Wahnsinn Aufrüstung

Von Prof. Dr. Martin Balle

Dass dem Gymnasialschüler Friedrich Schiller nähersteht als Johann Wolfgang von Goethe, ist nicht ganz verwunderlich. Schiller ist irgendwie greifbarer, normaler. Goethe war ein Genie und schwer zu ertragen. Dabei war es Goethe, der sich über Jahre weigerte, Schiller in Weimar auch nur zu treffen. Schillers Riesenerfolg, das Drama „Die Räuber“, wo sogar Nonnen vergewaltigt werden, war dem wenigstens hier allzu zartbesaiteten Goethe viel zu grausam. Und Schiller auf der anderen Seite empfand Goethe als hochmütig. Später wurden sie dann doch Freunde und Weggefährten. Dabei waren sie beide nicht nur Literaten, sondern hatten auch noch andere hochkreative Seiten. Goethes Farbenlehre gilt Naturwissenschaftlern bis heute als hochinteressant und Schiller war ein ambitionierter Historiker.

Dabei war er vor allem auch Geschichtstheoretiker: Die Geschichte trage in sich ein Prinzip des Besserwerdens, sodass im Verlauf der Jahrhunderte nach Rückschlägen und immer wieder neuen Aufschwüngen alles immer besser werde, bis am Ende die Welt gut sei. Die Fachleute sagen heute, dass Schiller Georg Wilhelm Friedrich Hegel vorweggenommen habe, der behauptete, dass im beständigen Widerstreit von Thesen, Antithesen und immer neuen Synthesen die Welt im Vernunftprinzip, das der Geschichte innewohne, auf einen möglichst perfekten Zustand zusteuere. Über die Jahrhunderte. Dabei müsse es laut Schiller und Hegel auch immer wieder zu Kriegen und Menschheitskatastrophen kommen.

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und einer Phase der Humanisierung der Welt wenigstens in Europa, die nach den katastrophalen Erfahrungen von zwei Weltkriegen, tatsächlich besser werden wollte und musste, kommt der Abgesang auf die Friedenswelt, in der wir heute leben, dann doch zu früh. Allzu leicht und allzu schnell geht es den bösen Propheten über die Lippen, dass nach 70 Jahren Frieden und Freiheit mit den Trumps, den Erdogans, Putins oder auch Le Pens dieser Welt jetzt eben eine neue und schlechtere Zeit anbreche. Eine Antithese zum Humanismus, der Europa heute prägt, eine Antithese zu den Menschen- und Grundrechten, die wir unbedingt für verbindlich halten.

Um es gleich vorwegzusagen: Die Philosophen, auf die wir hören sollen, lehnen ein Geschichtsdenken, wie es bei Schiller und Hegel steht, das also solch geschichtliche Rückschritte für notwendig, gleichsam gottgegeben nimmt, radikal ab. Denn wer sagt, dass es in der Geschichte zwangsläufig auf und ab gehen muss, damit am Ende ein Fortschritt sein könne, der streitet ja die Freiheitsmöglichkeit des Menschen ab, so sagen es uns die klugen und humanen Philosophen wie zum Beispiel Karl Popper. Es gibt keine fatale Geschichtsentwicklung, die uns wie von selbst ergreift und auf unseren Politikern spielt wie auf einem schlecht gestimmten Klavier.

