Weihnachten 2016

Von Prof. Dr. Martin Balle

Vor Kurzem durfte ich Gast sein bei einem Galadinner, das der Vorstandsvorsitzende einer großen europäischen Bank gab. Zu Gast waren Politiker aus ganz Deutschland und etliche wichtige Repräsentanten der Wirtschaft. Die Atmosphäre war weihnachtlich-wohlig, es gab beste Weine und Kerzenlicht. Nach einer kleinen Vorspeise stand der liebenswürdige und kluge Bankdirektor auf, begrüßte seine Gäste aufs Freundlichste und ließ uns dann aber in einem kurzen Vortrag in sein Seelenleben schauen. Er erzählte, dass seine Bank eine Bilanzsumme von unvorstellbaren 300 Milliarden Euro habe und ein Eigenkapital von immerhin 20 Milliarden Euro. Und dann sagte er die entscheidenden Sätze: „Aber wissen Sie, all diese Beträge liegen auf einem Server und ich wache nachts auf, kann nicht mehr einschlafen, weil ich Angst habe, dass der Computer abstürzt und in der Früh alles Geld weg ist.“ So der Vorstandsvorsitzende einer der größten Banken Europas, ein sympathischer Familienvater, der nachts schlecht schläft.

Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff hat schon vor Jahren bei der großen weltweiten Finanzkrise, wo Banken in sich zusammenbrachen, auf den Zusammenhang von digitalisierter Finanzwelt und dem Verlust eines realistischen Lebens- und Weltbezugs aufmerksam gemacht. Er schrieb damals im Nachrichtenmagazin Der Spiegel: „Aus der alten analogen Welt der Bedeutungen ist die digitale der Zeichen geworden, und wer darin aus nichts Geld machen kann, nennt sich, ohne jede Ironie, Master of the Universe. Zehn Prozent Zinsen hätten, auf Dauer gesehen, die Unsterblichkeit bedeutet. Die Pleite oder der Tod schienen überwunden gewesen zu sein, und die jetzige Panik rührt wohl auch aus dem Begreifen unseres tatsächlichen menschlichen Maßes.“

Das menschliche Maß – niemand kann sich 300 Milliarden Euro vorstellen. Die Psychologen sagen uns, dass das menschliche Vorstellungsvermögen bereits bei wenigen Millionen Euro aufhört. Alles andere sind Abstraktionen, die von einem gewöhnlichen Lebensgefühl wegführen. In einer Welt leben zu müssen, wo über Nacht 300 Milliarden Euro im Nichts verschwinden könnten, ist eine kolossale Überforderung, die schwer auszuhalten ist. Kein Wunder, dass der nette Bankdirektor schlecht schläft.

Der erste Philosoph, der noch vor der Digitalisierung in den 80er-Jahren den Begriff der „Entwirklichung“ in die geistige Debatte seiner Zeit einbrachte, war Eugen Biser, der in München damals den Guardini-Lehrstuhl innehatte. In seinem wohl besten Buch „Der Mensch – das uneingelöste Versprechen“ machte er als Erster darauf aufmerksam, dass in einer immer schnelleren Medienwelt die Menschen den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen. Im Zeitalter der Privatisierung des Fernsehens schrieb Biser: Die modernen Medien „entziehen dem narkotisierten Rezipienten den tragenden Boden, indem sie ihm anstelle der für seine Grundorientierung unerlässlichen Primärerfahrungen das Surrogat täuschender Reproduktionen bieten“. Diese Tendenz einer Entwirklichung des eigenen Lebens ist in der digitalisierten Welt nochmals wesentlich gravierender geworden. Die virtuelle Welt schlägt dem Rezipienten allzu oft die Tür ins eigene Leben zu, ohne dass er das merkt. Und die Banker, die an den Computern stunden- und tagelang die weltweiten Finanzströme betrachten und begleiten, sind besonders betroffen von solcher Entwirklichung von Welt und Leben. Mangel an Wirklichkeit hat aber vor allem zwei Folgen, die unausweichlich sind: Das eine ist die Angst, weil einem ja der Boden unter den Füßen wegbricht, und das andere die Aggression, die so natürlich entsteht. Die Psychologie kennt für solche Situationen sogar den Begriff der „Angstaggression“.

