Prof. Dr. Martin Balle

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Martin Balle

Suche nach dem Markenkern

von Prof. Dr. Martin Balle | 01. Dezember 2018

Es war schon ein sehr seltsames Schauspiel, als vor wenigen Wochen der ehemalige Fraktionsvorsitzende der CDU, Friedrich Merz, vor der Bundespressekonferenz in Berlin sein...


Sinn des Lebens erkennen

von Prof. Dr. Martin Balle | 05. Mai 2018

„Das Leben wird vorbei gewesen sein.“ Dieser Satz ist einer der Schlüsselsätze des weltberühmten Philosophen Martin Heidegger. Dabei ist dieser...

Suche nach dem Markenkern

von Prof. Dr. Martin Balle | 01. Dezember 2018

Es war schon ein sehr seltsames Schauspiel, als vor wenigen Wochen der ehemalige Fraktionsvorsitzende der CDU, Friedrich Merz, vor der Bundespressekonferenz in Berlin sein politisches Comeback verkündete. Wie Phoenix aus der Asche tauchte er auf, erklärte kurz, wie man seinen Namen richtig schreibe, um am Ende mit wenigen Floskeln anzumahnen, dass es mit Floskeln nicht getan sei. Dabei sagte er dennoch einen Satz, der zum Nachdenken Anlass gibt. Die CDU müsse ihren „Markenkern“ wiederentdecken. Dabei ist der Markenkern ein Begriff, der gar nicht aus der Politik kommt, sondern in der Werbepsychologie verwandt wird.

Zum sogenannten Markenkern gehört neudeutsch das „look and feel“ eines Produktes. Coca-Cola schmeckt nicht nur unverwechselbar anders als Pepsi, auch der Schriftzug, den man sofort erkennt, ist Teil der Identität des Produktes. Genauso bei der Creme Nivea oder der Milka-Schokolade. Die sind blau oder lila verpackt, der Schriftzug ist sofort erkennbar, mit dem Inhalt aber ist es hier schon schwieriger. Wer würde bei anderer Verpackung tatsächlich erkennen, ob er sich gerade mit Nivea-Creme eingeschmiert hat, oder ob es tatsächlich eine Milka-Schokolade war, die man sich noch schnell vor dem Schlafengehen genehmigt hat, wenn die Verpackung das nicht auf den ersten Blick anzeigen würde. Zum Markenkern gehören also immer die Kontinuität der Tradition und die Außenansicht, die das Produkt für den Verbraucher unverwechselbar machen soll.

Legt man solche Werbepsychologie zugrunde, dann wird vor allem schnell klar, weshalb die SPD auch bundesweit nur noch knapp über dem bayerischen Ergebnis liegt. Man kann nicht die zwei Führungsfiguren der Partei, Martin Schulz und Sigmar Gabriel, von heute auf morgen entsorgen und sich selbst auf die Schnelle ein ganz neues Gesicht geben. Wer ist denn die SPD heute unter der Führung von Andrea Nahles und Olaf Scholz? Da wird keine Identität erkennbar, kein Gesicht vorstellbar. Die SPD hat ihre Vorsitzenden sowieso schon über Jahre hinweg allzu oft ausgewechselt. Die traditionelle Wählerklientel der klassischen Arbeiterschaft gibt es auch nicht mehr und mit Gerhard Schröder hatte ein Kanzler die Partei so sehr auf den eigenen persönlichen Erfolg zugeschnitten, dass es auch hier massive Identitätsverluste gab, ganz gleich, wie man heute die Hartz-Reformen bewertet. Was der Partei jetzt aber vor allem geschadet hat, war der bedingungslose Machthunger von Nahles und Scholz, die solche Erwägungen hätten treffen müssen, aber eben nur an die eigene Karriere dachten. Scholz bereitete es in jeder Talkshow sichtliches Vergnügen, wenn über den damaligen Parteivorsitzenden Martin Schulz hergezogen wurde. Und ein Urgestein der SPD, ein ehemaliger bekannter bayerischer Oberbürgermeister, sagte mir letzte Woche, dass es bei Nahles nicht besser wäre, und war sichtlich entsetzt vom Abstieg seiner geliebten Partei. Heute sucht die SPD bei einberufenen Konferenzen künstlich ihr neues Profil – ein auswegloses Unterfangen.

