Prof. Dr. Martin Balle

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Martin Balle

Weihnachten 2019

von Prof. Dr. Martin Balle | 23. Dezember 2019

„Könnte es sein, dass es in Wahrheit bergab geht, weil die Menschen in einer vollständig aufgeklärten, digitalisierten und berechenbaren Welt reicher...


Seifenblasen sehen anders aus

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Dezember 2019

Robert Habeck ist alles andere als ein Schaumschläger. Sein politisches Engagement wirkt darum echt

Neugierig war ich auf meine Begegnung mit Robert Habeck....


Weihnachten 2019

von Prof. Dr. Martin Balle | 23. Dezember 2019

„Könnte es sein, dass es in Wahrheit bergab geht, weil die Menschen in einer vollständig aufgeklärten, digitalisierten und berechenbaren Welt reicher und gleichzeitig ärmer, gesünder und gleichzeitig kränker, toleranter und gleichzeitig missgünstiger, sicherer und gleichzeitig ängstlicher, vernetzter und gleichzeitig einsamer werden?“ So fragt der Autor Tobias Haberl in der Wochenzeitung Die Zeit vor wenigen Tagen. Zwar gäbe es heute im Netz ein immenses Wissen und auch einen ungeheuren Austausch von Wissen, aber all das sei am Ende nur eine „Tyrannei der Rationalität“. Mit einem schönen Bild beschreibt Haberl unsere Welt im 21. Jahrhundert: „aufgeklärt, aber leblos, hübsch, aber langweilig, sicher, aber kontrolliert wie ein nordkoreanisches Straflager – ein Ort ohne Zauber, aus dem sich jedes Temperament, jede Poesie und Transzendenz verabschiedet haben“.

„Der Ton macht die Musik“, heißt ein bekanntes Sprichwort. Aber was für ein Ton ist das denn überhaupt noch, der im Netz gepflegt wird. Sicher, es gibt die Hate Speech, das Herausschreien der eigenen Aggressionen, aber selbst dort, wo das nicht stattfindet, ist das Netz am Ende auch ein Ort der Unwirtlichkeit. Tonlos – trotz aller Informationen, die es da gibt, ganz im Unterschied zur Stimme eines Menschen, den man lieb gewonnen hat. Bei guten Priestern oder Ärzten fällt oft gleich die Stimme auf, mit der sie sich an die Menschen wenden, denen sie helfen wollen. Auch bei so manchem Psychotherapeuten oder Psychoanalytiker. Weich klingen diese Stimmen, den Menschen zugewandt. Man kann sich kaum abwenden von der Zugewandtheit ihres Sprechens und wundert sich, wie sie dahin gekommen sind – dass sie im Grundton ihres Sprechens diesen freundlichen Klang vor sich her sprechen können.

Aus Studien zur Arbeitswelt wissen wir heute zudem, dass Mitarbeiter in einem Unternehmen gar nicht so sehr auf den Inhalt dessen achten, was ihnen gesagt wird; sie hören vielmehr auf den Klang des Gesagten. In welchem Ton werde ich angesprochen? Das ist die Unternehmenskultur, die für den Mitarbeiter am Ende zählt. Und wird dieser Ton auch durchgetragen und durchgehalten, wenn Fehler passieren? Wenn nicht die Sonne scheint, sondern gerade auch in schwierigen Situationen, oder auch wenn Fehler gemacht werden. Ein ernsthafter Ton, der aber nicht die bewusste Aggression sucht, weil man das eigene Unglück schon längst im Herzen trägt und den ganzen Frust jetzt endlich begründet am anderen, am Nächsten auslassen kann.

Immer wieder haben Menschen gefragt, wie wohl Jesus geklungen hat. Wie seine Stimme war. In welchem Ton er auf die Menschen zugegangen ist. Oder auch sein Blick, den die ganzen Hollywood-Filme über diese Zeit so schmalzig gerade nicht treffen können. Und das Evangelium, das die ganzen Geschichten erzählt, ist ja doch scheinbar nur trockener Buchstabe, der das wirkliche Leben dieser Zeit zu wenig ausdrücken könne, sodass viel zu wenig fühlbar werde von dem, was damals vor 2 000 Jahren geschah. So klagen gerade auch die besten Theologen, die doch die Sehnsucht haben, in sich selbst zu spüren, was damals wirklich geschah. Aber ist das wirklich so?

