König Midas' Erben

Von Prof. Dr. Martin Balle

Weil König Midas seinen Wunsch erfüllt bekam, dass sich ihm alles in Gold verwandle, was er berührte, drohte er zu verhungern. So die griechische Sage. Und dem griechischen Helden Prometheus geht es bei Goethe kaum besser. Als jungem Dichter ist Prometheus für Goethe noch Hoffnungsträger. Er rebelliert gegen die Götter, fordert gleiches Recht für sich selbst, will gottgleich sein. In seinem Spätwerk bricht Goethe mit der Prometheusfigur. Als rastlos Handelnder versäumt Prometheus sein Leben. Besinnungslos, bedenkenlos. Goethe stellt ihm als gute Figur seinen Bruder Epimetheus entgegen, der träumt und sich als Träumender auf sich selbst besinnt. Es ist oft gesagt worden, dass Prometheus dem Faust verwandt ist. Und auch dieser Faust verwandelt sich im Spätwerk Goethes in einen Verbrecher. Als Bauunternehmer nimmt er den liebenswürdigen Alten Philemon und Baucis ihre Hütte, um selbst Land zu gewinnen und reich zu werden.

Wer müsste bei diesen Mythengeschichten nicht an Donald Trump denken. Er lebt buchstäblich in einer goldenen Welt und als Bauunternehmer hat er ganze Städte umgegraben, um mit Glücksspielcasinos noch reicher zu werden. Dass auch ihm nicht alles aufging, steht auf einem anderen Blatt. Ein Glücksritter ist er aber geblieben, der immer oben schwimmt und von dem die Welt heute nicht weiß, was seine Pläne, die jetzt eben die ganze Welt betreffen, sein werden.

Sigmund Freud hat auf die Frage, wer denn am Ende gesund sei, geantwortet, wer arbeiten und wer lieben könne. Wichtig ist für ihn nicht die Welt der Hoffnungen und der Illusionen, also das Goldgräbermodell, sondern das Realitätsprinzip, von dem her Welt gestaltet werden müsse. Der französische Philosoph und Psychoanalytiker Jacques Lacan hat dieses Realitätsprinzip noch weiter entwickelt. Er sagt: Am Anfang jedes Lebens stehen bei jedem Menschen die Hoffnung und die Träume. Und diese Hoffnung und seine Träume sind grenzenlos. Lacan nennt das die Ebene des Imaginären. Wichtig aber sei der zweite Schritt, die Begegnung mit der Wirklichkeit. Lacan nennt sie die Ebene des „Realen“, bezeichnet sie als „Enttäuschung“. Der erwachsen werdende Mensch muss bemerken, dass der andere Mensch nicht dazu da ist, seine Bedürfnisse zu befriedigen, sondern auch selbst Bedürfnisse hat und seine Bedürfnisse genauso auf ihn projiziert. In der wechselseitigen Enttäuschung, dass auch der andere Mensch bedürftig ist, stellt sich bei Lacan Mitmenschlichkeit ein. Die eigentliche Lebensebene: die Liebe mit all ihren Mühen, die Wahl des Berufs mit all seinen Kompromissen, die Freundschaft mit all den Hoffnungen, die sich auch hier nicht erfüllen. Lacan nennt diese entscheidende Ebene die „symbolische“ Ebene. Denn hier spürt man die Kraft des Ideals, die Hoffnung auf unbegrenztes Glück und unbegrenzte Freiheit, löst sie aber ein im gelebten Leben, das in der Begegnung mit dem anderen seine Grenze, aber auch seine Chancen erfährt. Der Begriff der Enttäuschung ist bei Lacan also ein positiver Begriff. Nur der enttäuschte Mensch ist der gute Mensch, weil er zur Mitmenschlichkeit fähig wird. Wichtig aber ist auch, dass dem enttäuschten Menschen dann Leben in seiner ganzen Fülle zuteil wird. Dass die Wirklichkeit, in der er leben darf, eine gute Wirklichkeit ist. Dass er arbeiten und lieben darf und für seine Arbeit Geld bekommt, von dem er gut leben kann.

