Prof. Dr. Martin Balle

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Martin Balle

Moralischer Zeigefinger

von Prof. Dr. Martin Balle | 21. November 2020

Minister unter Beschuss

Dass es eine Lust am Bösen gibt, das ist unbestritten. Den anderen zu quälen, ihm eins auszuwischen, ihn zu verdächtigen,...


Wie Frieden wahren? Verleger Prof. Dr. Martin Balle startet Artikelserie mit prominenten Gastautoren

von Prof. Dr. Martin Balle | 14. November 2020

Wie Frieden wahren?“ Unter dieser Überschrift beginnen wir mit dem heutigen Tag eine ganze Serie von Texten, in der von uns eingeladene Autoren zu diesem Thema...


Trumps verstörender Erfolg

von Prof. Dr. Martin Balle | 07. November 2020

„Vox populi – Vox Rindvieh“, so hätte der langjährige politische Redakteur Fridolin Rüb, der vor zwei Jahren verstarb, die...


Beckenbauers Bilanz

von Prof. Dr. Martin Balle | 17. Oktober 2020

„Der Ball war mein Freund“, so titelte die ARD ihre Reportage, in der sie nochmals das Leben des Kaisers Franz Beckenbauer beleuchtete, um sie zu seinem 70....


Warum wir mehr als ein Bündel Neuronen sind

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. September 2020

Otto F. Kernberg und Manfred Lütz sind sich einig, dass es eine höhere geistige Wirklichkeit gibt

Ein Psychotherapeut, mit dem ich gut...


Der Weltregent und sein Seelenheil

von Prof. Dr. Martin Balle | 19. September 2020

Mit „Der Kaiser, dem die Welt zerbrach“ hat der Historiker Heinz Schilling ein ebenso erhellendes wie aufregend zu lesendes Buch über Karl V....


Die beglückende Heimat in uns selbst

von Prof. Dr. Martin Balle | 12. September 2020

Der Münchner Jesuit Michael Bordt hat ein erhellendes Buch über die Sehnsucht geschrieben

Im Zentrum vieler Wissenschaften steht der Begriff des...


Ein Narziss auf dem Papstthron

von Prof. Dr. Martin Balle | 29. August 2020

Mit „Der Unfehlbare“ hat der Kirchenhistoriker Hubert Wolf ein brisantes Porträt von Pius IX. verfasst

Flucht in die Gewissheit“...


Der Text, die Kultur und die Macht

von Prof. Dr. Martin Balle | 29. August 2020

Das Buch „Europa“ des Münchner Literaturwissenschaftlers Jürgen Wertheimer erinnert uns daran, dass unser Kontinent über Tausende von...


Unbequemer Mahner in der Wüste

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. August 2020

In „Der Corona-Schock“ stellt Hans-Werner Sinn zahlreiche kontroverse, aber bedenkenswerte Thesen auf

Warum gibt es...


Fragen der Zeit

von Prof. Dr. Martin Balle | 14. August 2020

Was es ist mit der Zeit, das haben die Philosophen immer wieder bedacht. In seinem elften Buch der „Confessiones“ schreibt Augustinus sinngemäß,...


In jeder Zeile ist das Leben ganz da

von Prof. Dr. Martin Balle | 14. August 2020

Robert Seethaler schildert in seinem lesenswerten Roman Gustav Mahlers letzte Reise 

„Der letzte Satz“, so heißt der neue, recht...


Digitale Lehre - Digitale Leere

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. Juli 2020

Ein Philosoph, der ihn noch persönlich kannte, erzählte mir über den französischen Existenzialisten Jean-Paul Sartre folgende Geschichte: Der...


Franz Kafka lässt grüßen

von Prof. Dr. Martin Balle | 11. Juli 2020

Die Verhaftung und Verurteilung Joachim Wolbergs’ besitzt geradezu literarische Dimensionen

Das Meisterhafte an Georg Büchners Dichtungen und...


Reichtum ist nicht alles

von Prof. Dr. Martin Balle | 04. Juli 2020

Wie viel Geld macht glücklich? Voller Unverständnis schüttelte vor Jahren mein Religionslehrer, zugleich ein guter Priester, den Kopf, weil ihn sein Bruder...


Die Armen der Welt

von Prof. Dr. Martin Balle | 20. Juni 2020

Wie schlecht es den Menschen in Afrika wirklich geht, bringt der Landesdirektor der Welthungerhilfe für Äthiopien Matthias Späth exakt auf den Punkt:...


Der Phantomschmerz der verlorenen Macht

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Juni 2020

Verehrt und verhasst: Der Glaubenskrieg um den Virologen Christian Drosten“, so titelte das Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“ seine Ausgabe vom 30. Mai....


Eine bayerische Erfolgsgeschichte

von Prof. Dr. Martin Balle | 30. Mai 2020

Mit viel Umsicht und Geschick hat Josef Schörghuber ein florierendes Unternehmen gegründet, das im Laufe der Zeit immer mehr expandierte und von seiner...


Sehnsucht nach dem anderen

von Prof. Dr. Martin Balle | 16. Mai 2020

Das erste Kapitel der Corona-Krise ist geschrieben. Auch für uns Zeitungsverlage hat es enorme Einsichten erbracht. „Totgesagte leben länger.“ Noch...


Für das Leben oder die Schule

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. April 2020

Es könnte tatsächlich sein, geben wir es aufrichtig zu, dass für manche Klassen wegen des Coronavirus die Schule bis zu den Sommerferien ausfällt. Und...


Es gibt keine Alternative zum Frieden

von Prof. Dr. Martin Balle | 10. April 2020

Stalingrad und der Zweite Weltkrieg lehren uns auch heute, dass die Waffen für immer schweigen müssen

Auf ein bestimmtes Foto blicke ich immer...


Das Recht, in Würde zu sterben

von Prof. Dr. Martin Balle | 04. April 2020

Den Arzt kannte ich. Wir waren eine Gruppe recht junger Männer und Frauen, die sich entschieden hatte, das Hilfswerk „Misereor“ zu unterstützen....


Die Genese einer Volkspartei

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. März 2020

SZ-Redakteur Roman Deininger porträtiert humorvoll und kenntnisreich das Profil der CSU

Als vor 40 Jahren Franz Josef Strauß das Straubinger...


Zeit zur Besinnung

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. März 2020

Ob die Geschichte der Menschheit einen Sinn hat oder doch eher nicht, ob vieles vorherbestimmt ist oder nicht; wie viel Freiheit angesichts eines auch vorfestgelegten...


Das Gift des Bösen

von Prof. Dr. Martin Balle | 07. März 2020

Als der Schriftsteller Stefan Zweig und der geniale Entdecker des Unbewussten Sigmund Freud sich in London trafen, während Hitler und die Seinen in Deutschland ihren...


Vorteil für Armin Laschet

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. Februar 2020

Das wundert mich, dass sich jemand wundert, dass ganz plötzlich Armin Laschet und Jens Spahn im selben Segelboot sitzen. Das war doch klar, dass der Schwächste...


In eigener Sache

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. Februar 2020

Natürlich war es nur eine Karnevalsveranstaltung in Aachen, bei der Friedrich Merz mit Bezug auf die digitalen Möglichkeiten für Politiker über...


Noch ein Märchen

von Prof. Dr. Martin Balle | 15. Februar 2020

Es gibt fast nichts Schöneres, als in einer feinen Schweizer Gesellschaft, zum Beispiel in Zürich, den Namen Jean Ziegler fallen zu lassen und am besten noch...


Produktives Misstrauen

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. Januar 2020

Wenn der Philosoph Jürgen Habermas zu Besuch in München ist und über den Marienplatz bummelt, schauen ihm die Leute neugierig nach. 90 Jahre ist er jetzt...


Merkels Erbe

von Prof. Dr. Martin Balle | 24. Dezember 2019

Zwei persönliche Erzählungen zeigen sehr gut einen Wesenszug von Angela Merkel, der für diese lange Zeit ihres Regierens, wie es jetzt in allen Zeitungen...


Weihnachten 2019

von Prof. Dr. Martin Balle | 23. Dezember 2019

„Könnte es sein, dass es in Wahrheit bergab geht, weil die Menschen in einer vollständig aufgeklärten, digitalisierten und berechenbaren Welt reicher...


Seifenblasen sehen anders aus

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Dezember 2019

Robert Habeck ist alles andere als ein Schaumschläger. Sein politisches Engagement wirkt darum echt

Neugierig war ich auf meine Begegnung mit Robert Habeck....


Moralischer Zeigefinger

von Prof. Dr. Martin Balle | 21. November 2020

Minister unter Beschuss

Dass es eine Lust am Bösen gibt, das ist unbestritten. Den anderen zu quälen, ihm eins auszuwischen, ihn zu verdächtigen, ihm am Zeug zu flicken – wie viele Spielarten des alltäglichen Bösen gibt es doch. Am liebsten dort, wo der andere am allermeisten auf Wohlwollen angewiesen ist: in der Arbeit oder auch in seinen Beziehungen.

Vom „Schamlos-Minister“ also sprach die Zeitung mit den vier Buchstaben am letzten Sonntag und erzählte die Geschichte vom Entwicklungsminister Gerd Müller, der bei seinen Auslandsreisen so gerne seine Ehefrau mitnehme und in Afrika in Fünf-Sterne-Hotels absteige. Abgesehen davon, dass es in den meisten afrikanischen Ländern nur wenige Hotels gibt, in denen die Sicherheitsstandards für Politiker einigermaßen lebensfreundlich sind, so sprechen wir dann doch auch bei Hotels in Afrika (!) nicht von Qualitätsmerkmalen, wie sie uns aus der Schweiz oder dem Allgäu geläufig sind. Und dass es sicher Politiker gibt, die sich auf Auslandsreisen lieber mit den schärfsten Oppositionsleuten umgeben als mit der eigenen altbewährten Ehefrau – geschenkt.

Mittlerweile haben sich die Vorwürfe gegen Müller – soweit man das bisher beurteilen kann – als vollkommen haltlos erwiesen. Neun Mal – bei 25 Auslandsreisen des Ministers – war die Ehefrau dabei, jedes Mal wurden die Kosten von Müller selbst bezahlt und sein Argument, dass ihm die weibliche Perspektive seiner Frau im politischen Gespräch mit den oft entrechteten Frauen Afrikas geholfen habe, ist ja auch nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Fünf Tage pro Woche sind die Abgeordneten in Berlin von ihren Familien getrennt, was spricht da dagegen, dass die Ehefrau bei einer Auslandsreise mitfliegt?

Und es kommt ja noch hinzu, dass es gerade der entwicklungspolitische Sprecher der SPD, Sascha Raabe, war, der in dieser Woche den CSU-Minister ausdrücklich in Schutz nahm, als er sagte: „Ich war im Februar weder zu einer Afrikareise eingeladen noch hatte ich für diesen Monat angefragt, an irgendeiner Dienstreise teilzunehmen“, sodass es also eine Ausladung zugunsten der Ehefrau, wie die Bild-Zeitung insinuierte, wenigstens in diesem Fall gar nicht gab. Zudem bekräftigte der SPD-Politiker auch noch dazu, wie sehr er Müller schätze und achte.

Keine Zeitung, wenn man die Bild großzügig zum Genre der Zeitungen überhaupt dazurechnen will, wird auch nur annähernd so oft beim Deutschen Presserat gerügt oder missbilligt wie die Bild-Zeitung. Das System, mit dem sie arbeitet, ist billig und leicht zu durchschauen. Ohne sich selbst an ethische Standards zu halten, begibt man sich auf ein moralisches Podest und deutet mit dem dicken Zeigefinger auf die vorgeblichen Fehler der anderen. Eine primitive mediale Erregungskultur hält so immerhin noch einige Millionen Leserinnen und Leser bei der Stange, die wahrscheinlich nicht wissen, wie man das Internet bedient. Aber auch die sterben doch langsam aus.

Dabei ist der Entwicklungsminister Gerd Müller über alle Parteien hinweg geachtet für seine Arbeit, die doch vieles in der Dritten Welt verändert hat. In seinem Buch „Umdenken. Überlebensfragen der Menschheit“ wird deutlich, wie sehr er sich für die Ärmsten der Armen eingesetzt hat und einsetzt. Vom Klimaschutz bis zur Bekämpfung des Hungers, der dort so schlimm ist, leidenschaftlich nimmt er Partei für die, die vom Wohlstand ausgeschlossen sind. All das könnte auch von einem Robert Habeck oder einer Führungsfrau bei Greenpeace geschrieben sein. Kein Wunder, dass er vor wenigen Wochen, einen Tag nach seiner Kritik an der mangelnden Bereitschaft in Deutschland, Flüchtlinge in Not aufzunehmen, seinen Rückzug aus dem Bundestag ankündigte. Weil, nach einem solchen Satz wird man in der CSU nichts mehr. Wer weiß, von woher die feindliche Attacke in der Bild am Ende kam.

Und die Kollegin Franziska Giffey (SPD), die ebenfalls in dieser Woche unter Beschuss kam, weil ihre Universität ihre problematische Doktorarbeit nochmals überprüft, wie muss man das bewerten? Da ist es sicher nicht nur Friendly Fire aus der eigenen Partei, das die hochbegabte Politikerin unter Beschuss nimmt. Da sind es die Rivalen vor allem aus der CDU, die natürlich wissen, dass sie gegen die in Berlin unglaublich beliebte junge Frau auf dem Politikfeld wenig Chancen haben.

Hervorgetan hat sich dabei der Deutschland-Chef der Jungen Union, Tilman Kuban. Ein weitgehend unbegabter Karrierist, der beim letzten deutschen Verlegertreffen in Berlin ein Grußwort hielt, das so dümmlich war, dass man sich nur mit Grauen abwenden konnte. Er fordert natürlich an erster Stelle den Rücktritt der Ministerin. Hat er in der Sache recht? Setzt der Fall Guttenberg hier tatsächlich den Standard, an dem alle anderen zu messen sind?

Rückblende: Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) schwebte damals ein in die deutsche Politik, als hätte Gott selbst ihn gesandt. Nach Jesus jetzt also er – das war die Botschaft! Unvergesslich seine politischen Reden, in der Regel ohne Aussage, aber vorgetragen, als würde jetzt gerade die Welt gerettet. Am Ende immer Standing Ovations der Gläubigen. Dann kam die gefälschte Arbeit ans Licht. Als er seinen Rücktritt bekannt gab, filmte das Fernsehen die Kanzlerin mit Annette Schavan (CDU), die das gemeinsam auf dem Handy sahen und wie es ihnen vor Freude das Gesicht verzog. Nach diesem Bild, das unvergesslich bleibt, musste natürlich auch die Schavan zurücktreten, als ihre Arbeit ebenfalls den wissenschaftlichen Standards nicht entsprochen hatte, um es freundlich zu sagen. Bestraft wurde bei beiden eigentlich nicht die gefälschte Doktorarbeit, sondern eher ein soziales Verhalten, das sich mit den abgeschriebenen Arbeiten nicht in Einklang bringen ließ.

Und die Giffey? Die hat jetzt sofort ihren Doktortitel zurückgegeben, noch bevor ein Urteil der Universität feststeht. Als Politikerin spielt sie – im Unterschied zu Schavan oder Guttenberg – in der ersten Liga. Das ist keine selbstverliebte Schaumschlägerin, nein, die setzt sich wirklich ein – und zwar gerade für die Menschen, die es in dieser Gesellschaft schwer haben.

Ihr die politische Zukunft zu verbauen wegen einer fehlerhaften Doktorarbeit, wäre ungefähr so, als hätte man Lothar Matthäus wegen seines lustigen Englisch aus der Nationalmannschaft entfernt. Auf Deutsch: Das kann man sich als Land, in dem es an politischen Begabungen – siehe Kuban – in allen Parteien fehlt, nicht leisten. Kommt erschwerend hinzu: Wir wollen doch, dass im Politikbetrieb endlich mehr hoch qualifizierte Frauen an führender Stelle beteiligt werden.

Auch bei Giffey wird es in nächster Zeit den berühmten moralischen Zeigefinger geben. Aber irgendwann wird das allen langweilig. Bis dahin sollte sie aushalten.

Straubinger Tagblatt vom 21. November 2020 

Wie Frieden wahren? Verleger Prof. Dr. Martin Balle startet Artikelserie mit prominenten Gastautoren

von Prof. Dr. Martin Balle | 14. November 2020

Wie Frieden wahren?“ Unter dieser Überschrift beginnen wir mit dem heutigen Tag eine ganze Serie von Texten, in der von uns eingeladene Autoren zu diesem Thema schreiben. Warum? Im letzten Frühjahr veranstaltete der Münchner Kirchenrektor Karl Kern SJ eine Predigtreihe, in der Menschen auftraten, die den Krieg und das Kriegsende vor 75 Jahren noch selbst erlebt haben.

Die meisten von ihnen sind heute über 90 Jahre alt. Aber aus ihren Schilderungen wurde nochmals das ganze Grauen erlebbar und regelrecht spürbar von einer Zeit, in der der Frieden verspielt worden war. Es war ja nicht erst Hitlers Weltkrieg, der die Welt in Flammen setzte, sondern schon vorher der furchtbare Erste Weltkrieg und auch all die blutigen Auseinandersetzungen, die das ganze 19. Jahrhundert geprägt hatten.

Was dann folgte, waren Friedensjahre, an die wir uns gewöhnt hatten. Am Anfang standen sie noch unter dem Zeichen eines drohenden Nuklearkrieges zwischen den verfeindeten Blöcken in Ost und West, aber dann kamen die wunderbaren 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, als in Russland Michail Gorbatschow unsere Welt so änderte, dass man auf einen sicheren Frieden über Jahrzehnte hoffen durfte.

Doch dann plötzlich ganz schnell die große Verdüsterung: Gorbatschow stürzte über große wirtschaftliche Schwierigkeiten im eigenen Land, und seitdem verfinsterte sich auch weltweit der Friedenshorizont in unglaublicher Weise. Heute steht die Welt hochgerüstet da wie nie zuvor! In Russland regiert Putin mit eiserner Faust, in Amerika haben die Trump-Jahre einen unglaublichen Rückschritt für die weltweite Friedenskultur bedeutet, auch wenn Trump scheinbar seine Truppen nach Hause brachte. In China hat der „unübertroffene Steuermann“ Xi Jinping wohl tatsächlich schon Zehntausende seiner Kritiker verschleppen und töten lassen; und in den Gefängnissen der Türkei schaut es kaum besser aus. Auch dort wird gefoltert, und Widerstand gegen Erdogan soll es erst gar nicht geben. Und nach außen zeigen sich auch diese Länder aggressiv und beteiligen sich an Kriegen, die Türkei an allererster Stelle.

Mitten in dieser Welt, die sich so verdunkelt und verdüstert hat, leben wir. In Deutschland, in Europa. Den Frieden gewohnt, vom Frieden verwöhnt. Für selbstverständlich nehmen wir es, dass schon nichts geschehen wird, was uns in Europa bedroht. Aber das ist es eben beileibe nicht! Es ist es allein deshalb nicht, weil um den Frieden immer wieder neu gerungen werden muss.

Ein Psychotherapeut, den ich gut kenne, hat mir erzählt, dass er einmal auf einem Kongress ausgebuht wurde, weil er behauptete, dass in jedem Menschen auch ein Mörder stecke. Aber hat es denn Sinn, vor dem Bösen einfach die Augen zu verschließen? Und ist es nicht viel zu konziliant, wenn ein Regimegegner Saudi-Arabiens in einer Botschaft seines Landes in Istanbul ermordet und zerstückelt wird und die Reaktion unserer Kanzlerin ist: „Das geht zu weit.“ Liegt in einem solchen Satz das ganze Erschrecken, das einen erfassen muss, wenn getötet und gemordet wird? Sind wir nicht selbst schon viele billige und faule Kompromisse eingegangen, die den Frieden und das Menschenleben nicht mehr so würdigen, wie das im Letzten notwendig ist.

Und auch wenn wir in unser eigenes Land schauen: Ein Drittel der Menschen hier hat Angst, vom Wohlstand und damit von der Teilnahme an der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Angst und Aggressivität aber bedingen einander. Und ist nicht auch die Sprache oft schon verroht? Wenn in München ein Fahrradfahrer willkürlich niedergestochen wird und sterben muss, nur weil er einen anderen Mann zur Rede stellt, der seine Begleiterin beleidigt hat – sind das nicht größte Alarmzeichen für unsere Gesellschaft?

In unserer Textreihe, mit der wir heute beginnen, wollen wir über mehrere Wochen und Monate Menschen zu Wort kommen lassen, von denen wir glauben, dass sie zum Thema Frieden in der Welt etwas zu sagen haben. Uns ist dabei völlig gleichgültig, wo sie politisch stehen. Wir wollen mit dieser Fortsetzungsreihe einfach ein Zeichen setzen und Aufmerksamkeit für die Sache des Friedens erwecken, auch wenn uns bewusst ist, dass all das nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein wird. Aber irgendwo und irgendwie muss man ja immer beginnen!

Straubinger Tagblatt vom 14. November 2020

Trumps verstörender Erfolg

von Prof. Dr. Martin Balle | 07. November 2020

„Vox populi – Vox Rindvieh“, so hätte der langjährige politische Redakteur Fridolin Rüb, der vor zwei Jahren verstarb, die überraschend vielen Stimmen für Donald Trump bei der Präsidentenwahl in dieser Woche kommentiert. Dem des Lateinischen Unkundigen, der nach einer Übersetzung gefragt hätte, hätte er dann sicher geantwortet: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.“

Ganz gleich wie die Wahl in den USA am Ende ausgeht – es ist unendlich verstörend, dass nach diesen vier Jahren einer entsetzlichen Regierungszeit rund die Hälfte der Amerikaner unbelehrbar bleiben. Alleine 20 000 Lügen konnten Donald Trump die Medien nachweisen und seine Bemerkung, dass er auf den Straßen New Yorks einen Mord begehen könnte – und er käme davon damit, das spricht schon Bände, mit wem wir es hier zu tun haben.

Die Psychotherapeuten und Psychiater, die sich mit dem Phänomen Donald Trump beschäftigen, bestätigen unisono, dass ein Narziss wie er tatsächlich über keinerlei schlechtes Gewissen oder gar Schuldbewusstsein verfüge, auch wenn er in jedem Augenblick die Regeln und Gesetze der Mitmenschlichkeit mit Füßen trete. Das ist die eine Seite. Aber die Frage bleibt: Was ist mit all den Menschen, denen vier Jahre offenkundiger Machtmissbrauch nicht reichten, um eine andere und bessere Entscheidung zu treffen?

Auch hier darf man durchaus die Psychiater fragen, um ebenfalls eine kluge Antwort zu erhalten. Es sind die Angst und das Entwurzelt-Sein der vielen in der amerikanischen Gesellschaft, die sie nach einer politischen Lösung greifen lassen, die man im weitesten Sinn als „fundamentalistisch“ bezeichnen kann. Dazu kommt bei den Trump-Wählern auch die eigene narzisstische Freude, es denen da oben wieder einmal so richtig gezeigt zu haben. Dass der Narziss Trump für ihre echten Sorgen und Bedürfnisse gar kein Ohr hat und sie ihm von Herzen gleichgültig bleiben, das tritt vor diesem Hintergrund zurück gegenüber der vordergründigen Genugtuung, sich für all das, was sie als eigene narzisstische Kränkung erlebt haben, wenigstens für diesen einen Augenblick gerächt zu haben.

War der Kandidat der Demokraten Joe Biden wirklich eine so schlechte Wahl, wie manche politischen Beobachter meinen? Hätte man mit einer jüngeren und charismatischeren Persönlichkeit mehr erreicht? Fakt ist, dass all die scheinbaren Charismatiker der Demokraten, ganz gleich ob Mann oder Frau, in den Vorwahlen ausschieden. Die Demokraten hatten das Gefühl und das Gespür, mit einem Mann, der in der Mitte der Gesellschaft integer und durchaus bescheiden zu Hause ist, das Gegenmodell zu Trump gefunden zu haben. Ein liebevoller Familienvater, der nach dem Tod seiner ersten Frau und seiner geliebten Tochter die Politik schon an den berühmten Nagel hängen wollte.

Das ist eine Erzählung, die fasziniert und die man, wenn man etwas sorgfältiger hinhört, im Letzten viel wertvoller finden kann als die Geschichte vom Selfmade-Milliardär, der keine Steuern zahlt, wohl Schulden hat und das meiste vom eigenen Vater ererbt hat. Ein Showman, der im amerikanischen Fernsehen so rüde gegenüber Bewerbungskandidaten auftrat, im Widerstreit mit einem leisen und freundlichen Mann, der sich bemühte, mit Argumenten und nicht mit primitiven Pöbeleien zu überzeugen. Aber da war halt auch die andere Seite des Joe Biden: Das über Jahrzehnte seit seiner Kindheit fast vollständig abtrainierte Stottern ließ ihn in Stresssituationen sprachlich für einen Augenblick überfordert erscheinen, was die Gegenseite schnell nutzte, um ihn als vertrottelten alten Mann darzustellen, der schon Erinnerungslücken hätte. Und wenn Biden am Ende eines öffentlichen Auftritts von der Bühne eher stakste als lief, was war das für ein Unterschied zu Trump, der mit seiner ordinären Vitalität in jedem Augenblick suggerieren wollte – und es gelang ihm bei vielen allzu sehr –, dass er vor Kraft gerade wieder einmal kaum laufen könne.

Unvergessen die Bilder, wie der coronakranke Trump mit seinem Wagen einen Ausflug aus dem Krankenhaus heraus unternimmt, seinen Fans zuwinkt und auf diese Art signalisiert: Ich bin in jeder Situation Herr des Verfahrens – so unverantwortlich das gegenüber seiner unmittelbaren Umgebung auch war. Wer in Amerika längere Zeit gelebt hat, der weiß, wie sehr dort der Sieger, der Kraftvolle, der, der dominiert, gesellschaftlich in den Vordergrund gerückt wird. Während in unserer europäischen Kultur der Nachdenkliche, der Zögernde, sogar der Verlierer – etwa in der Literatur – eine Stimme hat, die zählt, so sind es in Amerika die „Winner“, die über die „Loser“ triumphieren. In den allabendlichen Ritualen des Profisports von Baseball bis Basketball, der in alle Wohnzimmer übertragen wird, wird das kulturell eingeübt und an den Universitäten des Landes den jungen Menschen eingetrichtert: Sei erfolgreich und geh deinen Weg – immer steil nach oben!

Der Religionswissenschaftler Michael von Brück schreibt in seinem gerade erschienenen Buch „Interkulturelles ökologisches Manifest“ als kulturellen Befund für unsere postmoderne Welt eine Analyse, die sich für ein Wahlverhalten, wie es die Trump-Wähler in Amerika gezeigt haben, exakt anwenden lässt: „Seit der Industrialisierung und Urbanisierung lebt ein Großteil der Menschheit in anonymen Gesellschaften, deren Zusammenspiel institutionell geregelt wird und ständiger Veränderung unterworfen ist. Die Beschleunigung aller Lebensbereiche, prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse, Anonymität in der Urbanität – all dies bewirkt das Gefühl von Heimatlosigkeit, Überforderung, Unsicherheit. So entsteht teils in bewusster Abkehr vom Ideal der Freiheit ein Ruf nach totalitär gestützten Systemen, die Sicherheit versprechen. Lethargie und Angst behindern kreatives Handeln. Es gibt genug Beispiele des Rückschritts in Barbarei, Totalitarismus und Armut.“

Vor all diesen Hintergrundinformationen wird am Ende das scheinbar Unverständliche, was in dieser Woche in den USA passiert ist, zwar nicht annehmbar, aber wenigstens verständlicher. Für uns in Deutschland, die wir die Erfahrung einer Regression in ein schreckliches totalitäres System in aller Bitterkeit schon gemacht haben, muss diese Wahl den Aufruf bedeuten, unseren Weg eines gelingenden demokratischen Rechtsstaats in einem vereinigten Europa mit aller Leidenschaft weiterzugehen und zu verteidigen. Während unserem Nachkriegsdeutschland die demokratischen Grundwerte nach dem Zweiten Weltkrieg von Amerika her neu eingestiftet wurden, ist die Situation heute eine andere und auch neue: Europa muss seine Rolle in einer globalisierten Welt von sich selbst her definieren und ausspielen. Europa ist das große Friedensprojekt, für das wir uns einsetzen müssen.

Straubinger Tagblatt vom 7. November 2020 

Beckenbauers Bilanz

von Prof. Dr. Martin Balle | 17. Oktober 2020

„Der Ball war mein Freund“, so titelte die ARD ihre Reportage, in der sie nochmals das Leben des Kaisers Franz Beckenbauer beleuchtete, um sie zu seinem 70. Geburtstag auszustrahlen. Da waren sie noch einmal, all die Momente, die das Fußball-Deutschland vor allem der 70er-Jahre geprägt haben. Die Zauberpässe, die beginnende Erfolgsgeschichte von Bayern München, der Sieg bei der Weltmeisterschaft in München 1974. Mittendrin immer der Kaiser. Später der Trainer, auch hier die Bayern und dann der Sieg bei der Weltmeisterschaft 1990. Jahrzehnte später der Erfinder des Sommermärchens. Am Ende die Schatten. Ungeklärte Fragen um Geldflüsse, die es im Umfeld der Organisation dieser Weltmeisterschaft gegeben hat.

Dabei sind letztlich auch diese beiden Geldflüsse heute weitgehend geklärt. Das eine war eine Zahlung von einem Wettanbieter, für den Beckenbauer in Person tatsächlich warb, die mit 5,5 Millionen Euro wohl überhöht dotiert war und die über den DFB abgerechnet wurde. Juristisch nichts Strafbares, allerdings war der Satz des Kaisers, dass sein Einsatz rund um die Uhr für sein Heimatland rein „ehrenamtlich“ gewesen sei, auf diese Art und Weise interpretationsbedürftig, um es vorsichtig zu sagen. Der andere Geldfluss ist der bekannte Kredit über gut sechs Millionen Euro von Robert Louis-Dreyfus, mit dem sich Beckenbauer wohl bei der Übertragung von Fußballspielen am Rechtehandel als „stiller Beteiligter“ in Stellung brachte. Alles zusammen also rund zwölf Millionen Euro, um die es ging und die nicht ganz im Licht der Wahrheit oder gar der Öffentlichkeit verhandelt wurden.

