Piraten - nein danke!
Von Prof. Dr. Martin Balle
In seinem Gedicht "Das verschleierte Bild zu Sais" beschreibt Friedrich Schiller im Jahr 1795 einen jungen Mann, den des "Wissens heißer Durst" nach Ägypten treibt, damit er die ganze Wahrheit des Lebens erfahre. Zwar warnt ihn der Priester, dem er sich anvertraut, dass er die ganze Wahrheit nicht sehen dürfe, doch der junge Mann antwortet: "Nimm einen Ton aus einer Harmonie, nimm eine Farbe aus dem Regenbogen, und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang das schöne All der Töne fehlt ..." Nur wenn er die ganze Wahrheit erfahre, glaubt er glücklich zu werden und so lüftet er den verbotenen Schleier von dem verschleierten Bildnis zu Sais. Das Gedicht endet damit, dass er zwar jetzt die ganze Wahrheit über das Leben kennt, aber für immer unglücklich ist: "Besinnungslos und bleich, so fanden ihn am andern Tag die Priester, was er allda gesehen und erfahren, hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig war seines Lebens Heiterkeit dahin ..."
Dass das Leben immer auch Geheimnis bleiben muss, ist der innerste Sinn dieses Gedichts. Die moderne Psychologie bestätigt dies, indem sie uns sagt, dass das Unbewusste und also Geheimnisvolle im Menschen niemals ganz enträtselt werden kann. Im Traum zeigt es zeitweise sein Gesicht, verschwindet dann wieder und entzieht sich damit dem Zugriff des taghellen Bewusstseins. In der Mitte aber von kontrollierenden und steuernden Impulsen des Bewusstseins und den niemals ganz zu enträtselnden unbewussten Antrieben unseres Selbst spielt sich unser Leben ab. Wer den Schleier ganz lüften will, der zerstört die Dynamik des Lebens, seinen Zauber und versündigt sich so am Lebensgesetz. Friedrich Schiller schließt sein Gedicht mit den Zeilen: "Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld, sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein."
Von solchen Abwägungen ist die sogenannte Partei der "Piraten" weit entfernt. Mit der platten Forderung nach Transparenz, also nach vollständiger Durchsichtigkeit, haben sie nur einen Programmpunkt, mit dem sie die politische Agenda mitgestalten wollen. Sie sind Kinder des Internets, und das Internet hat sie längst aus der Vielgestaltigkeit des Lebens in die flache zweidimensionale Bildschirmwelt hinabgezogen. Dort leben sie, wenn man es noch Leben nennen will, dort nehmen sie Maß, wenn man das noch Maß nennen will. Auf ihrem sogenannten Parteitag saßen sie letztes Wochenende vor ihren geöffneten Bildschirmen und plapperten nebenbei ihre dümmlichen politischen Fragestellungen ab. Im Internet ist nichts mehr verborgen: alles was gedacht werden kann, wird dort auch gesagt; es gibt keine Schamgrenzen mehr und auch keine Geheimnisse. Alles, was das Leben aus seinen natürlichen Selbstorganisationsprozessen heraus an Filter- und Grenzmöglichkeiten entwickelt hat, kann hier in billigster Weise unterlaufen werden. Wer das als Utopie verkauft, der zeigt nur, dass er nichts zu verlieren und also auch nichts zu gewinnen hat. So ist schon der einzige Programmpunkt, den die Piraten scheinbar anzubieten haben, der Ruf nach weitgehender Transparenz allen politischen und gesellschaftlichen Geschehens in sich ein Irrsinn. Keine intimen Räume mehr soll es geben, kein geistiges Eigentum. Deswegen wehren sich heute vor allem Künstler, dass ihre Werke im Internet einfach kursieren dürfen sollen, während die Piraten diesen Urheberrechtsschutz immer weiter aushöhlen wollen. Wo aber nicht mehr verstanden wird, dass es Grenzen gibt, die man nicht einfach aufheben darf, weil sie einem schlicht nicht gehören, da wird das Schlagwort von der Transparenz zum billigen Hebel, den Schutz, der anderen Menschen zusteht, einfach wegzunehmen, um die eigenen Interessen befriedigen zu können.