Die Schar der Enttäuschten freilich, die in Amerika Donald Trump gewählt haben, die war ganz anderer Art. Es sind genau die, die in der Wirklichkeit ankommen wollen, die bereit sind, auf Ideale zu verzichten, die willens sind, ein Land zu tragen, die aber um ihre Wirklichkeit betrogen wurden. Die Mittelschicht, die mit billigen Krediten ihre kleinen Häuser kaufte und sie am Ende doch verlor, weil die Banken sie betrogen hatten. Die in den Industriestädten Amerikas längst orientierungslos geworden ist, ihre Familien kaum ernähren kann, von einer guten Ausbildung für ihre Kinder ganz zu schweigen. Die also nicht nur keine gute Lebenswirklichkeit mehr hat, sondern die auch die Hoffnung aufgegeben hat und voller Zukunftsängste ist. Ihre Enttäuschung ist keine gute Enttäuschung, wie sie Lacan beschreibt. Sondern es ist die böse Enttäuschung der um ihr Leben Betrogenen.

Und jetzt geschieht etwas, was sehr verständlich ist: Weil die Ebene des Symbolischen, die gute Alltagswelt, nicht kommen kann, kommt der Rückzug ins Imaginäre: Es muss doch eine bessere Welt geben, als die, in der wir leben, sagen sie und projizieren ihre Hoffnungen auf den Mann, der aus seinem goldenen Palast heraus ihre Hoffnungen fast perfekt bedient. Er steht selbst nicht im normalen Wirklichkeitsbezug und gerade das ist seine große Chance. Und so sagt Donald Trump völlig zu Recht, dass er jemanden auf der Straße töten könne und er würde trotzdem gewählt. Er kann sich auch benehmen, wie er will, weil seine Allmachtsgefühle, die keine Regeln mehr kennen wollen, die Sehnsüchte der Armen bedienen, die selber endlich mächtig werden wollen.

Und dieses Modell gilt nicht nur für Amerika, sondern genauso für Frankreich, Holland oder unser eigenes Land. Wo die Lebenswirklichkeit nicht mehr befriedigend ist, da wird Raum für Illusionen von Glück und scheinbarer Gerechtigkeit, die sich freilich niemals erfüllen werden. Aber gewählt wird er doch, der Kandidat des imaginären Traumtheaters, wo die eigene Welt so leer geworden ist und man nichts mehr zu verlieren hat.

Schuld an solchen Entwicklungen sind am Ende aber die, die an der Entwirklichung von Welt mitarbeiten. Politiker, die nur mehr Sprechblasen absondern, Banken, die den normalen Sparer als Kunden über Jahrzehnte nicht mehr wollten, weil die Traumrenditen woanders zu holen waren; Unternehmenskulturen, wo Mitarbeiter das Gefühl haben, dass ihr Leben am Ende nicht wichtig ist, weil es nur noch um die Gehälter und Unternehmensziele der Vorstände geht. Eine solche Entwirklichung von Welt geht über Jahre und Jahrzehnte. Und weil Hillary Clinton von vielen Wählern über 25 Jahre als Teil eines solchen Systems der Entwirklichung ihrer Welt identifiziert wurde, war sie am Ende für die Enttäuschten nicht mehr wählbar. Lieber zurück ins Imaginäre als weiter in dieser Welt leben!

Das Gegenrezept zu solchen Entwicklungen ist ganz einfach: glaubhaft, glaubwürdig sein. Nicht ohne Grund ist Frank-Walter Steinmeier der mit Abstand beliebteste Politiker in Deutschland. Weil man ihm seine Arbeit für den Weltfrieden abnimmt. Und dass die Deutsche-Bank-Aktie heute fast wertlos ist, weil sich diese Bank in der bloßen Gier der Spekulation verfangen hat und nicht mehr den Menschen dienen wollte, das gehört auch hierher.

Und König Midas? Er wusch sich in einem Fluss rein, verwandelte sich zurück in einen Menschen, in einen Mitmenschen. Ist das die Geschichte von Donald Trump? Möglich wär's schon, aber unwahrscheinlich ist es am Ende auch!

Straubinger Tagblatt vom 12. November 2016
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