Was dann folgte, ist bekannt: Eine regelrechte Rufmordkampagne setzte ein, Beckenbauer war das bestimmende Thema in den Medien, das Fußballmärchen sei gekauft, alles im Nachhinein schlecht gewesen. So sehr es verwundert, dass Leute überhaupt auf den Gedanken kommen, dass bei der Vergabe von Fußballweltmeisterschaften immer alles mit rechten Dingen zugeht, für Beckenbauer war diese unerwartete Entwicklung der Dinge fatal. Endlich konnte man dem Glückskind, über dem ein Leben lang immer die Sonne zu scheinen schien, am Zeug flicken. Alle Neidreflexe, die man vorher so mühsam zu unterdrücken hatte, konnten jetzt mit hoher Aggressivität und Rücksichtslosigkeit ausgelebt werden. An den Stammtischen, in den Medien, wo auch immer. „Ja, ist denn heut schon Weihnachten?“ – dieser Werbeslogan, den man mit Beckenbauer so gerne verband, fiel ihm jetzt mit aller Wucht vor die Füße – und der Kaiser verstand nicht, wie ihm geschah.

Der Rest ist bekannt. Große Herzprobleme, Rückzug aus der Öffentlichkeit, am Ende der frühe Tod des geliebten Sohnes. Zum 30. Jahrestag des Gewinns der WM in Rom trafen sich Trainer, Spieler und Freunde letzte Woche nochmals in der Toskana und Beckenbauer sang tatsächlich sein Lied „Gute Freunde kann niemand trennen“. Auf dem Bild, das es in den Zeitungen gab, sieht man einen Mann, zu dem das Attribut „Kaiser“ nicht mehr so recht passen will: Gezeichnet von den Rückschlägen steht der Franz inmitten der Freunde von damals. Und bei der Fernsehdokumentation der ARD ist ein arg geschwächter Kaiser nur mehr im Telefoninterview zu hören, der sich wundert, weshalb man ihm so übel mitgespielt hat.

Aber das ist doch das typisch deutsche Phänomen: Wenn’s ums Geld geht, dann hört hierzulande der Spaß auf. Das war schon bei Helmut Kohl so, der mit seinen im Vergleich doch recht kleinen schwarzen Kassen genau der Partei dienen wollte, die ihn dann am Ende regelrecht ausschloss. Was war die Einheit Deutschlands und Europas schon, verglichen mit dem Sachverhalt, dass Kohl einen einstelligen Millionenbetrag nicht sauber deklariert hatte. Sein Vorgänger Helmut Schmidt war es, der den ehemals ungeliebten Nachfolger rehabilitierte, indem er kurz vor seinem Tod mit ihm zusammen in der Wochenzeitung Die Zeit einen Artikel verfasste, in dem die beiden mahnten, dass es Sicherheit in Europa nur zusammen mit Russland, aber nicht ohne oder gegen Russland geben könne. Aber für die Dauernörgler, die das Geld so begehrend in den Vordergrund schieben, ist wahrscheinlich auch der Frieden in der Welt weniger wichtig als die Frage, ob finanztechnisch alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Was sind dagegen die echten Verbrechen, wo es um Geld oder die Zukunft von Menschen geht? Zum Beispiel, dass es ein windiger Laden wie Wirecard tatsächlich in den Dax schafft und drei Milliarden (!) Euro vorgeblich hat, die gar nicht existieren. Wie viele Menschen wurden hier wirklich geschädigt! Oder die Deutsche Bank: kein Skandal, an dem sie nicht in irgendeiner Form beteiligt ist. Den eigenen Börsenwert längst ruiniert und aus Amerika die kaputtesten Anlageformen importiert, die am Ende die weltweite Finanzkrise vor zwölf Jahren auslösten. Den Schaden haben immer noch die kleinen Anleger, die fürs Alter etwas auf die Seite gelegt zu haben glaubten. Da ist echter Schaden entstanden. Oder auch bei der Autoindustrie, die sich über Jahre weigerte, einen Paradigmenwechsel hin zu mehr Umweltfreundlichkeit auch nur anzudenken und stattdessen immer noch größere SUVs für den Stadtverkehr auflegte. Ob Franz Beckenbauer von einem Wettanbieter Geld bekam oder sich etwas ungeschickt am Rechtehandel für Fußballspiele beteiligte, das ist doch ein Witz, verglichen mit den echten Baustellen, die es da gibt.

Hinzu kommt auch noch eines: Gerade in den großen Konzernen gibt es häufig eine Unkultur des männlichen Korpsgeistes im Sinne des vermeintlichen Erfolgs, die es den einzelnen Mitarbeitern gar nicht mehr möglich macht, zu widersprechen oder sich in Freiheit zu entfalten. Ein Klima der duckmäuserischen Anpassung. Das sind heute die echten Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft. Eine Atmosphäre der Angst, die Leben zerstört. Etwa bei VW in den Jahren von Martin Winterkorn, vor dem offensichtlich selbst leitende Mitarbeiter oft genug einfach nur Angst hatten. Wie soll da eine heilsame Dynamik entstehen, die den Menschen im Unternehmen oder auch in der gesamten Gesellschaft zum Wohl gereicht. Wie menschenfreundlich war dagegen Beckenbauers Devise für seine Mitarbeiter: „Geht’s naus und spuits Fuaßball!“

„Die Kasse muss stimmen.“ Der Satz ist so richtig, wie er auch falsch ist. Bei wem stimmt die Kasse schon, davon handelt das ganze Neue Testament. Eher muss man doch darauf achten, ob Schaden entsteht für den Mitmenschen, oder auch darauf, was jemand wirklich eingebracht hat in eine Gesellschaft, in die Welt, in der er lebte und handelte. Und wenn wir da zu Franz Beckenbauers 70. Geburtstag ein wenig Bilanz ziehen, dann müssen wir doch sagen, dass die insgesamt ganz gut aussieht.

Straubinger Tagblatt vom 17. Oktober 2020 

Warum wir mehr als ein Bündel Neuronen sind

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. September 2020

Otto F. Kernberg und Manfred Lütz sind sich einig, dass es eine höhere geistige Wirklichkeit gibt

Ein Psychotherapeut, mit dem ich gut befreundet bin, erzählte mir einmal folgende Geschichte: In seiner dreijährigen Lehranalyse habe er dem ihm zugeteilten Therapeuten jede Woche von sich selbst, seiner Lebensgeschichte, seinen Gefühlen und seinen Träumen erzählt. Der ältere Therapeut sei ihm gegenüber regelmäßig mit geschlossen Augen gesessen und habe als einzigen Satz immer nur gesagt: „Hier sieht man Ihre Suche nach Ihrer Identität.“ Ansonsten habe er sich vollkommen an das Prinzip der sogenannten „neutralen Aufmerksamkeit“ des Therapeuten gehalten und weder kommentiert noch beraten noch sonst irgendwie eine kreative Leistung erbracht. Am Ende wiederholte mein Freund nach drei Jahren seine Therapie bei einer angesehenen Therapeutin, die dann doch aktiver und hilfreicher war und wurde selbst ein kluger und angesehener Seelenhelfer.

„Was hilft Psychotherapie?“ – so heißt der Titel eines kleinen, aber sensationellen Bändchens, in dem der anerkannte deutsche Psychotherapeut Manfred Lütz mit dem Altmeister der Psychotherapie Otto Kernberg spricht. Kernberg begegnete in seiner Kindheit noch Sigmund Freud, stammt wie dieser aus Wien und hat mit seinen Forschungen zum Phänomen des Narzissmus bahnbrechende Arbeiten vorgelegt. Während des Dritten Reichs musste er als Jude nach Südamerika flüchten, heute lebt er an der Ostküste der USA. Dass er jetzt im stattlichen Alter von 92 Jahren noch immer forscht und praktiziert – und das mit Erfolg –, spricht für ihn.

Selbsthass ist der größte Feind des Menschen

Das Spannende dieser schriftlichen Aufzeichnung eines dreitägigen Gesprächs zweier führender Psychotherapeuten ist der so möglich gewordene Blick in die Herzkammer des Unbewussten und der Psychotherapie, weil sich die beiden in aller Offenheit über ihre Erfahrungen und ihre Tätigkeit austauschen. Man muss ja bedenken: Psychotherapeuten begegnen all den Problemen, die uns im täglichen Leben selbst beschäftigen, an dem Punkt, wo Menschen die Kontrolle über sie verlieren: Ehrgeiz, Rivalität, Liebe und Hass, Aggression und Wut, mörderische Gedanken oder sogar Handlungen, Beziehungsfähigkeit oder ihr Gegenteil.

Der größte Feind des Menschen ist nach Otto Kernberg sein Selbsthass: „Patienten mit extrem selbstzerstörerischen Tendenzen, deren Hauptziel es ist, sich langsam zu zerstören und die darin einen Triumph über das Leben, über ihre Mitmenschen, einen Triumph über alles sehen. Sie erleben, während sie sich selbst langsam zerstückeln, ihre Macht über Leben und Tod.“ Aber es gibt auch die Kehrseite davon. Nicht jeder Mensch, der durch Grenzerfahrungen hindurchgeht, ist gleich ein Fall für den Psychotherapeuten: „Die Fähigkeit, sich zu deprimieren, Angst zu haben, ist normal angesichts der Enttäuschungen und Gefahren des menschlichen Lebens. Wenn ein Mensch ein Versagen erlebt, einen Verlust, eine Liebesenttäuschung dann ist es völlig normal, deprimiert zu sein. Wenn er sehr darunter leidet, sollte er das mit einem Freund besprechen und nicht mit einem Therapeuten.“

Überhaupt zitiert Kernberg gerne Sigmund Freud, der sagte, das Ziel des Lebens sei ganz einfach: arbeiten und lieben zu können. Und ganz wichtig: Kein Mensch sei allein, jeder sei Teil eines für ihn entscheidenden Beziehungsgeflechts, das am Ende seine innere Welt werde, in der und aus der er lebe.

Am faszinierendsten wird der Text gegen Ende des Gesprächs, als beide Therapeuten, obgleich Naturwissenschaftler, einräumen, dass es hinter der Welt des Unbewussten und ihren faszinierenden Motiven eine Welt des Geistigen geben müsse, die man im weitesten Sinne mit dem Begriff Gott umschreiben könne. Otto Kernberg: „Ich glaube immer weniger, dass wir die Idee Gottes selber schaffen, weil wir durch Liebe, Aggression und Konflikte doch so beschränkt sind, dass eine ewige Wahrheit nicht bloß in uns, sondern über uns realistischer ist als eine Vorstellung, dass wir uns da nur eine Ersatzfantasie schaffen.“

Von diesem Selbst- und Weltverständnis her schlägt Kernberg dann auch den Bogen zur Kritik an der modernen Hirnforschung, die glaube, dass ein Mensch bloß ein Bündel von Neuronen und aktivierten Reizmechanismen sei. Aus der Erkenntnis, dass „eine gewisse Konzentration von ein paar Hundert Millionen Neuronen, die genau zusammenpassen und so perfekt organisiert sind, dass sie mit einer gewissen Frequenz, die wir feststellen können, kommunizieren und mit dieser Frequenz entwickelt sich dann die Möglichkeit etwas zu spüren“, lässt sich für Kernberg genau nicht schlussfolgern, dass der Mensch kein Leib-Seele-Wesen sei. Er sagt: „Was mich erstaunt, ist, dass die Neurobiologen einfach darüber hinweggehen, ohne auch nur eine Sekunde einen Gedanken daran zu verlieren.“

Zärtlichkeit und Harmonie als Garanten der Liebe

Und auch der das Interview führende Manfred Lütz stimmt dem zu, wenn er von einem personalen Gott spricht, der bei aller naturwissenschaftlich messbaren Energie, die im Menschen und in der Welt da ist, „etwas Personales“ und „nicht eine energiereiche Molekülaransammlung“ sei. Manfred Lütz: „Wenn ich die religiöse gute Erfahrung der Liebe zusammennehme mit der ebenso religiösen Intuition einer zwecksetzenden Intelligenz, eines vernünftigen Willens, der die Welt geschaffen hat, dann kommt da kein Monster heraus, sondern für mich der christliche personale Gott, zu dem man Du sagen kann, zu dem man beten kann.“

Und noch zwei andere Aspekte machen das Interview der beiden Psychotherapeuten spannend. Der erste ist die politische Bewertung der Welt heute am Beginn des 21. Jahrhunderts. Otto Kernberg weigert sich zwar, von seinem Schreibtisch aus Donald Trump in einem klinischen Sinn zu bewerten, aber er sagt am Ende doch: „Der bösartigste und gefährlichste ist für mich Putin. Aber der verrückteste ist Trump, der hat da in seiner Großartigkeit, Unfähigkeit und Unehrlichkeit keinen Rivalen. Er ist eine Gefahr für die Demokratie.“

Mit solch einem traurigen Blick auf die Welt will uns der berühmte und liebenswürdige Psychotherapeut dann doch nicht entlassen. Darum gibt er uns am Ende noch einen Einblick in das, was eine gute Beziehung zwischen zwei liebenden Menschen für ihn ausmacht: „Es ist wichtig, dass man sich für die Wertesysteme des anderen interessiert und da mitfühlen kann, sodass, um es zusammenzufassen, eine solche Beziehung auf einer emotionalen Innigkeit und Zärtlichkeit, einer sexuellen Freiheit und einer Harmonie der ethischen und allgemeinen Wertesysteme beruht. Das ist für mich eine glückliche Liebe. Wer das erreicht, sollte dankbar dafür sein, dass er einen Menschen gefunden hat, mit dem er so eine Beziehung erleben kann.“

Dieses kleine Gespräch von nicht einmal 200 Seiten ist eine zauberhafte Lektüre. Sie ist spannend und lehrreich zugleich.

Straubinger Tagblatt vom 25. September 2020

Der Weltregent und sein Seelenheil

von Prof. Dr. Martin Balle | 19. September 2020

Mit „Der Kaiser, dem die Welt zerbrach“ hat der Historiker Heinz Schilling ein ebenso erhellendes wie aufregend zu lesendes Buch über Karl V. geschrieben

Um unsere Gegenwart zu verstehen, schauen wir gerne auf unsere Geschichte zurück. Auf das 20. Jahrhundert mit seinen schrecklichen Kriegen, der Teilung der Welt in zwei feindliche Blöcke, dann die Neuordnung in einem Europa, das in sich zerrissen bleibt und im neuen Jahrtausend immer stärker zeigt, dass die Risse nicht weniger, sondern mehr und stärker werden. Oder auf das 19. Jahrhundert, als sich die Nationen bilden, in Deutschland 1871, nachdem Frankreich besiegt wurde und die deutsch-französische Feindschaft beginnt und fast über 100 Jahre währt.

Allenfalls blicken wir noch ins 18. Jahrhundert zurück, auf Goethe und Schiller und vor allem auf Kant und seinen Ruf, aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu erwachen. Und auf das Ende der Monarchie in Frankreich mit der blutigen Französischen Revolution 1789, dem Beginn von Parlamentarismus und Demokratie – in Deutschland dann erst 150 Jahre später, wovon die Historiker noch immer erzählen.

Obwohl er deutscher Kaiser war, sprach Karl V. kein Wort Deutsch

Was wir allzu leicht vergessen: Es ist das 16. Jahrhundert, in dem das Fundament gelegt wird, auf dem die europäische Welt bis heute immer noch ruht. Luthers Einspruch gegen die Dekadenz der Kirche, ein Aufbruch des Denkens, den Philosophen durchaus als Frühaufklärung bezeichnen, die Erfindung der Druckerpresse, die die Welt verändert – und gleichzeitig mit dem Schiff die Entdeckung und Eroberung neuer Kontinente, die plötzlich zugänglich werden. Zugleich der Blick zurück auf das Mittelalter mit all seinen Herrschern und Traditionen, das noch nicht Geschichte ist, sondern seine Prägekraft auf dieses 16. Jahrhundert mit all seiner Macht ausübt.

„Der Kaiser, dem die Welt zerbrach“, so nennt der Historiker Heinz Schilling sein hervorragendes Porträt von Karl V., der die zentrale Figur dieses Jahrhunderts der anbrechenden Moderne ist. Schilling beschreibt mit ihm aber nicht nur einen faszinierenden Kaiser, sondern er wirft zugleich einen tiefen Blick in diese Zeit, die er so aus gutem Grund „die Sattelzeit zwischen Mittelalter und Neuzeit“ nennt. Diesen Oktober sind es exakt 500 Jahre, dass sich Karl im Dom zu Aachen zum Deutschen König und zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wählen lässt. Und dass damit eine Regierungszeit beginnt, die 35 Jahre dauern sollte und ihre Prägekraft auf die ganze Welt und ihre Zukunft ausdehnen sollte.

Was heute oft vergessen wird, ist, dass dieser deutsche König kein Wort Deutsch sprach und dass sich um die deutsche Krone auch die anderen Herrschaftshäuser bewarben: Heinrich VIII. von England und Franz  I. von Frankreich. Noch machten die Königshäuser Europas die Macht unter sich aus und warben um die Stimmen der sieben Kurfürsten, die nach der deutschen Verfassungsurkunde, der Goldenen Bulle aus dem Jahr 1356, bestimmen sollten, wer König und Kaiser werden dürfe. Die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier und die Kurfürsten von Brandenburg, Sachsen, der Pfalz und der König von Böhmen, das waren die Beteiligten des Verfahrens. Eine Million Goldgulden kostete es am Ende das Haus Habsburg, die Wahl für sich zu entscheiden, und es war nicht zuletzt die Familie der Augsburger Fugger, eine frühkapitalistische bürgerliche Welt also, die diese Wahl möglich machte.

Aus Burgund stammt Karl V., so dass die Städte, aus denen unser heutiges Europa herauswächst, nicht Paris oder Berlin heißen, sondern Gent, Brüssel oder Antwerpen. Aus dem heutigen Belgien und Holland, dem damaligen Burgund, das zwischen Frankreich und Deutschland liegt, entspringt die Hochkultur des Spätmittelalters, in der Karl V. aufwächst. Mit seinem Bruder Ferdinand beherrscht er Spanien und Deutschland, dazwischen liegt Frankreich, mit dem immer wieder Kriege geführt werden. Aber mächtig sind nicht nur die anderen Könige in Frankreich und England, sondern vor allem auch die Fürsten und Herzöge, also die Reichsstände, aber auch die aufblühenden Städte, mit denen es sich ständig ins Benehmen zu setzen gilt.

Davon erzählt der Historiker Heinz Schilling so spannend, dass man sich buchstäblich ins 16. Jahrhundert zurückversetzt fühlt. Als Karl 1538 in Spanien erfährt, dass sich seine Geburtsstadt Gent den Steuerforderungen seiner Statthalterin widersetzt, eilt er nach Hause und lässt die Rädelsführer mitten in der Stadt köpfen. Die Entschuldigung des Stadtrats nimmt er nur in einer „demütigenden Bittprozession im Büßerhemd und mit dem Galgenstrick um den Hals“ an. Harte Zeiten! Auch für seine eigenen Schwestern, die im Rahmen der königlichen Verwandtschaft dorthin verheiratet werden, wo es politisch Sinn macht. Für Liebe und Gefühle kein Platz, auch wenn die eine oder andere darunter leidet.

Karl V. ist tiefgläubig und mehr Christ als die Päpste seiner Zeit

Von Luther weiß Karl noch nicht, dass er eine eigene Konfession gründen wird, weil Luther das selbst noch nicht weiß. Noch kämpfen alle Beteiligten um den rechten Weg zu Gott, Erasmus sanfter als Luther und Melanchthon maßvoller als Calvin. Wer am Ende die Geschichte prägen wird, wissen vorerst noch nicht einmal die Beteiligten selbst. Der Papst ist mächtig und will immer noch mehr Macht, Karl V. ist dagegen tiefgläubig und mehr Christ als die Päpste seiner Zeit. Gemeinsam verteidigt man Europa gegen die Türken, aber erst der uneheliche Sohn von Karl V., Don Juan de Austria, wird es sein, der 1572 die Vormacht der Türken endgültig bricht.

Ein „Reisekaiser“ ist Karl V., er ist nirgends zuhause, immer unterwegs, um seinen Herrschaftsbereich abzusichern. Um sich zu entspannen, trinkt er maßlos Bier, was ihm am Ende nicht bekommt. Wie Deutschland ist auch Italien noch jahrhundertelang keine Nation. Es kämpfen Frankreich, der Kaiser und der Papst um Mailand oder auch Parma und all die anderen Herzogtümer, die es gibt. Auch jetzt wird wieder erfolgreich Heiratspolitik betrieben: Ein Verwandter der Päpste heiratet die Tochter des Kaisers, damit endlich in Italien Frieden herrscht. Fragt sich immer nur, wie lange. Und immer sind es Macht und Religion, die als entscheidende Motive die Geschichte prägen.

Wo auch immer Karl V. sich in der Welt machtvoll durchsetzt, glaubt er stets, dies im Auftrag Gottes zu tun. Als im Augsburger Religionsfrieden 1555 ein Kompromiss mit dem neuen Glauben gemacht werden muss, der dem persönlichen Glauben des Kaisers zutiefst widerstrebt, glaubt er sich von Gott nicht mehr getragen – und tritt als Kaiser zurück. Heinz Schilling schreibt darüber: „Wenn ein Weiterregieren das Heil seiner Seele in Gefahr brachte, dann hatte er das Recht, ja die Pflicht abzudanken. Darüber waren sich die Humanisten und Theologen einig. Mit dieser Lehre war Karl großgeworden. Der Verzicht Kaiser Karls V. war zugleich ein Akt tiefer Herrscherhumanität in einem Moment, in dem der skrupellose Realismus machiavellistischer Politiktheorie sich in Europa seinen Weg bahnte.“

Keine zwei Jahre bleiben Karl noch, der sich jetzt als Privatmann, dankbar, dass seine Regierungszeit vorbei ist, in ein Haus auf einem Klostergelände des Hieronymiten-Ordens nach Spanien zurückzieht. Als er im September 1558 stirbt, ist der ehemals mächtigste Mann seiner Zeit voller Angst, ob Gott seine Seele erlösen wird. An seinem Sterbebett steht der Erzbischof von Toledo Bartolomé de Carranza, der ihn mit dem Satz tröstet: „Eure Majestät setzt Ihr ganzes Vertrauen auf das Leiden Christi, unseres Erlösers. Alles andere ist lächerlich“, um ihm so in der Todesstunde die Angst zu nehmen. Ein wunderbarer Satz.

Nach dem Tod des Kaisers wird der Erzbischof für diesen Satz 15 Jahre in spanischen und italienischen Kerkern eingesperrt, weil er als „Verspottung und (protestantische) Missachtung des katholischen Bußsakraments ausgelegt“ wurde. Harte Zeiten, brutale Zeiten! Der Historiker Heinz Schilling hat mit seinem Porträt von Karl V. ein glänzendes Buch geschrieben, das sich stellenweise wie ein Krimi liest. Jedem, der sich für die Geschichte Europas interessiert, sei es unbedingt ans Herz gelegt!

Heinz Schilling: Karl V. – Der Kaiser, dem die Welt zerbrach. C. H. Beck Verlag, München 2020, 457 Seiten, 29,95 Euro.

Straubinger Tagblatt vom 19.  September 2020

Die beglückende Heimat in uns selbst

von Prof. Dr. Martin Balle | 12. September 2020

Der Münchner Jesuit Michael Bordt hat ein erhellendes Buch über die Sehnsucht geschrieben

Im Zentrum vieler Wissenschaften steht der Begriff des Begehrens. So geht es in der Lehre von der Betriebswirtschaft primär um die Frage, wie Märkte erkannt und organisiert werden können: wie also die Bedürfnisse der Menschen so abgeholt werden können, dass am Ende Unternehmen zielgerichtet diese Bedürfnisse befriedigen und mit dieser organisierten Form der Bedürfnisbefriedigung Arbeitsplätze schaffen und Gewinne machen können.

Auch in der Psychologie geht es primär um den Begriff des Begehrens. Es war der französische Theoretiker der Psychoanalyse Jacques Lacan, der herausgearbeitet hat, dass es das Begehren der Menschen ist, das sie vor allem als Mann und Frau immer wieder neu zueinandertreibt und damit die Dynamik des Lebens bestimmt. Nach Lacan muss jeder Mensch immer wieder aufs Neue begehren, um dann nach der Erfüllung seines Begehrens traurig festzustellen, dass das Spiel des Begehrens schon wieder von vorne beginnt. Also auch ein Hamsterrad, so sehr das Begehren und seine Erfüllung auch beglücken mögen.

An diesem Punkt der Geistesgeschichte setzt jetzt ein neuer kleiner Band des bekannten Münchner Jesuiten Michael Bordt an, der unserer Unzufriedenheit in der Alltagswelt nachspürt und hinter dem Begriff des Begehrens einen ganz anderen Begriff herausarbeitet: den der Sehnsucht. „Ihre und unsere Sehnsucht“, so schreibt er, „ist verwandt mit unserem Verlangen, unserem Begehren, unserem Wollen und unseren Wünschen. Dabei gibt es allerdings einen interessanten Unterschied. Wenn wir das, was wir begehren oder wünschen, erst einmal bekommen haben, erlischt es, so wie wir nicht mehr hungrig sind, wenn wir ausreichend gegessen haben. Wenn wir aber das Ziel unserer Sehnsucht erreicht haben, dann erlischt sie damit nicht. Das Ziel der Sehnsucht zu erreichen ist wie Öl, das man in die Flammen gießt: Es treibt die Sehnsucht nur noch mehr an. Für einen beglückenden Moment mag sie zur Ruhe kommen, aber nur, um sich danach umso heftiger zu melden.“

Eigentlich ist Sucht bekanntermaßen etwas Schlechtes, wir versuchen, sie zu vermeiden. Sie führt uns in Abhängigkeiten und Abgründe. Mit der Sehnsucht aber, so Bordt, verhält es sich anders. Sie sei der Urgrund unseres Lebens in dieser Welt, und nur wer sie zulasse, der vermöge sich als Mensch dorthin zu entwickeln, wozu er im Innersten aufgerufen sei.

Michael Bordt ist als Jesuit zwar Christ und steht so im Transzendenzbezug auf Gott hin, aber sein Büchlein handelt vor allem von der Sehnsucht der Menschen, wie er sie vorfindet, und der Möglichkeit, ihr in allen möglichen Formen der Meditation zu begegnen. Oder auch in Gesprächen oder sogar im Schweigen. Bei Spaziergängen oder dem Blick aus dem Fenster im Winter auf den leise fallenden Schnee. Er will gerade nicht uns beredt von Gott überzeugen, sondern er geht auf den Menschen zu, wie er von sich her fühlt, begehrt und sich sehnt. Es geht ihm darum, dass wir „ein immer feineres Gespür für uns selbst“ entwickeln, es nicht nur „anderen Menschen rechtmachen“ wollen, uns also bloß in der Außenwelt des alltäglichen Lebens verheddern. Es geht ihm darum, dass wir unser Leben gerade im Alltag besser erleben und erspüren können. Denn die „Grenze zwischen profanen Alltagserfahrungen und tiefen spirituellen Erlebnissen“ bleibe immer unscharf.

Sein schönes Resümee am Ende des Buches lautet: „Den Versuch zu wagen, sein Leben immer umfassender von der spirituellen Identität her zu verstehen und zu führen, zieht interessante Konsequenzen nach sich. Wenn wir wissen, dass unsere Sehnsucht auf eine innere Heimat zielt, dann werden wir unempfänglicher gegenüber den Versuchen der Werbe- und Marketingindustrie, uns glauben zu machen, unser Glück hinge an unserem Lifestyle und Konsumverhalten.“

Michael Bordt SJ: Die Kunst, unserer Sehnsucht zu folgen. Spiritualität in Zeiten des Umbruchs. Elisabeth Sandmann Verlag, München, 128 Seiten, 16 Euro.

Straubinger Tagblatt vom 12. September 2020

Ein Narziss auf dem Papstthron

von Prof. Dr. Martin Balle | 29. August 2020

Mit „Der Unfehlbare“ hat der Kirchenhistoriker Hubert Wolf ein brisantes Porträt von Pius IX. verfasst

Flucht in die Gewissheit“ heißt das Buch des bekannten Münchner Psychotherapeuten Werner Huth, in dem er beschreibt, wie Menschen oder Gruppen in unsicheren Situationen aus Angst in eine fundamentalistische Position drängen: „Ohne Ich- und Bewusstseinsveränderungen, die aus der Abwehr geboren sind und hinter denen letztlich Angst steckt, gibt es keinen Fundamentalismus. Für den Fundamentalisten schrumpft die Wirklichkeit auf das für ihn Bedeutsame zusammen. Er sucht nur noch Bestätigungen seiner Ansichten oder aber Feinde, die diese Ansichten mit unlauteren Mitteln bekämpfen. Damit will er seinerseits alles Fremde und die eigenen Zweifel abwehren.“

Das beste Beispiel ist Donald Trump. Sein Wahlsieg vor vier Jahren, als er amerikanischer Präsident wurde, war überwältigend – dabei hatte er außer der Parole „America first“ nun wirklich nichts zu bieten. An und für sich ist der Fundamentalismus am ehesten bei Religionen anzutreffen. Beim sogenannten „Islamismus“ ist das in den letzten Jahren oft analysiert worden. Der eigene Glaube wird absolut gesetzt und damit zu einer Fehlform der wahren Religion.

Mit Glück und Beziehungen machte er in Rom Karriere

Und die katholische Kirche? Woher kommen eigentlich in ihr die unglaublich konservativen Beharrungskräfte, die es dort immer noch gibt? Was waren die historischen Weichenstellungen für die Fehlentwicklungen, an denen die katholische Kirche noch heute leidet? War es wirklich nur das finstere Mittelalter, als Kaiser mit Päpsten um die Macht rivalisierten – über Jahrhunderte, so dass die eigentliche Botschaft des Evangeliums fast vollständig in den Hintergrund trat.

Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat jetzt ein unglaublich spannendes Buch geschrieben, in dem er herausarbeitet, wie Papst Pius IX. im 19. Jahrhundert die katholische Kirche in genau jene Fehlentwicklung hineinsteuert, unter der sie in Teilen noch heute leidet. „Der Unfehlbare“ heißt das umfangreiche Porträt über den italienischen Grafen Giovanni Maria Mastai-Ferretti aus Senigallia, einem kleinen Kaff irgendwo in den Marken zwischen Rimini und Ancona. Eigentlich war er noch nicht einmal für das Amt des Priesters geeignet, weil er unter starken epileptischen Anfällen litt. Aber mit Glück und Beziehungen ging es dann doch nach Rom, wo er seine Karriere machte.

