Von Kapitänen und Leichtmatrosen
Von Prof. Dr. Martin Balle
Turbulent sind die Zeiten. Jeden Abend hektische Betriebsamkeit in den Hauptstädten Europas und in Brüssel. Krisen, Lösungen, neue Krisen, neue Lösungen. Und doch ist es vor allem auch langweilig, auch wenn die Welt am Abgrund steht. Das europäische Szenario gleicht einem Riesenschiff, das ohne Not gegen einen Eisberg fuhr und jetzt gegen das Absinken kämpft. Man mag ein voyeuristisches Interesse haben an den dekadenten Kapitänen, die sich über Jahre lieber bei glanzvollen Empfängen im strahlenden Sonnenlicht auf Deck unterhielten, anstatt das Schiff auf Vordermann zu bringen und solide Kurs zu halten. Man mag sich amüsieren über den sexsüchtigen Berlusconi, den macht- und selbstverliebten Sarkozy oder die hausbackene Steuerfrau Angela Merkel, die jetzt atemlos durch die Abendnachrichten hetzen und stolz jeden Tag neue Lösungen anbieten, damit das immer mehr mit Wasser volllaufende Schiff nicht absäuft. Wer etwas von der Seefahrt versteht, wird aber eher den Kopf schütteln und sich voll Grauen abwenden von dem Schauspiel, das die hektisch gewordene Kapitäns-Gesellschaft auf den brüchig gewordenen Schiffsdielen bietet.
Immerhin steht Altkapitän Helmut Schmidt wie immer rauchend am Ufer und unterhält sich geistreich mit seinem Schüler Peer Steinbrück über eine bessere Zukunft. Jetzt aber liegen erst einmal alle helfenden Leuchttürme weit zurück und das Schiff fährt einsam auf hoher See. Als Peer Steinbrück noch Hilfskapitän bei Angela Merkel war, holte er jede Woche Rat bei den Finanzvorständen der großen deutschen Aktienunternehmen; nicht um als Sozialdemokrat vor denen einen Kotau zu machen, sondern weil er wusste: Die fahren mit ihren Unternehmen auch um die ganze Welt, hier kann ich etwas erfahren oder sogar lernen. Angela Merkel fuhr dagegen immer auf Sicht.
Allenfalls setzte sie einige seetüchtige Obermatrosen an Land, wenn die zu viel Wind machten. Alleine das Ruder halten, das war das vordringliche, das einzige Begehren Ein paar Lieblingspassagiere durften schon ins Kapitänshäuschen etwa die Chefin der Bild-Zeitung, Friede Springer oder der Kapitän der Deutschen Bank, Josef Ackermann. Und der versprach dann mit beruhigender Schweizer Stimme, dass das Meer blau wäre und dass es Eisberge in diesen Tagen keine mehr gibt. Wenn Josef Ackermann alle Vierteljahre einmal von Bord ging, dann nur um zu verkünden, wie hoch der Milliardengewinn der Deutschen Bank in den letzten drei Monaten wieder gewesen wäre. Derweilen ruderten in den Untergeschossen des Schiffes die vielen Mitarbeiter der Sparkassen und der Genossenschaftsbanken. Während die großen Banken mit den Kapitänen auf Deck Roulette spielten, mussten sie ständig das Schiff flott halten. Immer mussten sie rudern, damit die Windmühlen an Land werden konnten. Jede einzelne Windmühle auf dem Land musste ständig auf Lage und Prosperität geprüft werden; nur dann war ein kleiner Kredit gerechtfertigt, sodass sich die Räder auf dem Land weiterdrehen konnten. Oft wunderten sich deshalb die fleißigen Ruderer der Sparkassen und der Genossenschaftsbanken; sie hätten auch gerne Geschäfte gemacht an den fernen Gestaden Griechenlands oder Italiens. Aber ihr Selbstbild vom seriösen Bankkaufmann verbot es ihnen.
