Was für ein Irrsinn!

Von Prof. Dr. Martin Balle

Die Hochschule für Philosophie, die die Jesuiten in München betreiben, gilt heute als einer der besten Plätze in ganz Europa, um philosophische Fragen zu diskutieren. Es ist nicht nur Papst Franziskus, der zum Werbeträger für seinen Orden geworden ist. Schon vor seiner Wahl hatten sich die Jesuiten nach einer gewissen Phase weitgehender gesellschaftlicher Wirkungslosigkeit gerade in München darauf besonnen, dass nur der Blick in die Gegenwart und die Fragen, die diese Gegenwart heute stellt, der Philosophie eine Rechtfertigung verleihen. Und so bieten die Jesuiten in München mittlerweile Studiengänge und Vorträge an, die an Aktualität nichts zu wünschen übrig lassen.

Professor Julius Kuhl von der Universität Osnabrück war so ein Gastreferent, der den Hörsaal, in dem er vor wenigen Tagen sprach, fast zum Platzen brachte. Sein Thema: „Sieben Schritte zur Freiheit und zwei Arten, sie zu verlieren. Die Frage, was es für eine Person bedeutet, ganz sie selbst zu sein“.

Das ist deshalb ein interessantes Thema, weil in Zeiten der digitalisierten Beschleunigung unseres Alltags die Frage nach unserer inneren Kraft und unserer Möglichkeit, uns selbst nicht zu verlieren, für viele Menschen in den Vordergrund rückt. Menschen sind heute in ihrem beschleunigten Alltag oft hilflos. Dezentriert, nicht bei sich, in vielen Fällen deprimiert. Ohne echte Perspektive auf ihr Leben. Psychotherapeuten haben deshalb aus gutem Grund Zulauf wie nie zuvor.

Zudem wird heute ja auch philosophisch immer wieder bestritten, dass Menschen eine Identität oder ein Selbst hätten. Die sogenannte Neurophilosophie hat über Jahre in den Feuilletons der großen deutschen Tageszeitungen erklärt, dass unser freier Wille nur Einbildung sei. In Wirklichkeit sei all das, was wir als freien Willen zu verspüren vermeinten, Illusion und der Mensch am Ende nur das Resultat seiner Triebregungen.

Dieses Konzept verortete der Psychologe Kuhl als unterste Stufe der menschlichen Freiheitsmöglichkeit. Ein Mensch, der sich selbst ausschließlich als Opfer von Konventionen und Trieben, als Objekt einer erlernten Hierarchie von Gewohnheiten definiere, der bewege sich am untersten Ende der Freiheitsmöglichkeiten, die philosophisch zu wünschen seien. Am Ende könne ein solcher Mensch für sein Handeln auch keine Verantwortung übernehmen und würde nach einem Mord gut begründet zu einem Richter sagen: „Ich bin es nicht gewesen, mein Gehirn war’s!“

Dagegen sei schon Sigmund Freud ein Fortschritt. Zwar regierten auch bei Freud die Triebwelt und das Unbewusste die Psyche des Menschen, aber bei Freud trete im Unterschied zur bloßen Subjektivität einer Willkür-Person das Interesse an der objektiven Beschaffenheit von Welt in den Vordergrund.

Psychische Konzepte vom Menschen würden aber erst dort interessant, wo der Blick sich über das rein Subjektive hinausbewege, wenn es nicht mehr nur um die Frage eines bloßen psychischen Erregungsniveaus gehe, sondern wenn hinterfragt würde, was Mensch und Welt im Innersten zusammenhält. Deshalb sei es zwar auch heute noch lohnenswert, Sigmund Freud zu lesen und zu studieren. Allerdings stellt der Psychologe auch klar, dass ein moderner Diskurs über die Freiheitsmöglichkeiten des Menschen über Freud hinauszugehen habe. Denn Menschen wollten nicht nur aus einem unbewussten Motiv heraus handeln, sondern hätten sehr wohl den Anspruch zu denken, zu planen und auch ein Bewusstsein von sich selbst zu entwickeln, das über eine bloße Reaktion auf die eigenen Triebe und das eigene oder kollektive Unbewusste hinausgehe.

