weil die ungeliebte Ursula von der Leyen (CDU) das Haus endlich verließ, aber letztlich wanderte man doch vom Regen in die Traufe.

Die neue Verteidigungsministerin nutzt das Amt primär zur eigenen Profilierung. Fast täglich gibt es jetzt neue Ideen, an welchen Orten der Welt deutsche Truppen für „Frieden und Freiheit“ sorgen sollten. Es fehlt eigentlich nur noch, dass das Motto des damaligen Verteidigungsministers Peter Struck (SPD) wieder ausgepackt wird, dass die „deutsche Sicherheit am Hindukusch“ verteidigt wird. Ein Satz, der es in jedes Lehrbuch der dümmsten politischen Leitsprüche schaffen würde und den nach den Erfahrungen in Afghanistan heute wirklich niemand mehr glaubt.

Das Verhalten der Verteidigungsministerin ist ein einziger Skandal. Da werden Vorschläge am Kanzleramt und am Außenministerium vorbei in die Öffentlichkeit gebracht, die in sich sinnvoll sein mögen, aber die von vorneherein entwertet sind, weil es eben nur um die eigene Person geht. Wenn es nach dieser Ministerin ginge, dann gäbe es nicht nur in allen Städten dieses Landes wieder öffentliche Gelöbnisse, sondern sie würde selbst im Tandemfallschirmsprung auf den Berliner Reichstag stürzen, um zu zeigen, dass die Truppe jetzt wieder mitten in der Gesellschaft angekommen ist. Was für ein ekelhaftes Schauspiel!

Die Süddeutsche Zeitung schrieb so vollkommen zutreffend letzte Woche: „In ihrer CDU geht es um Macht, in der Bundeswehr um Menschen, die ihren Kopf später hinhalten müssen. Kramp-Karrenbauer hat noch nicht viel von den kaputten Winkeln dieser Erde gesehen, in die sie bereit ist, deutsche Soldaten zu entsenden. Dies sollte eher Anlass für Zurückhaltung sein.“

Und weiter: „Es ist gerade einmal zweieinhalb Monate her, dass sich die Ministerin im Irak erstmals einen persönlichen Eindruck verschafft hat, was deutsche Soldaten im Ausland leisten. Aber jetzt schon traut sie sich zu, Deutschlands Beitrag zu Frieden und Sicherheit in der Welt neu zu vermessen. Spricht da eine Verteidigungsministerin, die noch nicht einmal alle Einsatzgebiete besucht hat, oder doch eher eine CDU-Politikerin, die gerne Kanzlerkandidatin werden und deshalb Entschlossenheit demonstrieren möchte?“ Allein der Verdacht, dass es so ist, wäre schlimm, aber hier geht es nicht mehr um einen Verdacht, sondern offenkundig um die Wahrheit. Es ist so.

Diese Ministerin, die alles der eigenen Karriereplanung unterordnet, ist für Deutschland selbst zum Sicherheitsrisiko geworden. Es mag schon sein, dass manche Aspekte ihres Sprechens in eine sinnvolle Richtung deuten. Aber weil alles im Kontext der eigenen Karriereplanung steht, ist es von vorneherein ganz entwertet und schadet der gemeinsamen Sache.

Die Welt ist unsicher geworden. Statt Michail Gorbatschow Wladimir Putin, statt Barack Obama Donald Trump, dazu die schlimme Verwandlung in der Türkei und all die anderen Probleme, die jeden Tag immer deutlicher hervortreten. Da darf es doch nicht sein, dass deutsche Außenpolitik benutzt wird, anstatt dass im Gespräch all derer, die sich um Frieden mühen, politische Konzepte entwickelt werden, die in und für Europa die Welt auch in dieser Zeit sicherer machen.

Nächste Woche beginnt in Leipzig der Parteitag der CDU. Alle Augen richten sich darauf, was dort geschieht. Wie wird sich die Junge Union verhalten? Wer wirft wann seinen Hut in den Ring, um eine Führungsposition in der Partei einzufordern? Entscheidend aber ist: Die CDU muss wieder ein echter Mitspieler im politischen Diskurs werden. Mit AKK geht das nicht!

Straubinger Tagblatt vom 16. November 2019 

Alles für den Frieden

von Prof. Dr. Martin Balle | 21. Oktober 2019

Das eigentlich Spannende an meinem Freund, dem Religionsphilosophen Eugen Biser, war nicht nur seine intellektuelle Art, die Welt oder vor allem Gott zu sehen. Fast noch spannender war, dass dieser Mann, der vor fünf Jahren starb und jetzt schon über 100 Jahre alt wäre, fast das gesamte letzte Jahrhundert erlebt hatte. Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs geboren, wuchs er noch in der politisch und wirtschaftlich so instabilen Weimarer Republik auf, um dann als Kriegsteilnehmer den Zweiten Weltkrieg zu erleben. Ein Zeuge des blutigen 20. Jahrhunderts also.

Sieben Jahre lang fuhr ich den führerscheinlosen Eugen Biser als sein Fahrer durch die Welt. Da kommt man sich nahe. Und da bleiben einem Sätze im Ohr, die man nie mehr vergisst. Als Eugen Biser am Nürnberger Parteitag der NSDAP unmittelbar am Reichsführer Adolf Hitler vorbeimarschieren musste, ging er danach als junger Mann nach Hause und sagte zu seiner Mutter nur: „Es wird Krieg geben. Ich habe in die Augen des Führers gesehen. Er will den Krieg.“ Und den Krieg erlebte er dann als so schrecklich, dass er für ihn die Initialzündung seines Denkens wurde. Der Krieg ist niemals ein Mittel der Politik, meinte er oft. Oder auch: „Der Frieden ist alternativlos, wer von Krieg und Frieden spricht, der hat den Frieden schon verraten.“ Das Grauen des Zweiten Weltkriegs war ihm immer anzumerken und buchstäblich abzuspüren, wenn er sagte: „Bei einem Krieg weiß man immer, wie er losgeht, aber nie, wie er ausgeht.“ Eugen Biser war so ein radikaler Pazifist, aber nicht aus Schwäche, sondern aus dem Willen heraus, den Frieden durchzuhalten. Als wir zu seinem Freund Helmut Kohl, der damals schon Altkanzler war, fuhren und stundenlang in seinem Berliner Büro zusammensaßen, gab es für die beiden nur ein Thema: Den Weltfrieden und dass es Europas Rolle in der Welt sei, diesen Frieden zu wahren und zu stärken.

Vor wenigen Wochen schrieb der Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit in einem Essay, dass mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa das Bewusstsein vom Wert des Friedens weniger geworden sei und damit auch die Friedensperspektive, die von Europa ausgehe, geringer werde. Und in der Tat: Die letzten Zeitzeugen, die das Grauen des Zweiten Weltkriegs miterlebt haben, sterben jetzt aus, die Erinnerung verblasst und die Motivation zum Frieden, die von diesem Erinnern ausging, wird weniger. Wer heute mit jungen Menschen spricht, der muss häufig eine erschreckende Geschichtsvergessenheit feststellen. Ihre Erinnerung beginnt oft genug mit dem Entstehen der digitalen Welt vor 30 Jahren, was davor lag, vor allem auch die Entwicklung Europas über die Jahrhunderte, ist für viele weit weg.

Im Zentrum von Bisers Philosophie stand zudem ein zweiter Gedanke, der zur politischen Friedensthematik exakt passt. Dass auch der einzelne Mensch, wenn er den Boden unter den Füßen verliere, ins buchstäblich Bodenlose falle. Offen werde für Gewalt und das Böse. So wie die Völker der Erde im Krieg die Zivilisation hinter sich ließen, so verliere auch der einzelne Mensch in seinem Alltag seine Fähigkeit, gut zu bleiben, wenn ihm, aus welchen Gründen auch immer, seine Welt über den Kopf wachse. Wenn es für einen Menschen keine Perspektive mehr gebe, dann verliere er sich – auch an das Böse und die Gewalt, das war der Kerngedanke von Bisers Philosophie. Menschen, die nicht satt werden, die in ihrem Leben nicht dorthin kommen, wo sie in ihrem Innersten fühlen, dass sie hingehören, verlieren das Maß und so das Gute aus den Augen, das war seine Erkenntnis, die er in vielen Büchern zum Ausdruck brachte.

Und wo stehen wir heute wirklich? Die Welt ist voller Stellvertreterkriege. Wer mit Mitarbeitern von internationalen Hilfsorganisationen spricht, hört den immer gleichen Satz: Dass diese Stellvertreterkriege, wo sich die mächtigen Länder der Welt bekämpfen, extrem langwierig und auch grausam sind. Europa steht dem fast hilflos gegenüber. Eine militärische Perspektive kann nach unseren Geschichtserfahrungen nicht unser Weg sein. Der Spirale von Gewalt und Gegengewalt gilt es sich zu entziehen. All die Rüstungsexporte, die gerade von Deutschland über Jahre in die Krisenregionen der Welt geliefert wurden, haben nirgends dem Frieden in der Welt gedient, sondern immer nur die Portemonnaies der Rüstungsfirmen gefüllt. Immer wenn’s dann kracht, ist der Aufschrei groß und die Exporte werden gekürzt oder verboten – bis auf Weiteres ...