Der Tübinger Theologe Hans Küng verdankt seine Popularität sicher auch seiner laut aufgeworfenen Frage, wie sich denn Päpste „unfehlbar“ nennen könnten. Das haben ihm damals zahlreiche andere Theologen übelgenommen, weil er ein Thema in die Öffentlichkeit trug, das zu diesem Zeitpunkt niemanden mehr interessierte. Aber die Frage bleibt: Wie kommt ein Papst dazu, sich für unfehlbar zu halten und vor allem andere auf diese Sichtweise festzulegen? Und es war ja nicht erst das Dogma aus dem Jahr 1870, sondern schon in seiner Antrittsenzyklika im November 1846 sprach sich der neue Papst die Unfehlbarkeit zu. Er behauptet hier, dass sich die ganze Welt in einem „schrecklichen Krieg gegen die katholische Kirche“ befinde. Er wehre sich gegen die Kommunisten, die Sozialisten, die Gleichgültigen, die Protestanten und all die anderen, die behaupteten, „die hochheiligen Geheimnisse unserer Religion seien Erdichtungen und Erfindungen der Menschen, und die Lehre der katholischen Kirche widerstreite dem Wohl und den Vorteilen der menschlichen Gesellschaft“.

Das ist der Beginn seiner Selbsterhöhung. Gegen den Zeitgeist, in aggressiver Frontstellung gegen all die Gefahren, die er in diesem von Revolutionen und Kriegen gebeutelten 19. Jahrhundert spürt und von denen er sich und seine Kirche bedroht fühlt. All diese Irrtümer schrien geradezu nach einer letzten „lebenden Autorität“, die „den wahren und rechtmäßigen Sinn der himmlischen Offenbarung lehren, festlegen und alle Streitfragen im Bereich des Glaubens und der Sitten mit unfehlbarem Urteil entscheiden“ könne. Diese „lebendige und unfehlbare Autorität waltet nun in jener Kirche, die von Christus, dem Herrn, auf Petrus, das Haupt“, übergegangen sei, so dass heute die Deutungshoheit über das, was zu glauben sei, zuletzt beim Papst liege.

Der Papst als Interpret der göttlichen Instruktionen

Nicht Jesus ist es also, der in jede Zeit hineinsprechen soll, nicht die Evangelientexte also sind es, die in jeder Zeit je neu hermeneutisch befragt und gedeutet werden müssen. Nein: Der Papst hat die Wahrheit, er steht für die Wahrheit, er ist die Wahrheit.

Mit dieser ersten Enzyklika in einer Zeit der europäischen Unruhen und Wirren beginnt der verhängnisvolle Weg der katholischen Kirche in einen dogmatischen Autoritätsglauben, der ihr selber über Jahrzehnte am allermeisten schadete. Es folgte 1864 der bekannte „Syllabus errorum“, also der Index aller vermeintlichen Irrtümer der modernen Welt und Gesellschaft, und am Ende das Erste Vatikanische Konzil von 1869 bis 1870 mit dem Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes.

Das Erste Vaticanum macht so die Tür zum Denken und Fragen in der Tradition der Aufklärung für die Katholische Kirche erst einmal zu. Hubert Wolf fasst den Inhalt so zusammen: „Gott teilt dem Menschen Sätze mit, die übernatürlichen Ursprungs sind, deshalb von der Vernunft nicht überprüft werden können und schlicht geglaubt werden müssen. Damit die Gläubigen auch sicher sein können, dass ein Glaubenssatz tatsächlich von Gott stammt, braucht man einen authentischen Interpreten der göttlichen Instruktionen. Dieser Interpret ist der unfehlbare Papst. Aus der Begegnung mit dem lebendigen Gott wurde ein Katechismusunterricht gemacht.“

Und fast noch gravierender: Der Papst spricht sich das „Jurisdiktionsprimat“ zu und gibt so mit seiner Autorität den Bischöfen, aber auch den Gläubigen verbindliche Anweisungen, die zu befolgen sind. Wenn wir heute an den Streit zwischen dem Papst und den deutschen Bischöfen um die Beratungsgespräche vor Abtreibungen denken: Deshalb konnte der Papst ohne Rücksicht auf seine Bischöfe und Kardinäle in Deutschland sich ganz einfach durchsetzen. Das Erste Vaticanum wirkt in wesentlichen Teilen bis heute weiter.

Und Papst Pius IX.? Wer war er wirklich? Ein Geängsteter? Ein Selbstsüchtiger? Ein Irrer? Auf jeden Fall lässt er sich als Papst jede Schmeichelei gerne gefallen. Als unfehlbarer Papst glaubt er sich gerne selbst seine bequeme Allmacht und Allwissenheit. Ein Narziss auf dem Papststuhl, der Maria verehrt und an Wunder glaubt, vor allem, wenn sie ihm selbst gelten. Das ist heute auch der Stand der Forschung. Aber schon die Zeitgenossen von Papst Pius IX. stellten wahnsinnige Züge an ihm fest. Hubert Wolf: „Beim obligatorischen ‚Fußkuss‘ – der Papst sitzt auf seinem Thron, die Bischöfe treten heran, knien nieder und verehren die Füße des Papstes – hat er offenbar mehrfach seinen Fuß auf den Kopf eines Bischofs gestellt und ihn niedergedrückt. Bischof Dupanloup sprach in diesem Zusammenhang von einem ‚Herz aus Stein‘ und nannte ihn einen notorischen Täuscher und sogar Lügner. Kurienkardinal Gustav Adolf von Hohenlohe-Schillingsfürst äußerte, ihm sei in seinem ‚ganzen Leben kein Mensch vorgekommen‘, der ‚es mit der Wahrheit weniger genau nahm als gerade Pius IX.‘.“ Donald Trump lässt grüßen!

Er hat das charismatische Papsttum erfunden

Und heute? Die Spätfolgen dieses Pontifikats sind bekannt, und so gab es gegen seine Seligsprechung vielfältige Einwände von Theologen und liberalen Bischöfen, und sie dauerte dann auch über 100 Jahre. Die Tugend der Nächstenliebe habe gefehlt, die soziale Frage habe ihn nicht interessiert und bei der Durchsetzung seiner Unfehlbarkeit gegen liberale Kritiker gilt es zu überlegen: „Zu fragen ist, ob der Papst den Vätern (des Konzils) volle Freiheit ließ, das Thema zu analysieren und darüber zu entscheiden; ebenso, ob er sich auch gegenüber jenen Vätern respektvoll und ehrerbietig gezeigt hat, die dagegen waren (…).“ Ein Charakterbild wird erkennbar!

Die Spur aber führt von Pius IX. unmittelbar in unsere Gegenwart. Hubert Wolf: „Pius IX hat das charismatische Papsttum erfunden und Johannes Paul II hat es zur Vollkommenheit geführt.“ Und heute kämpft der arme Papst aus Argentinien im Vatikan gegen die, die immer noch glauben, dass genau über Rom die Sonne niemals untergeht.

Straubinger Tagblatt vom 29. August 2020 

Der Text, die Kultur und die Macht

von Prof. Dr. Martin Balle | 29. August 2020

Das Buch „Europa“ des Münchner Literaturwissenschaftlers Jürgen Wertheimer erinnert uns daran, dass unser Kontinent über Tausende von Facetten verfügt und aus dieser Vielfalt seine Faszination bezieht

Schon als er noch in den 80er Jahren als Professor in München lehrte, war Jürgen Wertheimer eine besonders markante Figur. Rabaukig, klug, nicht bereit, etwas zu glauben oder zu lehren, was sich seinem intellektuellen Blick sofort als Fälschung verriet. Es konnte passieren, dass er mitten in einer spannenden Büchner-Vorlesung von seinem Manuskript aufsah und den Studentinnen und Studenten entgegenschleuderte: „Sie glauben ja wirklich alles, sogar dass Madonna gute Musik macht. Ihnen kann man wirklich alles verkaufen.“

Von 1991 bis 2015 war Jürgen Wertheimer dann Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen. Mit seinem Opus magnum „Europa – eine Geschichte seiner Kulturen“, das er in diesem Sommer vorgelegt hat, zeigt er, dass er von seiner Fähigkeit zur kritischen Analyse und zum eigenständigen Denken nichts abgegeben hat.

Gewalt als Thema von Politik und Literatur

Während Jürgen Habermas in seinem zweibändigen Werk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ in großer Feinheit die wechselseitigen Erhellungspotenziale von Vernunft und Glauben seit der Antike herausarbeitet, beschreibt Wertheimer exakt denselben Zeitraum als eine Geschichte der Literatur und der Kultur, in der es zuallererst immer auch um Macht und Deutungshoheit gegangen sei.

So fein wie bei Habermas geht es hier nicht zu. Vor allem Literatur beschreibt für Wertheimer seit Homer das Töten und Morden und hat immer auch mit den Zentren und Epizentren der Macht zu tun. Gewalt als gemeinsames Thema von Politik und Literatur. Politik braucht Erzählungen, Narrative, so Wertheimer: von Vergils Beschreibung, dass mit Aeneas ein letzter Held aus Troja Rom gegründet habe, bis hin zur Religion der Juden, die mit Jahwe ihren Helden gefunden habe.

Für Wertheimer gibt es nichts zu glauben, alle Texte sind bei ihm Dokumente einer kulturellen Auseinandersetzung, die sich zu allen Zeiten jeweils neu in Europa abgespielt habe. Auch Jesus ist für ihn nur ein Held, den genau diese Zeit vor 2000 Jahren eingefordert habe: „Jesus Christus dockt nahezu fugenlos an die Prophetien des Alten Testaments an – führt sie jedoch auf ebenso faszinierende wie frappierende Art weiter. Aus der Krise des teilweise erstarrten, teilweise mürbe gewordenen Judentums erwächst eine neue Art von Religion, von Literatur; eine neue zukunftsträchtige Variante, die in allem zeitnäher, psychologisch plausibler, historisch angemessener ist: Mit einem neuen Typus von Identifikationsfigur, die bis in die Gegenwart trägt, empfindsam, eloquent, attraktiv – ein Sympathieträger.“

Menschen und Geschichte erklären sich für Wertheimer aus ihren Trieben, aus ihren Bedürfnissen, auch aus ihren Bedürfnissen nach Geschichten. Weil ihm von vorneherein nichts heilig ist, kann er umso besser die Schattenseiten von Mythen, Erzählungen und vor allem Religionen entlarven. Machtausübung, Herrschaftskämpfe, Lügen. Das provoziert, weil der Heilsaspekt von Glauben oder auch jede Form der Spiritualität vollkommen unter den Tisch fällt, aber es hilft, das Böse zu entlarven und Ideologeme aufzudecken.

Für Wertheimer ist alles Text und Kultur und steht im Wechselspiel mit Macht und Politik. Dabei wird das ganze Ausmaß der Gewalt, das Europa in den letzten 3 000 Jahren erschüttert hat und das es auch in andere Kontinente exportiert hat, nochmals in seiner entsetzlichen Brutalität gezeigt und in seinen verheerenden Wirkungen vorgeführt – von den Kreuzzügen der Christen bis hin zur Kolonialisierung Afrikas 700 Jahre später.

Ist das alles neu? Sicher nicht, aber wie ein Seismograph zeigt Wertheimer auf, wie die Mechanismen von Macht, Gewalt und Kultur ineinandergreifen und sich so die europäische Geschichte über die letzten 3 000 Jahre entwickelt hat. Wie Kulturräume sich bekämpfen und doch zueinander gehören. Von Rom bis Byzanz. Wie Erzählungen und Mythen Kulturen begründen, sie aber auf der anderen Seite auch kritisieren. Literatur als Chance, aber auch als Gefahr: Nichts in dieser Welt ist gefeit gegen Manipulation und Lüge, auch nicht die Kunst.

Und warum erzählt uns Jürgen Wertheimer diese Geschichte nochmals auf über 500 Seiten? Weil er zeigen will, dass dieses Europa nur dann eine Zukunfts- und Überlebenschance hat, wenn es um all seine Brüche und inneren Spannungen weiß und sie nicht durch den platten und vorschnellen Politiker-Optimismus und durch bürokratische Normen zukleistern will. Indem Wertheimer die blutgetränkte und spannungsreiche Geschichte Europas bis hin zum Jugoslawienkrieg nochmals erzählt, wird klar, dass dieses Europa Tausende von Facetten hat und nur in seiner Vielfalt leben kann – und eben kein Einheitsbrei werden darf.

Europas vielstimmiges Dialogmodell als Chance

Jürgen Wertheimer: „Europa zerbricht immer dann, wenn man es in ein Paket zusammenschnüren möchte … es muss lernen, seinen überaus elaborierten Code ernst zu nehmen und unterschiedliche Wertesysteme auf Ähnlichkeiten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede und Inkompatibilitäten hin zu befragen.“ Und was ist das Positive daran? „Europa sollte seine Skepsis gegenüber vereinnahmenden Mythen und Zugehörigkeitszuschreibungen jedweder Couleur bewahren … , sein hoch entwickeltes Dialogmodell nutzen, innerhalb dessen Vielstimmigkeit, Widerspruch und Widersprüchlichkeit systematisch praktiziert und eingeübt werden.“

Das Buch von Jürgen Wertheimer ist enorm wichtig, weil es zeigt, auf wie brüchigem Boden die Friedensutopie Europa steht und wie sorgsam politisch mit ihr umgegangen werden muss. Es ist aber auch gut zu lesen. Sein Autor ist hochgebildet, und er vermag es zudem, enorm süffig zu erzählen.

Jürgen Wertheimer: Europa – eine Geschichte seiner Kulturen. Penguin Verlag, München 2020, 576 Seiten, 26 Euro.

 

Unbequemer Mahner in der Wüste

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. August 2020

In „Der Corona-Schock“ stellt Hans-Werner Sinn zahlreiche kontroverse, aber bedenkenswerte Thesen auf

Warum gibt es Verschwörungstheorien? Sicher auch deshalb, weil heute viele Menschen das Gefühl haben, dass sie die Wirklichkeit nicht mehr greifen können. Dass die Entscheidungen in diesem Land irgendwo irgendwie von gleichsam anonymen Mächten getroffen werden. Entscheidungen, die für viele nicht mehr nachvollziehbar sind, weil nicht erkennbar ist, wer sie am Ende getroffen hat. Und dass die Medien im Verein mit der Politik längst das gesamte gesellschaftliche Leben manipulieren. Dass es in Wirklichkeit eine ganz andere gesellschaftspolitische Agenda gibt, von der aber niemand erfahren soll. Dass die wirtschaftlichen Hintergründe gar nicht mehr transparent sind.

Ist dieser Eindruck, den viele heute haben, ganz falsch? Warum entsteht er? Sind die Zusammenhänge, in denen wir leben, überhaupt noch verstehbar? Warum bleiben die einen reich und die anderen kommen nie auf einen grünen Zweig? Und steht in den Zeitungen überhaupt das, was wirklich geschieht? Oder sind gerade sie am Ende manipuliert? Noch nie gab es so viele Verschwörungstheorien wie heute.

Stärker wissenschaftliche Erkenntnisse einbeziehen

Bei solchen Fragen hilft eines sehr gut: der ganz solide wissenschaftliche Blick auf die Dinge, der am Ende besser zeigen kann, was im täglichen Diskurs von Politik und Medien schiefläuft, als die Verschwörungstheorien, die ja ein bloßes Vermutungswissen sind und sich häufig auf Stammtischniveau bewegen.

Der emeritierte Professor für Volkswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und langjährige Präsident des renommierten ifo Instituts Hans-Werner Sinn ist seit Jahrzehnten ein solch hartnäckiger wissenschaftlicher Beobachter gesellschaftlicher Realitäten, und in seinem gerade erschienenen Buch „Der Corona-Schock“ sagt er am Ende tatsächlich: „Es wäre gut, wenn die Politik aus der Corona-Krise lernt, dass wissenschaftliche Prognosen und Berechnungsmodelle stärker einbezogen werden müssen. Aber dazu sind die Fristen in der Politik zu kurz. Ein Politiker ist nicht Eigentümer seines Amtes. Anders als ein Unternehmer, der auch an nachfolgende Generationen denken muss, wenn er sein Unternehmen bewirtschaftet, weil er ja der Eigentümer ist und bleibt, muss das ein Politiker nicht tun. Er ist ein paar Jahre im Amt und dann wieder weg, und dann ist vielleicht sogar der politische Rivale an der Macht. Warum sollte er sich bemühen, ihm das Terrain zu bereiten? So jedenfalls denken sehr viele Politiker.“

Wenn das aber tatsächlich so ist, dann sind die im Fernsehen vorgetragenen Meinungen der politischen Bewerber zwangsläufig falsch oder wenigstens arg verkürzt, wo sie doch nur auf die Stimmen der Wählerinnen und Wähler zielen, die am Wahltag den so heiß ersehnten Erfolg bescheren sollen. Dann gibt es gute Gründe dafür, immer misstrauischer gegenüber dem System aus Politik und Medien zu werden. Und so zeigt Hans-Werner Sinn in seinem spannenden Buch tatsächlich auf, wo aus seiner Sicht der politische und gesellschaftliche Diskurs fundamental nicht stimmt.

Den Geldtopf, den die EU gerade aufgelegt hat, um den wirtschaftlich angeschlagenen Ländern im Mittelmeerraum zu helfen, nennt Sinn deshalb einen „Etikettenschwindel“. Mit dem Ökonomen Milton Friedman spricht Sinn vom „Helikoptergeld“, das künstlich geschaffen wird, „als würde der Staat des Nachts ein Geschwader von Helikoptern ausschicken, die in den Gärten der Menschen landen, die Tresore öffnen, frisch gedrucktes Geld dort hineinlegen und dann wieder verschwinden“.

Wer auf sein Sparbuch vertraut, hat Pech gehabt

Eine solche Märchenwelt kann nicht gesund sein, auch wenn Politik und Medien den Eindruck erwecken, dass so die europäische Wirtschaft am Laufen gehalten wird. Die Europäische Zentralbank hat, so zeigt Sinn auf, die Geldmenge seit 2008 mit den jetzt getroffenen Beschlüssen in zwölf Jahren verfünffacht! Dabei ist die reale Wirtschaftsleistung in Europa kaum gestiegen. Und wer bezahlt diesen Einstieg in die Inflation? Hans-Werner Sinn: „Wer ein Sparbuch besitzt oder auf seine Lebensversicherung vertraut, der ist der Gelackmeierte. Er kann sich später nicht mehr die Güter dafür eintauschen, die er erhofft hatte.“

Weshalb sinkt die Rente über die Jahre immer stärker? Weshalb hat der sogenannte „kleine Mann“ am Ende das Nachsehen? Weil seine Möglichkeiten, Vermögen aufzubauen, durch die Inflation auf diese Weise beschnitten werden. In den Zeitungen steht, dass die Renten für einen sorgenfreien Lebensabend nicht reichen. Dass das auch mit der europäischen Politik der wundersamen Geldvermehrung zu tun hat, steht aber oft genug nicht drinnen.

Und retten denn diese europäischen Gelder tatsächlich Italien, Griechenland oder Spanien, wie es Politik und Medien insinuieren? Sinn sagt Nein: In Wirklichkeit werden nämlich die unterstützt, die ihr Geld – aus schnöden kapitalistischen Gründen – seit Jahren in italienischen Papieren und Anleihen angelegt haben. Und das sind „unsere eigenen Lebensversicherer sowie Investoren aus aller Welt inklusive der amerikanischen Pensionsfonds, die von erheblicher Bedeutung für den Weltkapitalmarkt sind“. Und: „Die bei Weitem meisten der nichtitalienischen Gläubiger sitzen in Frankreich.“

Wenn Emmanuel Macron also scheinbar Italien retten will, geht es ihm in Wahrheit vor allem um Frankreich und seine Banken. So also funktioniert Kapitalismus im Europa des 21. Jahrhunderts. Kein Wunder, wenn Menschen Verdacht schöpfen. „Die Dominanz der Finanzinteressen ist heute allgegenwärtig und unerträglicher als je zuvor.“ Sinns Resümee: Der künstlich aufgeblasenen Geldmenge in Europa stehen gerade in Deutschland keine echten Forderungen auf Güter aus anderen europäischen Ländern entgegen, so dass Deutschland zwar Forderungen an andere Länder hat, diese aber niemals eingelöst werden können oder auch müssen. Interessant.

Auch mit einem zweiten Mythos räumt der Volkswirtschaftler Hans-Werner Sinn auf: nämlich dem, dass eine isolierte deutsche Klima- und Umweltpolitik, die nicht auf das schaut, was global oder auch in Europa die anderen tun, heilsam sei: „Die Klimapolitik, die wir betreiben, ist überhaupt nicht durchdacht. Es ist eine vordergründige Politik, die die Angebotsseite – das Verhalten der Ölscheichs und der Weltmärkte für fossile Brennstoffe – nicht in den Blick nimmt.“

Eine isolierte deutsche Klimapolitik ist sinnlos

Unter der Überschrift „Die Zerstörung der deutschen Automobilindustrie ist sinnlos“ arbeitet Sinn heraus, wie eine zu schnelle und gewaltsame Umstellung auf die Elektromobilität gerade bei der Batterieproduktion, die nach wie vor schmutzig ist, weltweit nicht zu einer Verbesserung der CO2-Bilanz führt. Und auch hier seien die französischen Wettbewerber im europäischen Rahmen interessiert, der eigenen Elektromobilität gegenüber deutschen Benzin- oder Dieselfahrzeugen Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.

Sinn fordert dagegen einen weltweiten Emissionshandel, an dem sich alle Länder beteiligen müssen, um Klima und Umwelt am Ende wirklich zu helfen. Ein isolierter, rein deutscher Ansatz, wie er politisch oft genug en vogue ist, wird von Sinn verworfen. So richtig der Kohleausstieg sei, weil Deutschland tatsächlich der „weltgrößte Produzent von Braunkohle“ sei, so unsinnig sei die „unilaterale Beschränkung der Mengen an erworbenem Öl und Gas“, weil das die globale Klimakatastrophe gar nicht beeinflusse und so nur „Symbol- und Klientelpolitik“ bleibe. Überlegenswert.

Was ist Aufklärung? Mit Immanuel Kant „der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Nicht alles, was Hans-Werner Sinn schreibt, muss man mit ihm nachvollziehen. Wenn alles, was die grüne Bewegung – aus gutem Grund auch hysterisch – verändern will, derart rigoros mit einem Federstrich durchgestrichen wird, fühlt man sich aus gutem Grund recht unwohl. Aber dennoch: Die wissenschaftlichen Einwände, die Hans-Werner Sinn gegen den von der Politik und den Medien vorgegebenen Mainstream erhebt, sind lesens- und bedenkenswert.

Hans-Werner Sinn: Der Corona-Schock. Wie die Wirtschaft überlebt. Herder Verlag, Freiburg i. Br. u. a. 2020, 224 Seiten, 18 Euro.

Straubinger Tagblatt vom 22. August 2020 

Fragen der Zeit

von Prof. Dr. Martin Balle | 14. August 2020

Was es ist mit der Zeit, das haben die Philosophen immer wieder bedacht. In seinem elften Buch der „Confessiones“ schreibt Augustinus sinngemäß, dass er immer, wenn er glaube, es zu verstehen, sein Verständnis vom Wesen der Zeit verliere; wenn er das Verstehen-Wollen aufgebe, erst dann falle es ihm wieder ein, was es sei mit der Zeit. Heute sagen wir, dass die „Zeit – Gott sei Dank – schnell verging“; vor allem, wenn etwas langweilig zu werden droht. Aber auf der anderen Seite wollen wir doch alle möglichst lange leben – es soll also möglichst viel Zeit vergehen. Und dann sagen wir wieder: „Die Zeit verging viel zu schnell!“ Wir wollen die „Zeit anhalten“, den „Augenblick genießen“, in einer „anderen Zeit leben“. Die Zeit ist ein Thema. „Ein Leben ist schnell vorüber“, sagen die Priester, wenn sie mahnen, aus dem eigenen Leben etwas Gutes zu machen. „Seine Zeit hat sich erfüllt“, wenn es dann zu Ende ist.

Der Theoretiker der Psychoanalyse Erik Erikson hat in einem bahnbrechenden Ansatz das Leben des Menschen auf einer Zeitachse in acht Phasen unterteilt. Mit verschiedenen Aufgaben, verschiedenen Möglichkeiten, verschiedenen Lebenssituationen. Was ist der Sinn davon? Nicht einfach drauflosleben soll der Mensch, sondern ein Bewusstsein entwickeln, was in welcher Lebensphase, was in welcher Zeit von ihm verlangt ist oder auch, was gerade jetzt vom Leben ihm angeboten wird. Am berühmtesten ist die erste Phase des Lebens, die Erikson identifiziert. Die Phase des „Urvertrauens“. Die ersten drei Lebensjahre des Menschen. Das Kind entdeckt sich selbst als wunderbares Geschenk in dieser Welt. Seinen Platz finden in der „kosmischen Ordnung“, wie Erikson das nennt. Die Freude der Kleinkinder. Ihr Urvertrauen in die Eltern, in den anderen Menschen, in die Schöpfung. Ihr Lachen, ihre immer ausgestreckte Hand, die vertraut. Wer Menschen kennenlernt, die bereits in diesen ersten Lebensjahren auf eine gestörte Lebensumgebung trafen, der kann den Riss spüren, der oft ein Leben lang durch die Herzen dieser Menschen geht. Eine schmerzhafte Trennung der Eltern in dieser ganz frühen Phase – eine Katastrophe für ein Kinderherz. Noch schlimmer: der Missbrauch eines Kindes. Nicht zu verzeihen, welche Welt da in Trümmer gelegt wird. Dann die weiteren Phasen der Kindheit: die eigene Selbstständigkeit zu erlernen, Initiative ergreifen zu wollen und können. Dinge bauen, „etwas Richtiges machen“, wie Erikson schreibt. Aber all das bewegt sich im Umkreis der eigenen Familie. Natürlich gibt es Schule oder Freunde, aber Erikson hat genau gesehen, dass die entscheidende Prägung des Menschen lange Jahre in der eigenen Familie geschieht. Erst mit der beruflichen Ausbildung vollzieht sich von der Familie weg der Weg in die allgemeine Gesellschaft; die eigene Identität muss dort am Ende gefunden und auch eingelöst werden können.

Lebenszeit ist also nach Erikson eine Chance auf Selbstverwirklichung. Indem er das Leben in Phasen aufgliedert, die sich wie von selbst entwickeln sollen, nimmt er die Zeit aus einem bloßen Verrinnen von Sekunden, Minuten, Stunden und Tagen heraus und gibt ihr eine Struktur, wie er sie im Leben selbst angelegt sieht. Leben als Bedeutung, nicht als Verrinnen von Zeit.

Ein zweiter Theoretiker der Psychoanalyse spannt den Bogen der Zeit noch über das einzelne Leben hinaus. In seinem Buch „Wahl und Schicksal“ beschreibt der Schicksalsanalytiker Werner Huth, wie jedes Leben auf Voraussetzungen aufbaut, die es selber vorfindet. Für ihn kämpfen in einem Menschen seine „Ahnenansprüche“ miteinander. Ob einer Kaufmann wird oder Künstler, Priester oder Lebemann, nicht alles liegt in der biografischen Entscheidungsgewalt eines Menschen. Jeder Mensch sei einer Ahnengalerie unterworfen, aber auch einer „persönlichen Trieb- und Affektnatur“, die er vorfinde. Während Erikson das Leben eines einzelnen Menschen in den Blick nimmt, sieht Huth seine Eingebundenheit in seine Familiengeschichte über Generationen hinweg.

In diesen Tagen ist es für Menschen unglaublich schwer, sich auf solche Selbstfindungsthemen zu besinnen. Das Leben ist so schnell geworden und vor allem die digitale Welt suggeriert eine beständige Gegenwart von Leben. Im Netz ist immer jetzt, die Besinnung auf das Morgen oder auch das produktive Erinnern an das Gestern ist für viele fast unmöglich geworden. In der Dauerschleife von Gegenwartsreizen gibt es immer weniger Grund, sich über das eigene Leben, die eigene Endlichkeit, das eigene Schicksal Gedanken zu machen. Wie sagte der sympathische Hitparadenmoderator und Schnellsprecher Dieter Thomas Heck vor Jahren auf die Frage, wie er mit dem Tod umginge: „Da bin ich ganz realistisch – das dränge ich ganz weit weg!“

In einer Welt, die von Konsum, aber auch von überforderndem Leistungsdenken geprägt ist, sind viele Menschen froh, wenn sie irgendwie durchs Leben kommen. Alles andere bleibt für sie Theorie und Philosophie. Das aber ist schade und am Ende auch verhängnisvoll. Denn so wird der innerste Kern dessen, was Leben so wertvoll macht, versäumt. Die Freude am eigenen Leben kann gar nicht ganz erfahren werden. Im Beruf überfordert und zu Hause erschöpft – das ist oft genug die Balance, in der sich dann ihr Leben abspielt.

Jetzt ist Pause. August und freie Zeit. Kein Straubinger Gäubodenvolksfest und auch kein Münchner Oktoberfest. Schulferien. Wenig Ablenkungsmöglichkeit. Die Zeit wird lang. Am Himmel kaum Flugzeuge, viele Strände leer. Im Letzten Zeit zur Besinnung. Der große Revolutionär des Denkens Sigmund Freud hat einen wunderbaren Aufsatz geschrieben mit dem Titel: „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“. In der freien Zeit geht einem vieles durch den Kopf, was man im Alltag verdrängen konnte. Das ist zwar durchaus lästig, aber am Ende auch produktiv. Es zeigt, dass wir am Ende bei aller Ablenkung doch in unserer eigenen Lebensgeschichte bleiben, in unserer Biografie zuinnerst verwurzelt sind. Dass wir unsere Kindheit erinnern, unsere Schulzeit, unsere Geschichte. Dass wir unsere wahren Sorgen nicht ganz verdrängen können, unsere wahren Bedürfnisse nicht und unsere wahren Hoffnungen auch nicht. Die Welt als großer Ablenkungstempel reicht plötzlich nicht mehr aus. Wir haben eine Sehnsucht, die tiefer reicht und weiter geht.

