Prof. Dr. Martin Balle

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Martin Balle

Denn sie wissen, was sie tun

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. Juni 2019

Udo Di Fabios Studie über die Weimarer Reichsverfassung, die am 14. August 1919 verkündet wurde

Wer im Jahr 1913 seinen 21. Geburtstag feierte, der war...


So nicht!

von Prof. Dr. Martin Balle | 15. Juni 2019

Vor wenigen Tagen war ich in einem ganz kleinen Kreis eingeladen zu einem Abendessen mit der neuen Vorsitzenden der CDU Annegret Kramp-Karrenbauer. Nach einem...


Der andere wird zum Objekt

von Prof. Dr. Martin Balle | 08. Juni 2019

Von der EU bis Trump: In der Politik wird alles dem Machtstreben untergeordnet - Ein Essay

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Hunger nach Bewusstsein

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. April 2019

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Nicht mit Franziskus brechen

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Die Populisten dieser Welt

von Prof. Dr. Martin Balle | 19. Januar 2019

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Weihnachten 2018

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Suche nach dem Markenkern

von Prof. Dr. Martin Balle | 01. Dezember 2018

Es war schon ein sehr seltsames Schauspiel, als vor wenigen Wochen der ehemalige Fraktionsvorsitzende der CDU, Friedrich Merz, vor der Bundespressekonferenz in Berlin sein...


Sinn des Lebens erkennen

von Prof. Dr. Martin Balle | 05. Mai 2018

„Das Leben wird vorbei gewesen sein.“ Dieser Satz ist einer der Schlüsselsätze des weltberühmten Philosophen Martin Heidegger. Dabei ist dieser...


Denn sie wissen, was sie tun

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. Juni 2019

Udo Di Fabios Studie über die Weimarer Reichsverfassung, die am 14. August 1919 verkündet wurde

Wer im Jahr 1913 seinen 21. Geburtstag feierte, der war geprägt durch die selbstbewusste, dynamisch nach vorn strebende, traditionell und ordnungsfixiert sich entwerfende, aber in der Tat auch nervöse wilhelminische Welt. Er oder sie erlebten nach Jahren der Auszehrung und der Opfer im Ersten Weltkrieg eine in Art und Umfang überraschende, bittere Niederlage, anschließend die Krisenwelt Weimars mit den Wirren der Revolution und der Inflation, dann die Nazidiktatur und schließlich einen zweiten, alles umwälzenden Weltkrieg. Und dieser Mann oder diese Frau waren dann im Jahr 1945 erst 53 Jahre alt, als sie auf die beispiellose sittliche und materielle Zerstörung des Landes blickten.“

In gut 30 Jahren also wurden drei Welten zerstört: das deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik und die schreckliche NS-Diktatur. Es ist der ehemalige Verfassungsrichter Udo di Fabio, der heute als Professor für Öffentliches Recht in Bonn lehrt, den diese 30 Jahre so faszinieren, dass er eine gut lesbare, chronologisch geordnete Gesamtdarstellung dieses Zeitabschnitts geschrieben hat. Unter dem Titel „Die Weimarer Verfassung – Aufbruch und Scheitern“ hat er rechtzeitig zum 100-jährigen Jubiläum der Weimarer Verfassung in diesem Sommer eine glänzende „verfassungshistorische Analyse“ der Geschichte der Weimarer Republik vorgelegt.

Politische Akteure sind für ihr Handeln verantwortlich

Das Aufregende dabei: Di Fabio spannt den Bogen von den Stärken und Schwächen der Kaiserzeit im 19. Jahrhundert mit ihrem demokratisch (!) gewählten Reichstag bis in unsere Tage, um auf diese Weise Kontinuitäten und Brüche unserer deutschen Geschichte in den letzten 150 Jahren aufzuzeigen. Das Dritte Reich ist aus dieser Perspektive nicht wie ein unvorhergesehener Sturm über Deutschland hereingebrochen. Aber: Auf der Basis der deutschen Geschichte von 1871 bis 1930 hätte es auch verhindert werden können, so Di Fabios These. Und: Es war nicht in erster Linie die Weimarer Verfassung, die so schwach gewesen wäre, dass sie einer Diktatur Vorschub geleistet hätte, sondern es waren vielmehr die verantwortlichen politischen Akteure, die tumb, böse und ignorant auf ein Scheitern der Weimarer Demokratie zuarbeiteten.