Dem Leiden in Syrien oder auch im Jemen stehen wir heute fast hilflos gegenüber. Das hat aber auch damit zu tun, dass wir vorher – wenn das Kind noch nicht in den Brunnen gefallen ist – nicht ausreichend politisch arbeiten, dass es mehr Frieden in der Welt gibt. Dass wir immer erst empört reagieren, wenn der Krieg schon begonnen hat. Dass wir dann nach Afrika reisen, wenn die Flüchtlinge schon kommen, aber nicht 20 Jahre vorher, als der Hunger dort so groß wurde, dass klar war, dass die Menschen dort eines Tages weglaufen werden. Im Klein-Klein der Kriege, die immer grausamer werden, müssen wir uns dann verhalten, anstatt vorher eine Friedenspolitik aus Europa heraus zu machen, die aus unseren Kriegserfahrungen heraus mehr Gespräche und mehr gute Diplomatie anbietet.

Die Zeit titelt in dieser Woche „Die Tatenlosen“ und umschreibt auf diese Weise das politische Handeln Europas: „Erdogan hat viele Handlungsoptionen, während Europa und Deutschland vor allem eines haben – Angst vor den Flüchtlingen. Die Europäer haben aus Trägheit zu lange darauf gehofft, dass die USA die Sache doch noch regeln, so wurde wertvolle Zeit verplempert.“ Dem muss man aber auch entgegenhalten, dass es in einer Welt der Erdogans, Putins und Trumps recht schwer ist, sich noch einigermaßen vernünftig zu verhalten. Was also tun?

Europa muss sich auf das besinnen, was es ausmacht. Gegründet aus den Erfahrungen der schlimmen Weltkriege darf es sich nicht in der Art und Weise auseinanderdividieren lassen, wie das von England bis Polen zurzeit geschieht. Und es soll sich auch nicht in die Kriege der Welt hineinziehen lassen. Das „Fremdeln zwischen Frankreich und Deutschland“, wie es Horst Teltschik nennt, das seit Merkels Regierung immer weiter zugenommen hat, muss zurückgedreht werden. Von Europa müssen wieder das Friedensbewusstsein und der Friedensimpuls ausgehen, wie das über Jahrzehnte erarbeitet wurde. Militärische Lösungen mit noch mehr Aufrüstung helfen nicht. Stattdessen muss in Politik und Gesellschaft am Bewusstsein gearbeitet werden, dass Kriege geächtet bleiben. Europa muss eine aktive politische Rolle in der Welt spielen und darf sich nicht über Währungsfragen oder Subventionen für die Landwirtschaft zerstreiten. Und es muss auch bei den Europäern wieder stärker bewusst werden, dass der Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, sondern dass am Frieden und für den Frieden jeder an seinem Platz zu arbeiten hat.

Straubinger Tagblatt vom 19.oktober 2019

Denn sie wissen, was sie tun

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. Juni 2019

Udo Di Fabios Studie über die Weimarer Reichsverfassung, die am 14. August 1919 verkündet wurde

Wer im Jahr 1913 seinen 21. Geburtstag feierte, der war geprägt durch die selbstbewusste, dynamisch nach vorn strebende, traditionell und ordnungsfixiert sich entwerfende, aber in der Tat auch nervöse wilhelminische Welt. Er oder sie erlebten nach Jahren der Auszehrung und der Opfer im Ersten Weltkrieg eine in Art und Umfang überraschende, bittere Niederlage, anschließend die Krisenwelt Weimars mit den Wirren der Revolution und der Inflation, dann die Nazidiktatur und schließlich einen zweiten, alles umwälzenden Weltkrieg. Und dieser Mann oder diese Frau waren dann im Jahr 1945 erst 53 Jahre alt, als sie auf die beispiellose sittliche und materielle Zerstörung des Landes blickten.“

In gut 30 Jahren also wurden drei Welten zerstört: das deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik und die schreckliche NS-Diktatur. Es ist der ehemalige Verfassungsrichter Udo di Fabio, der heute als Professor für Öffentliches Recht in Bonn lehrt, den diese 30 Jahre so faszinieren, dass er eine gut lesbare, chronologisch geordnete Gesamtdarstellung dieses Zeitabschnitts geschrieben hat. Unter dem Titel „Die Weimarer Verfassung – Aufbruch und Scheitern“ hat er rechtzeitig zum 100-jährigen Jubiläum der Weimarer Verfassung in diesem Sommer eine glänzende „verfassungshistorische Analyse“ der Geschichte der Weimarer Republik vorgelegt.

Politische Akteure sind für ihr Handeln verantwortlich

Das Aufregende dabei: Di Fabio spannt den Bogen von den Stärken und Schwächen der Kaiserzeit im 19. Jahrhundert mit ihrem demokratisch (!) gewählten Reichstag bis in unsere Tage, um auf diese Weise Kontinuitäten und Brüche unserer deutschen Geschichte in den letzten 150 Jahren aufzuzeigen. Das Dritte Reich ist aus dieser Perspektive nicht wie ein unvorhergesehener Sturm über Deutschland hereingebrochen. Aber: Auf der Basis der deutschen Geschichte von 1871 bis 1930 hätte es auch verhindert werden können, so Di Fabios These. Und: Es war nicht in erster Linie die Weimarer Verfassung, die so schwach gewesen wäre, dass sie einer Diktatur Vorschub geleistet hätte, sondern es waren vielmehr die verantwortlichen politischen Akteure, die tumb, böse und ignorant auf ein Scheitern der Weimarer Demokratie zuarbeiteten.

Das ist die große Stärke dieses Buches: Di Fabio fällt Urteile über Personen der Geschichte. Er traut sich ein Urteil zu. Ihm geht es nicht um ein politisches System, das aufgrund seiner fragilen Verfasstheit und Struktur von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen wäre, sondern er zeigt uns heute – also in der Zeit der Trumps, Erdogans oder Gaulands dieser Welt –, dass es immer Menschen sind, die handeln und die Verantwortung tragen: die der Demokratie dienen oder sich gewissenlos gegen sie wenden, um geeignete Einfallstore für ihre Anschläge auf Demokratie und Parlamentarismus zu finden.

Für das Kaiserreich ab 1871 gibt es für die Fabio zwei Parameter, die bestimmend sind: auf der einen Seite den Reichstag, der ein starkes demokratisches Element bildete und zugleich auch „rechsstaatliche Sicherungen der bürgerlichen Freiheit, Wissenschaftsfreiheit, die Gewährleistung des Eigentums, grundrechtliche Garantien in den Ländern und vor allem landes- und reichsrechtliche Meinungs- und Pressefreiheit“. Auf der anderen Seite aber die starke Stellung des Kaisers – Di Fabio nennt sie eine „monarchische Übergewichtung“ – und ihre fatale Fehlbesetzung durch Kaiser Wilhelm II..

Keine Demokratie ist gefeit gegen politische Gangster

Interessant ist die wissenschaftliche These Di Fabios, dass die Weimarer Republik exakt diese Doppelstruktur in die erste deutsche Demokratie ab 1919 übernahm: zum einen einen in freier und geheimer Wahl gewählten Reichstag, zum anderen die übermächtige Stellung des Reichspräsidenten, der – in gleicher Weise wie Wilhelm II. das Kaiserreich – die Weimarer Republik in den Abgrund führen konnte, was am Ende durch die Figur Hindenburgs tatsächlich dann auch geschah.

Diese strukturelle Parallele ist deshalb so frappierend, weil sie zeigt, dass historische Prägungen so stark sein können, dass sie trotz besten Willens, die Demokratie zu erhalten, aus dem kollektiven Unbewussten heraus zur Zerstörung der Demokratie führen.

Di Fabio schildert glänzend, wie schwer die junge deutsche Demokratie gegen all die Vorbehalte anzukämpfen hatte, die gegen sie vorgebracht wurden: Vorbehalte vonseiten der Wirtschaftseliten, der Juristen, der Presse und natürlich vonseiten jener Teile der Bevölkerung, die von dem verlorenen Weltkrieg traumatisiert waren. „Das Gefühl der Ohnmacht und der Wut nach dem Traum von der Weltgeltung und dem deutschen Kulturauftrag blieb als Gleichzeitigkeit von Superioritäts- und Inferioritätsgefühlen wie ein gefährlicher Krankheitserreger virulent.“

Das waren die Startbedingungen für die SPD unter Friedrich Ebert, die ab 1919 als stärkste Partei Deutschlands unter schwersten Bedingungen versuchte, der jungen Republik eine neue, freiheitliche Richtung zu geben. Di Fabios Buch ist voll von gut begründetem Respekt für die SPD und den von ihr gestellten Reichspräsidenten Ebert, und es arbeitet – fast wie in einem Krimi – heraus, wie ab 1925 alles schiefging, was schiefgehen konnte: nach Friedrich Eberts Tod 1925 die Wahl Paul von Hindenburgs zum zweiten Reichspräsidenten und zum Vorgänger Adolf Hitlers, die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932 mit ihrer Massenarbeitslosigkeit, dann die wachsende Instabilität des Reichstags und die immer schneller wechselnden Regierungen, die die Weimarer Republik sukzessive nach rechts drängten.