Es gibt viele gesellschaftliche Kräfte, die Welt so organisieren wollen, dass sie uns von uns selbst wegführt. Politische Kräfte, aber auch wirtschaftliche Interessen. Sie degradieren uns zu passiven Objekten einer Welt, die von ihnen als Markt oder als Interessensphäre definiert wird. Das zu durchschauen und nicht mitzuspielen, ist unsere Aufgabe. Denn unser Leben bleibt unser Geschenk, das wir gar nicht ernst genug nehmen können. Lassen wir uns nicht verführen!

Straubinger Tagblatt vom 14. August 2020

In jeder Zeile ist das Leben ganz da

von Prof. Dr. Martin Balle | 14. August 2020

Robert Seethaler schildert in seinem lesenswerten Roman Gustav Mahlers letzte Reise 

„Der letzte Satz“, so heißt der neue, recht kurze Roman des österreichischen Erfolgsschriftstellers Robert Seethaler. Doppeldeutig ist dieser Titel, denn der Komponist Gustav Mahler sitzt auf einem Schiff von New York nach Europa und weiß, dass sein Leben zu Ende geschrieben ist. Der letzte Satz seiner Musik ist vollendet, und Gustav Mahler spürt auf dem Schiff nochmals seinem Leben nach, das jetzt verklingt.

Wieder einmal wird beim Lesen dieses kleinen Textes klar, warum die Leserinnen und Leser Seethalers Texte so lieben. Wenn er ein Schiff beschreibt, sitzt man mit ihm auf dem Schiff. Wenn er das Meer beschreibt, spürt man das Meer – und wenn er von der Liebe erzählt, spürt man die Liebe.

Seethaler ist begnadet, mit jedem Satz vom Leben zu erzählen – und zwar vom Leben in der ganzen Tiefe seiner Möglichkeiten. Aber am Ende liest es sich bei diesem Autor auch so ganz einfach: „Nichts war zu sehen außer dem Tang, der in schlierigen Inseln an der Oberfläche schwamm, und einem überaus merkwürdigen Schimmern am Horizont, das aber, wie ihm der Kapitän versichert hatte, absolut nichts bedeutete. Er saß auf einer Kiste aus Stahl, mit dem Rücken an die Wand eines Deckcontainers gelehnt, und spürte das dumpfe, gleichmäßige Hämmern der Schiffsmotoren unter sich.“

Solche ruhigen Sätze machen es dem Leser leicht, sich in den Text einzufinden und zum Begleiter des vom Leben müde gewordenen Komponisten zu werden. Mit ihm den Schmerz zu fühlen über die eine zu früh gestorbene Tochter, die Liebe zur noch verbliebenen anderen. Mit ihm zu spüren, wie tief, ja abgöttisch er seine Frau Alma liebt und auch den Schmerz, als sie ihn mit einem anderen Mann betrügt.

In jeder Zeile, die Seethaler schreibt, ist das Leben ganz da. Der Erfolg in Wien als Dirigent und Operndirektor, die Aufmerksamkeit all der Menschen dort, die ihn überfordert und vor der er flüchtet, wo er nur kann. Die Widrigkeiten, die Streitigkeiten, das Los eines genialen Künstlers, von dem der Text sagt: „Und was sollte man davon halten, dass einer einfach so daherkommt und Beethovens Neunte retuschiert? Dass ein Jud das größte deutsche Musikwerk zusammenstreicht und überpinselt, nur weil es ihm gerade passt?“ Seethaler setzt seine Figur historisch vollkommen wahrheitsgetreu in Szene. Aber das bleibt nur der stabile Erzählrahmen, innerhalb dessen der Autor dann seine gewohnten Tugenden so souverän ausspielt.

Das Erzählen vom Leben, vom Schmerz, von der Trauer, von der Liebe – und am Ende von der Not sterben zu müssen. Es mag schon sein, dass auch dieser Text Seethalers für manchen Literaturkritiker wieder einmal nicht artifiziell genug ist. Aber für alle, die das Lesen bei Josef Roth oder auch Stefan Zweig gelernt haben und die die Literatur von Herzen lieben, ist dieser neue Roman Robert Seethalers ein großer Gewinn.

Robert Seethaler: „Der letzte Satz“ (Hanser, 128 Seiten, 19 Euro)

Straubinger Tagblatt vom 14. August 2020

 

Digitale Lehre - Digitale Leere

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. Juli 2020

Ein Philosoph, der ihn noch persönlich kannte, erzählte mir über den französischen Existenzialisten Jean-Paul Sartre folgende Geschichte: Der große Meister saß in einem Park auf einer Bank. Die Sonne schien und er war mit sich ganz im Reinen. Ein Gleichklang von Selbst und Welt. Harmonie. Plötzlich bemerkte er in seinem Blickfeld einen Menschen, der sich ihm näherte. Wer war das? Was wollte der? Hatte er mit ihm zu tun? Der Philosoph wurde unsicher und sagte am Ende zu sich selbst: „Verdammt, jede Sau dezentriert mich.“

Damit ist das Dilemma des Existenzialismus auf den Punkt gebracht. Der andere ist das große Problem. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard formuliert das 100 Jahre vorher in etwa so: Der schönste Moment sei der, wenn er ins Wasser springe. „Hurra, ich habe mit der Welt nichts mehr zu tun.“ Die Beziehung zum anderen Menschen bleibt aber auch für die wirklich christliche Philosophie in ihrer Ambivalenz unaufhebbar. Eugen Biser schreibt in seiner Anthropologie „Der Mensch – das uneingelöste Versprechen“ deshalb vollkommen zu Recht: „Es ist die Angst des Menschen vor dem Mitmenschen, den er einerseits als den Retter aus seiner Einsamkeit ersehnt und andererseits als denjenigen fürchtet, der sich ihm unversehens in einen reißenden Wolf verwandeln könnte.“ Der Philosoph Sartre schreibt: „Die Hölle – das sind die anderen.“

Am Freitag ist ein seltsames Schuljahr zu Ende gegangen. Zu Hause wurde über viele Wochen gelernt, digital wurde man dabei angeleitet. Die Klassengemeinschaft fiel aus. An den Universitäten dasselbe. Digitales Selbststudium. Die Antwort der Politik: Die Digitalisierung muss mit aller Macht weitergetrieben werden. Jetzt habe man gesehen, wie weit es da noch fehle. Die Antwort einer liebenswürdigen Grundschullehrerin: „20 Prozent von dem, was ich geben und einbringen könnte, konnte ich digital vermitteln. Nicht aus Zeitmangel, sondern aus Mangel an Nähe und unmittelbarem Kontakt.“

Wenn man an die eigene Schul- und Studienzeit zurückdenkt und Jahrzehnte später zurückschaut – was war denn wirklich wichtig? Was weiß man heute denn noch von all den Fakten, die einem eingebläut wurden und die dann am Ende tatsächlich auch digital vermittelbar sind? Sinus und Cosinus, unendlich viele lateinische Deklinationen und Konjugationen – oder in Biologie, wie man ein Kind zeugt. Aber in Erinnerung geblieben sind doch die Lehrer selbst in ihrem Ernst und ihrem Bemühen, oder auch Halbsätze, ein Räuspern, ein gedankenvolles Schweigen, dem man entnehmen konnte, dass hier eine wichtige Frage verhandelt wurde. Begegnungen, die Erfahrung des anderen, mit den anderen. Das Verhältnis zu den Mitschülern, die Freude, mit diesen Freunden über Jahre durch einen Lebensabschnitt zu gehen und beieinander zu sein.

An der Universität war das schon anders. Da stand der Mensch oft nicht mehr so im Mittelpunkt. Das Haifischbecken der ehrgeizigen Professoren, die ihre Wissenschaft auf den Sockel hoben. Kalt und abweisend war der Wissenschaftsbetrieb oft genug. Wie dankbar war man da für die Professoren, die die Studenten in dieser Phase ihres Lebens, die ja nicht einfach ist, ernsthaft in den Blick nahmen. Sich Zeit nahmen für ein persönliches Wort in der Sprechstunde oder auch nach dem Oberseminar einen regelmäßigen Stammtisch organisierten und so die Studenten aus ihrer Einsamkeit für diesen einen Abend erlösten. „Ein ernsthaft betriebenes Studium ist auch eine Einsamkeitserfahrung“, sagte ein netter Professor damals und traf den Nagel so auf den Kopf. Das ist ja doch die entscheidende Phase des Lebens, wenn die Kindheit aufhört und die eigene Lebenssituation beginnt. Wer wollte das primär digital begleiten?

Sicher es gab auch die Beziehungsgestörten. Und das nicht zu knapp. Denen kommt die digitale Welt natürlich entgegen. Der Student ist nicht mehr wirklich da. Und schon gar nicht 50 oder 100 davon. Was für eine Erleichterung! Aus dem eigenen Wissenschaftskämmerchen heraus wird nun digital gesendet. Aber ist das am Ende nicht auch langweilig?

Wir Kaufleute haben jetzt unendlich viele Digitalkonferenzen hinter uns. Auf den Bildschirmen werden die Partner sicht- und hörbar. Briefmarkengroß jeder Einzelne. Wenn man selbst gerade nicht spricht, kann man sein eigenes Bild ausblenden, aber auch den Ton ausschalten. Dann kann man andere Dinge nebenher tun. Was auch immer. Den Raum verlassen, ein Bier trinken, den Wetterbericht googeln. Schöne neue Welt. Aber selbst wenn man mit ungeteilter Aufmerksamkeit teilnimmt: Die anderen bleiben geruchs- und geschmacklos, reduziert auf ihr digitales Kopfbild. Distanziert und unberührbar. Fremd, aber doch scheinbar nahe, wenn sie auf dem Schreibtisch, wo das Laptop steht, zu sprechen beginnen. Im Letzten trostlos.

Die Politik hat nicht verstanden, dass eine digitale Welt auch eine leere und kalte Welt ist. Sie hat nicht verstanden, dass die digitalen Instrumente nur Werkzeuge sind, die am Ende die Lebenswelt, die wirklich ist, besser machen sollen. In der Medizin, in der Schule, an den Universitäten, in den Medien. Alles soll und muss heute digital sein. Die Zeitungen sollen über 200 Millionen Euro bekommen, aber nicht für die Zustellung im ländlichen Raum, sondern für ihre Transformation ins Digitale. Absurd. Wir beklagen, dass die Dorfwirtshäuser sterben und dass es keine Landärzte mehr gibt. Aber die politischen Rahmenbedingungen, dass weiter Leben ist, die gibt es viel zu wenig.

Warum ist das so? Sicher auch deshalb, weil Politik in einer eigenen Blase stattfindet. In der Politik ist immer jetzt. Gestern ist schon unwichtig und morgen noch nicht da. Heute, genau jetzt muss es nach oben und nach vorne gehen. Mit dieser ungeheuren Geschwindigkeit des Politikbetriebs. Dort ein Interview, hier eine wichtige Entscheidung, dann noch eine Ansprache, abends ein Abendtermin, obwohl man eigentlich schon erschöpft ist und nicht mehr kann. Politik als Droge, Aufmerksamkeit als Adrenalinverstärker – und das alles immer im Jetzt. Der Blick dabei aufs Handy gerichtet. Was wird gerade jetzt digital vermeldet? Wer ist in welchem sozialen Netzwerk gerade jetzt am Tippen? Wer positioniert sich genau jetzt genau wie? Da gehen Maßstäbe verloren und das Leben in seiner Wirklichkeit gerät aus dem Blick. Am Ende steht ein Weltbild, wo Drohnen Zeitungen zustellen – wenigstens für die, die sie noch lesen wollen – und Flugtaxis über München schwirren.

Eine Welt, die das Digitale nicht als sinnvolles Werkzeug nutzt, sondern die selber in ihrem Kern digital sein will, ist eine kaputte Welt. Jede echte Begegnung ist auch heute noch ein Geschenk und eine Beziehung, die sich über das Netz definiert, bleibt defizitär, auch wenn es die Beteiligten schon nicht mehr merken. Digitales Lehren und Lernen sind sinnvolle Notlösungen in schwierigen Zeiten – nicht mehr.

Straubinger Tagblatt vom 25. Juli 2020 

Franz Kafka lässt grüßen

von Prof. Dr. Martin Balle | 11. Juli 2020

Die Verhaftung und Verurteilung Joachim Wolbergs’ besitzt geradezu literarische Dimensionen

Das Meisterhafte an Georg Büchners Dichtungen und Schriften vor 200 Jahren war eine revolutionäre Einsicht: Der Mensch will frei sein, aber er ist in so viele Außenbezüge verwoben, dass er immer in Gefahr ist, sich selbst ganz zu verlieren. Das Paradebeispiel dafür ist für Büchner der Schriftsteller Jakob Michael Reinhold Lenz, ein früher Freund Johann Wolfgang von Goethes, der sich nach seiner Sturm-und-Drang-Phase nicht mehr fängt und so weit in den Irrsinn abgleitet, dass ihn Goethe später in Weimar nicht mehr empfängt.

Büchner beschreibt Lenz in der gleichnamigen Erzählung als einen Mann, der verzweifelt versucht, sein Leben von sich selbst her zu deuten und zu bestimmen, dem dies aber nicht gelingt. Am Ende verfällt er dem Wahnsinn. Büchner fasst das am Schluss seiner berühmten Erzählung folgendermaßen zusammen: „Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten; er tat Alles wie es die Andern taten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine notwendige Last. – So lebte er hin.“

Warum „Woyzeck“ zum Mörder wird

Das ist die Außenansicht eines innerlich stumm Gewordenen. Büchner hat als Erster bereits im frühen 19. Jahrhundert erkannt, dass Menschen in psychischen, aber auch in sozialen Bezügen stehen, die beständig ihre Autonomie in Frage stellen. Dass Menschen verkannt werden, wie wir umgangssprachlich sagen. Nicht von ungefähr hat ein berühmter Philosoph einmal in einer Vorlesung gefragt: „Wie geht es einem Menschen, der spürt, dass er ein Leben lang seine Talente nicht einbringen durfte in eine Gesellschaft, die ihn verkannt hat?“ Der Betroffene kann ein Künstler sein, aber auch ein ganz normaler Mensch, der seinen Berufsweg nur schwer findet und plötzlich seine Arbeit verliert und dann den Weg nicht zurückfindet. Tragisch.

In dem Dramenfragment „Woyzeck“ hat Büchner einen weiteren kranken Menschen literarisch erschaffen, den seine Umwelt in eine solch unnatürliche Rolle drängt, dass er sich selbst nicht mehr finden und definieren kann. Ein Mensch, der von allen herumgestoßen wird. Seine Geliebte wird von einem Anderen verführt, und ein Arzt missbraucht ihn als Versuchsobjekt für seine stümperhaften Experimente, mit denen er sich vor der Gesellschaft aufspielt. „Hat er seine Erbsen gegessen?“ Auch heute noch ist diese abwertende Frage des Arztes an den entmündigten Patienten Woyzeck vielen ein Begriff. Am Ende wird Woyzeck zum Mörder in einer Welt, die es ihm unmöglich gemacht hat, sein Dasein in Würde zu leben.

Verhaftung des OBs in einer Nacht-und-Nebel-Aktion

Es ist viel geschrieben worden über den ehemaligen Oberbürgermeister von Regensburg, der jetzt wegen Bestechlichkeit zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Das blieb von der groß aufgezogenen „Parteispendenaffäre“ am Ende übrig. Das Urteil des Landgerichts Regensburg wurde in allen Zeitungen ausnahmslos wohlwollend aufgenommen. Es sei Zeit, den Sumpf der Korruption in Regensburg trockenzulegen, so die Quintessenz der Journalisten. Eine Stadt atmet auf, das war der Grundtenor der kritischen Kommentare in nahezu allen Medien. Und der ehemalige Oberbürgermeister hatte auch viel dafür getan, um sich die Journalisten zu Feinden zu machen. Nach dem ersten Prozess, der ihm noch ein mildes Urteil beschert hatte, stürmte er aus dem Gerichtssaal nach draußen und schimpfte in Richtung der Berichterstatter sinngemäß: „Jetzt habt Ihr es! Schwarz auf weiß!“ So macht man sich nicht unbedingt Freunde.

Die andere Seite der Medaille gibt es aber auch: Aus dem Nichts heraus wurde der bis dahin juristisch nie auffällig gewordene Bürger Joachim Wolbergs in einer Nacht-und-Nebel-Aktion am frühen Morgen in der Tiefgarage seines Hauses verhaftet. Und das als Oberbürgermeister, der in der Öffentlichkeit steht. Wie mag er sich in diesem Moment gefühlt haben? Eher wie eine Figur aus einem Roman, der einen Alptraum erlebt.

Dann die Einweisung in die Psychiatrie der Justizvollzugsanstalt Straubing. Wegen potenzieller Selbstmordgefahr. Über vier Wochen. 24 Stunden lang Licht und Beobachtung von außen. Dazu kam noch das Gerede von außen: etwa der Medien oder der Staatsanwälte, die vor die Kameras traten. Es gelte die Unschuldsvermutung, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Aber wer wollte das noch glauben, da der Mann doch jetzt im Gefängnis saß!

Gleichzeitig erfahren seine Kinder am Morgen in der Schule von den Klassenkameraden, was gerade mit ihrem Vater passiert ist. Schöne neue Welt der digitalen Medien! Schnell wie der Wind.

Dann ein jahrelanger Zermürbungs- und Abwehrkampf mit Fragen und Selbstzweifeln wie: Wer deutet mein Leben? Die Staatsanwälte? Das Gericht? Die Medien? Die Gesellschaft? Bin ich als der, der schon vor Gericht steht, überhaupt noch in der Lage, meine Rolle in der Welt von mir her zu definieren? Selbst mit den besten Anwälten? Was denken die Anderen? Was habe ich selbst wirklich getan und gedacht? Wer bin ich jetzt?

Politiker verlieren leicht die Bodenhaftung

„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ So beginnt der weltberühmte Roman „Der Prozeß“ von Franz Kafka. Und was ist die Schuld des Angeklagten? Der Schriftsteller Martin Walser hat diese Frage für „Josef K.“ und alle Figuren Kafkas in seiner glänzenden Doktorarbeit beantwortet, die einen wissenschaftlichen Durchbruch in der Kafka-Forschung bedeutete. Die Schuld ist „die Einsinnigkeit“ des Bewusstseins der Figuren. Sie schaffen den Überstieg in das Bewusstsein der Anderen nicht. Sie sehen die Welt allesamt nur von sich selber her. Dass der Andere am Ende genau derselbe ist wie ich selbst, das erleben Kafkas Figuren nicht. Mächtig sind sie deshalb und ohnmächtig. Aber die Brücke zum Anderen gibt es in Kafkas Werken nicht, das Versöhnliche der Nähe und der Liebe. Alles ist bei Kafka nur Macht oder Einsamkeit.

Politiker geraten immer in Versuchung zu vergessen, dass sie im Regelwerk der Gesellschaft auch nur ein kleines Rad bleiben. Dass sie ein Mensch unter Menschen sind. Mit all den Regeln, die dann gelten. Gerade als Ministerpräsident oder gar als Kanzler. Sie verlieren allzu leicht die Bodenhaftung. Das ist ihr Berufsrisiko. Auch schon in kleineren Ämtern. Ihr Gestaltungs- und manchmal auch ihr Geltungsdrang werden leicht übermächtig. Sie stehen täglich vor den Kameras der Welt und haben plötzlich das Gefühl, die Hauptfigur in einem Film zu sein, der vor allem von ihnen selbst handelt. Allzu leicht verlieren sie so das rechte Maß.

Ein Gerichtsurteil wird zum Trauma eines Menschen

Aber müssen wir deshalb das Mitleid verlieren, wenn einer stürzt? Unvergesslich, wie Helmut Kohl verzweifelt vor dem Bundestag erklärte, dass er für Parteispenden nicht käuflich gewesen sei. Der neue Kanzler Gerhard Schröder und sein kleiner Außenminister Joschka Fischer saßen grinsend auf der Regierungsbank und genossen die Demütigung des Altkanzlers. Der Blick von außen. Das Urteil der Anderen. Häme. Die Deutungshoheit über das eigene Leben und Schaffen verloren. Das ist schrecklich. Die Wahrheit vor Gericht, die dann gnadenlos daherkommt und messerscharf urteilt, ist das eine. Die Wirklichkeit eines Menschen, der eben doch ein Mensch geblieben ist, das andere.

Auf der einen Seite der Waage liegen bei dem ehemaligen Oberbürgermeister von Regensburg 75 000 Euro, die er nicht hätte annehmen dürfen. Der Wert eines gebrauchten Mittelklasse-Mercedes. Auf der anderen Seite ein Trauma, das anhält und nicht weggeht. Menschlich, aber auch finanziell.

Der Revolutionär Mercier, der bei Georg Büchner in seinem Revolutionsdrama „Dantons Tod“ von Robespierre und den Seinen in einer regelrechten Gerechtigkeitsorgie zum Tode verurteilt wird, schreit es heraus: „Die Gleichheit schwingt ihre Sichel über allen Häuptern, die Guillotine republikanisiert! Geht einmal euren Phrasen nach, bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden.“

Und was die Medien angeht: Sie lieben es, über die gefallenen Helden zu berichten. Was vergessen wird: Der, über den geschrieben wird, liest das am Ende auch – und er ist bei der Lektüre, die von ihm handelt, buchstäblich ganz alleine.

Straubinger Tagblatt vom 11. Juli 2020 

Reichtum ist nicht alles

von Prof. Dr. Martin Balle | 04. Juli 2020

Wie viel Geld macht glücklich? Voller Unverständnis schüttelte vor Jahren mein Religionslehrer, zugleich ein guter Priester, den Kopf, weil ihn sein Bruder extra angerufen habe, dass er jetzt die erste Million verdient habe. Eine Million Mark damals, das sei doch gar nicht vorstellbar, sein Vorstellungsvermögen höre schon weit vorher auf, so meinte der redliche Mann. Warum scheffeln Menschen Millionen? Der Schriftsteller Martin Walser hat eine Diagnose: Es seien die entscheidenden Zahlen gegen den Tod. Die Uhr des Lebens mit ihren abnehmenden Zahlen auf den Tod zu laufe ab. Bis zum bitteren Ende. Wenn wenigstens der Geldhaufen wachse, ein Leben lang, dann sei das für viele die Gegenbewegung, die wenigstens tröstlich sei.

„Vermute nie eine bessere Gesinnung, wenn es noch eine schlechtere gibt“, so meinte dagegen ein Politikredakteur dieses Verlages und noch kurz vor seinem Tod hielt er an dieser Meinung fest. Ja, das Geld ist für viele der ganz große Treiber. In den letzten Wochen zu besichtigen beim Schlachthofmagnaten Clemens Tönnies. Während seine Mitarbeiter in vorzivilisatorischen Standards hausen mussten, scheffelte er buchstäblich ein Milliardenvermögen, nicht nur eine oder zwei Millionen.

Gleichzeitig führte er den Traditionsclub Schalke 04 in der Form, dass dort heute Schulden sind in Höhe von 200 Millionen Euro. Warum hat er die nicht beglichen? Das wäre doch naheliegend gewesen. Und ihm wären immer noch sage und schreibe 800 Millionen Euro geblieben. Auch davon kann man doch noch einigermaßen leben. Stattdessen bezahlte er den ehemaligen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel gut, um sein Schlachtunternehmen international noch weiter nach vorne zu bringen. Die Jugendmannschaften von Schalke 04 dagegen haben heute keine Busfahrer mehr, die waren immerhin auf 450-Euro-Basis angestellt, aber das konnte sich der Verein nicht mehr leisten.

All das war schon ein sehr seltsames Schauspiel. Aber immerhin ist Tönnies mit Armin Laschet befreundet, der in Deutschland immer noch Kanzler werden will, auch wenn es jetzt allmählich eng für ihn wird. Ganz exakt so schauen also die Schattenseiten des Kapitalismus aus. Karl Marx lässt grüßen.

Dass die Grundrente schlampig gebaut ist und alle Züge eines typischen politischen Kompromisses trägt, ist das eine. Aber sie ist gerade in diesen Tagen ein Signal, dass es wenigstens den Versuch von mehr Gerechtigkeit gibt. Es kann doch nicht sein, dass die einen Milliarden scheffeln und die anderen im Alter hungern müssen. Oder im Krankheitsfall sich keine ausreichende Versorgung leisten können. Ein Drittel der Menschen in Deutschland hat Angst, abgehängt zu werden, und das hat dann doch Gründe. Die Grundrente hätte man viel differenzierter und sorgfältiger bauen müssen, aber das Signal, dass es sie jetzt gibt, ist richtig und gut.

Es gibt viele Sprüche, die uns sagen, dass Reichtum beileibe nicht alles ist. „Das letzte Hemd hat keine Taschen“, ist einer der schönsten davon. Eine Münchner Society-Lady sagte dagegen vor Kurzem im Fernsehen auf die Frage, wann es denn genug sei, was ein Mann ihr bieten müsse: „Es ist nie genug!“, und ihre Augen funkelten voller Lust am Reichtum. Dass sie selber mittlerweile aussieht wie ein verfallenes mittelalterliches Schloss, das längst keiner mehr bewohnen will, war ihr im Spiegel offenkundig nicht aufgefallen. Denn zu viel Geld macht in aller Regel die, die ihm nachjagen und häufig regelrecht verfallen sind, hässlich, und das gilt für Männer und Frauen.

Ins Bild dieser Tage passt dann gut, dass es ein windiges Unternehmen wie Wirecard mit Luftbuchungen in den Dax geschafft hat. Seit 2014 sollen dort die Bilanzen gefälscht worden sein. Einer der Gangster will sich verantworten, damit danach sein Leben wenigstens irgendwie weitergeht. Der andere ist untergetaucht. Wer das bessere Schicksal haben wird, ist lange nicht ausgemacht.

In den Vorlesungen der Betriebswirtschaft lernt man, dass das Engagement der Klugen und Begabten, die so am Ende zu Geld kommen, den allgemeinen Wohlstand fördert und so auch die Mehrheit der Bürger in einem Land zu mehr Wohlstand bringt. Das ist nicht nur falsch. Die klassische These der Linken ist dagegen, dass der Reichtum der Reichen sich zulasten und auf Kosten der Armen aufbaut. Das ist auch nicht nur falsch!

Straubinger Tagblatt vom 4. Juli 2020

Die Armen der Welt

von Prof. Dr. Martin Balle | 20. Juni 2020

Wie schlecht es den Menschen in Afrika wirklich geht, bringt der Landesdirektor der Welthungerhilfe für Äthiopien Matthias Späth exakt auf den Punkt: „Äthiopien steht vor Herausforderungen, die man sich selbst in gut entwickelten Ländern gar nicht vorstellen will: die Corona-Pandemie, eine Heuschreckenplage, eine in Teilen des Landes ausgebrochene Cholera-Epidemie, Millionen binnenvertriebener Menschen, die aus klimatischen oder politischen Gründen fliehen mussten, sowie die Aufnahme von rund einer Million Geflüchteter aus benachbarten Krisenregionen. Für viel zu viele dieser Menschen sind Leiden und Verzicht keine kurz- oder mittelfristigen Phänomene, sondern seit jeher fester Bestandteil ihres Alltags.“

Alle zehn Sekunden stirbt in Afrika ein Kind an Unterernährung. Weltbekannt wurde vor Jahren das Foto eines Journalisten, auf dem ein Kind zu sehen war, das wenige Minuten später an Hunger sterben würde. Vor ihm stand ein Aasgeier, der in Ruhe auf den Tod des Kindes warten konnte. Ein entsetzliches Bild.

In unseren Zeitungen veröffentlichen wir gerne jede Woche neu, wie die Corona-Kurven in den europäischen Ländern nach unten gehen. Wir machen Milliarden-Hilfspakete und zeigen so, wie kraftvoll wir Krisen begegnen können. Wie schnell wir handlungsfähig sind, wo es um unser eigenes Schicksal geht. Die Bilder aus Afrika berühren uns in den Fernsehnachrichten zwar kurz, aber dann ist er schon wieder weg: der Moment des Erschreckens, der zum Handeln führen sollte.

Zwei Argumente sind es, die die Reichen im Westen immer wieder anführen, um zu entschuldigen, weshalb sie ihren Reichtum nicht teilen wollen. Das erste: Diese ganzen Hilfsorganisationen, so sagen sie, da weiß man doch am Ende gar nicht, was wirklich in Afrika ankommt. Was versickert nicht alles auf dem Weg dorthin. So sprechen sie. Dem kann man aber ganz einfach entgegnen: Alle Hilfsorganisationen, die für Afrika arbeiten, von Misereor bis hin zur Welthungerhilfe, weisen in ihren Jahresberichten exakt aus, wie viel Geld sie selbst für die eigene Organisation brauchen, um den Menschen vor Ort zu helfen. In der Regel sind das ziemlich genau fünf Prozent des gespendeten Etats. Das heißt, dass von einem Euro im Regelfall tatsächlich 95 Cent bei den Armen in Afrika landen. Und die anderen fünf Cent sind wichtig, damit das Geld nicht wirklich versickert. Denn es muss ja Menschen geben, die die Prozesse des Handelns und Helfens begleiten und aussteuern, sowohl in Deutschland als auch in Afrika selbst. Und man muss auch sagen, dass ein Euro in Afrika ein Vielfaches von dem wert ist, was er hier für uns bedeutet. Mit einem Euro kommt man dort durch einen ganzen Tag!