Denn feststellen muss man schon, dass die Evangelien im Unterschied zum Netz einen ganz beschränkten Umfang haben. Vier Evangelisten erzählen aus ihrer Sicht das Geschehen. Recht viel mehr ist es nicht. Passt in jede Manteltasche. Und die einzelnen Gleichnisse sind so kurz und einfach, dass sie schon von daher ein Gegenprogramm zum überflüssigen Überfluss der digitalen Welt bieten. Bilder für das gute Leben. Kaufleute, die sich ernsthaft bemühen. Jesus als Arzt, der Leben schenkt. Einfache Bilder, einfache Geschichten, die aber sofort unvergesslich sind, wo man sie zum ersten Mal hört.

„Jesus hat nicht Programme und Ideen verkündigt, sondern auch und wesentlich physische, heilvolle Präsenz Gottes in sich selbst“, schreibt der Theologe Klaus Berger. Er ist es, der hör- und fühlbar wird in all den Texten des Neuen Testaments. Aber hinter dieser viel besprochenen Ebene des reinen Inhalts gibt es auch einen Ton, der hörbar wird im Neuen Testament? Das ist eine entscheidende Frage zum Weihnachtsfest. Die Evangelien sind alle Jahrzehnte nach der Kreuzigung Jesu geschrieben. Jede Zeile atmet das tragische Ostergeschehen. Schon die Weihnachtsbotschaft ist vom Ende her erzählt. Auch sie also steht in der Mitte von Freude und Trauer, von Unglück und Hoffnung, von Hoffnungslosigkeit und Erlösung und trägt so als Kehrseite der Trauer in ihrem Ton die Liebe in sich. Schon Augustinus schreibt: „Gut sollten wir diese Stimme kennenlernen, diese glücklich singende, diese stöhnende, diese in Hoffnung aufjubelnde, in ihrem gegenwärtigen Zustand aber seufzende Stimme: Gut sollten wir sie kennenlernen, sie innerlich vernehmen und sie uns zu eigen machen.“

Aus den Texten des Neuen Testaments wird sehr wohl ein Ton hörbar, der die reine Schrift aufbricht. Es ist der Ton der Liebe, die den ganzen Schmerz und die ganze Trauer des Ostergeschehens als fruchtbaren Humus der Liebe in sich trägt und damit erst in die wirkliche Lebensfülle führt. Schon das Geburtsgeschehen an Weihnachten spielt so zuinnerst auf das ewige Geboren-Sein an, das im Ostergeschehen der Todesverfallenheit des Lebens widerspricht. „In seinem von Johannes als Siegesruf verstandenen Todesschrei, im Umschlag von Schmerz in Jubel kommt zum Vorschein, was er vollbringt, indem er leidet, was er sagt.“ (Eugen Biser) Von hier aus rührt der Ton, der die wunderbaren Texte des Evangeliums durchklingt.

Unsere Zeit sucht eher das leidlose Glück. Die ununterbrochene Freude. „Die Unfähigkeit zu trauern.“ Den leidlosen Komfort. „Was ist denn gewonnen, wenn die Glasfasernetze verlegt und Zahnbürsten mit dem Internet verbunden sind, aber keine Verlockung mehr ausgeht von der Welt, wenn die Impulse ausbleiben, die Reize versiegen, die Schönheit schwindet und der Sinn“, so fragt unser Autor Tobias Haberl.

