Das Vorsichtsprinzip

Von Prof. Dr. Martin Balle

Das Motiv des Wach-Seins spielt schon in den Schriften des Neuen Testaments eine Rolle. Der Dümmling, der nach einer reichen Ernte eine große Scheune baut, weil er nicht mehr arbeiten mag und sich also auf die faule Haut legen will, und der dann schnell sterben muss, weil er vom Leben eben nicht mehr gebraucht wird. Die fünf dummen Jungfrauen, die ohne Öl für ihre Lampen in die Nacht hinausziehen und denen so am Ende kein Licht leuchtet. Oder auch der Herr des Hauses, der nicht weiß, wann der Dieb kommt und also wach bleibt.

Dieses Motiv des Wach-Seins haben die modernen Wissenschaften in vielen ihrer Disziplinen aufgegriffen. In der Psychologie ist es die lateinische Übersetzung „Vigilanz“, die das Wach-Sein als ein inneres Hören aller Sinne auf die eigenen Gefühle und Emotionen, auf das eigene Unbewusste meint. Wach-Sein als Achtsamkeit. Nicht als tumber Schlafwandler durch sein eigenes Leben zu gehen, sondern wach zu bleiben für das, was in einem geschieht, in der Begegnung mit der Außenwelt, oder auch manchmal sogar ohne Begegnung mit der Außenwelt. Ein Meditationslehrer hat in diesem Sinn einmal gesagt: „Du musst im Leben immer auch sein wie ein Krieger, der weiß, dass an jeder Straßenecke der Tod lauert.“

Auch die Wirtschaftswissenschaften kennen das Prinzip des Wach-Seins. Hier ist es das sogenannte Vorsichtsprinzip, von dem her der kluge Kaufmann seine Geschäfte führen soll. Nicht waghalsig alles riskieren und beide Augen dabei schließen, sondern langsam und sorgfältig bedenken, welche Folgen welche Handlungen zeitigen. Das Vorsichtsprinzip schützt vor Selbstüberschätzung. Es sagt: Geh nicht an die Obergrenze deiner Möglichkeiten, es könnte sein, dass du dich übernimmst. Als ein sozialdemokratischer Finanzminister vor Jahren die Goldreserven Deutschlands nach ihrem Spekulationswert und nicht nach ihrem Niederstwert in seine Bilanz einstellen wollte, pfiff ihn deshalb das Bundesverfassungsgericht zurück, weil hier das Vorsichtsprinzip verletzt worden wäre, das eben genau zum Ziel hat, die eigene Leistungsfähigkeit nicht zu überschätzen.

Und selbst der Sport kennt das Vorsichtsprinzip. Der Rallyeweltmeister Walter Röhrl, der heute im Bayerischen Wald lebt, hat einmal gesagt, ihm imponiere kein Autorennfahrer, der stolz damit prahle, wie sein Auto durch die Luft geflogen sei, sondern auch beim Rallyesport gehe es darum, die Bodenhaftung möglichst nicht zu verlieren und sicher zu fahren. So werde man am Ende Weltmeister.

In der Politik aber stehen die Dinge offensichtlich manchmal etwas anders. Man musste die Aussagen der CSU-Politiker, die sich in ihrer Verzweiflung in dieser Woche in Deggendorf trafen, gar nicht mehr anhören, um schon zu wissen, wie heillos überfordert sie vom beständigen Zuzug immer neuer Flüchtlinge sind. Sie habe einen Plan, faselt Angela Merkel derweilen in den Talkshows. Aber sie wirkt doch nur wie die Anführerin einer nachts im dunklen Wald verloren gegangenen Pfadfindertruppe, die sich und den anderen Mut zuspricht, während sie in Wirklichkeit buchstäblich die Batterien für ihre Taschenlampe zu Hause vergessen hat. Ein Oberpfälzer Kabarettist hat dieser Tage im Radio witzig kommentiert, dass die Tatsache, dass ein Drittel der Deutschen Merkels Rücktritt wolle, auch bedeute, dass immerhin noch zwei Drittel ihr Verbleiben im Amt wünschten. Auf diesem Niveau also wird heute über Angela Merkel gesprochen, die noch vor wenigen Wochen als starke Frau Europas galt. Davon scheint wenigstens hierzulande wenig übriggeblieben. Sätze wie: „Wir haben so vieles geschafft, wir werden auch das schaffen“, die in ihrer naiven und perspektivlosen Blauäugigkeit jedes Vorsichtsprinzip missen lassen, nagen von Tag zu Tag mehr an der Autorität der Kanzlerin. Und es war ja von Anfang an nicht nur die humanitäre Perspektive, die sie als Handlungsmaxime vorgab, sondern auch Mangel an Widerstand und Courage. Auch einmal auszuhalten, dass Menschen vor der Tür stehen, Einlass begehren, stürmisch anklopfen – und die Türe nicht sofort willfährig zu öffnen, weil das in diesem Augenblick für alle die einfachste Lösung war. Und dann zu sagen: In einem Land, wo das kritisch gesehen werde, wolle sie nicht mehr leben. Ist das nicht allzu billig?