Aus diesem Grund, so lautet das Fazit des Professors, sei sehr wohl zu wünschen, dass wir immer noch an philosophischen Konzepten festhielten, die an ein Selbst, das wenigstens autonom agieren wolle, glaubten. Auch wenn es viele und immer wieder neue Hindernisse auf unserem Weg zur eigenen Freiheit gebe und diese auch niemals ganz umsetzbar wäre, so sei es doch gut, das Bild vom „inneren Dirigenten, der die Gesamtsinfonie von Leib und Seele“ in schönem Einklang aufführen wolle, nicht preiszugeben. Interessant war am Ende, dass der Psychologe Kuhl vor allem zwei Möglichkeiten der Regression, aus diesen Freiheitsmöglichkeiten herauszufallen, formulierte: zum einen den rückwärtsgewandten Regress auf eine frühere lebensgeschichtliche Phase. Will heißen: Wenn Menschen eine schwere Kränkung verarbeiten müssten, fielen sie häufig auf eine frühere Entwicklungsstufe bis hin zum Infantilen zurück. Interessanter aber ist für Kuhl die sogenannte „horizontale Regression“. Diese bedeute, dass der gekränkte Mensch das Denken vom Fühlen abzutrennen beginne und sehr stark in ein Analysieren hineingehe, ohne seine eigenen Emotionen und Gefühle weiter wahrnehmen zu wollen. Das Denken werde in diesen Situationen vom Fühlen getrennt.

Wenn wir diesen Vortrag auf unsere gegenwärtige gesellschaftliche Situation beziehen, können wir nicht anders als bemerken, dass viele Tendenzen, die die digitalisierte Welt heute bringt, letztlich regressiv sind und nur scheinbar mehr Autonomie bringen. Das selbstfahrende Auto – was für ein Irrsinn! Der entmündigte Fahrer, der in ein Computerprogramm eingeben muss, dass in Gefahrensituationen Kinder nicht stärker geschützt werden sollen als alte Leute. Anstatt einfach selber zu fahren und die eigene Intuition nicht an der Garderobe der Autoindustrie abzugeben. Die digitalisierten Musikformate, die wissen, welche Musik wir bei Regen gerne hören, und sie dann automatisch einstellen. Das verhindert, dass wir uns weiterentwickeln, wenn es regnet! Die Maschine hat ja schon ausgerechnet, was wir wollen. So kann es keine Entwicklungssprünge mehr geben, die uns selber überraschen.

Theodor Adorno und Max Horkheimer haben schon vor Jahrzehnten in ihrer weltberühmten „Dialektik der Aufklärung“ gezeigt, wie eine instrumentalisierte Vernunft den Menschen neu versklavt. Der Mensch als ganzheitliches Wesen, das fühlen, erleben, erfahren, erfühlen will, bleibt in der digitalisierten Welt von morgen allzu leicht auf der Strecke. Die instrumentelle Vernunft der digitalisierten Welt führt in ihrer Automatisierungsunkultur den Menschen weg vom Kern seiner Bedürfnisse und seiner Möglichkeiten und das auch noch, ohne dass er es bemerkt. Gewinner sind nur die, die ihm diesen Irrsinn für teures Geld verkaufen. Die Autoindustrie war über Jahrzehnte nicht willens – in der Lage wäre sie schon gewesen –, ein umweltschonendes Auto zu produzieren. Aber jetzt will sie das selbstfahrende Auto in wenigen Jahren auf den Markt bringen – und die Politik ist auch noch begeistert!

Noch vor wenigen Jahren wurde die digitale Kultur als Heilsbringer ausgerufen. Jetzt werden immer mehr auch ihre Schattenseiten entdeckt. Von der Diffamierung junger Menschen im Internet bis hin zum Unsinn des selbstfahrenden Autos. Bleiben wir wachsam!

Straubinger Tagblatt vom 15. Juli 2017
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