Kein rhetorisches Versteckspiel

Von Prof. Dr. Martin Balle

Der römische Staatsmann und Schriftsteller Cicero, mit dem man vor allem am humanistischen Gymnasium nach gefühlten 100 Schülerjahren mit Caesars Gallischem Krieg über Jahre getriezt wird, war ein begnadeter Lügner. Heute weiß die Wissenschaft, dass Ciceros Gerichtsreden nach Strich und Faden erfunden und erlogen waren. In der Antike war das allerdings erlaubt. Denn vor Gericht ging es nicht darum, die Wahrheit herauszufinden, sondern eine möglichst gute Geschichte zu erzählen. Sie musste nicht nur gut erfunden, sondern am Ende auch glaubhaft sein, sodass der angeklagte Delinquent auf freien Fuß kam, und dafür war – rhetorisch – jedes Mittel recht. Cicero war ein Meister im Erfinden dieser Geschichten. Das war erlaubt und wurde vor Gericht so gespielt.

Wenn wir heute beim Begriff der Rhetorik immer auch einen etwas faden Beigeschmack verspüren, so liegt das genau in dieser Geschichte der Rhetorik. Denn es geht bei der Rhetorik nicht primär um die Wahrheit, sondern darum, den anderen vom eigenen Standpunkt zu überzeugen, aus welchen Gründen auch immer.

150 Tage lang, also fast ein halbes Jahr, ließ sich Martin Schulz, gescheiterter SPD-Kandidat, bis zum Wahltag von einem Spiegel-Reporter begleiten. Seine Entscheidung am Beginn des Wahlkampfes ist eindeutig und sie heißt: kein Programm! Keine politischen Aussagen mit Ecken und Kanten. Eine Rhetorik des Ungefähren. Schulz sagt wörtlich: „Ich bleibe dabei: Nicht konkret werden! Da werden die Schwarzen wahnsinnig drüber, dass ich nicht konkret bin. Ich werd nicht konkret! Da können die mir den Buckel runterrutschen.“ Das war die fatale Fehleinschätzung. Ganz Deutschland wartete auf eine Botschaft. Und Martin Schulz glaubte tatsächlich, Merkels Rhetorik des Nichts-Sagens überlegen zu bleiben, indem er selbst auch nichts sagte. Interessant ist auch, dass alle seine Berater ihm zu dieser Strategie geraten haben. Als klar wird, dass diese Strategie gescheitert ist, als die Bundestagswahl also ganz früh verloren ist, sagt Schulz dann zu seinen Beratern: „Alle eure Meinungsforscher haben gesagt: Herr Schulz, werden Sie nicht konkret! Bleiben Sie im Ungefähren, solang wie es geht! Jetzt verlieren wir eine Wahl nach der anderen, und immer muss ich mir anhören: Das verlieren Sie, weil Sie nicht konkret werden.“

Im Verlauf des Wahlkampfs versucht Schulz dann konkreter zu werden, authentischer, aber all seine Berater sagen ihm, wie er sich zu verhalten habe, nämlich eher defensiv, weil alles andere der Wähler nicht wolle – und Schulz hält sich am Ende daran. Er bleibt der gezähmte Löwe, der nicht mehr brüllen darf oder kann. Der Gipfel dieser verstellten Rhetorik ist dann die Vorlage des CDU-Wahlprogramms. Schulz und die Seinen erleben, dass ganz vieles ihrem eigenen Programm bis ins Detail ähnelt. Um aber einen Unterschied künstlich zu schaffen, greifen sie dieses Programm als kalt und unsozial an. Was für eine Farce! Kein Wunder, dass nach der verlorenen Wahl bei der Elefantenrunde im Fernsehen die ganze Frustration und die zurückgehaltene Aggression sich in einem Wutausbruch von Schulz entlud. Das war allzu menschlich!