Leicht waren dagegen für die anderen Banken solche Geschäfte man musste nur viel Geld an deren Regierungen verleihen je unsicherer umso besser und schon sprudelte es wieder aus der Zinsquelle. Besonders vorteilhaft war es, wenn man die eigene Bank bereits ruiniert hatte. Und so freute es das Management der Bad Bank Hypo Real Estate ganz besonders, dass im fernen Griechenland so wunderbare Geschäfte zu machen waren. Denn die Interessen ergänzten sich fabelhaft: Gemeinsam hatte man kein Geld eine wunderbare Partnerschaft konnte beginnen. Mit vielen Milliarden Euro, die sie selbst nicht hatten, versorgten sie als Griechenland, das die vielen Milliarde auch nicht hatte, dann kurz hatte und sie jetzt wieder nicht mehr hat. Manchmal wunderten sich deshalb die fleißigen Ruderer der Sparkassen und der Genossenschaftsbanken nicht mehr nur, sondern sie begannen sich sogar zu ärgern. Als sie deshalb um einen Termin bei Kapitänsfrau Angela Merkel nachsuchten, meinte deren Obermatrose Pofalla allerdings nur, sie sollten doch froh sein, dass sie im europäischen Schiffsverkehr so klein seien, dass sie gar nicht bemerkt würden; dann hörten die fleißigen Ruderer auf sich zu ärgern und wunderten sich wieder. Die europäischen Kapitäne aber begannen jetzt von den großen internationalen Banken zu lernen. Auf ihrem lecken Schiff, das allzu schnell sank, lernten sie deren Begriffe und was dahinter stand. Hundert Euro waren gar nicht hundert Euro. Aus einem Euro konnte man fünf machen, wenn man ihn hebelte. Man lernte jetzt von den großen Banken das Zaubern. Hundert Euro, ganz gleich, ob man sie hatte oder nicht, waren also in Wirklichkeit fünfhundert Euro. Da strahlten die Kapitäne wieder und ließen die Schiffskapelle einen Tusch spielen. Kurz nur ging die Kapitänsfrau Angela Merkel an Land, um in ihrem Parlament abstimmen zu lassen, ob alle anderen zu Hause auch so begeistert wären wie sie, dann ging sie wieder an Bord, damit die Kollegen über eine allzu lange Verzögerung der gemeinsamen Schifffahrt nicht verstimmt wären. Und wenn das Schiff wirklich sinkt, mag sie gedacht haben, waren alle anderen zu Hause auch dabei. Länger nach Hause geschickt wurde nur Kapitän Berlusconi, weil Italien eben nicht Griechenland werden soll. Und mit Berlusconi allzu lang auf einem Schiff, das ist sowieso eine Zumutung, meinen bei längerer Seefahrt vor allem die Frauen an Deck, die sich nicht mehr nur nachts vor ihm fürchten.
Und so fährt das Schiff also weiter. Mit Merkel, mit Sarkozy und mit Berlusconi. Am Horizont stehen Milliarden Sterne und auch Milliarden Euro. Und so unwirklich nachts der Sternenhimmel über den Kapitänen scheint, so weit weg ist auch der Billionenrettungsschirm, der das Schiff jetzt über Wasser halten soll. Eine Billion Euro, denken die Kapitäne beim Einschlafen, das kann man sich gar nicht richtig vorstellen, aber wichtig ist, dass das Schiff fährt und ich bin an Bord.
Die Zuschauer aber, die von weitem das Schauspiel vom Land aus verfolgen, wundern sich. Sie können sich nicht hörbar machen, zu weit sind sie weg; ja manchmal fragen sie sich, ob die Besatzung an Deck überhaupt weiß, dass es sie gibt. Aber umgekehrt klingt immerhin wieder Musik von Bord an Land herüber und die Menschen sehen von Weitem das Licht im Innern des Schiffes wieder unruhig blinzeln. Und die Abendnachrichten aus dem Innern des Schiffes vermelden, dass ein Weg gefunden wurde und dass das Schiff nicht sinken wird.
Nur manchmal, wenn sie sich im Traum von der einen Seite auf die andere wenden, haben die Schiffskapitäne und die Beobachter auf dem Land dieselbe Ahnung: zur See zu fahren bleibt immer ein gefährliches Abenteuer!
Straubinger Tagblatt vom 29. Oktober 2011