Sinn des Lebens erkennen

Von Prof. Dr. Martin Balle

„Das Leben wird vorbei gewesen sein.“ Dieser Satz ist einer der Schlüsselsätze des weltberühmten Philosophen Martin Heidegger. Dabei ist dieser Satz vollkommener Blödsinn. Es gibt zwei Sätze, die dagegen klug und aufrichtig sind. Einer wäre: „Das Leben wird vorbei sein“ – aus der Perspektive des Lebens gesprochen. Der andere wäre: „Das Leben wird gewesen sein“ – aus der Perspektive des Denkens gesprochen. Der Satz „Das Leben wird vorbei gewesen sein“ spielt dagegen das Leben und das Denken in eine sowohl undenkbare als auch nicht lebbare Situation hinein: Der Schrecken des Todes wird so gerade nicht aufgelöst, sondern er ist für immer der Schatten, der sich als fürchterlicher Todesbote über jeden Sinn des Lebens legt.

Den wunderbaren Philosophen und Psychotherapeuten Dieter Wyss hat dieser schreckliche Nihilismus des Martin Heidegger so angewidert, dass er ihn in seiner monumentalen Studie „Kain: Eine Phänomenologie und Psychopathologie des Bösen“ in einem Atemzug mit Hitler und Lenin nennt. In der verschwurbelten Philosophie Heideggers sieht er „primär ein krankhaftes Geltungsbedürfnis“. Das Wegdenken jeder Erlösung des Menschen und das gedankliche Hineinstellen seiner Existenz in einen Abgrund von Angst und Sinnlosigkeit ist für ihn ein Anschlag auf die Menschenwürde und jede wahre Philosophie, die ja gerade menschenfreundlich sein muss.

Das haben aber alle Existenzialisten gemeinsam. Sie gruseln sich gerne mit der Einsamkeit und dem Tod. Ob Sören Kierkegaard aus Dänemark, Sartre in Frankreich oder eben Heidegger. Der Mensch bleibt für sie unerlöst und unerlösbar. Weder Gott noch der andere Mensch kommen als lebensrettendes Ufer der eigenen Existenz in ihren Blick. Am schlimmsten treiben es dabei Martin Heidegger und der Däne Sören Kierkegaard schon im 19. Jahrhundert. Es ist bei beiden der Abgrund der Angst, in den sie den Menschen mit ihrer Philosophie verstoßen wollen.

Für Kierkegaard ist die wahnsinnige Angst sogar der Urgrund des Glaubens. Aus seiner Angst heraus soll der Mensch im Todesaugenblick in das Gottesvertrauen springen. Als ganz Geängsteter wird er erlöst sein. Was für ein perverser Irrsinn! In seiner wunderbaren Arbeit über Kierkegaard hat ihn Theodor W. Adorno als das entlarvt, was er am Ende ist: ein Nihilist, der weder wahren Glauben noch wirkliche Philosophie hat, sich aber Christ schimpft.

Das Einzige, was diesen schrecklichen Existenzialisten abzugewinnen ist, ist ihre glänzende Analyse der postmodernen Gesellschaft. Kierkegaard nimmt in seinem Buch „Die Krankheit zum Tode“ alle modernen Zivilisationskrankheiten der heutigen Zeit voraus: die übersteigerte Sehnsucht des Menschen, nur er selbst zu sein, aber auch seine gegenteilige Sehnsucht, sich selbst ganz zu verlieren. Und Heidegger kennt die Langeweile der Menschen von heute. Angst und Langeweile sind für viele ihr Lebensthema geworden. Sie können keinen Sinn mehr spüren, ihr Leben nicht als wertvoll erfahren. Aber Heidegger und Kierkegaard nehmen diese Probleme dankbar auf und machen ihre grausame Philosophie daraus.