Die CSU hat mit Blick auf den Begriff des Markenkerns ebenfalls einen recht seltsamen Weg eingeschlagen. Hier wird in jedem Interview betont, dass die neue CSU in voller Kontinuität mit der Parteigeschichte der letzten Jahrzehnte stehe. Das ist regelrecht das Programm der Partei. Der neue Ministerpräsident stellt sich zudem in nostalgischer Schwärmerei sogar die Möbel von Franz Josef Strauß in sein Büro und der schwer zu deutende Alexander Dobrindt kauft sich tatsächlich einen alten 3er-BMW auf dem Gebrauchtwagenmarkt, weil in genau diesem Auto Strauß gefahren sei. Auf der anderen und doch entscheidenden Seite aber hat man den ehemaligen König von Bayern, Horst Seehofer, mit aller Gewalt zum Hausmeister Deutschlands in Berlin degradiert und wundert sich in München tatsächlich über dessen Lustlosigkeit in seinem neuen Amt. Seehofer gibt in Berlin eine Mischung aus Django und Oblomow, auch das ein seltsames, aber immerhin verstehbares Schauspiel. Jetzt fordern selbst die ehemaligen Claqueure aus der eigenen Partei lauthals sein politisches Ende auch in Berlin. Wenn es dann demnächst kommt, werden sie tränenreich erklären, wie wichtig Horst Seehofer und sein Erbe für die Partei seien. Das Blöde ist nur: Jeder Wähler, der auch nur einen durchschnittlichen IQ hat, wendet sich bei solchem Schauspiel angewidert ab. Bei aller Beschwörung der Kontinuität der Geschichte der Partei ist es schon so: Der Machtkampf mit all seinen hässlichen Spuren, das ist auch ein unverdrängbares Erbe der neuen CSU, die sich jetzt in der Geste der Unschuld als Partei der Mitte wieder beruhigen will.

Und die CDU? Wer wird hier das Rennen machen? Es gibt viele, die glauben, dass Merz es schaffen kann, weil die Abneigung gegen Angela Merkel in der Partei so groß sei, dass ihre Generalsekretärin am Ende chancenlos ist. Aber wer Annegret Kramp-Karrenbauer auf ihrer Tour durch die Talkshows und Regionalkonferenzen jetzt erlebt, der spürt eine Frau, die doch viel mehr zu bieten hat, als sie in ihrem Amt der Generalsekretärin zeigen konnte. Und sie war nicht zehn Jahre lang abwesend und sie strahlt auch nicht die Aura der Finanzwelt aus, die am Ende doch abstößt. Viele erinnern sich zudem, dass Merz schon damals eher Provokationen in die Welt setzte, wie die Begriffe von der Steuer auf dem Bierdeckel oder den der Leitkultur, die aber niemals den Lackmustest der Wirklichkeit bestehen mussten. Von Nostalgie allein kann man nicht leben. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird sich Kramp-Karrenbauer deutlich durchsetzen und Merz für immer in der Finanzwelt verschwinden. Kramp-Karrenbauer strahlt heute eine Freiheit des eigenen Denkens und Sprechens aus, die für die CDU zu einer Chance werden könnte.

Und die anderen? Christian Lindner will jetzt doch regieren. Die Grünen wollten schon damals. Das Personal der Grünen überzeugt. Das Detailwissen der Führungsmannschaft überrascht. Jürgen Trittin und Joschka Fischer in ihrer unerträglichen Arroganz sind Geschichte, geblieben ist die Freiheit der Diskussion, die es bei Fischer und Trittin so auch nicht gab. Manches bei den Grünen ist amateurhaft und fast kindlich, aber der Ernst des Bemühens unverkennbar.

Die Grünen gehen bundesweit wohl auf über 20 Prozent. Eine CDU ohne Angela Merkel hat Chancen auf eine deutliche Erholung gegenüber den verheerenden Prozentzahlen, die heute in den Nachrichten aufscheinen. Ein neu gewählter Bundestag könnte so aussehen, dass den zwei großen Blöcken von Union und Grünen die kleineren Parteien SPD, Linke, AfD und FDP gegenüberstehen. Was für ein Wandel!