Das zweite Argument, weshalb so mancher, der Geld hat, nicht teilen will, ist noch billiger. So sagte mir vor Jahren ein sehr erfolgreicher Baulöwe: „Wissen Sie, weshalb ich grundsätzlich nichts gebe? Ich sage es Ihnen. Wenn ich anfange, einem etwas zu geben, dann kommen sie alle! Und das kann ich nun wirklich nicht brauchen.“ So sprach er tatsächlich und fühlte sich so unglaublich schlau dabei. Antworten kann man dem nochmals mit dem Afrika-Helfer Matthias Späth, wenn der sagt: „Wir in Deutschland sind verängstigt, weil wir etwas zu verlieren haben im Heute, aber auch in der Zukunft, die uns meist so viele Perspektiven eröffnet. Ich weiß nicht, wie das eine völlig verarmte Frau im Hinterland Äthiopiens sieht, deren Alltag ein Leben lang bestimmt war von Wasserholen, der beschwerlichen Beschaffung von Feuerholz und allen kräftezehrenden Aufgaben des Haushalts. Und am Ende des Tages findet diese Frau dann ein paar Stunden Ruhe auf dem Boden einer kärglichen Hütte, wo sie umgeben von Ungeziefer eine unruhige Nacht verbringt, ungeduscht und in der Regel ungesättigt.“

Natürlich, es gibt noch weitere Einwände, um sich von Afrika abzuwenden. In wie vielen Ländern dort gibt es nicht politische Führer, die korrupt sind und mit Gewalt ihre Länder in den Abgrund führen. Oder auch das bekannte Argument, dass wir die Armen der Welt mit unserer Hilfe nur zu eigener Untätigkeit verdammen. Aber das haben doch alle Hilfsorganisationen längst verinnerlicht, dass es immer um Hilfe zur Selbsthilfe geht, um den Aufbau von Schulen, um Ausbildung, um nachhaltiges Wirtschaften. Und wollen wir wirklich den Ärmsten der Armen vorhalten, dass ihre politischen Anführer allzu oft Schurken sind? Soll das unser Argument sein, dort nichts zu tun?

Besser ist doch die Antwort des hervorragenden Entwicklungsministers Gerd Müller (CSU), der jeden Tag wieder neu die Situation Afrikas zur Sprache bringt und wirklich alles tut, um dort Hilfe zu leisten. Kein Politiker, wie es sie allzu oft gibt, der nur Phrasen drischt, sondern ein nimmermüder Streiter dafür, dass die Welt tatsächlich ein wenig besser wird. Oder auch der bekannte Gregor Gysi von der Partei Die Linke, der in seinen vielen Vorträgen immer wieder betont, dass es doch nicht sein kann, dass auf unserem Erdball jeden Tag das Eineinhalbfache von dem produziert wird, was die Menschheit zum Überleben braucht und am Ende verhungern dennoch Millionen von Menschen, weil wir nicht fähig sind, den Reichtum der Welt fair zu verteilen, obwohl das möglich wäre!

Es gibt aber noch ein ganz entscheidendes Argument dafür, dass wir uns ändern und endlich unseren westlichen Reichtum teilen. Wer durch die Flaniermeile von St. Moritz oben auf dem Hügel läuft, der sieht in die Schaufenster der bekanntesten Marken der Welt: Brillanten für Millionen, Uhren für Zigtausende von Euro, Kleider, Schuhe, Hüte bis zum Abwinken. Und vor den Schaufenstern stehen die Menschen, die von ihrem Reichtum längst krank geworden sind. Die schon alles haben und auch nicht satt geworden sind. Sie stehen also vor den Schaufenstern und fragen sich, ob nicht dieser Kauf sie etwas glücklicher in ihrem Unglück machen könnte. Dabei ist ihre Aura längst so krank, dass ihnen eine Perlenkette oder eine neue Rolex sicher nicht helfen werden.

In der christlichen Theologie gibt es das wunderbare Motiv des sogenannten Sorgentausches. Gott sage zu den Menschen: Kümmere du dich um den anderen, dann kümmere ich mich um dich! Oder auch einen Schritt weiter: Wenn du dich um den anderen kümmerst, dann wird auch er sich um dich kümmern und ihr werdet beide ein besseres Lebenslos gezogen haben. Oder wie es der jüdische Schriftsteller Franz Kafka aus Prag formuliert: „Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur, aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, das du vermeiden könntest.“ Dem allzu schlauen Baulöwen, der seinen Reichtum nicht teilen mag, damit er seine Ruhe hat, muss man also antworten: Wenn du dein Haus öffnest für die Armen der Welt, dann wirst du vielleicht herausfinden, dass es schöner ist, mit anderen zu sein, als alleine im Reichtum zu erfrieren.

Straubinger Tagblatt vom 20. Juni 2020 

Der Phantomschmerz der verlorenen Macht

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Juni 2020

Verehrt und verhasst: Der Glaubenskrieg um den Virologen Christian Drosten“, so titelte das Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“ seine Ausgabe vom 30. Mai. Der Fall ist klar und bekannt: Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, stellte eine Studie über die Infektiosität von Kindern ins Netz, die er als Ausgangspunkt einer Debatte verstanden wissen wollte, ob es nicht doch so sei, dass Kinder sehr viel leichter das Virus Covid-19 übertragen, als dies bisher allgemein angenommen wurde.

Diese Studie war ein erster Entwurf, sicher unter Zeitdruck entstanden, gemeint als Anstoß, wissenschaftlich mehr Wissen einzubringen, um die Gesellschaft schon für die nahe Zukunft besser zu schützen. Diese Studie war ein sogenanntes „Preprint“, also ein Diskussionsmodell auch für andere Wissenschaftler, die auf diese Weise eingeladen wurden, sich an dieser Fragestellung zu beteiligen.

Die schwierige Frage nach der Objektivität der Wirklichkeit

Kritik gab es daraufhin vor allem von Wissenschaftskollegen aus dem Fachbereich der Statistik, die einwarfen, dass das gesammelte Material nicht ausreiche, um wissenschaftlich sauber zu argumentieren. Das war allerdings auch nie die Absicht des Virologen gewesen. In einem Radio-Interview antwortete er deshalb auf diese Kritik mit den Worten: „Ein geübter Virologe sieht auf den ersten Blick, was da los ist“, so dass klar wurde, dass es ihm nicht um eine statistische Letztbegründung ging, sondern um eine wissenschaftliche Diskussion, die aus seiner Sicht allerdings deutlich in eine bestimmte Richtung wies. Mittlerweile liegt eine zweite Studie von ihm vor, die wissenschaftlich relevanter ist, deren Ergebnisse aber den Rohentwurf der ersten Studie bestätigen.

Gesellschaftlich interessant ist, was dann passierte. Die „Bild“- Zeitung blies die wissenschaftlichen Einwürfe der Statistiker zu einer Fundamentalkritik an dem seriösen Wissenschaftler auf. „Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“ titelte die Boulevardzeitung und fiel über den angesehenen Virologen regelrecht her.

Dieser Fall ist deshalb so interessant, weil sich mit den Medien auf der einen Seite und dem Wissenschaftsbetrieb auf der anderen Seite zwei gesellschaftsrelevante Systeme gegenüberstehen, die beide einen vergleichbaren Anspruch erheben: nämlich Fakten möglichst objektiv zu erkennen und zu kommunizieren. Jeder Journalismusstudent kennt die Forderung, dass eine Nachricht „möglichst objektiv“ geschrieben sein muss; und jeder angehende Wissenschaftler weiß, dass er so nahe wie möglich an die „objektive“ Wirklichkeit herankommen will, dass ihm aber jede echte Objektivität verwehrt bleibt.

Dieses Wissenschaftsverständnis, dass alles Erkennen nur vorläufig ist, dass es immer nur kleine Schritte gibt, die beim Erkenntnisfortschritt weiterhelfen, dass alles Forschen ein Experimentieren bleibt, das sich zwischen „Versuch und Irrtum“ bewegt, hat am besten der Philosoph Karl Popper herausgearbeitet. Letztlich ist es bei ihm die entscheidende Basis seiner wissenschaftlichen Methodik, die sich durch all seine Schriften zieht.

Die Kritik der Statistiker und Ökonomen wurde von „Bild“ sinnverzerrt

In seiner Schrift „Das Elend des Historizismus“ (1944/45) formuliert er es in brillanter Weise: „Es gibt keine scharfe Trennungslinie zwischen dem vorwissenschafltichen und dem wissenschaftlichen Experimentieren, wenn auch die immer bewußtere Anwendung wissenschaftlicher, d. h. kritischer Methoden von großer Bedeutung ist. Sowohl vorwissenschaftliche als auch wissenschaftliche Experimente bedienen sich im Grunde der gleichen Methode: sie gehen mit Hilfe von Versuch und Irrtum vor. Wir versuchen, d. h. wir registrieren nicht einfach Beobachtungen, sondern bemühen uns aktiv, mehr oder weniger praktische und klar umrissene Probleme zu lösen. Und wir machen dann und nur dann Fortschritte, wenn wir bereit sind, aus unseren Fehlern zu lernen. Alle Theorien sind Versuche, sind vorläufige Hypothesen, die erprobt werden, damit man feststellen kann, ob sie funktionieren, und jede experimentelle Bewährung ist nichts als das Ergebnis von Prüfungen, um herauszufinden, wo unsere Theorien irren.“

Drosten hat sich also nach Popper idealtypisch verhalten: Er hat zum einen seine vorwissenschaftliche Intuition erprobt und dann eine kleine Studie als wissenschaftliche Hypothese in den Raum gestellt. Wenn er dann sagt, dass er als Virologe mit „geübtem Blick“ sofort sehe, was los sei, schlägt er wiederum die Brücke zu seiner Alltagserfahrung. Das alles ist durchaus seriös. „DER SPIEGEL“ urteilt zutreffend: „Diese Studie stellte er ins Netz, damit es Kollegen begutachten und kritisieren können. Eine Gewissheit sollte nicht verkündet werden.“

Zwei Aspekte auf journalistischer Seite sind dem Wissenschaftsaspekt vergleichbar. Zum einen der Zeitmangel: Gerade einmal eine Stunde wurde Drosten von dem „Bild“- Journalisten gegeben, um Stellung zu beziehen. Die Boulevardzeitung hatte die Geschichte über Drosten geschrieben, und dem Betroffenen wurde nur ein minimales Zeitfenster eingeräumt, um Stellung zu nehmen. Außerdem wurde nur ein kleiner Ausschnitt von Wirklichkeit dargestellt, der scheinbar objektiv stimmig war. Echte Recherche sieht anders aus!

Und das Zweite: Die Kritik von Ökonomen und Statistikern an der Studie von Drosten wurde so falsch ausgedeutet, dass sie sich sofort von der „Bild“-Geschichte distanzierten. Objektiv war zwar etwas richtig benannt worden, aber es wurde bewusst manipuliert und tendenziös verfälscht. Drosten sagt deshalb: „Und ich hatte auch nicht den Eindruck, als sei die ‚Bild‘-Zeitung wirklich daran interessiert, das wissenschaftliche Problem zu verstehen. Es war klar, dass sie einen tendenziösen Artikel planten. Nach der Veröffentlichung zeigte sich dann auch, dass sie mit den vier kritischen Statistikexperten nicht einmal gesprochen, sondern nur online verfügbare Zitate aus dem Zusammenhang gerissen hatten.“

„Sollte ich mich fürchten? In meinem Alltag kommt die ‚Bild‘-Zeitung nicht vor“

Und warum das Ganze am Ende? Die Antwort ist einfach: Keine Zeitung in Deutschland hat einen vergleichbaren Bedeutungsschwund hinter sich wie die „Bild“-Zeitung. Die virtuelle Medienwelt hat wesentliche Funktionen dessen übernommen, für was „Bild“ immer stand: Emotionen wecken, Aggressionen verstärken, Gerüchte lancieren. Wer mit der „Bild“ im Fahrstuhl nach oben fährt, der fährt mit ihr wieder nach unten, so hieß es früher. Heute fährt dieser Fahrstuhl nur noch in bedeutungslose Mitteletagen. Einen Bundespräsidenten wegzuschreiben oder auch sonst Menschen zu schaden – die Möglichkeiten der „Bild“ werden von Jahr zu Jahr weniger.

Es ist der Phantomschmerz der verlorenen Macht in unserer Gesellschaft, der zweitklassige Redakteure zu den verwegensten Mitteln greifen lässt. Oder wie es „DER SPIEGEL“ über Chefredakteur Julian Reichelt schreibt: Er will zeigen, „dass ‚Bild‘ noch die alte Kraft hat trotz sinkender Auflage. Dass sie entscheidet, wer in Deutschland zu den Gewinnern zählt und wer zu den Verlierern. Dass sie Karrieren ermöglichen, aber auch zerstören kann“. Aber das ist alles vorbei. Und so sagt der Virologe Christian Drosten: „Sollte ich mich fürchten? Kann ich mir nicht vorstellen. Das letzte Mal, dass ich die ‚Bild‘ gelesen habe, das war zu Zeiten von ‚Bumm-Bumm-Boris‘. In meinem Alltag kommt die ‚Bild‘-Zeitung nicht vor. Niemand in meinem Bekanntenkreis liest das Blatt.“

Straubinger Tagblatt vom 13. Juni 2020

Eine bayerische Erfolgsgeschichte

von Prof. Dr. Martin Balle | 30. Mai 2020

Mit viel Umsicht und Geschick hat Josef Schörghuber ein florierendes Unternehmen gegründet, das im Laufe der Zeit immer mehr expandierte und von seiner Familie erfolgreich weitergeführt wird

Was macht einen Mann erfolgreich? Weshalb schaffen es die einen fast aus dem Nichts zu einem Reich aus Macht und Reichtum, während den anderen dieser Aufstieg trotz großer Bemühungen verwehrt bleibt? Was sind die Tugenden, die Fähigkeiten, die es braucht? Ist es Glück, ist es Begabung, ist es Fleiß oder die Mischung aus allem? Was ist die Tür zum Erfolg? Wo geht die Treppe nach oben?

Bei Josef Schörghuber, dem Gründer der Unternehmensgruppe Schörghuber, die jetzt in dritter Generation erfolgreich geführt wird, waren es buchstäblich Treppen und Türen, die ihm den Weg zum Erfolg gebahnt haben. Zum 65. Jubiläum der Schörghuber-Gruppe wurde jetzt ein 368-seitiger, äußerst spannender Rückblick vorgelegt, der die Geschichte des Unternehmens detailliert beschreibt und zeigt: Am Anfang standen tatsächlich Türen und Treppen.

Die Nachkriegszeit braucht dynamische Unternehmer

Auf dem Land, in Mitteraham bei Mühldorf beginnt die Geschichte der Unternehmerfamilie Schörghuber. 1859 gründet der Urgroßvater Simon Schörghuber eine Werkstatt. Letztlich ist es eine Schreinerei, die der Zimmerer betreibt, um Scheunen, Heuböden oder auch Getreidelager zu errichten. Aber 100 Jahre später hat sich die Firma schon spezialisiert und im Gewerbeverzeichnis von Mühldorf heißt es 1946, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg: „Wegen der Bombenschäden“ ist dieser Betrieb „sehr lebenswichtig, denn Schörghuber ist in der nächsten Umgebung Mühldorfs der einzige Treppenbauer“.

Aus Mühldorf heraus beginnt Josef Schörghuber drei Generationen nach der Gründung des Betriebs nach München Holztüren und auch Holztreppen zu liefern. Erfolgreich. Dann das Schlüsselerlebnis. Der junge Unternehmer soll für ein Haus einen Dachstuhl liefern. Ein arroganter und unsympathischer Bauträger fährt mit einem Cabrio vor und löst in Schörghuber einen Gedanken aus: „Eigentlich bin ich doch blöd, wenn ich dem das liefere und mache. Bauträger kann ich selbst werden.“

Das Geschick des jungen Josef Schörghuber aber zeigt sich schon bei einer anderen kleinen Facette, die den Unterschied ausmacht. Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft schon 1945 entlassen, bringt er aus dem Zweiten Weltkrieg als junger Soldat nicht nur seelische Verletzungen nach Hause, sondern auch einen Kleintransporter der Marke Opel Blitz. Es war dem jungen Soldaten tatsächlich gelungen, dieses Fahrzeug von seinem Stab günstig zu erwerben und so einen Meilenstein zu setzen auf dem Weg in eine neue Zukunft nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg.

Was ist der Unterschied? Was macht einen Mann erfolgreich? Es sind einzelne Baustellen, mit denen der junge Unternehmer als Bauträger beginnt. Zwei verfallene Häuser in München-Bogenhausen, die er erfolgreich saniert. Zeitgleich ein Vertrag mit dem beauftragten Architekten, dass er im Gegenzug Türen liefern darf für andere Projekte. Und das sind dann schon größere Baustellen: Es sind die Siemens-Hochhäuser in München. Ein weiterer Durchbruch.

All das in den frühen 50er Jahren. Die Zeit braucht neue und dynamische Unternehmer, die Märkte sind da, der Wiederaufbau Deutschlands schafft ungeheure Möglichkeiten. Allein in den 50er Jahren errichtet Schörghuber in München knapp 600 Wohnungen und sechs Reihenhäuser. Da entsteht natürlich Kraft, aber auch Know-how.

Und weiter? Glück und Findigkeit: Zeitgleich mit der Idee der Stadt München, große Tochterstädte zu entwickeln, entdeckt der Unternehmer in Bogenhausen ein nicht erschlossenes Areal von 320 000 Quadratmetern. Der Arabellapark entsteht. Allein im Arabellahaus 700 Appartements, dazu Kliniken, daneben das Hotel, Restaurants und viele Geschäfte. Ein nächster, großer Schritt. So beginnen Erfolgsgeschichten. Nicht dann, wenn in der Zeitung steht, was gelungen ist, sondern wenn keiner darauf achtet.

Was dann kommt, ist bekannt, und jeder Unternehmer kennt die Mechanismen, die ab da greifen. Wer hat, dem wird gegeben. Er muss nicht mehr buchstäblich Türklinken putzen. Die anderen rufen an, aus anderen Städten, aus anderen Ländern, aus anderen Kontinenten. Ein Reich entsteht und wächst. Es gibt auch Krisen, aber längst ist die Fachkompetenz der Führungsfiguren zu groß, als dass ein Scheitern denkbar wäre. Die Welt wird zum Schachbrett, und der Unternehmer als Schachspieler hat Freude, die richtigen Züge zu wählen oder auch die falschen zu verstehen und nicht wieder zu machen. Die Politik lädt ein und freut sich, wenn der Unternehmer zusagt und kommt. Am Anfang einer Unternehmergeschichte ist das noch umgekehrt.

Das Fortsetzen des bewährten Weges

Auch die nächste Generation steht im Zeichen solider Ausbildung, die sich einem abgehobenen oder arroganten Verhalten verweigert. Der Sohn Stefan darf schon mit 18 Jahren die Brauneck Bergbahnen leiten. Denn in der Praxis kann man am besten lernen, nicht beim Betriebswirtschaftsstudium. Und deshalb wird der Junge auch Bierbrauer. Das ist konkret. Wenn er ’s falsch macht, schmeckt das Bier nicht, die Quittung kommt sofort. Besser kann man nicht lernen. Am Ende aber wird das Bier nicht von ihm gebraut, sondern es entsteht der bekannte Brauerei-Konzern mit den Marken Hacker-Pschorr und Paulaner. Wieder ein Spiel auf der Weltbühne. Noch mehr Immobilien, aber auch Kooperationen mit anderen Spielern, die genauso stark sind, zum Beispiel Coca-Cola oder Heineken. Wer hat, dem wird gegeben.

Trauriges gibt es auch zu lesen: Mit 75 Jahren hat Josef Schörghuber Magenkrebs. Am 12. Mai 1995 feiert er noch mit vielen Wegbegleitern seinen Geburtstag, keine zwei Wochen später klagt Ministerpräsident Edmund Stoiber beim Requiem in der Theatinerkirche: „Als Josef Schörghuber am Freitag, den 12. Mai 1995, mit vielen Freunden und Gästen seinen Geburtstag feierte, hätte niemand daran gedacht, dass binnen zwölf Tagen die ehrenden Worte und Geburtstagsreden in Nachrufe münden würden.“ Und auch der Sohn Stefan, der genauso erfolgreich ist wie der Vater, erleidet ein schlimmes Schicksal. Nur 13 Jahre nach dem Vater stirbt er mit 47 Jahren an Herzversagen.

Was macht ein Unternehmen erfolgreich? Dass die Unternehmer es breit und solide aufstellen. Es hängt dann längst nicht mehr nur vom erfolgreichen Gründer ab, sondern von Strukturen und verlässlichen Führungsleuten, die es über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut wurden. So dass dann die nächste Generation auf den Leistungen der Gründer und ihrer Söhne aufbauen kann. Da geht es dann nicht mehr darum, nochmals Türen und Treppen zu bauen oder auch Häuser. Da geht es dann um das Bewahren und Fortsetzen eines Weges, den die Vorfahren mit viel Mühe beschritten haben. Es geht um die bewahrende Integration dessen, was geschaffen wurde. Und so sagt Alexandra Schörghuber nach dem Tod ihres Mannes Stefan: „Mir war von Anfang an klar, dass ich das Unternehmen nicht operativ führen würde. Ich konnte und wollte nicht in die Fußstapfen meines Mannes treten. Zum Glück gelang es mir aber sehr schnell, ein Management aufzubauen, das die erforderliche Erfahrung und Kompetenz mitbringt.“ Was macht ein Unternehmen erfolgreich? Dass in jeder Generation exakt die Kompetenz aufgebaut wird, die gerade jetzt notwendig ist.

Michael Kamp, Florian Neumann: Schörghuber 1954-2019. Eine bayerische Unternehmergeschichte. Volk Verlag, München, 368 Seiten, 28 Euro.

Straubinger Tagblatt vom 30. Mai 2020

Sehnsucht nach dem anderen

von Prof. Dr. Martin Balle | 16. Mai 2020

Das erste Kapitel der Corona-Krise ist geschrieben. Auch für uns Zeitungsverlage hat es enorme Einsichten erbracht. „Totgesagte leben länger.“ Noch nie hatten wir in den letzten Jahrzehnten eine solche Nachfrage nach dem gedruckten Wort. Viele Neubestellungen, fast stündlich Anrufe von Lesern, die sich bedanken wollten dafür, dass ihre Zeitung gerade jetzt in der Krise erscheint. Und das nicht nur in Straubing, Landshut oder München, nein, diese Entwicklung ging durch die ganze Republik.

Dasselbe gilt für unsere digitalen Auftritte. In dieser ersten Phase der Krise, die uns noch bis Ende nächsten Jahres massiv beschäftigen wird, waren es gerade die Internetauftritte der Zeitungen in ganz Deutschland, wo die Reichweiten geradewegs durch die Decke gingen. In der Krise geht es eben um die seriöse, um die echte Information. Und die findet sich nicht bei RTL 2 oder den verschiedenen Chatrooms des Cyberspace, wo man in der Regel noch nicht einmal genau weiß, mit wem man gerade spricht.

Überhaupt, das Fernsehen. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen galt vielen gerade noch als Auslaufmodell. Jetzt schaltete ganz Deutschland bei der Tagesschau oder dem Heute-Journal des ZDF rechtzeitig ein, um buchstäblich im Bild zu sein. Man war dankbar für die Claus Klebers dieser Welt oder auch für Armin Wolf, der im ORF 2 seit Jahren zeigt, was seriöser Nachrichtenjournalismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu leisten imstande ist. Und gerade Markus Lanz, der viel geschmähte, der seinen Gästen so gerne ins Wort fällt, nahm sich fast wissenschaftlich viel Zeit, um mit Politikern und Fachleuten in allem gebotenen Ernst jeden Tag wieder neu zu erforschen, wo wir wirklich stehen. Auch das hob sich von dem Talkshow-Trash, den wir so oft erlebt haben, äußerst wohltuend ab. Und wenn wir schon von der Wissenschaft reden: Von Leschs Kosmos bis hin zu all den Wissenschaftsredakteuren, die es in den großen Zeitungen dieses Landes gibt – es wurde schon erkennbar, was für eine Qualität unsere traditionellen Medien anzubieten haben.

Knapp 30 Jahre gibt es die Welt des Internets jetzt. Und es zeigt sich: Das ist auch nur ein Spieler in der Medienwelt und es macht das, was es seit Jahrhunderten gibt, bei Weitem nicht überflüssig. Das Buch nicht, das doch kein Mensch auf der kalten Oberfläche des Computers lesen will, und gerade auch die Zeitung nicht, die man so bequem zusammenfalten kann, wenn man auf dem Weg ist und sich die Zeit erst nehmen muss, um sich ein wenig in sie zu vertiefen. Im Jahr 2000 würde es sie nicht mehr geben, sagten die Zukunftsforscher Mitte der 1990er-Jahre. Die Zukunftsforscher aus dieser Zeit leben zum großen Teil nicht mehr, aber die Zeitungen sind immer noch quicklebendig. Es war auch ein Irrtum, zu denken, dass eine Geschichte, die vor mehr als 400 Jahren begann, in so ganz kurzer Zeit nichts mehr wert wäre. Alle Zeitungen des letzten Jahrtausends sind immer noch da und die Wochenzeitung Die Zeit hat gerade die Auflagenhöhe von 500 000 Exemplaren durchbrochen. Und das bei dem Anspruch, der von diesem Blatt ausgeht – das ehrt ihre Leser.

Überhaupt die Zeit! Wer ernsthaft meint, dass eine Innovation wie die digitale Welt in ihrer Bedeutung und in ihren Wirkungen sofort verstanden und berechnet werden könnte, der sollte eher Gartenarbeit machen. Gesellschaftliche Veränderungen, die unser ganzes Alltagsverhalten beeinflussen, entwickeln sich über Generationen – und nicht von heute auf morgen. Und auch der Vorwurf, dass die Zeitungen es vor 20 Jahren verschlafen hätten, ihre Angebote im Netz sinnvoll zu bepreisen, ist völliger Blödsinn. Wer im Netz verkaufen wollte, war damals im Netz nicht da. Und umgekehrt: Wer damals im Netz da sein wollte, durfte dort nichts verlangen! Der zögerliche Weg der Zeitungen ins Netz, der dort einerseits die Zeitungen als virtuellen Mitspieler etablierte und andererseits die gedruckten Auflagen nicht überflüssig machte, war genau der goldene Weg in die heutige Welt. Die gedruckten Auflagen der Zeitungen sind immer noch enorm hoch und im Netz sind die User heute bereit, für seriöse Informationen auch zu bezahlen. In dieser Mischform ihrer Angebote haben die Zeitungshäuser von gestern als Medienhäuser von heute und morgen längst wieder eine Zukunft.

Und eines darf auch gesagt werden: Während die großen Dax-Konzerne, die gerade mit den Autos und mit den Versicherungen noch Milliarden verdient haben, entweder sofort nach dem Staat schreien oder als Versicherungen erklären, dass sie im Schadensfall gar nicht zuständig seien, haben die Zeitungen von Anfang an erklärt, dass sie vom Staat kein Geld nehmen würden. Weil wir unabhängig bleiben wollen. Nur für die Zustellung auf dem Land braucht es bei steigenden Mindestlöhnen bessere Rahmenbedingungen, sonst geht das dort auf lange Sicht nicht mehr. Und das wäre auch schlimm für die Demokratie: denn Lesen bildet. Immer noch. Auch heute.

Und die Schulen? Grauenhaft waren sie, die digitalen Schulstunden. Geruchlos, geschmacklos – und ohne Beziehung zum anderen. „Reine Digitalformen sind nachweislich schlechter als interaktiver analoger Unterricht oder Mischformen analoger und digitaler Varianten.“ So sagt es der Hirnforscher Henning Beck, um hinzuzufügen: „Der beste Unterricht ist bloß mit einer Schiefertafel möglich. Sobald man digitale Medien dafür nutzen muss, muss man auch das didaktische Konzept hinterfragen.“

Und die Videokonferenzen, die man als Geschäftsmann jetzt über sich ergehen lassen musste? Selbst die Partner, von denen man bisher dachte, man wäre schon sehr bereit, auf ihre Gegenwart zu verzichten – wie hat man sich danach gesehnt, selbst die endlich wieder von Angesicht zu Angesicht zu erleben, zu spüren, zu sprechen.

Es ist nur das erste Kapitel der Corona-Krise, das jetzt zu Ende gelesen ist. Aber schon das war unendlich lehrreich. Das Schützenswerte der Natur – wer wollte jetzt einfach so blind weitermachen wie bisher? Die Sehnsucht nach der Gegenwart des anderen Menschen – hoffentlich bleibt sie lebendig. Aber eben auch: Der Wert der Medien, die in dieser Demokratie über Jahrzehnte hervorragende Dienste geleistet haben – auch das wurde so überdeutlich sichtbar.

Professor Thomas Pollmächer, Leiter des Zentrums für psychische Gesundheit im Klinikum Ingolstadt, schreibt über Menschen in Ausnahmesituationen: „Alter, Armut, Wohnungslosigkeit, Heimunterbringung, geistige oder seelische Behinderung, Sucht und andere psychische Erkrankungen machen es für die Betroffenen unmöglich, für viele Wochen die Folgen physischer Distanz ohne schwere negative Folgen für ihr psychisches Gleichgewicht zu überstehen.“ Machen wir uns nichts vor: Eine fortdauernde Isolation führt uns alle in eine psychische Ausnahmesituation. Und deshalb sollten wir uns jetzt auch ändern. Mitmenschlichkeit neu beleben – es wird sich lohnen!

Straubinger Tagblatt vom 16. Mai 2020 

Für das Leben oder die Schule

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. April 2020

Es könnte tatsächlich sein, geben wir es aufrichtig zu, dass für manche Klassen wegen des Coronavirus die Schule bis zu den Sommerferien ausfällt. Und die Eltern fragen besorgt: Was passiert dann? Wird der Stoff auch wirklich nachgeholt? Hat mein Kind jetzt dieselben Chancen im Leben? Lassen Sie uns dieser Frage ein wenig in allem Ernst nachspüren!

Mein erster Lateinlehrer war fast ein Offizier. Mit militärischem Drill lernten wir Wörter, Sätze, Konjunktive und Imperative – und all das auch noch in Latein. Noch heute schwirren in meinem Kopf ungezählte lateinische Wörter, die mir plötzlich und auch ungebeten in allen möglichen und unmöglichen Lebenssituationen einfallen. Sie sind einfach da und melden sich immer noch. Was wäre, wenn es etwas weniger davon wären?

Sicher, wäre ich der Aufforderung, die vom ganzen Wesen und Verhalten meines ersten Lateinlehrers ausging, nachgekommen, dann wäre ich heute Vier-Sterne-General oder auch ein hochdekorierter Astronaut. Aber leider kamen schon in der Schulzeit einige Dinge dazwischen, sodass mir diese Lebenswege verbaut blieben.

Und auch mein durchaus sympathischer Lateinlehrer von damals sitzt heute pensioniert und am Kopf ganz glatt rasiert an jedem Sonnentag vor den italienischen Cafés meiner Heimatstadt und trinkt genüsslich seinen Espresso. Vielleicht kassiert er wirklich Schutzgelder für seine sizilianischen Freunde, weil er eben doch kein Offizier wurde, aber selbst das ist wohl eher ein lustiges Gerücht.