Was aber macht die Verführung dieser Denker aus? Weshalb sind so viele kluge Köpfe auf dieses Denken über Jahrzehnte und Jahrhunderte hereingefallen? Ein Grund liegt in der Gesellschaft von heute. Sie bietet viel zu wenig Raum für tiefgründiges Erleben und Spüren unseres Daseins. Im Alltag der Arbeit, in der schnelllebigen Welt der kurzatmigen Kommunikation kommt das, was der Mensch in seinem Innersten an Tiefe des Erlebens ersehnt, viel zu kurz. Wie eine Plastikwelt türmt sich die Zivilisation von heute vor unseren Augen auf. Ein Dschungel von leichtsinnigen Verführungen, die nichts einlösen und uns mit dem schalen Geschmack einer äußerlichen Existenz zurücklassen.

In der monumentalen Sprachwelt eines Martin Heidegger, der von Tod, Angst und Sorge „kündet“, liegt auch ein Rückruf zu den Kräften, die Leben zuerst ausmachen. Und weil Heidegger jeden Trost und jede Erlösung wegdenkt, werden diese Begriffe so überstark, dass sie zu faszinieren beginnen und einen seltsamen Bann auf unser Denken auszuüben vermögen. Diesem Bann muss man sich aber genauso entziehen wie dem Bann einer oberflächlichen Konsumgesellschaft, die unsere Seelen mit ihren Pseudoangeboten zukleistert.

Eine angemessene Antwort auf Heidegger wäre als Beispiel Karl Popper. Auch für ihn gibt es keine letzte Wahrheit, von der her wir sicher leben könnten. Aber das führt bei ihm nicht zu einer Perspektive der Sinnlosigkeit, die alle Werte relativieren würde. Sondern in vielen kleinen Schritten kann der Mensch für Popper immer weiter in der Annäherung an seine eigene Wahrheit kommen. Versuch und Irrtum – aber nicht lebenslanges Irren, das ist Poppers hilfreiche Philosophie, die ein ungeheuer menschenfreundliches Gesicht hat. Oder der Psychologe Erik Erikson. Er unterteilt das Leben in acht Abschnitte, die von verschiedenen Lebensaufgaben charakterisiert sind. Heideggers Welt ist zeitlos, der Mensch ist immer von Angst befallen und so dem Wahnsinn ausgeliefert. Der realistische Blick von Erikson erkennt dagegen die Chance des Lebens und sagt uns, was wir etwa mit Anfang 30 tun können, um am Ende auf ein erfülltes Leben zurückzublicken.

„Das Leben wird vorbei gewesen sein.“ Was für ein Blödsinn! Die Antwort des Christentums wäre dagegen, dass in Jesus Christus schon dieses Leben im Zeichen des ewigen Lebens steht. Dass diese Welt trotz aller Schatten erlöst ist. Dass damit auch diese Welt Aufgabe für uns ist, vor der wir nicht in Angst erstarrt zurückstehen dürfen. Selbst moderne marxistische Philosophen geben heute zu, dass im Glauben ein Hoffnungsgrund in diese Welt einverwoben ist, auf dem alle gesellschaftlichen Utopien für eine bessere Welt zu wachsen beginnen können.

Wenn Christen an jedem Sonntag die Erinnerung an Ostern feiern, dann feiern sie exakt diesen Hoffnungseinbruch in eine Welt, die auch düster sein könnte. Sie vergewissern sich der Hoffnungsperspektive, die schon in dieser Welt beginnt. Was im Glauben bei jedem Einzelnen genau geschieht, bleibt sein Geheimnis. Aber das Atemholen am Sonntag scheint doch für viele immer noch ein reeller Weg des Lebens zu sein, sonst würden sie es ja nicht tun. Es ist also auch sehr zu begrüßen, wenn die katholische Bischofskonferenz unter ihrem Vorsitzenden Hindernisse auf dem besseren Weg zu einem gemeinsamen Sonntag von Protestanten und Katholiken aus dem Weg räumt. Das gilt auch für das Geheimnis des Abendmahls. Als ich vor Jahren einem konservativen Bischof sagte, dass ein Priester, den ich sehr schätzte, die Protestanten und auch die Geschiedenen expressis verbis zur Kommunion einlade, meinte der entsetzt: „Dafür wird er sich vor Gott verantworten müssen.“ Hochwürden, das Entsetzen ist heute – nach Eurem Brief nach Rom – ganz auf meiner Seite!

Straubinger Tagblatt vom 5. Mai 2018
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