Und für die FDP mit ihrem Vorsitzenden, der damals nicht regieren wollte, gilt dann der Satz, dass man im Leben manchmal zweimal gefragt wird, häufig aber auch nur einmal. Was die politischen Inhalte angeht, wäre ein solcher Ausgang der nächsten Wahl eine Chance.

Straubinger Tagblatt vom 1. Dezember 2018

 

 

Sinn des Lebens erkennen

von Prof. Dr. Martin Balle | 05. Mai 2018

„Das Leben wird vorbei gewesen sein.“ Dieser Satz ist einer der Schlüsselsätze des weltberühmten Philosophen Martin Heidegger. Dabei ist dieser Satz vollkommener Blödsinn. Es gibt zwei Sätze, die dagegen klug und aufrichtig sind. Einer wäre: „Das Leben wird vorbei sein“ – aus der Perspektive des Lebens gesprochen. Der andere wäre: „Das Leben wird gewesen sein“ – aus der Perspektive des Denkens gesprochen. Der Satz „Das Leben wird vorbei gewesen sein“ spielt dagegen das Leben und das Denken in eine sowohl undenkbare als auch nicht lebbare Situation hinein: Der Schrecken des Todes wird so gerade nicht aufgelöst, sondern er ist für immer der Schatten, der sich als fürchterlicher Todesbote über jeden Sinn des Lebens legt.

Den wunderbaren Philosophen und Psychotherapeuten Dieter Wyss hat dieser schreckliche Nihilismus des Martin Heidegger so angewidert, dass er ihn in seiner monumentalen Studie „Kain: Eine Phänomenologie und Psychopathologie des Bösen“ in einem Atemzug mit Hitler und Lenin nennt. In der verschwurbelten Philosophie Heideggers sieht er „primär ein krankhaftes Geltungsbedürfnis“. Das Wegdenken jeder Erlösung des Menschen und das gedankliche Hineinstellen seiner Existenz in einen Abgrund von Angst und Sinnlosigkeit ist für ihn ein Anschlag auf die Menschenwürde und jede wahre Philosophie, die ja gerade menschenfreundlich sein muss.

Das haben aber alle Existenzialisten gemeinsam. Sie gruseln sich gerne mit der Einsamkeit und dem Tod. Ob Sören Kierkegaard aus Dänemark, Sartre in Frankreich oder eben Heidegger. Der Mensch bleibt für sie unerlöst und unerlösbar. Weder Gott noch der andere Mensch kommen als lebensrettendes Ufer der eigenen Existenz in ihren Blick. Am schlimmsten treiben es dabei Martin Heidegger und der Däne Sören Kierkegaard schon im 19. Jahrhundert. Es ist bei beiden der Abgrund der Angst, in den sie den Menschen mit ihrer Philosophie verstoßen wollen.

Für Kierkegaard ist die wahnsinnige Angst sogar der Urgrund des Glaubens. Aus seiner Angst heraus soll der Mensch im Todesaugenblick in das Gottesvertrauen springen. Als ganz Geängsteter wird er erlöst sein. Was für ein perverser Irrsinn! In seiner wunderbaren Arbeit über Kierkegaard hat ihn Theodor W. Adorno als das entlarvt, was er am Ende ist: ein Nihilist, der weder wahren Glauben noch wirkliche Philosophie hat, sich aber Christ schimpft.

Das Einzige, was diesen schrecklichen Existenzialisten abzugewinnen ist, ist ihre glänzende Analyse der postmodernen Gesellschaft. Kierkegaard nimmt in seinem Buch „Die Krankheit zum Tode“ alle modernen Zivilisationskrankheiten der heutigen Zeit voraus: die übersteigerte Sehnsucht des Menschen, nur er selbst zu sein, aber auch seine gegenteilige Sehnsucht, sich selbst ganz zu verlieren. Und Heidegger kennt die Langeweile der Menschen von heute. Angst und Langeweile sind für viele ihr Lebensthema geworden. Sie können keinen Sinn mehr spüren, ihr Leben nicht als wertvoll erfahren. Aber Heidegger und Kierkegaard nehmen diese Probleme dankbar auf und machen ihre grausame Philosophie daraus.