Oder Mathematik: Einübung in lebenslange Traumata. Sinus und Cosinus, schräge und rechte Winkel, im Leben brauchte ich meist die schrägen, die wurden aber gar nicht so recht gelehrt. Und dass es am Ende nie aufging! In der Schulzeit, da musste am Ende bei Mathe immer ein exaktes Ergebnis stehen. Und auch noch richtig sein. Im Leben war es dann schon so, dass es dann stimmte, wenn es nicht so genau aufging, aber in der Schulaufgabe sollte immer ein Ergebnis herauskommen.

War das wirklich richtig so? Haben wir da für das Leben gelernt?

Überhaupt die Schulaufgaben in Mathematik. Drei Tage haben sie regelmäßig in der Kindheit versaut. Den Tag vor der Schulaufgabe, den Tag mit der Schulaufgabe und den Tag, an dem die Schulaufgabe zurückgegeben wurde. Meine Lieblingslehrerin in Mathe, die immer die Noten in der Reihenfolge von eins bis sechs zurückgab – spätestens bei der Vier war man schon verzweifelt und hoffte auf eine gnädige Fünf. Wenn sie dann bei den Allerletzten mit elegantem Schwung und leichter Beugung nach vorne, sodass die ganze Schönheit ihres Wesens sich kurz zeigte, die Mathearbeit auf unsere Tische legte und kommentierte: „Da war leider nichts mehr zu machen …“, da frage ich mich heute: Hätte etwas weniger davon nicht auch gereicht?

Sicher, das war eine wertvolle Schule fürs Leben. Eine rechtzeitige Einübung in schlimme Niederlagen. Eine Vorbereitung auf all die Katastrophen, die da noch kommen sollten. Aber schlimm war es auch.

Jahre nach meiner Schulzeit traf ich einen etwas schrulligen Mathematiklehrer aus der Mittelstufe meiner Gymnasialzeit auf dem Straubinger Stadtplatz wieder. Vor einem Süßwarenladen erkannte er mich, rief mich beim Namen und meinte freundlich, aber auch bestimmt: „I hab fei all eure Noten no.“ Entsetzt wandte ich mich ab, in der Hoffnung, dass er niemals von seiner Drohung Gebrauch machen würde.

Oder unser ganz ungewöhnlicher Erdkundelehrer. Alle Früchte dieser Erde presste er auf abgezogenen DIN-A 4-Blättern in kleine Quadrate und stellte sie unter die Länder, die er mit uns durchreiste. Zitronen, Orangen, Bananen. Keine Frucht war stark genug, dass sie den Sprung aus einem dieser Quadrate je herausgeschafft hätte. Immerhin, den Monsun in Indien führte er bei Sturm und Donnergrollen an einem Donnerstag in der sechsten Stunde so sinnlich vor, dass es heute noch in mir stürmt und wütet, wenn in den Nachrichten Unwetter aus Indien gemeldet werden.

Ich hatte viele Lehrer. Nette, nicht so nette, lustige und ganz ernste, verrückte und weniger verrückte. Aber wäre mein Leben ärmer, wenn das ganze Schulkarussell einmal für ein halbes Jahr ausgefallen wäre? Wenn die traumatischen Mathematikübungen für ein halbes Jahr zurückgestellt worden wären? Wenn ich nicht wüsste, dass in Äthiopien immer noch keine Schokolade auf den Bäumen wächst?

Sicher, später lasen wir den Tod des Sokrates im griechischen Original bei Platon. Und das ist wirklich eine Erfahrung, die ich bis heute nicht missen möchte. Oder das Gelage des Parvenüs Trimalchio im Latein-Leistungskurs bei Petron. Das waren Sternstunden meines geistigen Lebens, auch wenn ich die Fressgelage der Dekadenten von heute gar nicht so lustig finde wie ihr lateinisches Original.

Aber war die Schulzeit nicht deshalb so wichtig, weil man Freunde hatte, die man täglich sah? Und Lehrerinnen und Lehrer, die man doch sehr mochte? Ein Netz des gewohnten Lebens, das einen auffing und Struktur gab? Waren es wirklich all die vielen Details, die es auswendig zu lernen galt und die man bis heute – Gott sei Dank – alle längst vergessen hat? Lernte man die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nicht doch auch ganz woanders? Auf dem Fußballplatz, später auf den Straßen New Yorks, vor allem, wenn es dort dunkel war – oder auch bei kleineren Schlägereien, die man glücklicherweise unverletzt überstand und die einem die Gewissheit mitgaben, dass es doch bessere Wege der Konfliktlösung geben muss.

Bei dem Schriftsteller Martin Walser sind es immer die Einserschüler, die im Leben so kläglich versagen und die sich wundern, warum die, die in der Schule nie so gut waren, jetzt im Leben plötzlich die Erfolgreichen sind. Ja, das ist mehr als Literatur!

Aber doch: Ich bin all meinen Lehrern aus der Schulzeit bis heute sehr dankbar. Deshalb lade ich die, die noch leben, jeden Sommer an einem warmen Sonnenabend zum Weintrinken in meinen Garten ein. Das sind herrliche Stunden voll der Erinnerung. Schöne Gespräche mit gebildeten Menschen, was will man mehr? Es ist dann fast so, als wäre die Zeit der Kindheit ein wenig stehen geblieben und würde jetzt nochmals zum Fenster hereinschauen. Glückliche Stunden, wie es sie seit der Kindheit kaum mehr gibt.

Aber eines wundert mich doch. Nach einem solchen Abend mit etwas Weißwein, dann etwas Rotwein – alles in Maßen –, wenn sie dann gegen Mitternacht heimgehen, dann können die weder radfahren noch geradeauslaufen noch eine ganz kleine Treppe sturzfrei nach unten gehen. Da frage ich mich dann schon – als ein Schüler, der es in der Schule wahrlich oft nicht leicht hatte: Was haben euch eure Lehrer denn eigentlich Vernünftiges beigebracht? Wenn solch leichte Übungen euch bereits solche Schwierigkeiten machen!

Straubinger Tagblatt vom 25. April 2020

Es gibt keine Alternative zum Frieden

von Prof. Dr. Martin Balle | 10. April 2020

Stalingrad und der Zweite Weltkrieg lehren uns auch heute, dass die Waffen für immer schweigen müssen

Auf ein bestimmtes Foto blicke ich immer wieder gerne. Es ist der Tag der Heimkehr. Aus Russland. Aus Stalingrad. Einmal knapp dem Tod entkommen, weil er als Funker die feindlichen Funksprüche abgehört hatte und die Kompanie über den einzigen Ausweg noch aus der feindlichen Umzingelung herausführte. Dann doch schwer verletzt. Im Lazarett hört er einen Kameraden sagen: „Gib mir Deine Stiefel! Du brauchst sie doch nicht mehr.“ Nach Wochen soweit wiederhergestellt, dass die Heimkehr möglich wurde. Jetzt zurück in Oberbergen im Kaiserstuhl. Vom Krieg gezeichnet. Des Krieges für immer müde. Später würde Eugen Biser einer der wichtigsten Religionsphilosophen der Nachkriegszeit werden.

Aber all das liegt jetzt noch in weiter Ferne. Noch ist Krieg, aber in Eugen Bisers Kopf hat sich ein Gedanke für immer verewigt: Nie wieder Krieg! 50 Jahre später würde er als Philosoph das so ausdrücken: „Wer Krieg und Frieden sagt, hat den Frieden schon verraten.“ Oder auch: „Der Frieden ist alternativlos.“ Und so verurteilte er jedes Zurückschlagen, auch schon in Afghanistan, nachdem die Terroristen in New York die Türme zum Einsturz gebracht hatten, aber erst recht im Irak, wo es die Lügen eines amerikanischen Präsidenten waren, die diesen Krieg erst möglich machten.

Das Friedensgeschenk von Präsident Gorbatschow

Mein Großvater war friedliebend. Verleger in Straubing wurde er nur, weil sein Vater 1935 Berufsverbot bekommen hatte. Als den in seinem Büro ein Nazi mit dem Hitlergruß begrüßt hatte, antwortete mein Urgroßvater: „Geh, dans den Arm net so weit nauf, Sie miaßan an später wieder umso weiter aba doa.“ Dieser Satz und noch eine kritische Anmerkung im Zigarrenladen der Stadt Straubing reichten damals für ein Berufsverbot. Als sein Sohn als Verleger ebenfalls nicht linientreu funktionieren wollte und immer am Samstag die katholische Gottesdienstordnung veröffentlichte – gegen den Willen der Nazis –, da musste auch er an die Front.

Mein Großvater war alles andere als ein Krieger. Aus Angst. Aber auch aus Menschenfreundlichkeit. Eines Tages steht ihm in einem einsamen Wald bei Danzig an der Ostfront ein feindlicher Soldat gegenüber. Beide haben sich eher zufällig getroffen. Jeder ist allein. Beide zögern, dann schießt der andere zuerst. Ein Schuss in den Arm meines Großvaters.

Auch er also ein Heimkehrer. Als er völlig verdreckt in der Haustür steht, fragt ihn seine Frau: „Wer sind Sie und was wollen Sie?“ Erst dann erkennt sie ihn. Wenn mein Großvater Jahrzehnte später über den Krieg sprach, dann immer mit dem einen Satz: „Ich war im Krieg, aber ich habe dort keinen einzigen Schuss abgegeben. Gott sei Dank!“

Ich sitze in Landshut bei einem Mittagessen allein. Ein freundliches älteres Paar setzt sich zu mir. Zufällig. Wir kommen ins Gespräch. Es geht um Politik und die Welt im Großen und wie im Kleinen. „Da haben die mich also im Zweiten Weltkrieg plötzlich an die Ostfront versetzt“, sagt der Mann. „Die Division hieß Totenkopfdivision. Während die Panzer vorrückten, mussten wir Fußsoldaten vor den Panzern hermarschieren und mit unseren Gewehren alles niedermähen, was auch nur den Kopf hebt, damit keine Minen unter die Panzer gelegt werden können. Wo bin ich da hingeraten, habe ich mir gedacht“, so erzählt es der alte Mann und lacht ein hartes Männerlachen dazu. Als ich ihn frage: „Und wie viele Menschen haben Sie damals getötet?“, da wird er kurz blass, beginnt zu schweigen, bis er sagt: „Darüber spricht man nicht.“ Dann wechselt er das Thema und wendet sich wieder seinem Mittagessen zu.

Vor exakt 75 Jahren endete dieser grausame Zweite Weltkrieg. Weil auch noch die schrecklichen zwei Atombomben in Japan fielen, waren Kriege keine echte politische Option mehr. Zu grausam das Erinnern, im Letzten waren Kriege geächtet. Auch die atomare Abschreckung im „Kalten Krieg“ hatte in ihrer paradoxen Logik nur ein Ziel: Kein Krieg mehr! Es war und ist die Leistung der Friedensbewegung, verständlich gemacht zu haben, dass ein „Gleichgewicht des Schreckens“ immer auch schiefgehen kann. Dann kam Gorbatschow, der Menschenfreund, und mit ihm ein neues Europa ohne Grenzen. Eine unglaubliche Friedenschance! Niemand hätte Anfang der 90er Jahre gedacht, dass diese Friedensmöglichkeiten so schnell mit Füßen getreten werden, wie es dann geschah. Die Kriege der Russen, die Kriege der Amerikaner, Erdogan, Syrien, oder auch im Jemen. Stellvertreterkriege, sinnlos. Wer kann die Welt schon besitzen? Wieder Millionen Tote, wieder Millionen Flüchtlinge.

Und wir? Plötzlich schreibt ein Leitartikler auch noch in einer renommierten Wochenzeitung aus Hamburg, dass man jetzt wieder seinen Clausewitz lesen müsse. Der war preußischer General und sagte vor 200 Jahren, dass der „Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei“. Und in den Nachrichten hört man immer öfter, dass es wichtig sei, unsere Truppen jetzt mit einem „robusten Mandat“ auszustatten. Also militärische Lösungen in schwierigen Zeiten. Dabei steht die Welt so hochgerüstet in Waffen, dass ein Funke, ein Missverständnis reicht, um sie in Flammen zu setzen. Darauf hat gerade in seinem letzten Buch der kluge Außenpolitiker Horst Teltschik hingewiesen, immerhin Chefberater von Helmut Kohl, als die Politik noch alles tat, um den Frieden zu bewahren.

Es heißt, sich aus der Spirale der Gewalt zu lösen

Jetzt liefern wir wieder Waffen in die ganze Welt. Am Jemenkrieg, in dem die Menschen am schlimmsten leiden, hat die deutsche Rüstungsindustrie viele Millionen verdient. Rekordexporte. Das Blut, das an ihren Händen klebt, ist den Managern der Rüstungsindustrie gleichgültig. Genehmigt hat es die Bundesregierung. Warum also selber fragen, was mit den Waffen am Ende geschieht? Was scheinbar legal ist, muss doch auch legitim sein, so sagen die Manager zu sich selbst und am Ende zu den anderen. Ums Geld geht es ihnen und das Wort Gewissen bleibt ein Fremdwort für sie. Dass die Regierung das zulässt und auch noch mit den Stimmen der SPD!

Echte Friedenspolitik würde ganz anders aussehen. Sich herausnehmen aus der Spirale der Gewalt! Nicht mitmachen! Sich einsetzen für den Frieden in vielen Gesprächen, in unendlich mühsamer Kleinarbeit – was ja zum Teil auch geschieht, aber es wird eben nicht durchgehalten! Wehrfähig sein, aber auch keinen einzigen Schritt darüber hinaus! Den Krieg wieder ächten und die Waffenexporte sowieso! Nicht zurückschlagen, schon gar nicht wir – als die westliche Welt! Was hat der Krieg in Afghanistan den Amerikanern am Ende gebracht? Winzige Verbesserungen in der Region um Kabul, aber kein durchschlagender Erfolg für das ganze Land. Jetzt ziehen die Truppen langsam ab. Und hinterlassen verbrannte Erde. Nachdem Tausende Mütter in Amerika, in Afghanistan und im Irak um ihre Söhne geweint haben.

Und man kann gerade auch heute vom Osterfest her Politik machen. Denn das Böse in der Welt wird eben nicht weniger, wenn wir versuchen, es auszumerzen. Neben allen anderen Bedeutungen des Osterfestes, die von Jesu Leben und Sterben bis in gerade unsere Zeit reichen, ist das eine ganz entscheidende Lesart, die immer noch gilt und auf die wir besser hören sollten.

Straubinger Tagblatt vom 10. April 2020 

Das Recht, in Würde zu sterben

von Prof. Dr. Martin Balle | 04. April 2020

Den Arzt kannte ich. Wir waren eine Gruppe recht junger Männer und Frauen, die sich entschieden hatte, das Hilfswerk „Misereor“ zu unterstützen. Unternehmer, Ärzte, Manager. Etwas Gutes tun, Geld für Afrika und Lateinamerika sammeln, das Hilfswerk der katholischen Kirche unterstützen. Jedes Mal trafen wir uns woanders. Dieses Mal zeigte uns der stolze Klinikchef das Reich, das er erschaffen hatte. Eine wunderbare Privatklinik, wir tagten in einem hellen und lichten Nebenraum.

Als er die nächsten Male nicht mehr kam, fragte ich, wo er denn abgeblieben sei, und man sagte mir nur, er sei schwer an der Nervenkrankheit ALS erkrankt. Das ist die Krankheit, die den Physiker Stephen Hawking ein Leben lang an den Rollstuhl gefesselt hat.

Er drohte, zum stummen Gefangenen seines eigenen Körpers zu werden

Das Ende des ehrgeizigen Arztes stand in „Die Zeit“. In einem Interview erzählte der Arzt Uwe-Christian Arnold, der ein Leben lang Menschen zu sterben half, wie er dem Kollegen beim Freitod assistierte:

„Mein Kollege war schon eineinhalb Jahre nach der Diagnose fast bewegungsunfähig, konnte kaum schlucken oder sprechen. Spindeldürr saß er in einen Spezialpflegestuhl geschnallt, litt unter Erstickungskrämpfen. Als ich ihn zum ersten Mal besuchte, schaute er mich mit klaren Augen an, aber gab unverständliche Laute von sich, während ihm große Mengen von Speichel aus dem Mund liefen. Dieser Arzt drohte mit 61 Jahren bei vollem Bewusstsein seine Fähigkeit zu verlieren, sich nach außen verständlich zu machen. Mich brauchte er nur als Berater und Sicherheit, die Assistenz übernahm seine Frau. Trotz seines Zustandes starb er ruhig, im Kreis seiner Familie. Ich werde nie vergessen, wie erschütternd sein Bittbrief an mich war, mühsam mit nur einem Finger in den Computer getippt. Und ich vergesse auch nicht die Erleichterung in seinen Augen, am Ende, als er sicher war, nicht zum stummen Gefangenen seines gepeinigten Körpers zu werden.“

Das ist das Zeugnis eines glaubwürdigen Arztes, der sich ein Leben lang dafür einsetzte, Menschen in schlimmster Todesbedrängnis zu helfen. Das Interview, das die Wochenzeitung „Die Zeit“ vor wenigen Wochen abdruckte, gab er kurz vor seinem eigenen Freitod, den auch er wählte, weil er seine schwere Krebserkrankung nicht bis zum ganz bitteren Ende austragen wollte. Sein entscheidendes Argument für den assistierten Freitod ist, dass die Palliativmedizin nicht in allen Fällen so helfen könne, dass schmerzfreies und bewusstes Sterben möglich wäre. Zu viele Fälle habe er erlebt, wo Menschen über die Grenze des Unerträglichen hinaus geplagt gewesen wären. Er erzählt von einer jungen Frau, die am Ende nach einer Unterleibsoperation den eigenen Kot erbrach. Das ist schlimm. So half er ihr also am Ende.

Problematisch allerdings erscheint die Haltung des Arztes dort, wo ein Graubereich beginnt, der verstört. So kommentiert der Arzt den Fall des ehemaligen Intendanten des MDR, Udo Reiter, der sich das Leben nahm, als er im Rollstuhl saß: „Ich sage, es gibt ein Recht auf letzte Hilfe. Was ältere Rollstuhlfahrer betrifft: Mit zunehmendem Alter wächst die Gefahr, dass sie sich wundsitzen. Die offenen Wunden heilen schlecht und tun wahnsinnig weh. Man kann das behandeln, aber oft platzen die Wunden wieder auf. Wer das mehrfach durchhat, hat womöglich die Nase voll.“ Aber wo ist dann die Grenze? Ist hier die Palliativmedizin mit ihren Hospizen und ihrer ambulanten Betreuung auch schon am Ende? Ist das wirklich die Antwort, dass man da den Freitod wählt?

Interessanterweise gab der niederländische Professor Theo A. Boer in derselben Ausgabe von „Die Zeit“ ebenso ein Interview zum selben Thema. In ihm erklärte er, weshalb er von einem Befürworter aktiver Sterbehilfe zu einem Skeptiker und sogar Kritiker wurde. Als jahrelanges Mitglied in der niederländischen Prüfungskommission, die über die Rechtmäßigkeit von aktiver Sterbehilfe befand, habe er zu viele Fälle gesehen, bei denen aktive Sterbehilfe gar nicht angebracht war. Eine demenzkranke Frau erwachte trotz eines Beruhigungsmittels und wurde von einem Arzt unter Zwang gegen ihren Willen getötet. Oft gebe es Druck von Verwandten, dass das Familienmitglied aus den verschiedensten Gründen jetzt zu sterben habe. Aufgrund der liberalen Gesetze sei die Sterbehilfe in Holland heute eine der häufigsten Todesursachen. Der Professor urteilt deshalb: „Unser Konsumverhalten greift inzwischen auf das menschliche Leben über: Erhalten wollen wir nur noch, was autonom ist, genießen kann, etwas zur Wirtschaft beitragen kann und was gesund ist. Alles, was dem nicht entspricht, gerät in eine Gefahrenzone.“

Reinhold Iblacker brachte die Hospizbewegung nach Deutschland

Immer mehr Ärzte seien deshalb heute in Holland nicht mehr bereit, Sterbehilfe zu leisten. Deshalb gebe es in Holland jetzt die berüchtigten „Sterbekliniken“, wo man zum Sterben hinginge. Auch ein Geschäftsmodell. Er selbst würde zwar im Zweifel eventuell auch Sterbehilfe in Anspruch nehmen, aber: „Allerdings glaube ich, dass das bei dem heutigen Stand der Medizin höchst unwahrscheinlich ist, weil es nicht nötig sein wird. Heute weiß ich: Hätten wir in den Achtzigerjahren dasselbe hohe Niveau der Palliativmedizin wie heute in den Niederlanden gehabt, wären wir diesen Weg niemals gegangen.“

Und Professor Boer kritisiert am Ende die Entwicklung in Deutschland: „Wenn dort nun die Gerichte die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe begünstigen, ist das die völlig falsche Reihenfolge in der Rangordnung der Wichtigkeiten. Man sollte zunächst die Palliativmedizin auf das allerhöchste Niveau bringen, wie es in anderen Ländern bereits getan wurde.“

Vor 30 Jahren war ich eng mit dem Münchner Jesuitenpater Reinhold Iblacker befreundet, der nicht alt wurde. Er war von der Palliativmedizin zutiefst überzeugt und hatte mit einem Film die Hospizbewegung von Cicely Saunders von England nach Deutschland gebracht. Ein erstes Hospiz entstand damals in München, mittlerweile schreitet die Palliativmedizin immer weiter voran. Nachdem jetzt das Bundesverfassungsgericht die Beihilfe zum Suizid nicht mehr unter Strafe stellt, kann man zusammenfassend sagen, dass beide Wege am Lebensende möglich sind. Es bedarf also vor allem einer tiefgreifenden Bewusstseinsarbeit, aber auch der ausreichenden finanziellen Unterstützung von Hospizen und Palliativmedizin, so dass Menschen gerade am Lebensende spüren, dass sie auch jetzt wirklich geborgen sind.

Straubinger Tagblatt vom 4. April 2020

 

 

Die Genese einer Volkspartei

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. März 2020

SZ-Redakteur Roman Deininger porträtiert humorvoll und kenntnisreich das Profil der CSU

Als vor 40 Jahren Franz Josef Strauß das Straubinger Gäubodenvolksfest eröffnete, hatte er für danach auch einen Besuch im „Straubinger Tagblatt“ zugesagt. Weil die Redakteure wussten, dass Strauß während seiner Eröffnungsrede bereits ein oder auch zwei Maß Bier getrunken haben würde, tischten sie danach alles Mögliche auf: Kaffee, Säfte, Kuchen und auch Tee. Doch Strauß blickte voller Verachtung auf die dargebrachten Gaben und meinte nur: „Habt’s kei Bier?“ Das Redaktionsgespräch dauerte dann über zwei Stunden, Strauß redete sich in Rage und trank währenddessen noch sechs Flaschen Bier. Die Tonbandaufnahmen, die wir mitlaufen lassen durften, behielten wir für uns, um den Frieden im Land nicht zu stören.

Wer die CSU und ihre Politiker über Jahre begleitet, der hat wahrhaftig etwas zu erzählen. Roman Deininger, Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“, hat jetzt eine Fülle von Begegnungen mit Politikern der CSU in seinem Buch „Die CSU – Bildnis einer speziellen Partei“ festgehalten. Deiningers Buch ist aber vor allem deshalb so lesenswert, weil es gerade nicht nur Anekdoten versammelt, die witzig und unglaublich erheiternd sind, sondern weil es all diese Begebnisse in einen Historienteppich hineinwebt, der zeigt, wie die CSU seit ihrer Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg genau die Partei wurde, als die wir sie heute kennen: ganz speziell eben.

Gut ist vor allem, dass der Autor dem Gegenstand seines Erzählens bei aller Kritik prinzipiell wohlwollend gegenübersteht. Er arbeitet die historischen Leistungen der Partei exakt heraus und hat durchaus Sympathie für die prägenden Figuren dieser Partei. Vieles, was er erzählt, ist heute auch vergessen. Umso wertvoller sind seine Erinnerungen. Etwa die Auseinandersetzung mit der Bayernpartei, die am Anfang noch ein ebenbürtiger Rivale war, dann aber mit viel List und Tücke niedergerungen wurde. Oder auch die Regierungsjahre des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner ab 1954, der deshalb das Land lenken durfte, weil die CSU ihn unterschätzte und sich selbst überschätzte.

Besonders interessant sind natürlich die Teile, die sich der jüngeren Geschichte Bayerns widmen. Der Verlust der Macht von Stoiber, die harte Auseinandersetzung zwischen Seehofer und Söder, der Machtkampf zwischen Waigel und Stoiber, die Kanzlerkandidaturen von Strauß und Stoiber, all das wird detail- und kenntnisreich erzählt.

Weil es aber ein glänzender Journalist ist, der erzählt, finden sich wunderbare, fast literarische Bilder und Wortspiele in diesem Buch. So etwa, wenn er den Landesgruppenchef der CSU in Berlin, Alexander Dobrindt, folgendermaßen charakterisiert: „Am Ende seiner Verwandlung vom Schützenkönig zum Maßanzugträger stand deshalb auch eine Art Maske, die er in der Öffentlichkeit seither immer aufhat. Das freundliche, aber komplett unbewegte Gesicht. Die vor der Brust verschränkten Arme. Der weiche, stocknüchterne Ton, als würde er von einem unsichtbaren Blatt ablesen.“ Oder wenn Deininger erzählt, wie Markus Söder als Ministerpräsident zum ersten Mal bei der Fronleichnamsprozession in München teilnahm: „Nach der Fronleichnamsprozession beschwerten sich Katholiken mit Sinn für Etikette, Söder habe während der Prozession ständig den Zuschauern am Wegesrand zugewinkt. ‚Wir sind doch nicht beim Oktoberfestumzug‘, schimpfte einer.“

All diese Miniaturen arbeiten am Ende das Profil einer Partei heraus, die Bayern über Jahrzehnte prägte und immer noch prägt. Und die Figuren, die so unglaublich gut beschrieben werden und die man sonst eher aus der Tagesschau festgezurrt in ihren Berufspolitikerrollen erlebt, werden dabei lebendig wie Romanfiguren, mit denen man mitempfindet und mitgeht. Das ist nicht nur spannend zu lesen, sondern auch sehr lehrreich. Die Zeit vergeht beim Lesen wie im Flug!

Roman Deininger: Die CSU – Bildnis einer speziellen Partei. C. H. Beck Verlag, München, 352 Seiten, 24 Euro.

Straubinger Tagblatt vom 28. März 2020 

Zeit zur Besinnung

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. März 2020

Ob die Geschichte der Menschheit einen Sinn hat oder doch eher nicht, ob vieles vorherbestimmt ist oder nicht; wie viel Freiheit angesichts eines auch vorfestgelegten Schicksals der Mensch überhaupt hat, darüber haben Philosophen aller Jahrhunderte immer wieder nachgedacht. Gibt es eine Entwicklung zum Guten? Warum dann immer wieder all die schlimmen Rückschläge? Und wenn die Welt schlecht ist und schlecht bleibt, warum dann überhaupt arbeiten für eine bessere Welt?

Im Geschichtskonzept des deutschen Idealismus von Friedrich von Schiller bis hin zu Friedrich Hegel gibt es darauf eine ganz einfache, aber auch hochproblematische Antwort. Die Menschheitsgeschichte sei schon eine Aufwärtsbewegung zum Ideal, weil die in der Geschichte innewohnende Vernunft sich über die Gegensätze von Gut und Böse in die richtige Richtung bewege. Die Schattenseiten des Bösen seien notwendig, weil nur so in der Dynamik des Widerspruchs zwischen Licht und Schatten die Geschichte an ihr gutes Ziel kommen könne. Das ist mit Recht immer wieder kritisiert worden. Denn wenn das notwendig so ist, wie Schiller oder Hegel das postulieren, dann sind das Böse, der Absturz, der Rückschritt in der Menschheitsgeschichte immer schon gerechtfertigt, weil sie ja notwendig sind, damit die Vernunft die Geschichte zu ihrem guten Ende bringen kann. Dann gibt es gute Gründe, dass es einen Hitler gibt, einen Stalin oder auch all die anderen Bösewichte der Weltgeschichte.

Den entscheidenden Widerspruch gegen ein solches auch typisch deutsches Geschichtsverständnis hat die christliche Philosophie eingelegt. Von ihr kommt der Begriff der sogenannten „Heilsgeschichte“. Dieser Begriff meint, dass mit der Menschwerdung Jesu Christi eine Beziehung zwischen Gott und der Welt gestiftet worden sei, die diese ganze Schöpfung schon jetzt auf eine andere, bessere Ebene stellen würde. Damals sei der Durchgriff des Ewigen ins Zeitliche, also in diese Welt, geöffnet worden. Schon jetzt. Schon heute. In jeder Zeit. In jedem Augenblick. In diesem Augenblick.

Schon diese Welt stünde durch Jesu Leben und Sterben im Horizont ewigen Heils, und auch wenn es immer wieder Rückschläge gebe, sei es Aufgabe der Menschen, immer wieder neu aufzustehen und für ein Leben in Würde schon in dieser Welt zu arbeiten. Als Ärzte, als Priester, als Lehrer, als Philosophen. Gott kümmere sich auch heute um seine Welt. Das Ewige sei nicht das, was eben später käme, sondern greife schon heute in diese Welt immer wieder auch ein. Trotz aller Rückschläge. Gerade in allen Rückschlägen. Von daher verbiete sich auch jeder Zynismus oder auch die Mutlosigkeit, mit der viele all die Rückschläge quittieren, die täglich in der Zeitung stehen.

Es ist das „Prinzip Hoffnung“, das die Philosophie mit dem Glauben teilt und von dem her ein bekannter Philosoph sogar die Überschrift seines ermutigenden Werkes herleitet. Überhaupt haben so manche Philosophen oder auch Schriftsteller, die mitten im Leben eher den Materialismus oder sogar den Nihilismus gerne pflegten, gegen Ende des Lebens im Prinzip Hoffnung doch noch den Anker auch des eigenen Lebens gesehen. Max Horkheimer etwa, der bekannte Philosoph, oder auch Alfred Döblin, der am Ende seines Lebens zum Christsein bekehrte geniale Schriftsteller.