Und die Lehre daraus für heute? Keine Demokratie ist gefeit dagegen, dass politische „Gangster“, wie Udo Di Fabio sie nennt, kommen und sie von innen her aushöhlen. Wilhelm II. und Hindenburg „waren beide eitel und in ihr Selbstbild buchstäblich verliebt“. An Formulierungen wie diesen zeigt sich die Stärke von di Fabio, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt und alles deutlich beim Namen nennt. So auch, wenn er über Hindenburg zu sprechen kommt: „Dieser Mann, Hindenburg, war für die Weimarer Republik im Aufbruch und im Vergehen ein Unglück der Deutschen.“ Oder wenn vom Umgang der politischen Führungsschicht mit Adolf Hitler die Rede ist: Einer sich „feiner dünkenden Elite“ fehlte es an „politischer Urteilskraft im Umgang mit dem politischen Gangstertum eines Hitlers. Kein Brüning, kein Schleicher, kein Papen hatten das Format, Hitler als das zu bekämpfen, was er war: ein Todfeind der Republik und einer jeden zivilisierten Nation.“

Besonders gelungen das kurze Porträt Adolf Hitlers: „Vielleicht nicht an klinischen Maßstäben, aber jedenfalls an alltäglichen Erfahrungswerten gemessen, hatte Hitler viel von einem Psychopathen. Seine narzisstische Persönlichkeitsstruktur war komplett auf sich bezogen, eine stets präsente Mischung aus Inferioritäts- und Superioritätsgefühlen, verbunden mit aggressivem Hass, der nicht die Fähigkeit ausschloss, seine Umgebung, sein Gegenüber instinktiv in seinen Schwächen zu erkennen und für sich zu instrumentalisieren. Auf viele in seiner bürgerlichen Umgebung wirkte er wie ein fremdartiges Wesen, rechthaberisch, unkultiviert, ein wenig animalisch, verklemmt und gehemmt im persönlichen Umgang.“

Mit dem Kleinhirn eines Dinosauriers

Das ist süffig geschrieben und führt Geschichte dorthin zurück, wo sie jenseits aller abstrakten Strukturen immer auch herkommt: auf die Handlungen einzelner Personen, die sehr wohl wissen, was sie tun oder nicht tun. Am Ende zieht Udo Di Fabio ein Resümee, das uns auch heute noch nachdenklich macht: „Das alte Leiden des Kaiserreichs bestand darin, dass Deutschland ein gewaltiger wirtschaftlicher und wissenschatlich-technischer Körper war, eine Nation mit immensen Kräften, aber mit dem zu klein geratenen politischen Kopf eines Dinosauriers. Dieses Leiden setzte sich in Weimar fort und verschärfte sich, als die Kräfte abnahmen und auch der Kopf noch kleiner wurde.“

Wo stehen wir heute? Jedem, der sich heute für Politik interessiert, sei das spannende neue Buch von Di Fabio als Selbstvergewisserung unserer deutschen Geschichte wärmstens ans Herz gelegt!

Udo Di Fabio: Die Weimarer Verfassung: Aufbruch und Scheitern. C. H. Beck Verlag, München, 299 Seiten, 19,95 Euro.

Straubinger Tagblatt vom 22. Juni 2019 

So nicht!

von Prof. Dr. Martin Balle | 15. Juni 2019

Vor wenigen Tagen war ich in einem ganz kleinen Kreis eingeladen zu einem Abendessen mit der neuen Vorsitzenden der CDU Annegret Kramp-Karrenbauer. Nach einem halbstündigen Vortrag durch die neue CDU-Chefin gab es im Anschluss daran eine gut zweistündige Diskussion mit der Frau, die den Willen hat, neue Kanzlerin dieses Landes zu werden. Mir wurde an diesem Abend klar, weshalb die Union in so kurzer Zeit einen solchen Absturz in den Meinungsumfragen aller Institute zu verzeichnen hat. Denn der Wähler hat am Ende doch ein untrügliches Gefühl für das, was im Lande geschieht.

Annegret Kramp-Karrenbauer hat ein glänzendes Detailwissen über alle Lebensbereiche, zu denen sie befragt wurde. Natur und Umwelt, Autobau oder Außenpolitik; aber was völlig fehlt, ist eine authentische eigene Perspektive auf die Welt. Sie spricht wie eine Buchhalterin, die mit Distanz die Welt besieht. Viele Einzelaspekte, aber kein ganzheitlicher Blick, keine integrale Weltsicht, aus der sich erklären würde, weshalb sie Kanzlerin werden sollte. Während die Menschen immer stärker entsetzt sind über das, was weltweit mit unserer Schöpfung geschieht, spricht sie vom „Umweltthema“, das man gerade in den Wahlkämpfen unterschätzt habe und das bei besserem Wetter wieder unwichtiger werde. Was ist das denn für eine Argumentation? Während andere Parteien immer stärker die Erfahrungswirklichkeit ernst nehmen, bleibt hier bei Annegret Kramp-Karrenbauer genau die Distanz eines Politikers zur Welt aufrechterhalten, die es abzutragen gelten würde, damit Politik wieder glaubwürdig wird.

Dasselbe gilt für die Außenpolitik. AKK will unbedingt an dem Zwei-Prozent-Ziel der Militärausgaben im Bundeshaushalt festhalten und hat kein Verständnis dafür, dass es vielleicht gerade jetzt das richtige Zeichen wäre, sich von den Wünschen des amerikanischen Präsidenten abzugrenzen. Was würden die anderen Nato-Partner gerade im Osten Europas denken, die sich für viel Geld in die Sicherheitsperspektive der Nato eingekauft hätten, wenn Deutschland hier schwächeln würde, war ihr sehr theoretisches Argument. Dass die Nato gerade in Russland längst als Bedrohung wahrgenommen wird, wo sie doch jetzt an der Grenze zu diesem Land steht, war ihr als Argument überhaupt nicht zu vermitteln. Auch an den Sanktionen gegenüber Russland will sie festhalten, wo doch heute aber die ganze Welt weiß, dass Sanktionen in der Regel auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen werden, während sie im Interessenausgleich der internationalen Politik im allerüberwiegenden Fall nur zu noch mehr Spannungen und Aggressionen führen. Den ganzen Abend erschien mir Annegret Kramp-Karrenbauer wie eine Schülerin, die das, was man ihr aufgetragen hat, brav auswendig gelernt hat und es jetzt ohne Zweifeln und Zögern vorträgt. Was für ein Unterschied zu einem Helmut Kohl oder Helmut Schmidt, die immer mit eigenem Weltbild und großer innerer Stärke zu führen verstanden.

Mir wurde an diesem einen Abend klar, welches Unglück Angela Merkel für ihre Partei war. Dass die Delegierten der CDU am Ende die Wahl hatten zwischen Friedrich Merz, der sich 15 Jahre in der Finanzindustrie herumgetrieben hatte und jetzt in die Politik als Chef (!) des Unternehmens zurückwollte, und der biederen Parteisoldatin Annegret Kramp-Karrenbauer – was ist das für eine Wahl! So also sieht eine Partei aus, in der die Vorsitzende über viele Jahre sich nur um den eigenen Machterhalt gekümmert hat, ohne für die Zukunft zu planen. Nicht nur, dass sie alles weggebissen hat, was irgendwie Konkurrenz hätte werden können. Vor allem was sie nicht tat, ist entscheidend: nämlich Leute zu fördern, die einen eigenen Kopf und einen eigenen politischen Willen haben. Das personelle Angebot, das die CDU heute machen kann, ist weit unter dem, was dieser ehemals stolzen und starken Volkspartei zu wünschen wäre. Annegret Kramp-Karrenbauer ist für mich als Kanzlerin schlicht nicht vorstellbar!