Was aber macht die Verführung dieser Denker aus? Weshalb sind so viele kluge Köpfe auf dieses Denken über Jahrzehnte und Jahrhunderte hereingefallen? Ein Grund liegt in der Gesellschaft von heute. Sie bietet viel zu wenig Raum für tiefgründiges Erleben und Spüren unseres Daseins. Im Alltag der Arbeit, in der schnelllebigen Welt der kurzatmigen Kommunikation kommt das, was der Mensch in seinem Innersten an Tiefe des Erlebens ersehnt, viel zu kurz. Wie eine Plastikwelt türmt sich die Zivilisation von heute vor unseren Augen auf. Ein Dschungel von leichtsinnigen Verführungen, die nichts einlösen und uns mit dem schalen Geschmack einer äußerlichen Existenz zurücklassen.

In der monumentalen Sprachwelt eines Martin Heidegger, der von Tod, Angst und Sorge „kündet“, liegt auch ein Rückruf zu den Kräften, die Leben zuerst ausmachen. Und weil Heidegger jeden Trost und jede Erlösung wegdenkt, werden diese Begriffe so überstark, dass sie zu faszinieren beginnen und einen seltsamen Bann auf unser Denken auszuüben vermögen. Diesem Bann muss man sich aber genauso entziehen wie dem Bann einer oberflächlichen Konsumgesellschaft, die unsere Seelen mit ihren Pseudoangeboten zukleistert.

Eine angemessene Antwort auf Heidegger wäre als Beispiel Karl Popper. Auch für ihn gibt es keine letzte Wahrheit, von der her wir sicher leben könnten. Aber das führt bei ihm nicht zu einer Perspektive der Sinnlosigkeit, die alle Werte relativieren würde. Sondern in vielen kleinen Schritten kann der Mensch für Popper immer weiter in der Annäherung an seine eigene Wahrheit kommen. Versuch und Irrtum – aber nicht lebenslanges Irren, das ist Poppers hilfreiche Philosophie, die ein ungeheuer menschenfreundliches Gesicht hat. Oder der Psychologe Erik Erikson. Er unterteilt das Leben in acht Abschnitte, die von verschiedenen Lebensaufgaben charakterisiert sind. Heideggers Welt ist zeitlos, der Mensch ist immer von Angst befallen und so dem Wahnsinn ausgeliefert. Der realistische Blick von Erikson erkennt dagegen die Chance des Lebens und sagt uns, was wir etwa mit Anfang 30 tun können, um am Ende auf ein erfülltes Leben zurückzublicken.

„Das Leben wird vorbei gewesen sein.“ Was für ein Blödsinn! Die Antwort des Christentums wäre dagegen, dass in Jesus Christus schon dieses Leben im Zeichen des ewigen Lebens steht. Dass diese Welt trotz aller Schatten erlöst ist. Dass damit auch diese Welt Aufgabe für uns ist, vor der wir nicht in Angst erstarrt zurückstehen dürfen. Selbst moderne marxistische Philosophen geben heute zu, dass im Glauben ein Hoffnungsgrund in diese Welt einverwoben ist, auf dem alle gesellschaftlichen Utopien für eine bessere Welt zu wachsen beginnen können.

Wenn Christen an jedem Sonntag die Erinnerung an Ostern feiern, dann feiern sie exakt diesen Hoffnungseinbruch in eine Welt, die auch düster sein könnte. Sie vergewissern sich der Hoffnungsperspektive, die schon in dieser Welt beginnt. Was im Glauben bei jedem Einzelnen genau geschieht, bleibt sein Geheimnis. Aber das Atemholen am Sonntag scheint doch für viele immer noch ein reeller Weg des Lebens zu sein, sonst würden sie es ja nicht tun. Es ist also auch sehr zu begrüßen, wenn die katholische Bischofskonferenz unter ihrem Vorsitzenden Hindernisse auf dem besseren Weg zu einem gemeinsamen Sonntag von Protestanten und Katholiken aus dem Weg räumt. Das gilt auch für das Geheimnis des Abendmahls. Als ich vor Jahren einem konservativen Bischof sagte, dass ein Priester, den ich sehr schätzte, die Protestanten und auch die Geschiedenen expressis verbis zur Kommunion einlade, meinte der entsetzt: „Dafür wird er sich vor Gott verantworten müssen.“ Hochwürden, das Entsetzen ist heute – nach Eurem Brief nach Rom – ganz auf meiner Seite!

Straubinger Tagblatt vom 5. Mai 2018

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