Thomas Gottschalk hat sich im Fernsehen einmal mit dem geistreichen Theologen Hans Küng getroffen. Von ihren völlig unterschiedlichen Lebenspositionen heraus diskutierten sie eine Stunde lang die Frage, ob und warum es Gott gebe. Besonders lustig war, als Thomas Gottschalk sagte, er wünsche sich einfach einmal einen ganz einfachen Gottesbeweis, zum Beispiel, dass er sage: Gott, wenn Du jetzt die Nachttischlampe ausmachst, dann weiß ich, dass es Dich gibt. Herzig.

Aber eine ganz einfache Antwort, was Glaube und Religion denn seien, gibt es dann doch auch und der Theologe Johann Baptist Metz hat sie exakt auf den Punkt gebracht. Glaube sei „Unterbrechung“. Nicht einfach immer weitermachen. Bedenkenlos, vom Glücks- und Vergnügungsstreben bis zur Besinnungslosigkeit betäubt. Sondern eben innehalten. Die Pause zulassen. Denn der Glaube ist ja keine aktive Tat, wie der moderne Mensch so gerne denkt, sondern Geschehen, das aber nur kommen kann, wo einer innehält.

Jetzt ist also seit zwei Wochen Pause. Für alle. Die Schöpfung atmet auf und durch. Klimaziele werden plötzlich wie von selbst erreicht. Die Luft ist gut und klar und Zeit gibt es auch wieder. Zum Lesen, zum Musikhören, zum Gespräch, für die Familie. Das Leben fühlt sich an wie ein Ausflug in die Kindheit. Dasselbe Tempo, keine Termine, Freiheit. Was für ein Geschenk. Zeit zur Besinnung. Ist es das alles wert? Diese ganze Beschleunigung des Tempos, damit die Weltmärkte florieren. Das Diktat des beständigen Wettbewerbs. Und jetzt fehlen die Dinge, die wir schon längst die Chinesen machen lassen.

„Globalisierung gestalten“ – „Digitalisierung in allen Bereichen“ – die Schlagwörter von gestern stoßen einem jetzt auf wie schlechter Rotwein. Für jedes Krankenhaus auf dem Land, das wir dann doch nicht geschlossen haben, sind wir jetzt dankbar und auch für jeden Landarzt, den es dann doch noch gibt und der sich kümmert.

Und es zeigt sich auch, wie fähig wir sind, uns schnell besser zu organisieren und zu handeln, wenn es um unser Wohl geht. Warum nicht auch für andere? Könnten wir denn nicht auch so klug und aktiv sein, wenn es um Afrika geht? Da sind seit der großen Krise 2015 schon wieder fünf Jahre ins Land gegangen und wir haben gesagt: Es geht jetzt wieder gut, an den Grenzen stehen kaum mehr welche. Bis vor ein paar Wochen, weil der Hunger dort eben derselbe geblieben ist.

Wir werden diese Krise überstehen. Wir werden die Probleme lösen. In drei Monaten, in einem halben Jahr, in absehbarer Zeit. Aber werden wir – und das ist doch die viel wichtigere Frage – für unsere Zukunft die richtigen Folgen daraus ziehen? Dass wir unseren Kosmos zugrunde richten, wenn wir so weitermachen, dass dieses Coronavirus nur ein milder Vorgeschmack für die Krisen war, in die wir so unsere Kinder und Enkelkinder stürzen. Die das dann in regelmäßigen Abständen erleben müssen, eher wehrlos, so wie die Menschen in Afrika jetzt, die sich gegen die Heuschrecken nicht wehren können.

Es ist schon gut, wie die Politiker jetzt als Krisenmanager ihre Leistung bringen, der tapfere Markus Söder allen voran. Aber entscheidend ist doch, dass wir danach unseren Weg ändern, nachhaltig, dauerhaft, bewusst. Dass wir diese Krise nutzen und unsere Lehren wirklich ziehen. Nicht nach zwei Wochen alles vergessen haben und sagen: Die Karawane zieht weiter. Denn diese Krise ist für unser Bewusstsein eine Riesenchance. Gerade auch, weil sie so lange dauert und so massiv ist. Gerade noch wollten wir mit der Digitalisierung nach den Sternen greifen – und jetzt fehlt auf dem Scheißhaus das Klopapier!

Straubinger Tagblatt vom 28. März 2020 

Das Gift des Bösen

von Prof. Dr. Martin Balle | 07. März 2020

Als der Schriftsteller Stefan Zweig und der geniale Entdecker des Unbewussten Sigmund Freud sich in London trafen, während Hitler und die Seinen in Deutschland ihren Wahnsinn betrieben, da äußerte Zweig seine Verwunderung, in welche Barbarei ein Land wie Deutschland zurückfallen könne. Sigmund Freud, der die Schattenseiten des Menschen kannte wie kaum ein Zweiter, meinte nur, er wundere sich nicht.

Was das Böse ist und woher es kommt, darüber haben die Philosophen und Psychologen immer wieder diskutiert. Das vielleicht schönste Buch über das Böse hat vor 30 Jahren der Philosoph Dieter Wyss geschrieben: „Kain – Eine Phänomenologie und Psychopathologie des Bösen“, so heißt sein Werk, in dem er von Hitlers Morden bis hin zu Heideggers verschwurbelter Philosophie, die im letzten den Mitmenschen nicht kennen will, mit allem abrechnet, was er zum Bösen zählt. Während in der Philosophie das Böse häufig als Fehlen des Guten oder als „menschliches Versagen gegenüber dem sittlichen normativen Sollen“ definiert ist, diagnostiziert Wyss das Böse als eine „eigenständig-destruktive Macht“. Beim Bösen geht es für ihn primär um die „Nichtung, Vernichtung des Anderen, als gegenethischen Willensakt, der stets Berechnung und Planung impliziert“. Bedrohlich ist beim Bösen nach Wyss der „Andere, der entweder vernichtet, unterworfen oder integriert werden“ muss. Der Umgang mit dem Anderen ist für ihn also der Schlüssel zur Frage nach dem Guten oder Bösen. Bin ich dem Anderen gegenüber ein Nächster oder ein Mörder, ein wahrhaftiger Mensch oder ein Verleumder, ein Liebender oder ein Unmensch, so stellt Wyss die Frage nach dem Guten oder Bösen.

Der Begriff des „Anderen“ steht auch im Zentrum der Philosophie Jacques Lacans, des ebenfalls genialen Theoretikers der Psychoanalyse in Frankreich. Es sei gerade die Entwicklungsaufgabe des Menschen ein „Anderer“ zu werden. Exakt: dem Anderen der Andere. Das sei die sozialintegrative Kraft des Lebens, dass nur der, der diesen Entwicklungsweg vom Einzelnen zum Anderen des Anderen schaffe, in der Gesellschaft einen wahren Platz finden könne. Hatte Sigmund Freud die Entwicklung des Kindes noch durch die Rivalität mit den Eltern motiviert gesehen, erklärt Lacan, dass alle Menschen im Zeichen des Mangels und gegenseitiger Bedürfnisse miteinander verbunden seien. Indem sie das zugeben und zulassen, würden sie zu Mitmenschen, so Lacan. Menschliche Gesellschaft sei nichts Anderes als die ständige Dynamik einer fairen Organisation gegenseitiger Interessen.

Der existenziell bedrohte Mensch verliert sich selbst

Auch der Religionsphilosoph Eugen Biser sieht den Menschen von „seiner Konstitution her auf Solidarität angelegt und somit zur Liebe disponiert“. Die andere Seite aber sei: „Er schlägt zurück, und dies immer dann, wenn er sich in die Enge getrieben, in seinen Interessen geschmälert und um seine Lebensbereiche betrogen fühlt. Mit Aggressivität reagiert er somit auf die Bedrohungen seines Selbsterhaltungstriebs, seines Selbstwertgefühls und damit seiner biologisch-geistigen Existenz.“ Beginne diese zweite Seite des Menschen zu dominieren, so komme es am Ende regelrecht zum „Abfall des Menschen von sich selbst“.

All die Symptome, die die Risse in unserer Gesellschaft heute offenlegen, weisen in dieselbe Richtung. Ob eine Synagoge angegriffen wird, ein Autofahrer in einen Faschingszug mit Kindern hineinfährt, ein Amokläufer zehn Menschen tötet, oder am Ende ein erfolgreicher und liebenswerter Kaufmann wie Dietmar Hopp in Fußballstadien buchstäblich ins Visier genommen wird: Es ist das Böse, das in all diesen Fällen sein Gesicht zeigt. In Form von Menschen, die abgestumpft sind für das Wesen der Liebe, für den Wert des Lebens. Dieter Wyss beschreibt diese Abstumpfung geradezu als innersten Bestandteil des Bösen: „den Anderen, den Mitmenschen objektiviert nur noch als Gegenstand zu ‚verrechnen‘. Vergegenständlichung ist inhärenter Bestandteil der Lehrpläne aller Schulen. Im Medizin- und Psychologie-Studium nicht weniger als in den ökonomischen Berufen, in Technik und Naturwissenschaften, in denen Zahl und Zählen im Vordergrund stehen, wird Vergegenständlichung der Person praktiziert. Damit wird der Abstumpfung der Weg gebahnt, insbesondere in ihren inhumansten Formen: in der Tötung des Anderen.“ In der Psychologie gibt es das schöne Wort vom Schicksal eines Menschen, „der sich selbst nicht mehr spüren kann“. Wer sich selbst aber nicht mehr spürt, für den wird der Mitmensch nicht mehr zum Rettungsanker des eigenen Lebens, sondern – wie im Fall von Dietmar Hopp – zur Zielscheibe von Hass und Aggression.

Es dreht sich hier primär nicht um ein Problem, das der Fußball hat, sondern um ein gesellschaftliches Problem, das in ganz viele Teilbereiche des Lebens, also auch in den Sport, hineinreicht. In der Ära Merkel wurde jetzt fast 15 Jahre darauf verzichtet, ein glaubhaftes Leitbild zu entwickeln, von dem her unsere Gesellschaft eine menschenfreundliche Vorstellung entwickeln konnte, wo sie hinwollte. Was präsentiert wurde, waren alles inhaltsleere Parteiprogramme, die bedeutungslos blieben. Den Sprechblasen von einer solidarischen Gesellschaft steht heute in Wirklichkeit eine Welt entgegen, in der ein Drittel der Menschen in Deutschland Angst hat, abgehängt zu werden. Eine Welt, in der es keinen fairen Ausgleich zwischen Arm und Reich gibt. Eine Welt, in der zu viele Menschen nicht ausreichend Chancen bekommen. Entfremdungsprozesse.

Die Friedfertigkeit der überwältigenden Mehrheit

Und Politik bestand in den letzten Jahren oft genug aus nichts Anderes als faulen Kompromissen, die primär der eigenen Wiederwahl dienten. Da war es nicht schwer für die AfD, allerorts an den Stammtischen Fuß zu fassen, zumal sie doch vorgab, die Sprache der Menschen zu sprechen. Noch die billigsten Parolen waren für manche glaubwürdiger als das ausgleichende Moment der demokratischen Parteien, die sich längst viel zu weit von der Wirklichkeit entfernt haben. In das Vakuum, das die demokratischen Parteien zu oft zuließen, drang das böse Gift des radikalen Denkens und Sprechens.

Kommt hinzu, dass die digitale Welt den Abstand der Menschen von der gelebten Wirklichkeit bis ins Unendliche vergrößert. Wer nur mehr in einer virtuellen Welt lebt, der kann doch den Weg in die Wirklichkeit nicht mehr so finden, dass er sich in der echten Welt und der wahren Gesellschaft noch als normaler Mitmensch erleben und spüren kann. Über den Siegeszug der digitalen Medien schrieb Eugen Biser schon im letzten Jahrtausend: „Sie entziehen dem narkotisierten Rezipienten den tragenden Boden, indem sie ihm anstelle der für seine Grundorientierung unerlässlichen Primärerfahrungen das Surrogat täuschender Reproduktionen bieten.“

Hoffnung macht die Antwort vieler Menschen auf diese Probleme: In den Fußballstadien sind sie die Mehrheit und zeigen sich. Die überwältigende Mehrheit hat Freude am Spiel und ist friedfertig. Und der mit den Stimmen der AfD gewählte Ministerpräsident in Thüringen war nach gut einem Tag schon wieder von der Bühne verschwunden, weil er – in unserer Demokratie – eben nicht zu halten war. Doch die Brutalität der Wenigen, die anders bleiben und böse sein wollen, ist ungeheuer erschreckend.

Straubinger Tagblatt vom 7. März 2020 

 

Vorteil für Armin Laschet

von Prof. Dr. Martin Balle | 28. Februar 2020

Das wundert mich, dass sich jemand wundert, dass ganz plötzlich Armin Laschet und Jens Spahn im selben Segelboot sitzen. Das war doch klar, dass der Schwächste unter den drei Bewerbern seine Chance im Vorfeld sucht! Warum verlieren, wenn man auch gewinnen kann? Genauer gesagt der Zweitschwächste. Denn Norbert Röttgen hat sich beworben, weil er sonst gar keine Chancen mehr auf irgendetwas gehabt hätte.

Wenn Laschet, Friedrich Merz und Spahn sich geeinigt hätten, dann wäre im neuen Kabinett für Röttgen auf keinen Fall was geblieben, denn die drei hätten ja zuerst ihre ganz Entourage auch noch bedienen müssen. Und einen Koalitionspartner noch dazu! So viele Posten hat keine Regierung, dass dann für den kleinen Röttgen auch noch was geblieben wäre.

Und dann wären die ganzen Fernsehauftritte des außenpolitischen Experten Röttgen umsonst gewesen. Also einfach melden. Keine Chance – also nutze sie, das hat er sich gedacht und eine Woche Vorsprung herausgelaufen. Immerhin. Wer jetzt denkt, dass das wieder so knapp wird wie beim letzten Rennen um den CDU-Vorsitz vor zwei Jahren, könnte sich täuschen. Denn Merz punktet zwar bei schönem Wetter und bei geladenen Gästen. Aber der andere ist doch stärker.

Nicht nur erfolgreicher Ministerpräsident, und das auch bei Regen, sondern auch in der Partei aktiv ohne längere Pause. Im Gespräch fähig, zuzuhören, man fühlt es durch den Fernseher hindurch. Differenziert in der Sache, fein und nicht feindselig. Polarisiert nicht künstlich, und das will man ja in diesen stürmischen Zeiten. Fähig zur Partnerschaft, das könnte wichtig werden in der Zukunft. Und das nach rückwärts Gewandte, was ihm der andere andrehen will, gilt das nicht eher für den selbst, wo er doch so viele alte Rechnungen offen hat?

Und wenn Angela Merkel bei den Bürgern halt immer noch so beliebt ist, wie die Umfragen sagen, ein radikaler Bruch? Warum nur? Die, die da wählen in zwei Monaten, werden das alles bedenken. Mein Tipp: Deutlich für Laschet, wenn nicht noch Ungewöhnliches passiert.

Straubinger Tagblatt vom 28. Februar 2020 

In eigener Sache

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. Februar 2020

Natürlich war es nur eine Karnevalsveranstaltung in Aachen, bei der Friedrich Merz mit Bezug auf die digitalen Möglichkeiten für Politiker über Journalisten jetzt sagte: „Wir brauchen die nicht mehr.“ Heute könne man als Politiker die „eigenen Interessen“ medial wahrnehmen und so auch die „eigene Deutungshoheit“ behalten. Aber Kinder und Narren sagen bekanntlich die Wahrheit und so war der Protest groß bei denen, die sich so nicht mehr gebraucht fühlen, zum Beispiel bei Daniel Überall, immerhin Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, der in einem offenen Brief an Merz klarstellte: „Was für ein Verständnis von der Rolle der Medien im demokratischen Rechtsstaat haben Sie? Glauben Sie ernsthaft, dass Videos, Tweets und Facebook-Postings als Informationsquellen der Bürgerinnen und Bürger ausreichen?“

Merz beschwichtigte dann gleich und formulierte fernsehgerecht, für wie wichtig er die klassischen Medien halte. Aber doch gilt seit Sigmund Freud, dem Wahrheitsfinder in den Abgründen des Unbewussten, dass man am Versprecher oder auch am Witz die innerste Wahrheit eines Menschen erkennen kann, ganz gleich, was das Bewusstsein und die korrigierende Sprache später sicherheitshalber nachschieben.

Schon Gerd Schröder meinte ja am Beginn seiner Kanzlerschaft, dass er zum Regieren nur „Bild, BamS und die Glotze“ brauche, ein eher manipulativer Ansatz also, um vor allem wiedergewählt zu werden. Und Markus Söder sagte ausgerechnet beim alljährlichen Treffen der Bayerischen Zeitungsverleger in Berlin, dass die Zeitungen nur deshalb noch existierten, weil es immer noch Leute gebe, die gerne „blätterten“, er aber, so erklärte er mit Blick auf Handy und Laptop, gehöre zu den Menschen, die in diesen Tagen ausschließlich noch „wischen“.

Was dem durchsetzungsstarken Ministerpräsidenten leider so ganz entgangen ist, ist der Befund der Wissenschaft, dass ein Text im Netz mit einem gedruckten Text nicht vergleichbar ist. Die Nachhaltigkeit, die Wahrnehmung, die Perzeptionsweise des Digitalen sind vom gedruckten Wort ganz verschieden. Und gerade das Reflektieren dessen, was politisch zu diskutieren ist, eignet sich, wenn es ernsthaft sein soll, nicht wirklich für die digitale Welt. Es sind eben gerade die radikalen Parteien und Menschen, die sich mit Vorliebe der digitalen Medien bedienen, wo sie weitgehend unzensiert ihre Botschaften ablassen können. Nicht umsonst hat der Politologe Heinrich Oberreuter schon vor Jahren gewarnt, dass Politiker, die glaubten, auf die klassischen Medien verzichten zu können, buchstäblich an „dem Ast sägen, auf dem sie sitzen“.

Was Friedrich Merz aber so augenzwinkernd formulierte, geht dann doch noch einen Schritt weiter: Da geht es nicht mehr nur um die Art und Weise der Kommunikation, also ob gedruckt oder digital, sondern da geht es schon auch darum, dass Politiker die kritische Funktion des Journalismus gar nicht mehr haben wollen. Der „Linksfunk“ vor allem in der ARD war es, der den Konservativen schon immer auf den Wecker ging. Ein Grund auch, weshalb es vor allem die Konservativen waren, denen es bei der Einführung von Sat.1 und RTL in den 80er-Jahren gar nicht schnell genug gehen konnte. Die Schimpftiraden von Franz Josef Strauß gegen Journalisten aus diesen Tagen klingen gerade in Bayern noch heute in den Ohren.

Als viele Zeitungen im 19. Jahrhundert nach der gescheiterten Revolution 1848 gegründet wurden, waren sie tatsächlich Parteizeitungen. Als in der Frankfurter Paulskirche die Delegierten der Parteien damals über die Zukunft einer deutschen Demokratie oder eines deutschen Parlaments diskutierten, da wurden sie tatsächlich von Parteizeitungen begleitet, die so den demokratischen Diskurs, der damals entstand, journalistisch orchestrierten. Das war aber in diesen Tagen ein Fortschritt, weil in den Monarchien, die es in den Ländern vor der Gründung des deutschen Nationalstaats noch gab, hätten es die Fürsten und Könige schon lieber gehabt, dass es weder Parteien noch Zeitungen gebe. Im Lauf der Jahrzehnte schon des 19. Jahrhunderts aber emanzipierten sich die Zeitungen nahezu allesamt von den Parteien und wurden buchstäblich überparteilich. Die Gleichschaltung der Medien im Dritten Reich bei Adolf Hitler machte dann endgültig klar, welch wichtige Rolle unabhängige Medien für eine Demokratie spielen. Als „vierte Gewalt“ wurden sie fortan bezeichnet, auch wenn dieser Begriff so nicht im Grundgesetz steht. Aber klar war allen, dass neben der Gewaltenteilung in Parlament, Regierung und Gerichte die Medien ein wichtiger Baustein für jede Demokratie sind.

Heute sprechen digital alle durcheinander und Politiker versuchen, das für sich zu nutzen. In den Echokammern des Netzes hallt es gerade von ganz rechts vor lauter Blödsinn unendlich laut. Und deshalb geht es eben nicht an, dass seriöse Politiker, die sich auch noch um den Vorsitz ihrer Partei bewerben, die Rolle der klassischen Medien – von den Zeitungen bis hin zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen – lautstark infrage stellen. Schon der Vorstoß von Horst Seehofer vor wenigen Jahren, dass ein öffentlich-rechtlicher Kanal doch reiche, war deshalb absurd und im Letzten ein Anschlag auf die Rolle der Medien in unserer Demokratie.

Politiker haben heute gelernt, die digitalen Medien für sich zu nutzen. Der amtierende Oberbürgermeister von Landshut machte vor einem Jahr ein Foto aus seinem Dienstfahrzeug und postete an seine Follower die Frage: „Wo bin ich?“ Immerhin fragte er also nicht: „Wer bin ich?“ Das wäre noch seltsamer gewesen. Und auch aus den Stadtratssitzungen vieler Städte wird oft schon während der laufenden Sitzungen gepostet und gedeutet. Städte und Kommunen haben zudem begonnen, eigene digitale Kanäle zu bespielen, und versuchen so tatsächlich, die Deutungshoheit über ihre Politik zu gewinnen. Weil sie das aber gar nicht dürfen, klagen vor allem wir Verleger auch mit Schadenersatzforderungen gegen diese Städte und ihr Treiben. Das Internetportal der Stadt München beschäftigt heute 30 Mitarbeiter und lädt auch noch die Kaufleute der Stadt ein, für Werbung hier ihr Geld auszugeben. Dagegen haben jetzt alle Münchner Zeitungen geklagt und es gibt kaum Anhaltspunkte, dass dieser Prozess anders ausgehen wird als der in Dortmund, wo die Stadt exakt diesen Prozess schon verloren hat und ihr digitales Portal jetzt zurückbauen muss. Denn der Gesetzgeber und die Gerichte haben in Deutschland aus gutem Grund festgelegt, dass journalistische Formate den Städten und Kommunen nicht erlaubt sind. Die Trennung von Politik und medialer Berichterstattung ist aus gutem Grund demokratiepolitisch heilig. Natürlich geht es immer auch um Geld und um Arbeitsplätze. Aber wer mit Steuermitteln den klassischen Medien Konkurrenz macht, der hat nicht verstanden, dass die Trennung von Politik und Medien gute Gründe hat.

Straubinger Tagblatt vom 22. Februar 2020

Noch ein Märchen

von Prof. Dr. Martin Balle | 15. Februar 2020

Es gibt fast nichts Schöneres, als in einer feinen Schweizer Gesellschaft, zum Beispiel in Zürich, den Namen Jean Ziegler fallen zu lassen und am besten noch hinzuzufügen, wie sehr man ihn schätze. Die Reaktion der anderen Gäste bewegt sich dann in der Regel zwischen Unglauben und dem sichtbaren Wunsch, die Porzellanteller auf dem Tisch schnell leerzuräumen und auf den zu werfen, der solches von sich gibt. Jean Ziegler ist der notorische Ankläger seines Landes. Seit Jahrzehnten hält er seinen Landsleuten unerbittlich den Spiegel vor. Einen Buchtitel wie „Die Schweiz wäscht weißer“ muss man kaum lesen, um nicht schon zu wissen, was drinnen steht. Und als UN-Sonderbotschafter klopft er in Fernsehsendungen zudem immer mit dem Finger auf den Tisch und zählt so die Sekunden, in denen in Afrika schon wieder ein Kind an Hunger gestorben ist. Mehrfach in der Minute ist das. Sicher, die andere Seite von Jean Ziegler ist eine ganz gehörige Portion Narzissmus, er gefällt sich schon sehr in der Rolle des gealterten Revoluzzers, aber er gehört nun mal zur Schweiz wie die wunderbaren Berge oder der weltbekannte Käse, der dort gewonnen wird, mitsamt den Hustenbonbons, die so unverwechselbar beworben werden und an die man fast zwangsläufig denkt, sobald es im Hals kratzt.

Diese scheinbare Geschichtslosigkeit der Schweiz, die es so gut versteht, sich aus so vielem fein rauszuhalten, das haben ihr die Schriftsteller dort so gerne vorgehalten. Auch den Max Frisch hätten sie deshalb an manchen Tagen am liebsten aus seiner Heimat verbannt, so beißend war seine Kritik an seinem Heimatland, nicht weniger als Friedrich Dürrenmatt, der es in Deutschland immerhin genauso in die Schulbücher der Gymnasien gebracht hat. Offensichtlich erzeugt ein hohes Maß an Reichtum auch Gegenkräfte, die genauso stark und prägend sind.

Aber die andere Seite dominiert dann doch: Der Schweizer Joe Ackermann, der im Fernsehen so gewinnend die Aktien der Deutschen Bank empfahl, als sie noch über 60 Euro wert waren, hat es immerhin geschafft, nicht nur die eigene Bank zu ruinieren, in diesem Fall auch noch eine deutsche, sondern zudem das Geschäftsmodell mit den in Amerika beliehenen Immobilien auch hierzulande an die Börse zu bringen und sich so jeden soliden Sparkassenchef zum Feind zu machen. Heute genießt er seinen Ruhestand und hat wohl kaum ein Bewusstsein von all dem Schaden, den er angerichtet hat. Wer dann auch noch in St. Moritz über die berühmte Einkaufsmeile oben auf dem Berg über dem See bummelt, wo die hochpreisigen Marken der ganzen westlichen Welt versammelt sind, der bekommt schnell eine Ahnung, wo das Geld ist, das in Afrika oder Lateinamerika fehlt. Dass die korrupten FIFA-Bosse allesamt aus der Schweiz kommen, versteht sich und natürlich steht gerade in Zürich die Zentrale des weltweit korrupt gewordenen Fußballs. Fast schon eine Leistung allerdings ist es, dass auf den berüchtigten Sepp Blatter mit dem neuen FIFA-Boss Gianni Infantino ein noch undurchsichtigerer Geselle als Nachfolger ins Amt kam.

Aber die Schweiz hat auch eine andere Seite. In ihrer Selbst- und Geschichtsvergessenheit an manchen Orten gibt es dort Zeitungen, die so wenig aktuell sind, dass man auf das Titelblatt schauen muss, um sich zu vergewissern, was denn heute für ein Tag ist. Liest man so zum Beispiel die Basler Zeitung, so kommt man leicht ins Grübeln über der Frage, in welchem Jahrhundert man sich beim Lesen gerade bewegt. Das hat schon auch etwas Liebenswürdiges. Hier ist die berühmte Langsamkeit der Schweizer buchstäblich Gestalt geworden!

Und so nimmt es vor all diesem Hintergrund nicht wunder, dass auch die Ermittlungen rund um das deutsche Fußballmärchen 2006 jetzt zu verjähren drohen. Erschrocken fragt deshalb die Süddeutsche Zeitung vor wenigen Wochen: „Für ihre Sommermärchen-Ermittlungen nahm sich die Schweizer Justiz viel Zeit. So viel, dass jetzt wahrscheinlich die ganze Affäre verjährt. Ist das nur Inkompetenz – oder politisches Kalkül?“ Solches ist natürlich schwer vorstellbar in einem Land wie Deutschland, wo Kanzler ihren Ruf und den Ehrenvorsitz der Partei verlieren, weil sie illegal Parteispenden angenommen haben, oder wo amtierende Oberbürgermeister ganz früh am Morgen in der Tiefgarage mit Fesseln abgeführt werden, weil der Verdacht besteht, dass sie Wahlkampfspenden nicht so ganz sauber verbucht haben. Und jetzt das: Knapp sieben Millionen Euro sind irgendwie bei Franz Beckenbauer gelandet und mit einem gezielten weiten Pass in den freien Raum so verschwunden, dass sie nicht mehr auffindbar sind. Zurückgegeben wurden sie Jahre später von Funktionären des deutschen Fußballverbandes, aber das waren andere sieben Millionen und auch das war recht undurchsichtig. Das Geld aber, das in Beckenbauers weißer Weste so plötzlich unsichtbar wurde, es bleibt auf unerklärliche Weise verschwunden. Erklären kann man es eigentlich nur mit der Geschichte des besten Fußballers der Welt in seiner Zeit: Da gab es einmal ein Bundesligaspiel, es regnete stark und der Platz war völlig verdreckt. Die weißen Trikots und vor allem die Stutzen der Spieler waren nicht mehr als weiß erkennbar; der Einzige, bei dem es nicht so war, das war der Kaiser, obwohl er voller Einsatz mitgespielt hatte. Und auch die Zauberpässe über 50, 60 Meter, auch da ging es doch nie mit ganz rechten Dingen zu. Sinnbildlich für sein Zauberspiel blieb der Werbespot mit dem Kaiser, der einem bis in den Tod im Ohr klingen wird: „Ja, is denn scho wieder Weihnachten?“

Die Schweizer Justiz hat also recht getan. Sie hat nicht den Buchstaben des Gesetzes zuerst in den Vordergrund gestellt, weil das hier ganz falsch wäre. Sondern sie ist zwei Schritte zurückgetreten und hat versucht, dem Fall als Ganzes gerecht zu werden. Das braucht Zeit und das macht Freude. Nochmals dieses Leben anzuschauen, die Spiele, die Pässe, die Siege, die Frauen, die Erfolge, die vielen wunderbaren Stunden, die uns der Kaiser geschenkt hat. Die unendlich vielen Sätze in die Fernsehkameras der Welt, die immer auch so philosophisch waren, dass sie uns über Tage zum Denken brachten. Und da hat die Schweizer Justiz schlicht die Zeit vergessen, so wie wir auch, wenn wir ein spannendes Fußballspiel anschauen und alles vergessen, was um uns herum geschieht.

Und ich muss sagen: Mich freut das. Dass in einer Welt, wo so viel echtes Unrecht geschieht und so viel Recht gesprochen wird, aber es hilft am Ende doch so wenig, über dem Kaiser wieder einmal die Sonne scheint. Und vielleicht hat die Schweizer Justiz ja doch bemerkt, dass dem Kaiser ein geliebter Sohn gestorben ist und dass sein Herz tatsächlich nicht mehr so schlägt, wie es sollte. Und vielleicht gehört das ja auch zu einer menschlichen Gesellschaft, dass selbst die Justiz so etwas nicht übersieht. Für einen deutschen Staatsanwalt aber ist das schwer vorstellbar, um es vorsichtig auszudrücken. In der Schweiz aber ticken die Uhren doch anders.