Aufs Cover des Spiegels hat es in dieser Woche Kevin Kühnert geschafft. Und das Nachrichtenmagazin erläutert in aller Ernsthaftigkeit, dass der kleine Junge jetzt Chancen habe, der neue Parteivorsitzende der SPD zu werden. Kaum jemand – und das gilt es schon festzuhalten – hat der SPD so geschadet wie Kühnert. Alles, was intern besprochen hätte werden müssen, hat dieser selbstsüchtige Jungspund der eigenen politischen Karriere willen in die Öffentlichkeit getragen! Der Absturz der SPD auf rund 15 Prozent heute, da hat genau er einen ungeheuren Anteil daran. Vollkommen zu Recht urteilt der Spiegel: „Auch in jenem Gespräch mit der Zeit war er zwar forsch mit seinen Forderungen, zeigte aber sonst wenig Substanz. Mit diesem Auftritt, insbesondere mit dem Zeitpunkt, gab er außerdem all jenen Kritikern recht, die in Kühnert vor allem ein Medienprodukt sehen, das auf eigene Rechnung spielt: Wie sich seine Vorstöße auf die Partei auswirkten, knurren manche Genossen, kümmere ihn offenbar nicht. Wäre Kühnert Vorsitzender oder Teil einer neuen Führung, müsste er sich medial wohl etwas zurücknehmen. Nur, was bliebe dann noch übrig vom Phänomen Kühnert?“ Eben nichts!

Beide Volksparteien, die Union und die SPD, haben also ein riesiges Führungsproblem. Und wir sehen in anderen europäischen Ländern, welches Unglück der Zusammenbruch eines stabilen Parteiensystems ist. Italien mit dem schrecklichen Salvini, oder auch Frankreich, wo nur noch ein Außenseiter wie Macron die Republik stabilisiert. Was passiert eigentlich, wenn er wirklich scheitert?

Die bürgerliche Mitte Deutschlands hat sich entschieden, sich hinter der Partei der Grünen zu versammeln. Das ist mehr als nachvollziehbar, auch wenn es ein Scheck auf die Zukunft ist, wo erst die Geschichte zeigen muss, ob er gedeckt ist. Aber festzuhalten bleibt auch: Die großen Volksparteien CDU/CSU und gerade auch die SPD, die ganz allein in der Weimarer Republik für stabile Verhältnisse sorgen wollte und im Reichstag auch ganz alleine gegen Hitler aufstand, dürfen nicht in die Geschichtsbücher der Gymnasien entschwinden. Ihre Erfahrung muss politisch weiter fruchtbar bleiben und darf für die Gestaltung der Demokratie heute nicht verloren gehen! So ist es also Aufgabe in diesen beiden großen Parteien selbst, dafür zu sorgen, ein anständiges und brauchbares Führungspersonal herauszubringen, das in der Öffentlichkeit wieder überzeugt und dem man zutraut, die Dinge nach vorne zu bringen. Der eitle Kevin Kühnert und die brave Annegret Kramp-Karrenbauer sind das sicher nicht! Immerhin überzeugt die Übergangsführung der SPD. Das sind allesamt gute Leute. Und dass sie zu dritt sind, ist positiv. Es deutet an, dass man Führung teilen kann. Dass es nicht nur um die Durchsetzung von Macht geht, sondern auch in der Spitze um das Gespräch miteinander, um so Politik nicht „durchzusetzen“, sondern eben zu gestalten.

Straubinger Tagblatt vom 15. Juni 2019 

Der andere wird zum Objekt

von Prof. Dr. Martin Balle | 08. Juni 2019

Von der EU bis Trump: In der Politik wird alles dem Machtstreben untergeordnet - Ein Essay

Das Schöne an der Psychologie ist, dass sie viel näher am Leben ist als die Philosophie. Auch näher an der Politik. Die Psychologie spricht vom Menschen, wie er wirklich ist. Die Philosophie allzu gerne vom Menschen, wie er sein sollte. Als ich vor wenigen Wochen den Kandidaten der EVP für Europa, Manfred Weber, fragte, warum jetzt plötzlich ein Streit aufkäme zwischen dem Europäischen Parlament und den Regierungschefs der Nationen, meinte er nur lächelnd: „Da geht es jetzt um die pure Macht.“ Und auf meine Frage an Horst Teltschik, den außenpolitischen Berater von Helmut Kohl, ob man nicht ausgleichend zwei Kommissionspräsidenten wählen könne, antwortete der, ohne zu zögern: „Das geht nicht, da geht es um die Machtfrage.“

Inbegriff des Narziss

Die Frage nach der Macht ist die zentrale Fragestellung der Psychologie. Denn alle Menschen wollen in gewisser Weise mächtig sein; aber alle Menschen finden eine Grenze ihrer Macht in der Macht des anderen Menschen. Der berühmte französische Psychoanalytiker Jacques Lacan hat das so beschrieben: Jeder Mensch wache als Gott in seiner Welt auf, er müsse aber dann enttäuscht bemerken, dass der andere Mensch genauso Gott sein wolle. In der wechselseitigen Anerkennung ihrer Bedürftigkeit des anderen und der so notwendigen friedlichen Verständigung mit dem anderen Menschen breche sich in der Begegnung von Menschen ihr Machtanspruch. Das Leben sei nichts anderes als das lebenslange Ausbalancieren der eigenen Lebenssituation im spannungsvollen Gefüge einer Gesellschaft, wo jeder jeden Tag seinen Platz auch immer neu suchen und finden müsse.

Die Politik ist voll von Menschen, die sich diesem Spiel entziehen wollen. Unvergesslich ist mir, wie der allzu kleine französische Präsident Nicolas Sarkozy auf einem Platz im Kreis der Mächtigen auf seinem Tisch eine „2“ eingraviert fand und nur bereit war, sich dorthin zu setzen, wenn sie sofort durch eine „1“ ersetzt würde. Das ist kindisch, aber es spricht doch Bände.

Der Inbegriff des politischen Narziss ist natürlich Donald Trump, der heute nicht weiß, was er morgen tut, und längst vergessen hat, was er gestern mit wem besprochen hat. Das absichtsvolle Pflegen von Beziehungen, das planvolle Handeln in Zeitfenstern, die realistisch sind, entfällt zugunsten eines Agierens, wo alles dem eigenen Machtanspruch untergeordnet bleibt.

Nahles war nicht zimperlich

Nur der politisch Mächtige kann sich ein solches Handeln leisten, wo der andere Mensch buchstäblich zum Objekt der eigenen Fantasien degradiert wird. Trump beschimpft an einem Tag den Präsidenten von Nordkorea, trifft sich zwei Wochen später mit ihm – und wieder zwei Wochen später bleibt immer noch unklar, was das alles sollte.

Der englische Politiker Boris Johnson ist eigentlich eine Witzfigur. Niemand würde im wirklichen Leben mit ihm Geschäfte machen wollen. Aber als Politiker, der seinen Narzissmus rücksichtslos ausagiert, hat er jetzt sogar Chancen, die verblendeten Wähler in England auf seine Seite zu ziehen.

Oft verbinden sich mit solchen Typen Hoffnungen, dass sie mit ihren Ämtern wachsen und sich ändern. Aber in der Ära Trump bleiben das ungedeckte Schecks auf die Zukunft. Ihrer machtlosen Wählerklientel demonstrieren sie eher in der Fortführung ihres Narzissmus, dass sie gewillt sind, weiter den starken Mann zu spielen, um so wiedergewählt zu werden.

Oft ist jetzt gesagt worden, dass die ehemalige Vorsitzende der SPD, Andrea Nahles, in der eigenen Partei in brutaler Weise zum Rücktritt gedrängt wurde. Die Revolution frisst ihre Kinder, heißt es. Auch Andrea Nahles war in der Wahl ihrer politischen Mittel auf ihrem Weg wenig zimperlicher. Den damaligen Vorsitzenden der SPD, Franz Müntefering, drängte sie durch eine eigene Kandidatur zur Generalsekretärin zum Rücktritt. Und Sigmar Gabriel, ehemals verdienter Parteivorsitzender und auch Außenminister, darf heute seine Sicht auf eine bessere Welt im ZDF bei Markus Lanz kurz vor Mitternacht erklären.

„Leeres Sprechen“

Da darf sich niemand wundern, wenn er davon spricht, dass „in seiner Zeit alles besser gewesen ist“, so als wäre das schon 20 Jahre her. Das ist der Preis der Macht, dass die, die das Spiel verloren haben, ihr eigenes Spiel zu spielen beginnen. Das ist nicht überraschend! Es ist schon seltsam, wie im Spiel um die politische Macht ein verständnisvolles Sprechen miteinander verkümmert. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan unterscheidet ein sogenanntes „volles Sprechen“, das der Mensch, der im Leben angekommen sei, habe, von einem sogenannten „leeren Sprechen“, das beim Narziss zu finden sei. Heute wird in den Talkshows gefragt, warum die Inhalte der Politik so sehr auf der Strecke geblieben seien. Ja, warum nur?

Noch fast zwei Jahre will Angela Merkel jetzt um die Welt fahren und im Ausland Hof halten. Und ihre potenzielle Nachfolgerin geht zu Hause Klingeln putzen, in der Hoffnung, in zwei Jahren vielleicht gewählt zu werden. Am Europawahlkampf hat Angela Merkel schon gar nicht mehr teilgenommen. Warum sollte sie, war ihre Position. Na bravo!