Sicher, in den traditionellen Parteien ist über die letzten Jahrzehnte vieles verstaubt. Die Mitwirkungsmöglichkeiten von uns Bürgern scheinen allzu beschränkt; und wer da aller zu Amt und Würden kommt auf Bundes- und Landesebene, nicht selten reibt man sich verwundert die Augen. Vergessen werden aber darf nicht, dass in diesen traditionellen Parteien das Wissen aus fast sieben Nachkriegsjahrzehnten steckt, wie Politik und Gesellschaft in Frieden und Freiheit organisiert werden können. Wie ein Rechtsstaat organisiert sein muss; was ein Sozialstaat leisten muss; außenpolitische Problemstellungen, föderale Fragen, Finanz- und Wirtschaftsthemen. Die Komplexität dieser Welt aber ist heute so groß, dass Politiker oft nur mehr versuchen können, mit Schlagworten in der Öffentlichkeit zu bestehen, während die Ministerialbürokratie im stillen Kämmerlein die Gesetze vorbereitet. Das ist natürlich unbefriedigend, aber es lässt sich nicht zur Gänze verhindern.
Nicht vergessen werden darf zudem, welche Rolle für das Gemeinschaftsleben in den kleinen Städten und Dörfern Bayerns die traditionellen Parteien immer noch spielen. Hier wird seit Jahrzehnten Gemeinschaft gelebt und organisiert. Wer mit dem Oberbürgermeister einer Stadt in Bayern spricht, der merkt schnell, welche Kompetenz es schon braucht, um in diesen kommunalen Lebensräumen politisch gestalten zu können. Die vor ihren Bildschirmen sitzenden Piraten haben hier nichts, aber schon gar nichts beizutragen oder dagegenzusetzen.
Auch der Vergleich mit den Anfangsjahren der Grünen trägt nicht. Denn die Grünen waren damals ein teilweise hoch qualifiziertes Sammelbecken ganz verschiedener politischer Interessen, das sich über die Jahre immer besser zu organisieren lernte. Sie waren nie eine Monokultur, der es etwa ausschließlich um den Umweltschutz gegangen wäre. Die vollständige politische Inkompetenz der Piraten dagegen hat doch nicht den Charme eines Neuanfangs für unser Land!
Für die Medien aber ist es schwierig, mit dem Phänomen der Piraten umzugehen. Sie sind keine ernst zu nehmende Partei. Sie bieten keine politischen Inhalte. Sie verfügen über kein ansprechendes Personal. Weil aber fast zehn Prozent der Wählerinnen und Wähler in ihrem Angewidert-Sein von den anderen Parteien denen heute ihre Stimme geben würden, haben sie trotz ihrer Bedeutungslosigkeit Bedeutung. Also muss über sie berichtet werden. Neben Jürgen Trittin oder dem Chef der Linken, Ernst, flimmern jetzt also auch noch die lächerlichen Figuren der Piraten aus den Abendnachrichten. Damit aber fördern sie heute schon die allgemeine Politikverdrossenheit. Wenn die dann auch noch in den Parlamenten sitzen, wer will da noch zuhören!
Der Zynismus ist eine bekannte Schwäche des Bürgertums. Der Zyniker lässt eine Wirklichkeit, die ihm nicht gut genug ist, nicht gelten, aber er setzt auch nichts Anderes oder sogar Besseres dagegen.
Wer die Piraten wählt, der verhält sich politisch zynisch. Er verhält sich im Letzten sogar undemokratisch, weil er alles, was hier seit 1945 für Deutschland und Europa erreicht wurde, gering schätzt. Deshalb muss man vor allem den jungen Menschen sagen, dass die Piraten schon überhaupt keine Antwort auf die Probleme der Zeit sind!
Straubinger Tagblatt vom 5. Mai 2012