Glaube, so sagte einmal ein berühmter Theologe, sei Unterbrechung. Die Medienwelt von heute sendet fortdauernd. Das Weihnachtsgeschehen unterbricht diese rastlose Welt, wenn wir es zulassen. Und hinter dem Ton, der von ihm ausgeht, wird auch etwas sichtbar. Im Leidens- und Liebeston, der die Evangelientexte durchzieht, wird in unserer seelischen Vorstellungskraft sogar die Bilderwelt wirkmächtig. „An die Stelle des Sinns tritt das Gesicht Jesu. Es ist gleicherweise gezeichnet vom Entsetzen wie von der alles erduldenden Liebe.“ (Biser) Auf diese Weise können wir neue Kraft tanken. Weil in uns selbst sich so ein neuer Ton bahnbrechen kann. So können wir erleben, wie sich das Evangelium in unsere Zeit hineinspricht. Mit seinen Bildern und in seinem Ton der Liebe nimmt es uns gerade an Weihnachten bei der Hand und führt uns in die Welt, die wir oft genug vermissen, ohne es zu bemerken.

Straubinger Tagblatt vom 21. Dezember 2019 

Seifenblasen sehen anders aus

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. Dezember 2019

Robert Habeck ist alles andere als ein Schaumschläger. Sein politisches Engagement wirkt darum echt

Neugierig war ich auf meine Begegnung mit Robert Habeck. Ein ungewöhnlicher Politiker ist er auf jeden Fall. Aber wer ist er wirklich? „Wissen Sie, der Habeck hat zu allem eine Meinung, aber von nichts eine Ahnung“, hatte mir gerade noch ein konservativer Politiker am Rande einer Veranstaltung zugeraunt. Aber wie schafft man es dann zum Parteichef der Grünen oder wenigstens zu einem von beiden? Und in Talkshows am Fernsehen kommt er doch immer recht gut rüber, denke ich mir; und dass er bei der Fahrtkostenpauschale mal nicht ganz im Bild war – nachvollziehbar. Aber dennoch: „Der Habeck wird platzen wie eine Seifenblase“, hört man nicht selten. Und jetzt also kommt er nach Landshut, wo die Bauern schon protestieren.

Es ist früher Abend. Kalt und unwirtlich. Nasser Nebel. 1 000 Bauern stehen mit 600 Schleppern vor der Sparkassenarena und sprechen sich Mut zu. Sie fühlen sich nicht mehr gesehen und geschätzt für ihre Leistung für das Land. Sie warten auf Habeck, der heute hier mit Sigi Hagl für die Grünen den Landshuter Kommunalwahlkampf eröffnet. Ihre Stimmung passt zum Wetter. Habeck und Hagl sind zu spät. Wer nur mit dem Zug und dem Fahrrad reist, muss froh sein, überhaupt anzukommen, denke ich mir. Da sind die 20 Minuten Verspätung eigentlich eine positive Überraschung.

„Habeck wird nicht aggressiv, aber er gibt seine Position auch nicht auf“

Beide sprinten jetzt nach oben auf die Bühne im Freien, wo gerade ein im Grunde sympathischer Bauer die Stimmung nochmals angeheizt hat. Freundlich ist der Empfang für Habeck hier also nicht. Der Grünen-Chef ist leger gekleidet und stellt sich sofort vor die 1 000 protestierenden Bauern. Natürlich, das muss ein Politiker können, aber irgendwie ist es doch auch mutig. Beifall bekommt er keinen. Dass es seltsam sei, in die Verantwortung genommen zu werden für eine Politik, die er gar nicht gemacht habe, meint er, um doch zuzugeben, dass die Rolle der Bauern gerade auch für ihn heute eine ganz andere sei als in den letzten 50 Jahren. Die Bauern hätten nach dem Zweiten Weltkrieg die Aufgabe bekommen, ein ausgehungertes Land für wenig Geld wieder gut zu versorgen. Viel zu produzieren, um das Land wieder nach oben zu bringen. Heute sei die Aufgabe der Bauern eine andere. Neben der Ernährung vor allem Landschaftsschutz auch zulasten des Ertrags, und dieser Rollenkonflikt, so erklärt er, sei eine neue strukturelle Problematik, die es jetzt zu lösen gelte.