„Wie im Sandkasten“

International hat das bloße Agieren aus der Machtposition zu einem neuen Wettrüsten geführt. „Wie im Sandkasten“ gehe es zu, meint Horst Teltschik. Während früher Diplomatie, Abrüstung, Friedensgespräche mehr als der gute Ton waren und auch zu Erfolgen führten, entfällt das politische Gespräch heute immer mehr. Stattdessen werden Friedens- oder Abrüstungsabkommen aufgekündigt und ein neues Wettrüsten findet statt. Es war der junge Kanzler des kleinen Österreich, Sebastian Kurz, der den Mut hatte, Donald Trump ins Gesicht zu sagen, dass er seine Aufforderung, mehr für die Rüstung zu tun, nicht befolgen werde und sie mit den Worten konterkarierte, dass sie in Österreich andere Prioritäten hätten, zum Beispiel gute Schulen und Ausbildung für die jungen Menschen.

In Anne Wills Talkshow in dieser Woche über die tektonischen Machtverschiebungen in der SPD, war es die 23-jährige Studentin Luisa Neubauer, die jetzt seit zwei Jahren für die Grünen Politik macht, die einfach keine Lust hatte, über die Fragen der Macht zu diskutieren und – ohne danach gefragt zu werden – einfach immer über die globale Umweltkatastrophe sprach. Das war zwar eine klassische Themaverfehlung, aber – imponierend war es auch!

Straubinger Tagblatt vom 8. Juni 2019

Hunger nach Bewusstsein

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. April 2019

„Irgendwann will sie wissen, warum er ist, wie er ist. Wie soll ein heller Mensch das Dunkle begreifen, denkt er. Er versucht es mit den Worten der Ärzte, sie hört zu und nickt. Depressionen seien keine Traurigkeit, sagt er, sie sind etwas ganz anderes. Er weiß, dass sie es nicht verstehen wird.“

So intoniert der Erfolgsschriftsteller Ferdinand von Schirach seinen neuesten Bestseller „Kaffee und Zigaretten“ im ersten Kapitel. Was folgt, sind 48 Skizzen aus seinem Leben, die auf einem schillernd-faszinierenden Lebensgrund geschrieben sind, von dem her diese Depression immer wieder durchklingt. In einer Talkshow mit dem Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo bekannte der sympathische Autor sich vor Kurzem zu dieser Krankheit und meinte, dass das Einzige, was helfe, Medikamente wären.

Die amerikanische Schriftstellerin Melissa Broder ist in einem Zeit-Interview vor wenigen Wochen fast noch offener. Sie spricht von ihrer lebenslangen Depression. Recht literarisch formuliert sie: „Es ist unheimlich, dass wir dieses Leben ungefragt bekommen! In der Bewusstlosigkeit gibt es diese Angst nicht.“ Und so hat sie also von Kindheit an versucht, diese traurige Überbewusstheit, unter der sie litt, aufzulösen: Drogen, „viele Pillen, vor allem Opiate. Ich musste immer high sein. Wenn ich hätte high bleiben können, hätte ich nicht nüchtern werden müssen. Aber das Runterkommen war schrecklich“. Auch ein intensives Sex-Leben war offenkundig nicht erlösend und so urteilt die attraktive junge Frau ganz offen: „Ich jagte allem nach, was potenziell vergnüglich war und die Hirnchemie verändert. Aber im Nachhinein kann ich sagen: Es gibt nicht genug Sex – und ich hatte viel Sex –, um diesen existenziellen Hunger zu stillen.“ Am Ende blieb ihr die digitale Sucht. Mit Leidenschaft twittert sie heute im Netz über sich selbst: „Es ist ein Hochgefühl. Das liegt an der Art, wie die Plattform designt ist, sie ist ja darauf ausgerichtet, dich süchtig zu machen. Im echten Leben würde ich nicht dasselbe fühlen, wenn ich meine Gedanken auf einen Platz hinausschreien würde.“ Ihre Twitter-Botschaften schreien jetzt ihre Depression in die Welt, kleine Kurz-Sätze, kaum Gedichte, die aber mittlerweile von fast einer Million „Follower“ regelmäßig erwartet werden. Ihr selbst hilft es in etwa so viel wie ihre Versuche mit Drogen und Sex, wenn sie bezeugt, dass Twitter für sie die „reine Dopamin-Sucht“ sei, aber „was die Depression angeht ... Ich fühle mich ständig wie ein Loser. Entweder habe ich das Gefühl, ich werde nie wieder etwas erreichen, oder ich schäme mich, weil ich so viel twittere“. Erst am Ende des langen Zeit-Interviews nimmt die Schriftstellerin eine Perspektive in den Blick, die heilsamer und zukunftsweisender erscheint als jeder Drogenrausch: „Ich hätte mir viel Leid ersparen können, hätte ich gewusst, dass kein Tief ewig anhält. Heute vertraue ich darauf, dass ich stets wieder aus der Trauer auftauchen werde.“ Und so versucht sie also heute, mit wenigen Medikamenten, dem Twittern, etwas Meditation und ihrer Liebe zu Hunden besser durch ihr Leben zu kommen.

Das eigentliche Stichwort aber liefert sie, ohne es selbst ganz zu bemerken, mit dem Begriff des „existenziellen Hungers“, unter dem sie leide. Wer müsste nicht bei diesem Wort an den Satz Jesu denken, wenn er sagt: „Ich habe Speise, die euch wahrhaft sättigt.“ Aber welche Speise soll das im 21. Jahrhundert sein? Das klingt doch zu absurd!

Noch absurder allerdings ist eine Szene im Neuen Testament, als die Jünger beklagen, dass sie die ganze Nacht die Netze ausgeworfen hätten, jetzt völlig erschöpft wären und nicht mehr könnten. Auf Jesu Gebot werfen sie die Netze nochmals aus und können den großen Fang kaum an Land ziehen. Was soll das?

Auf der anderen Seite: Wie oft geschieht es, dass gerade in dem Augenblick, da wir jede Hoffnung aufgegeben haben, das Rettende wie aus dem Nichts geschieht. Ein Kaufmann, der mit drei Firmengründungen ins Leere lief und aufgeben wollte. Als er es ein letztes Mal versuchte, gelang es, heute beschäftigt er über 10 000 Menschen und lacht viel, ich kenne ihn. Ein Arzt, der mit drei oder vier Therapieversuchen erfolglos war und schon unwillig noch einen Versuch macht, weil er fast schon den Glauben an sich und seine Heilkünste verloren hat – und genau jetzt ist er erfolgreich. Solche Beispiele gibt es doch viele.

Es gibt das Krankheitsbild der Depression und glücklicherweise gute Medikamente. Aber es gibt auch Fehlperspektiven, die verhindern, dass es uns leichter fällt, aus einer depressiven Gestimmtheit wieder herauszufinden. Wer stundenlang im Netz scheinbar das Leben fühlt, wacht oft genauso verkatert auf, als habe er einen schweren Rausch hinter sich. Mit solchen Fehlversuchen kann man Jahre vergeuden und gerät nur immer tiefer in die Krisen und die Resignation.

In seinem großen Roman „Schuld und Sühne“ erzählt Fjodor Dostojewski, wie die einzige Hoffnung der verlorenen Prostituierten Sonja die Erzählung von Lazarus ist. Lazarus, der schon gestorben war, aber von Jesus wieder auferweckt wird. An diesem Evangeliumstext hängt ihre ganze Hoffnung auf neues Leben, das sich am Ende des Romans dann auch für sie erfüllt.

Die Theologen sagen uns heute, dass die Lazarusgeschichte zwei Bedeutungsebenen in sich trage. Das eine: Es sei die Geschichte von Jesus selbst, der stirbt, aber gerade so ins ewige Leben aufersteht. Vor allem aber auch die zweite Deutung: dass von diesem Ostergeschehen her, das die Lazaruserzählung symbolisiere, vor gut 2 000 Jahren der Durchgriff Gottes auf jeden einzelnen Menschen möglich geworden sei. Von daher gebe es die spirituelle Heilsebene schon in dieser Welt, die Christen als Wirken des Heiligen Geistes bezeichnen.

Heute suchen Menschen ihr Heil jeden Tag. In der Esoterik, im Rausch, im Netz oder auch in einem manischen Leistungs- oder Konsumwillen. Schon diese Fehlversuche künden von dem, was die Melissa Broder einen unstillbaren existenziellen Hunger nennt. Aber all das macht offenkundig nicht satt. Der Glaube allein macht auch nicht satt, das wäre ein Missverständnis.