Der Politische Aschermittwoch in Bayern ist eigentlich eine furchtbare Veranstaltung. Ein mittelmäßiger Komödiantenstadel quer durch alle Parteien. Nur in Berlin in der Bayerischen Vertretung wird am Abend alle Jahre eingeladen zu einer klugen und nachdenklichen Fastenpredigt. Dieses Jahr war Professor Klaus Töpfer da. 78 Jahre ist er jetzt alt, aber klug. Ein Welt- und Menschenfreund. Ein brillanter Kopf in Helmut Kohls Kabinett als Umweltminister, bevor er zu den UN ging und dort hoch angesehen war. Seine Rede war kurz, aber eindringlich: Es gehe nicht an, dass wir in eine neue Runde des Aufrüstens gehen. Es gehe nicht an für die USA, die jetzt sogar Atomraketen nachrüsten wollen; und es gehe aber auch nicht an für Europa und Deutschland, dass es sich jetzt verführen lasse, tatsächlich zwei Prozent des Bruttosozialprodukts in die Rüstung zu investieren. Das würde bedeuten, erklärte Töpfer, dass wir ein Vielfaches von dem, was wir geben, um Hunger und Armut in Afrika, Asien oder Lateinamerika zu bekämpfen, in Waffen stecken, die die Welt ja nicht friedlicher und besser, sondern gefährlicher machen! Töpfer ist CDU-Politiker, umso bemerkenswerter seine Haltung. Und richtig ist auch seine Frage: „Wo steht denn heute überhaupt der Feind?“ Soll es Russland sein? Oder die USA? Die überhitzten Zeiten des West-Ost-Konflikts sind doch lange vorbei und es gibt überhaupt keinen Grund, so viel Geld für das Militär auszugeben, auch wenn die eitle und karrieresüchtige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen mit mehr Geld fürs Militär ihre eigene Bedeutung aufblasen möchte. Argumentiert wird mit dem Loyalitätsgedanken gegenüber den USA, wo gerade ein Präsident verrückt spielt. Was für ein Wahnsinn! Die Nato hat doch heute schon einen Milliarden-Militäretat, der den Russlands um das Zehnfache übertrifft! Und es gilt ja festzuhalten: Alle Versuche, in den letzten Jahrzehnten mit militärischen Interventionen Frieden zu schaffen, von Afghanistan bis zum Irak, sind kläglich gescheitert. Gestorben sind die gutgläubigen Soldaten, die Politikern glaubten und vertrauten, die selber nie in die Schlacht ziehen würden. Die Waffenindustrie will verdienen und der Egomane Donald Trump liebt die Rezepte von vorvorgestern, das ist auch schon alles. Darauf darf die Welt jetzt nicht hereinfallen und dem Narren hinterherlaufen wie Kinder dem Rattenfänger von Hameln.

Die Geschichte fordert auch nichts von uns. Schon gar nicht die Aufrüstung. Wir dürfen überlegen und entscheiden, wie wir uns in unserer Geschichte verhalten wollen. Gegen Hegel und Schiller hat die christliche Philosophie deshalb den Begriff der „Heilsgeschichte“ eingebracht. Heilsgeschichte geschieht aber gerade dort, wo Menschen sich der Gewalt enthalten, den Frieden wahren wollen und den Teufelskreis von Krieg und erst dann wieder Frieden so durchbrechen. Also nicht mit Waffengewalt Entscheidungen suchen. Sondern in der Haltung des Friedfertigen standfest sein und so einstehen für die Werte der Freiheit und des Rechtsstaats. Wie es die Menschen in Ostdeutschland getan haben, als sie die Diktatur nicht mehr ertragen haben. Die Demonstrationen in der maroden DDR ohne Waffen waren lebensgefährlich, aber am Ende ging so doch alles gut.

Wenn der Westen meint, sich in Syrien oder der Ukraine einmischen zu müssen, die Motive mögen edel sein, dann macht er sich mitschuldig an den Kriegen, die dort nicht enden wollen. Das sagt heute der ehemalige außenpolitische Kanzlerberater Horst Teltschik, der sicher kein politischer Naivling ist.

Statt mehr Geld für das Militär auszugeben, sollten wir eher entschiedener für die Menschenrechte eintreten. Die Schleimspur von Angela Merkel gegenüber Recep Tayyip Erdogan, die sie sprachlich nur mühsam verbrämt, ist kaum auszuhalten. Hier gälte es, sich Partner bei der Lösung eigener Probleme zu suchen, denen man guten Gewissens gegenübersitzen kann. Dass sich die Kanzlerin mehr und mehr in der politischen Halbwelt verrennt, das kann mit mehr Ausgaben für das Militär kaum geheilt werden!

Straubinger Tagblatt vom 4. März 2017
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