Der überforderte Innenminister Thomas de Maizière merkte immerhin vor Kurzem in einem Nebensatz an, man müsse doch versuchen, die Identität derer zu kennen, die da zu uns kommen, um am Ende bei uns zu bleiben. Ja, das wäre tatsächlich wünschenswert!

Zum Vorsichtsprinzip gehört aber auch, dass die Flüchtlingsfrage politisch nicht instrumentalisiert werden darf. Alle Beobachter der politischen Szene stellen übereinstimmend fest, dass eine zu harsche Rhetorik der CSU, die in der Sache notwendigerweise eckig und kantig bleiben muss, den Hohlköpfen der AfD die Wähler zutreiben kann. Wer die Straches der FPÖ in Österreich auf ORF 2 ab und an zu Gesicht bekommt, dem kann nur grausen vor dem Erstarken einer rechtspopulistischen Szene, die in Wien bei der Landtagswahl schon über 30 Prozent der Wählerstimmen geholt hat. Das darf hier nicht passieren!

Zum Vorsichtsprinzip gehören zum Schluss auch eine Lernfähigkeit und eine Lernwilligkeit. Die Bereitschaft, ernsthaft mit anderen zu kommunizieren, sich deren Ansichten zu öffnen, sich am Ende sogar auch korrigieren zu lassen. Aus einem Gespräch klüger wegzugehen, als man hineingegangen ist. Der vorsichtige Mensch weiß, dass die eigene Perspektive häufig genug begrenzt ist. Deshalb ist er dankbar für die Meinungen der anderen und nutzt sie zum eigenen Vorteil. Er ist auch bereit, sich zu ändern. Angela Merkel insistiert immer nur auf ihren Positionen. Sie ändert oder räumt sie allerdings dann, wenn sie zum Machterhalt nicht mehr opportun erscheinen. Dies immerhin schnell und leichtfertig. Nie entsteht aber der Eindruck, dass die Kanzlerin ein echtes Gespräch sucht, deswegen wirkt sie intellektuell auch so unglaublich langweilig. Denn wo alles Sprechen zur politischen Rhetorik degradiert wird, will zum Schluss auch niemand mehr zuhören.

Wer vorsichtig handelt, gewinnt auch Zeit. Er weiß und gibt der Welt zu verstehen, dass er wohlüberlegt handeln möchte und Schnellschüsse niemandem helfen. Er ist widerständig gegen alles, was an unmittelbaren Forderungen an ihn herangetragen wird. In solch verändertem Zeitrhythmus, der sich von den Zwängen der scheinbar vorgegebenen Zeitfenster löst und neue Handlungsspielräume öffnet, wachsen die eigentlichen Lösungen für Probleme. Das beständige Getriebensein der Politik, die uns dieses Getriebensein als alternativlos verkauft, ist ein Grund zum Argwohn. Es gibt gerade in der Politik ein Recht und eine Notwendigkeit zum Nachdenken und Entscheiden. Wenn Politik in den letzten Jahren vorsichtiger und vorausschauender gewesen wäre, hätte sie die Jahrzehnte des Friedens besser genutzt.

Straubinger Tagblatt vom 17. Oktober 2015
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