Aber wenn Broder sagt, dass ein Bewusstsein, dass keine Krise ewig dauere, tröstlich sei, so schlägt das den Bogen in eine bessere Welt: weil das Bewusstsein nicht mehr künstlich ausgeschaltet wird. Weil eine Ebene erlebt wird, die das eigene primäre Erleben reflektiert und nicht ausschaltet oder ins Extrem steigert. In solche Reflexion fließt bei vielen Menschen fast wie von selbst ein neues, ein spirituelles Bewusstsein ein, das plötzlich den ganzen Menschen und das ganze Erleben zu verwandeln versteht. Das ihn wie am eigenen Schopf packt und zu seinem Erstaunen ergreift und verwandelt. Dann ist es die Aufgabe, diesen Augenblick zu ergreifen und für den Alltag fruchtbar zu machen. Das ist mühsamer als das Surfen im Internet, der Rausch oder andere Lösungen, aber dieses Üben befriedigt. Das ist heute das Ostergeschehen.

Nicht mit Franziskus brechen

von Prof. Dr. Martin Balle | 02. März 2019

Die Enttäuschung über das Treffen der Kardinäle mit ihrem Papst in Rom am letzten Wochenende war also groß. Besonders enttäuscht waren viele von Papst Franziskus selbst. Er habe nicht nur nichts Konkretes entschieden, sich auch zu wenig mit den Opfern selbst getroffen und vor allem in seiner Abschlussansprache die Verfehlungen seiner Priester und Bischöfe in einen allgemeinen Kontext gestellt, anstatt das „mea culpa“ noch lauter und deutlicher auszusprechen. Dass auch Lehrer oder Sporttrainer sich an Minderjährigen vergriffen, damit habe er unsinnigerweise seine Abschlusserklärung eröffnet, noch bevor er auf die massiven Verfehlungen seiner Kirche entsprechend eingegangen sei. Gibt es aber doch etwas, was man zu seiner Entschuldigung anführen kann?

Die Kirche steht am Pranger, die katholische vor allem. Die also, die sich in ihren Sonntagspredigten gegen eine Relativierung aller Werte regelmäßig aussprechen, gerade die haben den ganz entscheidenden Wert der unverletzbaren Würde des anderen so massiv und infam untergraben. Gerade die, die vom Vertrauen leben und sprechen, haben genau dieses Vertrauen total missbraucht. Da kann man nur feststellen: Da geht es bei einer so gravierenden Sache in Wirklichkeit auch um die Existenz der Kirche. Das ist nicht eine Krise, die in wenigen Jahren heilen kann. Sondern, da steht die Autorität der Kirche als Ganzes infrage. Und zwar in einer Massivität, die zerstörerisch und selbstzerstörerisch ist. Wie kann man denn denen noch glauben? Das fragen aus gutem Grund heute viele. In dieser Situation also findet sich Papst Franziskus, der ja eigentlich aufgebrochen war, den verstaubten Laden in Rom aufzuräumen und auf den sich die Hoffnungen so vieler gerichtet haben. Wie kann er sich jetzt am besten verhalten?

Als 1983 das Nachrichtenmagazin Stern die Hitler-Tagebücher veröffentlicht hatte, im besten Glauben, dass diese ihm von einem Fälscher untergejubelten Bücher tatsächlich von Hitler geschrieben wurden, war das das Ende des Stern. Heute sind im Stern wunderbare Lesegeschichten und Reportagen zu finden, aber als ernsthaftes auch politisches Magazin hat der Stern seitdem nie mehr Fuß gefasst. Oder gerade vor wenigen Wochen: Was war das für ein Rückschlag für das Nachrichtenmagazin Spiegel, dass gerade die besten Reportagen von einem Fälscher erstunken und erlogen worden waren. Da geht es dann schon um die eigene Existenz. In einem vorauseilenden Gehorsam veröffentlichte Der Spiegel Art und Umfang des publizistischen Desasters, um Schaden vor allem von sich abzuwenden. Gerade dafür wurde er von den Kollegen der Zeit massiv kritisiert. Da habe man es sich zu einfach gemacht. Festzuhalten bleibt: Überall dort, wo gerade in der Kernkompetenz die eigene Autorität infrage gestellt ist, da droht ein existenzbedrohender Schaden.

Bei der katholischen Kirche geht es eigentlich um das Heil des Menschen. Ihm soll sie dienen. Eine Beichte soll ihm Neuanfang sein in ein anderes besseres Leben. Eine Krankensalbung Trost, dass er gerade jetzt im Letzten angenommen ist. Ein Sonntagsgottesdienst ein Kraftquell für eine neue Woche. Und jetzt also das! Das ist für die Kirche selbst ein Trauma. Da geht es nicht allein mehr darum, wie das für alle Zukunft zu verhindern ist, sondern um die Frage, ob es überhaupt noch eine Zukunft gibt. Das ist die Situation des Papstes, auf die er zu reagieren versucht. Das Trauma des Missbrauchs ist längst auch ein Trauma der Kirche! Was also tun? Mir scheint, dass der Papst versucht, aufzuzeigen, dass die Kirche inmitten der Gesellschaft der Menschen mit ihren Fehlern steht. Da kann man jetzt einwenden: Das ist billig! Aber was wäre, wenn er jetzt all die Zurufe von außen mit einem Mal aufgreift? Die überfällige Abschaffung des Zölibats, die sinnvolle Emanzipation der Frau auch für das Priesteramt, und was sonst noch alles gefordert wird. Beim Fußball gibt es eine vergleichbare Situation: Wenn ein Spieler augenfällig gefoult wird und der Schiedsrichter nicht sofort pfeift, mokiert sich schnell der Gegner. Pfeift der Schiedsrichter dann doch noch, rufen die Spieler der anderen Mannschaft: „Schiedsrichter, nicht auf Zuruf!“ Gemeint ist: Du musst selber entscheiden als Schiedsrichter, alles andere stellt deine Autorität infrage! Und mit diesem zu späten Pfiff ist sie schon infrage gestellt.

Das ist die Situation der katholischen Kirche von heute. Sie erhält Zurufe von allen Seiten, was denn zu tun sei, und die meisten davon sind nur allzu richtig. Aber sie verschanzt sich vor den Zurufen im Elfenbeinturm der Theologie und der theologischen Sprache, um die Deutungshoheit über sich selbst nicht zu verlieren. Und auch das ist bis zu einem gewissen Grade sehr nachvollziehbar. Zwischen diesen beiden Klippen – auf der einen Seite zu akzeptieren, dass die Verfehlungen gravierendst sind und unerträglich, und auf der anderen Seite zu versuchen, die Substanz zu retten, das heilige Fundament, auf dem die Kirche seit 2 000 Jahren doch auch noch steht, nicht einfach preiszugeben an die Kritik derer, die in den Medien jetzt den Finger nicht zu Unrecht so streng heben – steckt jetzt der arme Papst Franziskus, der ja eigentlich niemals Papst werden wollte. Hinzu kommen noch die konservativen Kräfte im Vatikan, die jede Chance suchen, um ihm zu schaden. Wahrlich eine schreckliche Situation! Und in dieser Situation versucht er jetzt einen Weg zu finden, seine Kirche zu retten.

Das Christentum hatte in den 2 000 Jahren immer zwei Seiten. Auf der einen Seite ist es eine Geschichte des Heils und der Heiligen. Dort sind die, die vom Heiligen Geist ergriffen Krankenhäuser bauten und für andere ihr eigenes Leben gaben. Und es gibt die dunkle Seite: von den Kreuzzügen über die Hexenverfolgungen bis zur Folter derer, die nicht rechtgläubig schienen. „Die Kriminalgeschichte des Christentums“, wie ein Autor das über Aberhunderte Seiten beschrieb. Der Missbrauch von Hunderten und Tausenden anvertrauten Menschen gehört zu diesen allerdüstersten Kapiteln dieser Geschichte, auch wenn es sich in diesem Buch noch nicht findet.

Aber ich glaube, man muss auch sagen, dass Papst Franziskus in das helle Kapitel des Christentums gehört. Der den Armen die Füße wäscht und das übliche Papstgewand ablehnt mit dem überlieferten Satz, dass „der Fasching vorbei sei“. Der nicht im Vatikan einzog, weil er von normalen Menschen umgeben bleiben wollte. Der sich in seiner Enzyklika dagegen wehrt, dass wir die Umwelt auf Kosten der zukünftigen Generationen verfrühstücken, und der sich für den Frieden in der Welt einsetzt wie kaum ein Papst je vor ihm. Den Stab über ihn brechen, heißt auch den Stab über die Heils- und Glaubenschance brechen, die sich mit ihm und den Guten, die es auch noch gibt, für uns vom Glauben her eröffnet. Heißt uns selber den Heilsweg zuzustellen, den Kirche immer noch auftun kann. Die Verbrecher aber, die sich dort eingenistet haben, gehören in aller Härte zur Rechenschaft gezogen.