Eine wichtige Frage in der Philosophie ist die, ob der Mensch von Haus aus auch ein Mörder ist. Sie ist in der Philosophie nicht entschieden. Es gibt Philosophen, die sagen, dass Menschen nicht zuschlagen, aber zurückschlagen, aber es gibt genauso Philosophen, die meinen, dass der Mensch von sich her auch ein böses und tödliches psychisches Gen in sich trage. Dass der Kain in jedem von uns stecke. Eines aber ist beiden Schulen gemeinsam: Wo die Lebensbedingungen für Menschen schlecht werden, wo Menschen sich in der Enge einer nicht mehr auszuhaltenden Existenz gefangen fühlen, ausgeschlossen von jeder lebenswerten Wirklichkeit, da werden sie aggressiv mit der Vorhersehbarkeit eines Wetterberichts, der weiß, wann ein Orkan losbricht.

Jetzt ist das Lustige das, dass gerade die, die in einer virtuellen Welt der Zahlen leben, in der Regel jeden Glauben als virtuell abtun. Dass die, die gerade keinen Boden mehr unter den Füßen spüren, den Halt des christlichen Glaubens häufig als virtuelle Vorstellung bewerten. Es wird wenige Börsenhändler in London geben, die an Weihnachten mit ihrer Familie in die Kirche gehen. Wenn sie es doch täten, würden sie sich am nächsten Tag einen neuen Beruf suchen. Aber eher glauben sie doch daran, dass die Zinsen am Ende wieder steigen.

Das Spannende am christlichen Glauben ist seine Einfachheit. Er spricht an, was Menschen wirklich suchen, nämlich das Heil ihres Lebens. Ihre eigene ganz persönliche Wirklichkeit. All diese Erzählungen im Neuen Testament handeln von Menschen, die den Boden unter den Füßen verloren hatten und ihn aber wieder finden. Kranke, die gesund werden. Menschen, die ihre Seele nur dem Geld ausgeliefert hatten und sich selbst jetzt in der Begegnung mit Jesus wieder finden und wieder spüren. Zutiefst Deprimierte, die ihr Leben nicht als sinnvoll erleben konnten, aber in der Begegnung mit Jesus aus dem Nichts heraus eine Sinnerfahrung machen und aus ihr neu leben. Der christliche Glaube ist so keine virtuelle Sache, sondern eine Erfahrung, die schon viele Menschen gemacht haben, die sonst eher nicht an Gespenster glauben.

Bodo Kirchhoff resümiert in seinem Essay: „Wir haben unser Vorstellungsvermögen delegiert und überlassen es anderen, sich die Liebe oder die Krise auszumalen; wir haben uns daran gewöhnt, Subjektivität preiszugeben und auf dem Flachbildschirm an der Wohnzimmerwand gestochen scharf wiederzufinden. Den meisten reichen solche Trostobjekte für ein Gefühl der Versöhnung mit einer Gesellschaft, die sich nicht für sie interessiert.“ Das ist brillant beschrieben.

Der christliche Glaube dagegen ist spürbar und erlebbar. Glaube ist erfahrbar. Er bedeutet die Rückkehr zum wahren Selbst. Die moderne Psychologie weiß heute, dass das Unbewusste des Menschen zugleich die Einfallschneise für die spirituelle Erfahrung ist. Wer sich selbst wieder spüren will jenseits der Plastikkultur des rein Virtuellen, der wird genau da, wo er sich selbst wieder zu spüren beginnt, von sich her offen für die Glaubenserfahrung. Weihnachten bietet aber auch die umgekehrte Möglichkeit. Indem wir uns einlassen auf das Weihnachtsgeschehen, werden wir selber wieder offen für uns selbst.

Straubinger Tagblatt vom 17. Dezember 2016
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