Und die anderen? Waren die besser? Waren die aufrichtiger? Über die Inhaltsleere des Sprechens der Kanzlerin ist in allen Zeitungen viel geschrieben worden. Sie will halt weiter Kanzlerin sein. Am Wahlabend war sie offensichtlich trotz eines ernüchternden Ergebnisses glücklich. Nochmals darf sie jetzt vier Jahre durch die Welt reisen und ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen: Kanzlerin-Sein. Der geistige Stillstand, der von ihrem Regieren so lähmend ausgeht, wird also nochmals vier Jahre überdeckt werden von ihrer Rhetorik des Beschwichtigens und Moderierens. Nochmals vier Jahre die Raute. Als sie mit ihren Getreuen vor die Kameras trat, mit den Kauders und Altmaiers dieser Welt, wurde einem klar, was mit dem Begriff des Schattenkabinetts auch gemeint ist!

Und Christian Lindner, allmächtiger FDP-Chef, hatte der eigentlich eine politische Botschaft? Ich habe Lindner in kleiner Runde bei einem Abendessen in München erlebt: ein recht mittelmäßiger Zauberkünstler. Rhetorisch nicht unbegabt, aber mich hat er an einen Bonbonverkäufer auf dem Straubinger Marktplatz erinnert, der im November jeden Jahres solange rief: „Anis, Fenchel, Malz, alles für den Hals“, bis man ihm am Ende tatsächlich drei Bonbontüten abkaufte, zum Sonderpreis für damals fünf Mark. So also kam die FDP auf fast zehn Prozent der Wählerstimmen.

Interessant ist, dass die einzige Partei, die ernsthaft politisch argumentieren wollte, gegenüber der leeren Rhetorik der anderen Parteien im Vorfeld unterlegen schien und auch schon abgeschrieben wurde. Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt warben fleißig für saubere Luft und bessere Lebensbedingungen, aber auch für einen harten Kurs gegen Erdogan. Sie waren glaubwürdig, aber fast nicht zu hören. Prognostiziert wurde ein verheerendes Wahlergebnis. Es kam ganz anders. Offensichtlich gibt es also doch ein Interesse an Inhalten, die nicht rhetorisch verklebt sind.

Und die CSU? Die viel beschworene „Obergrenze“ ist längst ein rhetorischer Fetisch. Sie schadet vor allem der CSU, weil sie ein rhetorischer Ladenhüter geworden ist. Niemand kann’s mehr hören, niemand will’s mehr hören. Denen, die die AfD gewählt haben, ist längst gleichgültig, wie viele Flüchtlinge ins Land kommen. Von denen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, hört man immer wieder den Satz: „Für uns ist kein Geld da, aber den Flüchtlingen wird’s vorn und hinten reingeschoben.“ Die Brutalität, mit der der sogenannte „kleine Mann“ mittlerweile oft spricht, zeugt von den Verlustängsten vieler.

Dagegen hilft aber keine Rhetorik. Es wäre wichtig, eine neue Perspektive zu entwickeln, die den Realitäten ins Auge schaut. Dass die Krankenkassen beileibe nicht leisten, was viele, die wirklich krank sind, bräuchten. Dass Altersarmut schon heute für viele Menschen ein Thema ist. Und dass aber auf der anderen Seite die Reichen immer reicher werden, weil das ein Marktgesetz ist. Wo bleibt eigentlich die viel beschworene Diskussion um die Finanztransaktionssteuer, wo mit einem Bruchteil eines Prozents bei jedem Börsenhandel ein echter sozialer Ausgleich geschaffen werden könnte? Das ist immer an London gescheitert, aber wo ist London heute?

Gegenüber dem schlecht angesehenen Begriff der Rhetorik hat die antike Philosophie in Griechenland den Begriff der „Aläteia“ ins Zentrum gesetzt: Es gibt Wahrheit jenseits der Rhetorik, so Platon und Sokrates. Dieser objektive Wahrheitsbegriff wird in der modernen Philosophie relativiert: Es gebe zwar keine objektive Wahrheit, aber im Gespräch derer, die um Wahrheit ringen, gebe es die Möglichkeit, Wahrheit immer wieder neu auszuloten. Zu solchem Sprechen muss Politik neu aufbrechen. Das wäre der wirkliche Auftrag für die neu zu bildende Regierung.

Straubinger Tagblatt vom 7. Oktober 2017
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