Straubinger Tagblatt vom 2. März 2019 

Begegnung als Sinnprinzip

von Prof. Dr. Martin Balle | 09. Februar 2019

Der Psychotherpauet Erwin Möde deutet die Emmaus-Geschichte auch als innerweltliches Heilsangebot 

Unsere Gegenwart steht viel stärker im Zeichen der ganz großen Fragen der Menschheitsgeschichte, als es den meisten Menschen bewusst ist. Die Erweiterung des Denkbaren ins Kosmische durch die digitale Welt, das Ersetzen menschlicher Intelligenz durch künstliche Intelligenz, die Sehnsucht nach ewigem Glück in dieser Welt – all das sind Phänomene, die sich vor dem Horizont der Geschichte unseres Denkens vollziehen, ohne dass wir uns dessen heute allzu bewusst wären. Wir kennen scheinbar die Voraussetzungen unseres eigenen Denkens und Lebens kaum mehr.

Deshalb ist es mehr als dankenswert, dass der Psychotherapeut und Theologe Erwin Möde in seinem sehr tiefgründigen und schönen Buch „Spiritualität und Hermeneutik“ die Voraussetzungen unserer Gegenwart analysiert. Als christlicher Theologe zeigt sich Möde dabei gerade nicht als dogmatischer Verfechter des Christentums. Vielmehr zeigt er, wie die dogmatischen Festlegungen dem christlichen Glauben seinen eigenen Boden unter den Füßen weggezogen haben.

Unsere Triebwelt in Frage zu stellen, ist absurd

Als Psychotherapeut aber will sich Möde nicht der Mehrheit der Psychologen anschließen, die in ihren Therapien den Menschen keine Sinnangebote mehr machen, sondern zum bloßen Spiegelreflex einer gott- und sinnlosen Welt werden, in der sie dann dem Patienten immerhin helfen wollen, sich etwas besser zurechtzufinden. In diesem Sinn zitiert Möde den Psychoanalytiker und Schriftsteller Irvin Yalom: „Das existenzielle Konzept der Freiheit postuliert, dass das einzig wahre Absolute ist, dass es kein Absolutes gibt, dass die Welt kontingent ist – das heißt, dass alles, was ist, hätte auch anders sein können; dass menschliche Wesen sich selbst, ihre Welt und ihre Situationen innerhalb ihrer Welt erzeugen; dass es keinen Sinn gibt, kein großartiges Design des Universums; keine Leitlinien außer denen, die das Individuum erschafft.“

Weil aber beides trostlos ist, eine Welt ohne Gott und Sinn genauso wie eine Welt, in der Gott vom Glauben gleichsam verordnet wird, versucht Möde aus der Perspektive der Anthropologie, d. h. unter der Voraussetzung der Frage, wie der Mensch wirklich ist, Chancen und Abgründe des Menschen zu zeigen, so dass vor diesem Hintergrund der Sinn des Lebens plötzlich lesbar wird.

Der Mensch ist für Möde erst einmal ein begehrendes Wesen. Er suche nicht weniger nach der Befriedigung seiner Bedürfnisse als nach dem Sinn seines Lebens. Jede Theologie oder auch Philosophie, die die konkrete Triebwelt des Menschen in Abrede stelle, sei absurd. Aber im griechischen Wort Leben (Bios) stecke zugleich das Wort Bogen. Die Kunst des Lebens sei, den „Bogen nicht falsch zu spannen“, ihn weder „über- noch unterzuspannen“, sondern den Moment zu finden, in dem sich der Schuss löse, ohne das Ziel zu verfehlen. Unser Leben bedürfe sowohl des transzendenten Sinnhorizonts als auch der innerweltlichen Perspektive, in die sich dieser Sinn einschreibe.

Mit diesen Gedanken aber öffnet Möde die Tür zum Kern seines Anliegens, nämlich zur wahren Begegnung von Menschen. Möde erläutert dies anhand der Emmaus-Geschichte im Lukas-Evangelium. Nach dem Kreuzestod Jesu seien die dort erwähnten beiden Jünger ratlos und verloren gewesen. Im Gespräch mit Jesus aber, der sich ihnen auf dem Weg unerkannt dazugesellt habe, sei in ihnen plötzlich Sinn und Hoffnung aufgekeimt: „Heilsame Weise von Begegnung. Jede echte Begegnung geschieht unverhohlen und zugleich sprachlich-symbolisch vermittelt. Sie ist niemals Selbstzweck, sondern Aufweis und Ausdruck einer transsubjektiven Kraft und transpersonalen Sinndimension. Deshalb wirkt sie befreiend, weil sie den Menschen herauslöst aus seiner imaginären Eigenwelt, der Zentripetalkraft seines Egoismus und der Tautologie seiner Selbstdialoge.“

Das ist die Situation des Menschen von heute: Er sitzt vor den Echokammern des Internets und sucht dort vergeblich nach Sinn. In der wahren Begegnung aber geschehe Sinn, beteuert Möde, und weil er als Psychotherapeut zum Glauben nicht überreden will, sondern die Begegnung zwischen Jesus und den Jüngern nur symbolisch und therapeutisch deutet und sie auf jede wahre Begegnung zwischen Menschen überträgt, überzeugt er.

Die Visualisierung und der Fanatismus als Sackgassen

Auf diese Weise kann die Emmaus-Erzählung auch in unseren Tagen noch eine große Hilfe sein. Durch sie wird verständlich, wie absurd der Versuch ist, mit Macht und Gewalt jenseits des wahren Sprechens Konflikte zu lösen. Sie zeigt, wie unverwechselbar der Einzelne ist und wie jeder von uns aufgerufen ist, nicht zum Massenmenschen zu werden; und wie wichtig es bleibt, in die Liebe und in die Begegnung mit dem Anderen hineinzufinden, in ein Gespräch und eine Interaktion mit ihm.

Dadurch aber wird der Vorgang des Glaubens zu einer radikal innerweltlichen Frage: keine Vertröstung auf das Leben nach dem Tod, sondern eine Verwandlung in dieser Welt. Damit widerspricht Möde sowohl einem dogmatischen Glauben, der Sinn vorgibt, als auch allen philosophischen und ideologischen Modellen, die als Sinnersatz den Menschen um sein Leben betrügen wollen. Das Leben sei offen nach allen Seiten, es vollziehe sich unter den Vorzeichen des Sterben-Müssens und des Leben-Wollens. Der Mensch aber halte das schwer aus und folge deshalb seiner Sehnsucht nach „Eindeutigkeit“. Das Fehlen von Eindeutigkeit lasse ein „Spannungsmoment aufkommen, das den einfachen Bahnen des Lustprinzips zuwiderläuft“. Menschen versuchten aber allzu gern, sich ausschließlich im Rahmen des Lustprinzips zu verwirklichen.

Mit dieser Diagnose wird am Ende der Blick frei für die großen Sackgassen unserer Zeit. Da wäre zuerst einmal die Sucht nach Bildern, das, was der Verleger Hubert Burda den „icon turn“ unserer Zeit nennt. Eine große Fehlsteuerung, denn: „Es ist ein alter, fataler Irrtum des Menschen zu ‚glauben‘, das Auge wäre die via regia des Erkennens, die visuelle Sinneserfahrung wäre schon Sinnerfahrung. Zuerst ist das Ohr und dann – nachgeordnet – das Auge. Erst nach der Geburt ‚gehen uns die Augen auf‘. Doch schon viele Monate vorher im Mutterleib hören wir intensiv.“ Also dem Sprechen und Hören, dem guten Gespräch sollte der Vorrang vor dem Visuellen eingeräumt werden.

Und dann natürlich die zweite große Sackgasse: die Flucht vor der Vieldeutigkeit und Vielgestaltigkeit des Lebens in den Fanatismus und Fundamentalismus. „Der Fundamentalismus ist oppressiv, setzt zwanghaft auf Selbstverschließung, Entzug und Verweigerung“, so Möde. „Der Fanatismus agiert offensiv und grenzenlos expansiv mit hohem paranoischem Potenzial. Wann immer Fundamentalismus mit Fanatismus verschmilzt, bricht die fanatisierte Gruppe aus ihrem selbstgeschaffenen Ghetto aus, um gewaltsam-missionarisch zu bekehren oder zu vernichten.“

Den Weg ins Leben zu finden bedeutet für den Psychotherapeuten und Priester Erwin Möde dagegen, das Leben selbst als Heilsangebot zu erleben. Im Blick auf den Anderen und im Gespräch mit ihm werde ein transzendenter Sinn spürbar, der jeden von uns als einzelnen Menschen anspreche.