Im Gespräch auf der Bühne gehen die Bauern nicht wirklich auf ihn ein, sondern schreien ihre Not wieder laut aus sich heraus. Die Antwort Robert Habecks: Er erklärt nochmals in fast denselben Worten die von ihm aufgezeigte Problematik und gibt nicht nach. Allein der Ton seiner Stimme verändert sich. Sie bekommt diesen hellen, abwehrenden Klang, den ich schon aus den Talkshows kenne. Habeck wird nicht aggressiv, aber er gibt seine Position auch nicht auf. Ich kenne Politiker sonst eher als Menschen, die sich entweder durchsetzen wollen oder, wenn das nicht geht, dann halt nachgeben. Habeck steht. Nur in seine Stimme zeichnet sich der innere Kampf und die Mühe ein, die eigene Position zu erklären und nicht aufzugeben.

Beim Pressegespräch danach erklärt Habeck seine Haltung. Er wolle bewusst nicht provozieren und im politischen Streit auch nicht aggressiv reagieren. Auch als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in den letzten Wochen besonders aggressiv auf die Grünen losgegangen wäre, habe man sich nicht provozieren lassen, sondern schlicht die eigene Position bewahrt und erklärt. Ausbrechen wolle man so aus den Negativ-Ritualen der Politik, die die Bürgerinnen und Bürger so satthätten.

Denken muss ich an einen Auftritt von Habeck mit Annalena Baerbock, der anderen Chefin der Grünen, als sie zu Gast waren bei Markus Lanz im ZDF. Ein eher drittklassiger Journalist hatte zu Beginn der Sendung mit allzu einfachen Parolen versucht, Habeck und Baerbock aus der Reserve zu locken. Dem ging es nicht um ein Gespräch, sondern nur um Randale. Aber die beiden waren ganz ruhig geblieben, erklärten ihre Position; was sie sich über den Kollegen dachten, kann ich mir vorstellen. Respekt aber nötigte es mir ab, dass sie ihre gelassene Position die ganze Sendung lang durchhielten und weiter von der Sache her argumentierten.

Über den freundlichen und doch so tragischen Schriftsteller Boehlendorff aus dem 18. Jahrhundert schrieb Habeck seine Magisterarbeit, bevor er in seiner Dissertation dafür warb, dass literarische Welten den Zugang zur Alltagswirklichkeit besser und schöner machen. Seine eigenen Bücher, die er dann als Schriftsteller selber schrieb, gelten bis heute als qualitativ gut, gerade auch seine Kinderbücher. Auch dass er vieles aus Liebe ganz bewusst zusammen mit seiner Frau schrieb, mit der er gleich noch vier Kinder hat, deutet eher nicht darauf hin, dass er nur ein Hochstapler wäre.

„Bis in sein Sprechen hinein ist Platz für andere Menschen“

Noch nicht einmal 20 Jahre ist es jetzt her, dass er sich am Beginn des neuen Jahrtausends ganz bewusst für die Politik entschied. 10 Jahre nach dem Einstieg ins neue Metier wurde er in Schleswig-Holstein Landwirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident. Sechs Jahre lang. Jetzt kümmert er sich nur noch um die Bundespolitik. Das Amt von damals und die Bücher von früher sind heute weit weg. Geblieben ist die freundliche Art, die er aus früheren Tagen mitnimmt und offensichtlich nicht preisgeben will.

Am Abend gibt es noch eine Einladung für knapp 40 geladene Gäste. In seiner Rede spricht Habeck nicht von sich, sondern nur von seiner Freundschaft mit Sigi Hagl, die in Landshut Oberbürgermeisterin werden will und dafür den Vorsitz der Partei in Bayern aufgab. Für einen Politiker ungewöhnlich: Bis in sein Sprechen hinein ist da wirklich Platz für den anderen Menschen. Dann geht Robert Habeck von Tisch zu Tisch und spricht mit den anderen Gästen. Dabei bleibt er freundlich und zugewandt. Seifenblasen sehen anders aus, denke ich mir, als ich am Ende spätabends nach Hause fahre.

Straubinger Tagblatt vom 7. Dezember 2019

 

 

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