Straubinger Tagblatt vom 15. Februar 2020 

Produktives Misstrauen

von Prof. Dr. Martin Balle | 25. Januar 2020

Wenn der Philosoph Jürgen Habermas zu Besuch in München ist und über den Marienplatz bummelt, schauen ihm die Leute neugierig nach. 90 Jahre ist er jetzt schon alt, aber er gilt als der vielleicht letzte ganz große Denker unserer Tage. Mit zwei dicken Büchern, die den seltsamen Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“ tragen, hat er gerade die Summe seines Lebens und Denkens publiziert. Und das ist erstaunlich: Dieser alte Philosoph, der aus der Tradition der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer kommt, erzählt auf diesen knapp 2 000 Seiten eigentlich nur von seinem Heimweh; vom Heimweh danach, dass unsere moderne und so selbstvergessene Zeit die religiösen und spirituellen Voraussetzungen unserer Kultur nicht vergisst. Vom Christentum, vom Buddhismus oder auch von Konfuzianismus und Taoismus. Dass eine Welt, die glaubt, sich ganz bewusst von ihren religiösen Wurzeln abschneiden zu können oder sogar zu müssen, am Ende des Tages eine ärmere Welt sei, das ist es, was er am Ende seines Lebens zu sagen hat. Es ist schon bewundernswert, wie es diesem großen Denker gelingt, den Bogen von der griechischen Philosophie bis in unsere Tage zu schlagen und so aufzuzeigen, wie sich über die Jahrtausende unser Bewusstsein entwickelt und verändert hat.

Ganz am Anfang seines großen Werks aber macht Habermas eine Anmerkung zur gegenwärtigen Situation von Politik und Medien, die hochinteressant ist. Er schreibt hier, dass eine moderne Demokratie davon lebe, dass das Politische in der „diffusen Gestalt frei konkurrierender öffentlicher Meinungen in Verbindung mit demokratischen Wahlen ein einigendes Zentrum bilde“. Übersetzt: Es braucht Wahlen und zahlreiche Medien, damit Demokratie funktioniert. Und dann merkt er an: „Das ist freilich nur so lange möglich, wie die entscheidungsbedürftigen Themen überhaupt noch in die Kommunikationskreisläufe Eingang finden und die staatlich institutionalisierten Entscheidungen selbst in dem pluralistischen Stimmengewirr einer vitalen Öffentlichkeit verwurzelt bleiben.“ Übersetzt: Wenn Politik nicht mehr über das entscheidet, was die Menschen bewegt, und die Medien das nicht mehr berichten, was wirklich wichtig ist, kann Demokratie scheitern.

Habermas weiter: „Die Belastungen, die durch die Funktionsstörungen in einzelnen Teilsystemen der Gesellschaft, vor allem im ökonomischen System, hervorgerufen werden, finden auf dem Resonanzboden der Zivilgesellschaft ein Echo in einer zerstreuten, aber gesellschaftsweit verbreiteten Krisenempfindlichkeit.“ Übersetzt: Wenn Wirtschaft und Medien vom Primat des Geldes her funktionieren, beginnen viele Menschen zu misstrauen. Nicht nur den Medien, sondern auch der Welt, in der sie leben. Habermas ein letztes Mal: Dieses Misstrauen „kann sich in der politischen Öffentlichkeit artikulieren und unter günstigen Bedingungen mobilisierende Kraft entfalten. Die längst verstaatlichten politischen Eliten empfangen von dieser Seite einen intentionalen Gegendruck zu dem Erpressungspotenzial der Märkte und allgemein zum systemischen Sog funktionaler Imperative, die im Scheine von Sachnotwendigkeiten auftreten.“ Eine letzte Übersetzung: Das Misstrauen, das viele Menschen heute prägt, ist ein Hoffnungsschimmer. Denn die Menschen spüren, dass es eine Welt geben muss, die nicht von Angela Merkels „alternativlosem“ Sprechen und Handeln geprägt wird und auch nicht von den Giganten am Medienmarkt, die da Google oder Amazon heißen. Und weil die Menschen das spüren, gehe von diesem Gespür ein Widerspruch aus, der für Politik und Gesellschaft produktiv werden könne.

Heute gibt es unglaublich viele Verschwörungstheorien. Die da oben empfingen ihre Befehle von geheimen Mächten, so sagen viele. Und in den Medien gebe es nur Ablenkungsmanöver, sie seien längst mit den Mächtigen im Bunde. Habermas erklärt auf diese Art und Weise, warum Menschen so denken. Sie erleben ihr Leben als abgekoppelt von dem, was täglich in Politik und Medien verhandelt wird.

Erstaunlich ist, wie sich die Extreme berühren. Die Botschaft von Habermas ist dem, was die Politiker von der AfD erzählen, gar nicht so fremd. Oder auch dem, was Donald Trump jeden Tag von sich gibt: „Euch hat man betrogen. Man hat euch um euer Leben betrogen.“ Das ist die Botschaft der extremen Rechten mitsamt der Lösung: „Ich oder auch wir werden euch helfen.“

Und das ist dann auch der entscheidende Unterschied. Denn der kritische Impuls, den Habermas vollkommen zu Recht gibt, wird gerade von denen missbraucht, die die Menschen heute in ihrer Angst um ihre Zukunft mit falschen Versprechen abholen. Genau diese politischen Kräfte haben ohne Philosophiestudium verstanden, wie es um die Gesellschaft heute auch bestellt ist – und missbrauchen das Vakuum, das auch in Deutschland entstanden ist. Ein Drittel der Menschen in unserem Land hat Angst vor Armut, hat Angst, ausgeschlossen zu werden von den Mechanismen, die die Gesellschaft solidarisch zusammenhalten. Hat Angst, herauszufallen aus dem Miteinander der Menschen, das für alle so lebensnotwendig ist. Und man kann also sagen, dass genau die Menschen, die heute ein verständliches Misstrauen entwickelt haben, wie die Dinge politisch so laufen, von genau den Parteien missbraucht und ein zweites Mal belogen und betrogen werden, denen sie ihr Misstrauen sozusagen anvertrauen. Von Donald Trump bis hin zur AfD, die keinerlei Rezepte für eine bessere Welt zu bieten hat.

Die zweite Frage: Ist es denn wirklich so, dass die Medien heute abgekoppelt sind vom Leben der Menschen? Vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel über die Süddeutsche Zeitung bis hin zur Wochenzeitung Die Zeit? Ist es nicht doch so, dass gerade in den Printmedien die sozialen Fragen einen breiten Raum einnehmen? Dass dort Einzelschicksale in aller Härte dokumentiert werden oder auch aufgezeigt wird, welche politischen Strukturen welche Folgen nach sich ziehen? Selbst die Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Ist es nicht doch so, dass wir ein recht gutes Bild bekommen von den Politikern aller Parteien, die wir am Wahlsonntag wählen können?

Der Befund von Habermas, dass etwas nicht mehr stimmt, ist sicher zutreffend. Aber gibt es nicht doch gerade in unserer Demokratie ganz viele Hebel, wo wir mitarbeiten können, dass die Welt besser wird? In den Vereinen und Verbänden, an unserem Arbeitsplatz, selbst in den viel gescholtenen Parteien, die offensichtlich so stark sind, dass die extreme Rechte viel weniger Chancen hat, als dies in anderen auch europäischen Ländern der Fall ist.

Den kritischen Impuls also, den Habermas vollkommen zu Recht ausspricht und der von den radikalen Kräften weltweit so gerne missbraucht wird, den gilt es in anderer Weise aufzunehmen und umzusetzen. Indem wir nämlich den radikalen Impuls, dass wir etwas ändern müssen, nicht den radikalen Kräften im Land anvertrauen!

Straubinger Tagblatt vom 25. Januar 2020 

Merkels Erbe

von Prof. Dr. Martin Balle | 24. Dezember 2019

Zwei persönliche Erzählungen zeigen sehr gut einen Wesenszug von Angela Merkel, der für diese lange Zeit ihres Regierens, wie es jetzt in allen Zeitungen gewürdigt wurde, kennzeichnend ist. Ein CDU-Bundestagsabgeordneter aus Nordrhein-Westfalen erzählte mir, dass er einmal in einer internen Fraktionssitzung deutliche Kritik an Angela Merkels Politik geübt habe. Die Kritik sei von allen als sachlich fundiert und nicht persönlich kränkend erlebt worden. Weil einige Kollegen in der Fraktion aber die Medien über SMS bereits verständigt hätten, dass es in der Fraktion deutliche Kritik an der Regierungschefin gegeben habe, hätten vor der Tür am Ende der Sitzung bereits zahlreiche Mikrofone und Kamerateams gewartet, um ihn zu interviewen. Das habe er als treuer Parteisoldat verweigert, weil es ihm alleine um eine inhaltliche Kritik gegangen sei, aber nicht um persönliche Profilierung.

Der Abgeordnete hat sich also mehr als korrekt verhalten. Das Ende der Geschichte aber ist, dass die Kanzlerin ihn nach seiner Kritik knapp zwei Jahre lang keines Blickes mehr würdigte. Ganz genauso erging es dem Vorstand eines Dax-Konzerns. Er erhielt vom Kanzleramt eines Morgens einen Anruf, dass die Kanzlerin es nicht für opportun halte, wenn er eine Einladung zu Wirtschaftsgesprächen in St. Petersburg annehme. Nachdem der Vorstand aber die Sache ganz anders sah und sich vor allem seinem Unternehmen und nicht der Regierung verpflichtet fühlte, nahm er die Einladung dennoch an. „Danach wurde ich von Angela Merkel nie mehr zu einer Wirtschaftsreise ins Ausland mitgenommen – und die persönlichen Gespräche, die es vorher mindestens einmal im Jahr gegeben hatte, entfielen von da an für immer“, so sagte er mir Jahre später unter vier Augen.

Nachtragend ist sie die Kanzlerin, so erzählen es alle, die sie näher kennen. Und vor allem möchte sie niemals einen Fehler gemacht haben. Und zugeben schon gleich überhaupt nicht. Wie eine fehlerfreie Prinzessin möchte sie gesehen werden nach 14 Jahren Kanzlerschaft, einer neuen Rekordzeit, die sich jetzt also nochmals um zwei Jahre verlängern soll. Dabei wissen wir doch, dass es das Wichtigste im Leben ist, sich korrigieren zu lassen. Mit dem Philosophen Popper das Leben als einen Weg von Versuch und Irrtum zu beschreiten, auf dem man nur mühsam mit vielen Irrtümern sich aber dennoch der Wahrheit immer mehr annähert.

Am Anfang von Angela Merkels politischem Weg stand das Wahlkampfmanagement für ihre Partei nach der Wende vor knapp 30 Jahren. Sie sah, wie es ging. Sie verstand, wie man ein Rennen gewinnt. Nicht um Inhalte geht es beim Ringen um die Macht, sondern um den Sieg und dass man ihn erringt. Und sie verstand das Spiel und war darin erfolgreich. Warum also nicht für sich selber trommeln, statt für einen anderen? Auch ihre Abkehr von Helmut Kohl vor 20 Jahren in einem viel beachteten Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte inhaltlich wenig zu bieten. Er war bloß ein Signal, sich endlich vom schwach gewordenen Altkanzler abzuwenden. Weil sie es war, die die Chance zur persönlichen Profilierung als Erste wahrnahm, wurde auch sie es, der die Partei, die Kohls müde war, den roten Teppich auszurollen begann. Viel ist geschrieben worden über all die Männer, die damals noch glaubten, „Kohls Mädchen“ wieder loszuwerden. Aber sie war es, die all die Männer einen nach dem anderen entsorgte und sich selbst immer besser darzustellen verstand. Um manchen der Krieger aus diesen Tagen ist es beileibe nicht schade, dass er in der zweiten oder sogar dritten politischen Reihe verschwand oder sich eben ganz aus der Politik zurückzog. Aber was Merkel versäumte, war, neue und junge begabte Politikerinnen und Politiker zu fördern und als (fast) gleichberechtigte Partner an sich zu binden. Lieber umgab sie sich mit eher zweitklassigen Claqueuren, mit den Schavans oder von der Leyens dieser Welt. Heute hat die CDU kaum Führungspersonal in ihren Reihen, dem man zutrauen würde, einen Weg in die Zukunft zu finden, der Erfolg versprechend sein könnte. Die Partei erscheint als ausgezehrt, nicht nur, was die Personen angeht, sondern auch, wenn es um Inhalte geht.

Der Ausstieg aus der Kernenergie, nicht aus Überzeugung, sondern so ganz schnell im intuitiven Wissen, dass die Menschen nach Japans Atomkatastrophe jetzt Angst haben, sodass also Wahlen verloren gehen könnten. Und auch dort, wo Angela Merkel in Sonntagsreden von Frieden in Freiheit, von Menschen- und Grundrechten sprach, es hatte nie den Zauber dessen, der diese Dinge aus tiefstem Herzen liebt und sie so zur Sprache bringt, dass sie in ihrer wunderbaren Bedeutung faszinieren und lebendig werden. Stattdessen Rüstungsexporte auf Rekordniveau gerade auch in die Krisenländer der Welt und eine halbherzige Verurteilung von Saudi-Arabien, das in seiner türkischen Botschaft einen Regimekritiker töten und in seine Einzelteile zerlegen lässt.

Über das Jahr 2015 ist viel gesprochen worden. Natürlich war es ein Fehler, den Zuzug von mehr als einer Million Menschen unvorbereitet zuzulassen und erst dann in Brüssel nachzufragen, ob man eine europäische Lösung nicht doch finden könnte. Aber auch diesen Fehler konnte Merkel nie eingestehen, obwohl sie schnell alles tat, um ihn wenigstens halbwegs einzufangen. Am Ende stand der Teufelspakt mit Erdogan, den man jetzt also nicht mehr nur in der Nato braucht. Dann drei Reisen nach Afrika, um zu zeigen, dass man sich endlich für diesen Kontinent einsetzt, die aber am Ende buchstäblich im Sande verliefen. Dann wieder nichts. Vier lange Jahre kaum nennenswerte Ansätze in Afrika, sich entscheidend vor Ort einzusetzen und die Welt dort besser zu machen, damit die Flüchtlingsströme endlich weniger werden. Jetzt kommen neue Flüchtlinge und damit alte Probleme.

Auf Macrons flammendes Plädoyer für mehr Europa antwortete Angela Merkel nicht selbst, sondern ließ nach Verstreichen von viel zu viel Zeit die neue Parteivorsitzende antworten. Ein Regelbruch, der nicht zu akzeptieren ist. Und am Europawahlkampf nahm sie gleich überhaupt nicht mehr teil. Sie sei ja jetzt nicht mehr Parteichefin, so ließ sie verlauten, sondern nur mehr Kanzlerin, was soll sie sich auf den Wahlkampfplätzen der Welt die Hacken ablaufen, hat sie sich gedacht und sich auch so verhalten.

Es gibt nicht wenige, die sagen, die Welt werde sich nach Angela Merkel und der Stabilität, die es in ihren Jahren auch gegeben habe, noch zurücksehnen. Aber die andere Seite dieser Jahre sind die unendlichen Defizite dieser Kanzlerschaft. Ihr durchgängiges Mittelmaß, ein Regieren ohne eine Idee für das Land. Das ständige Lavieren, um ja die Macht zu erhalten. Faule Kompromisse, die nach allen Seiten dienen wollten, eine Politik ohne echte Ecken und Kanten. In zwei Jahren also ist es endlich vorbei. Natürlich – es kann auch immer noch schlimmer kommen!

Straubinger Tagblatt vom 24. Dezember 2019

Weihnachten 2019

von Prof. Dr. Martin Balle | 23. Dezember 2019

„Könnte es sein, dass es in Wahrheit bergab geht, weil die Menschen in einer vollständig aufgeklärten, digitalisierten und berechenbaren Welt reicher und gleichzeitig ärmer, gesünder und gleichzeitig kränker, toleranter und gleichzeitig missgünstiger, sicherer und gleichzeitig ängstlicher, vernetzter und gleichzeitig einsamer werden?“ So fragt der Autor Tobias Haberl in der Wochenzeitung Die Zeit vor wenigen Tagen. Zwar gäbe es heute im Netz ein immenses Wissen und auch einen ungeheuren Austausch von Wissen, aber all das sei am Ende nur eine „Tyrannei der Rationalität“. Mit einem schönen Bild beschreibt Haberl unsere Welt im 21. Jahrhundert: „aufgeklärt, aber leblos, hübsch, aber langweilig, sicher, aber kontrolliert wie ein nordkoreanisches Straflager – ein Ort ohne Zauber, aus dem sich jedes Temperament, jede Poesie und Transzendenz verabschiedet haben“.

„Der Ton macht die Musik“, heißt ein bekanntes Sprichwort. Aber was für ein Ton ist das denn überhaupt noch, der im Netz gepflegt wird. Sicher, es gibt die Hate Speech, das Herausschreien der eigenen Aggressionen, aber selbst dort, wo das nicht stattfindet, ist das Netz am Ende auch ein Ort der Unwirtlichkeit. Tonlos – trotz aller Informationen, die es da gibt, ganz im Unterschied zur Stimme eines Menschen, den man lieb gewonnen hat. Bei guten Priestern oder Ärzten fällt oft gleich die Stimme auf, mit der sie sich an die Menschen wenden, denen sie helfen wollen. Auch bei so manchem Psychotherapeuten oder Psychoanalytiker. Weich klingen diese Stimmen, den Menschen zugewandt. Man kann sich kaum abwenden von der Zugewandtheit ihres Sprechens und wundert sich, wie sie dahin gekommen sind – dass sie im Grundton ihres Sprechens diesen freundlichen Klang vor sich her sprechen können.

Aus Studien zur Arbeitswelt wissen wir heute zudem, dass Mitarbeiter in einem Unternehmen gar nicht so sehr auf den Inhalt dessen achten, was ihnen gesagt wird; sie hören vielmehr auf den Klang des Gesagten. In welchem Ton werde ich angesprochen? Das ist die Unternehmenskultur, die für den Mitarbeiter am Ende zählt. Und wird dieser Ton auch durchgetragen und durchgehalten, wenn Fehler passieren? Wenn nicht die Sonne scheint, sondern gerade auch in schwierigen Situationen, oder auch wenn Fehler gemacht werden. Ein ernsthafter Ton, der aber nicht die bewusste Aggression sucht, weil man das eigene Unglück schon längst im Herzen trägt und den ganzen Frust jetzt endlich begründet am anderen, am Nächsten auslassen kann.

Immer wieder haben Menschen gefragt, wie wohl Jesus geklungen hat. Wie seine Stimme war. In welchem Ton er auf die Menschen zugegangen ist. Oder auch sein Blick, den die ganzen Hollywood-Filme über diese Zeit so schmalzig gerade nicht treffen können. Und das Evangelium, das die ganzen Geschichten erzählt, ist ja doch scheinbar nur trockener Buchstabe, der das wirkliche Leben dieser Zeit zu wenig ausdrücken könne, sodass viel zu wenig fühlbar werde von dem, was damals vor 2 000 Jahren geschah. So klagen gerade auch die besten Theologen, die doch die Sehnsucht haben, in sich selbst zu spüren, was damals wirklich geschah. Aber ist das wirklich so?

Denn feststellen muss man schon, dass die Evangelien im Unterschied zum Netz einen ganz beschränkten Umfang haben. Vier Evangelisten erzählen aus ihrer Sicht das Geschehen. Recht viel mehr ist es nicht. Passt in jede Manteltasche. Und die einzelnen Gleichnisse sind so kurz und einfach, dass sie schon von daher ein Gegenprogramm zum überflüssigen Überfluss der digitalen Welt bieten. Bilder für das gute Leben. Kaufleute, die sich ernsthaft bemühen. Jesus als Arzt, der Leben schenkt. Einfache Bilder, einfache Geschichten, die aber sofort unvergesslich sind, wo man sie zum ersten Mal hört.

„Jesus hat nicht Programme und Ideen verkündigt, sondern auch und wesentlich physische, heilvolle Präsenz Gottes in sich selbst“, schreibt der Theologe Klaus Berger. Er ist es, der hör- und fühlbar wird in all den Texten des Neuen Testaments. Aber hinter dieser viel besprochenen Ebene des reinen Inhalts gibt es auch einen Ton, der hörbar wird im Neuen Testament? Das ist eine entscheidende Frage zum Weihnachtsfest. Die Evangelien sind alle Jahrzehnte nach der Kreuzigung Jesu geschrieben. Jede Zeile atmet das tragische Ostergeschehen. Schon die Weihnachtsbotschaft ist vom Ende her erzählt. Auch sie also steht in der Mitte von Freude und Trauer, von Unglück und Hoffnung, von Hoffnungslosigkeit und Erlösung und trägt so als Kehrseite der Trauer in ihrem Ton die Liebe in sich. Schon Augustinus schreibt: „Gut sollten wir diese Stimme kennenlernen, diese glücklich singende, diese stöhnende, diese in Hoffnung aufjubelnde, in ihrem gegenwärtigen Zustand aber seufzende Stimme: Gut sollten wir sie kennenlernen, sie innerlich vernehmen und sie uns zu eigen machen.“

Aus den Texten des Neuen Testaments wird sehr wohl ein Ton hörbar, der die reine Schrift aufbricht. Es ist der Ton der Liebe, die den ganzen Schmerz und die ganze Trauer des Ostergeschehens als fruchtbaren Humus der Liebe in sich trägt und damit erst in die wirkliche Lebensfülle führt. Schon das Geburtsgeschehen an Weihnachten spielt so zuinnerst auf das ewige Geboren-Sein an, das im Ostergeschehen der Todesverfallenheit des Lebens widerspricht. „In seinem von Johannes als Siegesruf verstandenen Todesschrei, im Umschlag von Schmerz in Jubel kommt zum Vorschein, was er vollbringt, indem er leidet, was er sagt.“ (Eugen Biser) Von hier aus rührt der Ton, der die wunderbaren Texte des Evangeliums durchklingt.

Unsere Zeit sucht eher das leidlose Glück. Die ununterbrochene Freude. „Die Unfähigkeit zu trauern.“ Den leidlosen Komfort. „Was ist denn gewonnen, wenn die Glasfasernetze verlegt und Zahnbürsten mit dem Internet verbunden sind, aber keine Verlockung mehr ausgeht von der Welt, wenn die Impulse ausbleiben, die Reize versiegen, die Schönheit schwindet und der Sinn“, so fragt unser Autor Tobias Haberl.

Glaube, so sagte einmal ein berühmter Theologe, sei Unterbrechung. Die Medienwelt von heute sendet fortdauernd. Das Weihnachtsgeschehen unterbricht diese rastlose Welt, wenn wir es zulassen. Und hinter dem Ton, der von ihm ausgeht, wird auch etwas sichtbar. Im Leidens- und Liebeston, der die Evangelientexte durchzieht, wird in unserer seelischen Vorstellungskraft sogar die Bilderwelt wirkmächtig. „An die Stelle des Sinns tritt das Gesicht Jesu. Es ist gleicherweise gezeichnet vom Entsetzen wie von der alles erduldenden Liebe.“ (Biser) Auf diese Weise können wir neue Kraft tanken. Weil in uns selbst sich so ein neuer Ton bahnbrechen kann. So können wir erleben, wie sich das Evangelium in unsere Zeit hineinspricht. Mit seinen Bildern und in seinem Ton der Liebe nimmt es uns gerade an Weihnachten bei der Hand und führt uns in die Welt, die wir oft genug vermissen, ohne es zu bemerken.

Straubinger Tagblatt vom 21. Dezember 2019 

Seifenblasen sehen anders aus

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Dezember 2019

Robert Habeck ist alles andere als ein Schaumschläger. Sein politisches Engagement wirkt darum echt

Neugierig war ich auf meine Begegnung mit Robert Habeck. Ein ungewöhnlicher Politiker ist er auf jeden Fall. Aber wer ist er wirklich? „Wissen Sie, der Habeck hat zu allem eine Meinung, aber von nichts eine Ahnung“, hatte mir gerade noch ein konservativer Politiker am Rande einer Veranstaltung zugeraunt. Aber wie schafft man es dann zum Parteichef der Grünen oder wenigstens zu einem von beiden? Und in Talkshows am Fernsehen kommt er doch immer recht gut rüber, denke ich mir; und dass er bei der Fahrtkostenpauschale mal nicht ganz im Bild war – nachvollziehbar. Aber dennoch: „Der Habeck wird platzen wie eine Seifenblase“, hört man nicht selten. Und jetzt also kommt er nach Landshut, wo die Bauern schon protestieren.

Es ist früher Abend. Kalt und unwirtlich. Nasser Nebel. 1 000 Bauern stehen mit 600 Schleppern vor der Sparkassenarena und sprechen sich Mut zu. Sie fühlen sich nicht mehr gesehen und geschätzt für ihre Leistung für das Land. Sie warten auf Habeck, der heute hier mit Sigi Hagl für die Grünen den Landshuter Kommunalwahlkampf eröffnet. Ihre Stimmung passt zum Wetter. Habeck und Hagl sind zu spät. Wer nur mit dem Zug und dem Fahrrad reist, muss froh sein, überhaupt anzukommen, denke ich mir. Da sind die 20 Minuten Verspätung eigentlich eine positive Überraschung.

„Habeck wird nicht aggressiv, aber er gibt seine Position auch nicht auf“

Beide sprinten jetzt nach oben auf die Bühne im Freien, wo gerade ein im Grunde sympathischer Bauer die Stimmung nochmals angeheizt hat. Freundlich ist der Empfang für Habeck hier also nicht. Der Grünen-Chef ist leger gekleidet und stellt sich sofort vor die 1 000 protestierenden Bauern. Natürlich, das muss ein Politiker können, aber irgendwie ist es doch auch mutig. Beifall bekommt er keinen. Dass es seltsam sei, in die Verantwortung genommen zu werden für eine Politik, die er gar nicht gemacht habe, meint er, um doch zuzugeben, dass die Rolle der Bauern gerade auch für ihn heute eine ganz andere sei als in den letzten 50 Jahren. Die Bauern hätten nach dem Zweiten Weltkrieg die Aufgabe bekommen, ein ausgehungertes Land für wenig Geld wieder gut zu versorgen. Viel zu produzieren, um das Land wieder nach oben zu bringen. Heute sei die Aufgabe der Bauern eine andere. Neben der Ernährung vor allem Landschaftsschutz auch zulasten des Ertrags, und dieser Rollenkonflikt, so erklärt er, sei eine neue strukturelle Problematik, die es jetzt zu lösen gelte.

Im Gespräch auf der Bühne gehen die Bauern nicht wirklich auf ihn ein, sondern schreien ihre Not wieder laut aus sich heraus. Die Antwort Robert Habecks: Er erklärt nochmals in fast denselben Worten die von ihm aufgezeigte Problematik und gibt nicht nach. Allein der Ton seiner Stimme verändert sich. Sie bekommt diesen hellen, abwehrenden Klang, den ich schon aus den Talkshows kenne. Habeck wird nicht aggressiv, aber er gibt seine Position auch nicht auf. Ich kenne Politiker sonst eher als Menschen, die sich entweder durchsetzen wollen oder, wenn das nicht geht, dann halt nachgeben. Habeck steht. Nur in seine Stimme zeichnet sich der innere Kampf und die Mühe ein, die eigene Position zu erklären und nicht aufzugeben.

Beim Pressegespräch danach erklärt Habeck seine Haltung. Er wolle bewusst nicht provozieren und im politischen Streit auch nicht aggressiv reagieren. Auch als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in den letzten Wochen besonders aggressiv auf die Grünen losgegangen wäre, habe man sich nicht provozieren lassen, sondern schlicht die eigene Position bewahrt und erklärt. Ausbrechen wolle man so aus den Negativ-Ritualen der Politik, die die Bürgerinnen und Bürger so satthätten.

Denken muss ich an einen Auftritt von Habeck mit Annalena Baerbock, der anderen Chefin der Grünen, als sie zu Gast waren bei Markus Lanz im ZDF. Ein eher drittklassiger Journalist hatte zu Beginn der Sendung mit allzu einfachen Parolen versucht, Habeck und Baerbock aus der Reserve zu locken. Dem ging es nicht um ein Gespräch, sondern nur um Randale. Aber die beiden waren ganz ruhig geblieben, erklärten ihre Position; was sie sich über den Kollegen dachten, kann ich mir vorstellen. Respekt aber nötigte es mir ab, dass sie ihre gelassene Position die ganze Sendung lang durchhielten und weiter von der Sache her argumentierten.

Über den freundlichen und doch so tragischen Schriftsteller Boehlendorff aus dem 18. Jahrhundert schrieb Habeck seine Magisterarbeit, bevor er in seiner Dissertation dafür warb, dass literarische Welten den Zugang zur Alltagswirklichkeit besser und schöner machen. Seine eigenen Bücher, die er dann als Schriftsteller selber schrieb, gelten bis heute als qualitativ gut, gerade auch seine Kinderbücher. Auch dass er vieles aus Liebe ganz bewusst zusammen mit seiner Frau schrieb, mit der er gleich noch vier Kinder hat, deutet eher nicht darauf hin, dass er nur ein Hochstapler wäre.

„Bis in sein Sprechen hinein ist Platz für andere Menschen“

Noch nicht einmal 20 Jahre ist es jetzt her, dass er sich am Beginn des neuen Jahrtausends ganz bewusst für die Politik entschied. 10 Jahre nach dem Einstieg ins neue Metier wurde er in Schleswig-Holstein Landwirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident. Sechs Jahre lang. Jetzt kümmert er sich nur noch um die Bundespolitik. Das Amt von damals und die Bücher von früher sind heute weit weg. Geblieben ist die freundliche Art, die er aus früheren Tagen mitnimmt und offensichtlich nicht preisgeben will.

Am Abend gibt es noch eine Einladung für knapp 40 geladene Gäste. In seiner Rede spricht Habeck nicht von sich, sondern nur von seiner Freundschaft mit Sigi Hagl, die in Landshut Oberbürgermeisterin werden will und dafür den Vorsitz der Partei in Bayern aufgab. Für einen Politiker ungewöhnlich: Bis in sein Sprechen hinein ist da wirklich Platz für den anderen Menschen. Dann geht Robert Habeck von Tisch zu Tisch und spricht mit den anderen Gästen. Dabei bleibt er freundlich und zugewandt. Seifenblasen sehen anders aus, denke ich mir, als ich am Ende spätabends nach Hause fahre.

Straubinger Tagblatt vom 7. Dezember 2019

 

 

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