Beten als dynamisches Gespräch mit Gott

Weil Möde die Sache des Glaubens so tief im Kern des Menschen selbst verortet, kann er am Ende seines Buches sogar wagen, über eines der schwierigsten Themen überhaupt zu schreiben: über das Beten. Am Beispiel eines wunderbaren Gedichtes aus Rilkes Stundenbuch, in dem der Beter nach einer Zeit der Verwirrung und Verstörung zu Gott zurückfindet, wird die Haltlosigkeit von Nietzsches Postulat, dass Gott tot sei, deutlich. Beten wird dabei von Möde nicht als „vorschneller und imaginärer“ Weg zur „Gewissheit des Übersinnlichen“ verstanden, sondern als „spirituelles Heilsangebot“, das je neu zu finden ist: als ein „dynamisch-energetisches Aktgeschehen“, das den Glaubenden immer wieder neu ins Gespräch mit sich selbst und mit Gott führt.

Das Buch von Erwin Möde ist in dieser geistig kargen Zeit ein großer Wurf und eine wertvolle Zeitdiagnose, deren Lektüre sich lohnt.

 

Erwin Möde: Spiritualität und Hermeneutik. Text und Sinn – Mystik und Transformation. Pustet Verlag, Regensburg, 208 Seiten, 34,95 Euro.

Die Populisten dieser Welt

von Prof. Dr. Martin Balle | 19. Januar 2019

Irgendwie war es doch auch ein sympathisches Bild, wie der amerikanische Präsident Donald Trump beim Empfang seiner Football-Stars in großem Stil Hamburger und Cheeseburger auffahren ließ, weil wegen des Shutdowns in Washington die Küche seit Tagen kalt bleiben musste. Aber es entspricht ganz der Amtsführung von Donald Trump: Auf den ersten Blick nimmt seine hemdsärmelige Art für ihn ein; auf den zweiten Blick gibt es nicht einmal mehr eine vernünftige warme Mahlzeit für die Gäste im Weißen Haus. Ein Symbol für den Schaden, den seine nationalistische Politik vor allem auch in seinem eigenen Land anrichtet. Dass es in Großbritannien nicht besser gehen wird, wenn sich die nationale Perspektive am Ende tatsächlich durchsetzen sollte, wurde in dieser Woche in allen Medien eindringlich beschrieben. Bleibt die Frage, weshalb entscheiden eigentlich die Bürgerinnen und Bürger eines Landes gegen ihre eigenen Interessen? Weshalb wählen sie einen aberwitzigen und hoch aggressiven Hasardeur zu ihrem Präsidenten oder entscheiden im Fall Großbritanniens für den Ausstieg aus Europa, der am Ende vor allem ihnen selbst schadet?

 

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler analysierte vor wenigen Wochen in einem Gastbeitrag der Wochenzeitung Die Zeit exakt dieses Phänomen. Er stellt fest: „Man sollte nicht glauben, die Bedrohung der Demokratie gehe nur von einigen Reichen und Mächtigen aus. Im Gegenteil: In einigen Fällen sind es Teile des Volks selbst, die der Demokratie den Rücken kehren, weil sie mit deren Ergebnissen nicht zufrieden sind und ihnen die Bereitschaft fehlt, die Mühen und Lasten der Aufrechterhaltung einer demokratischen Ordnung auf sich zu nehmen. Die Wahl von Erdogan, Trump, Rodrigo Duterte auf den Philippinen und Jair Bolsonaro in Brasilien ist so zu erklären.“ Der ehemalige Leitartikler dieser Zeitung Fridolin Markus Rüb pflegte das immer mit dem schönen Satz zusammenzufassen: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.“ Als Grund für ein solches selbstzerstörerisches Verhalten sieht Münkler aber nicht nur eine Unzufriedenheit mit der notwendigen Langwierigkeit und Komplexität von demokratischen Prozessen, sondern auch die Sehnsucht danach, eine plurale Gesellschaft, die die Verschiedenartigkeit von Menschen und Interessen anerkennt, durch die Rückkehr zu einer nationalen Gemeinschaft abzulösen. Münkler diagnostiziert eine „nostalgische Sehnsucht nach der Geborgenheit früherer Gemeinschaften. Gemeinschaften sind und werden integriert, indem die Menschen den Zusammenhalt wollen und ihn gegen alle Widerstrebenden durchsetzen; Gesellschaften hingegen integrieren sich, indem ihre Teile miteinander konkurrieren und konfligieren“.

 

Trumps Devise „America first“ war deshalb für viele genauso attraktiv wie die Versuchung für manchen Briten, aus Europa auszusteigen. Die Botschaft war jeweils einfach und appellierte an die Ängste der Menschen, in komplexen Gesellschaften und Lebenssituationen Gefahr zu laufen, den Weg zu verlieren. Bei Donald Trump wird diese Politik der Abgrenzung und Abschottung gegen das Andere und Fremde regelrecht symbolisch, wenn er eine Mauer zu Mexiko bauen lassen will. Sein aggressiv vorgetragener Satz, dass die Mexikaner selbst die Kosten für diese Mauer tragen müssen, erinnert dabei durchaus an die Haltung der Nationalsozialisten, die den Juden in Deutschland 1938 in gespielter Empörung die Kosten für die Reichskristallnacht aufbürdeten. Dass Donald Trumps Amtsführung auch postfaschistoide Züge trägt, ist vielfach kommentiert worden und lässt sich an vielen Beispielen belegen. Alle Fachleute bestätigen heute, dass dem Drogenimport aus Mexiko durch eine Mauer kein Einhalt geboten werden kann, sodass es keinen vernünftigen Grund gibt, eine solche Mauer zu bauen. Es geht primär um die Stigmatisierung des Anderen und des Fremden.

 

In Deutschland nimmt der Verfassungsschutz jetzt die AfD stärker unter die Lupe. Das ist das richtige und ein wichtiges Zeichen. Denn wie fragwürdig die Politiker dieser Partei dann doch sind, wurde gerade jetzt wieder sichtbar. Der Bremer Bundestagsabgeordnete Franz Magnitz wurde eben nicht, wie schnell behauptet wurde, mit einem Holzscheit niedergestreckt und war so Opfer eines Mordanschlages, sondern wurde brutal umgerannt und fiel unglücklich auf seinen Schädel. Laufende Kameras, die es zufällig gab, konnten das eindeutig zeigen. Das ist dann doch ein entscheidender Unterschied. Aber das Mittel der Lüge oder auch des Verdrehens von Sachverhalten, wie es die AfD praktiziert, also Lüge und Manipulation als Mittel der Politik, wurde an diesem Fall sehr gut lesbar. Es muss darum gehen, diese Partei immer wieder zu entlarven als das, was sie wirklich ist: ein Abgrund von Ewig-Gestrigen, denen kein Mittel zu schade ist, um die Menschen in diesem Land zu manipulieren und unsere Demokratie zu diskreditieren.

 

Dabei geht es vor allem auch darum, dass wir uns die Perspektive unseres politischen Diskurses von denen nicht manipulieren lassen. So hat die Sprachforscherin Elisabeth Wehling vor Kurzem gezeigt, dass es Donald Trump gerade mit seinen unsäglichen Twitter-Tweets gelungen ist, die politische Diskussion in Amerika zu bestimmen: „Das alles ist keine mediale Irrfahrt, das ist Taktik und fast schon hohe Kunst. Den landesweiten Diskurs bestimmt Trump mittels Twitter meisterhaft. Trump nutzt dabei grundlegende Erkenntnisse der neurokognitiven Ideologieforschung: Sprache aktiviert im Gehirn stets einen gedanklichen Deutungsrahmen. Wenn seine Gegner toben, seine dreisten Botschaften mit Fakten und Expertise widerlegen, transportieren sie diese dennoch weiter; Trumps Worte verankern sich in den Synapsen der Wähler. Das menschliche Gehirn kann die Verneinung nicht denken, ohne die nicht verneinte Form derselben Aussage zu denken.“ Wenn Trump also sinngemäß sagt: Das Fremde ist das Böse – so liegt diese Botschaft auf dem Tisch und man mag ihr noch so oft widersprechen, sie bleibt gerade dadurch auf dem Tisch und die Diskutanten bleiben auf das Thema fixiert, das Trump gesetzt hat – und etwas bleibt immer hängen ...

 

In Amerika prallt die Kritik der Medien und der politischen Gegner an Donald Trump regelrecht ab und es ist durchaus möglich, dass er bei allem Irrsinn nochmals gewählt wird. In Deutschland immerhin funktionieren die Mechanismen von Kritik und Kontrolle in Politik und Medien noch so gut, dass einem noch nicht angst und bange ist. Aber dennoch wird gerade bei den Landtagswahlen im Osten die AfD in allen drei Fällen vergleichsweise gut abschneiden. Als Mittel gegen die Populisten dieser Welt empfiehlt Politikwissenschaftler Herfried Münkler „die Zivilgesellschaft mit ihren Vereinen und Verbänden“. Dort muss es Geborgenheit und Rückhalt geben. Nicht in einer Wiederbelebung der „völkischen Idee“, sondern in unserer Heimat.

Straubinger Tagblatt vom 19. Januar 2019 

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