Das ist die große Stärke dieses Buches: Di Fabio fällt Urteile über Personen der Geschichte. Er traut sich ein Urteil zu. Ihm geht es nicht um ein politisches System, das aufgrund seiner fragilen Verfasstheit und Struktur von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen wäre, sondern er zeigt uns heute – also in der Zeit der Trumps, Erdogans oder Gaulands dieser Welt –, dass es immer Menschen sind, die handeln und die Verantwortung tragen: die der Demokratie dienen oder sich gewissenlos gegen sie wenden, um geeignete Einfallstore für ihre Anschläge auf Demokratie und Parlamentarismus zu finden.

Für das Kaiserreich ab 1871 gibt es für die Fabio zwei Parameter, die bestimmend sind: auf der einen Seite den Reichstag, der ein starkes demokratisches Element bildete und zugleich auch „rechsstaatliche Sicherungen der bürgerlichen Freiheit, Wissenschaftsfreiheit, die Gewährleistung des Eigentums, grundrechtliche Garantien in den Ländern und vor allem landes- und reichsrechtliche Meinungs- und Pressefreiheit“. Auf der anderen Seite aber die starke Stellung des Kaisers – Di Fabio nennt sie eine „monarchische Übergewichtung“ – und ihre fatale Fehlbesetzung durch Kaiser Wilhelm II..

Keine Demokratie ist gefeit gegen politische Gangster

Interessant ist die wissenschaftliche These Di Fabios, dass die Weimarer Republik exakt diese Doppelstruktur in die erste deutsche Demokratie ab 1919 übernahm: zum einen einen in freier und geheimer Wahl gewählten Reichstag, zum anderen die übermächtige Stellung des Reichspräsidenten, der – in gleicher Weise wie Wilhelm II. das Kaiserreich – die Weimarer Republik in den Abgrund führen konnte, was am Ende durch die Figur Hindenburgs tatsächlich dann auch geschah.

Diese strukturelle Parallele ist deshalb so frappierend, weil sie zeigt, dass historische Prägungen so stark sein können, dass sie trotz besten Willens, die Demokratie zu erhalten, aus dem kollektiven Unbewussten heraus zur Zerstörung der Demokratie führen.

Di Fabio schildert glänzend, wie schwer die junge deutsche Demokratie gegen all die Vorbehalte anzukämpfen hatte, die gegen sie vorgebracht wurden: Vorbehalte vonseiten der Wirtschaftseliten, der Juristen, der Presse und natürlich vonseiten jener Teile der Bevölkerung, die von dem verlorenen Weltkrieg traumatisiert waren. „Das Gefühl der Ohnmacht und der Wut nach dem Traum von der Weltgeltung und dem deutschen Kulturauftrag blieb als Gleichzeitigkeit von Superioritäts- und Inferioritätsgefühlen wie ein gefährlicher Krankheitserreger virulent.“

Das waren die Startbedingungen für die SPD unter Friedrich Ebert, die ab 1919 als stärkste Partei Deutschlands unter schwersten Bedingungen versuchte, der jungen Republik eine neue, freiheitliche Richtung zu geben. Di Fabios Buch ist voll von gut begründetem Respekt für die SPD und den von ihr gestellten Reichspräsidenten Ebert, und es arbeitet – fast wie in einem Krimi – heraus, wie ab 1925 alles schiefging, was schiefgehen konnte: nach Friedrich Eberts Tod 1925 die Wahl Paul von Hindenburgs zum zweiten Reichspräsidenten und zum Vorgänger Adolf Hitlers, die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932 mit ihrer Massenarbeitslosigkeit, dann die wachsende Instabilität des Reichstags und die immer schneller wechselnden Regierungen, die die Weimarer Republik sukzessive nach rechts drängten.

Und die Lehre daraus für heute? Keine Demokratie ist gefeit dagegen, dass politische „Gangster“, wie Udo Di Fabio sie nennt, kommen und sie von innen her aushöhlen. Wilhelm II. und Hindenburg „waren beide eitel und in ihr Selbstbild buchstäblich verliebt“. An Formulierungen wie diesen zeigt sich die Stärke von di Fabio, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt und alles deutlich beim Namen nennt. So auch, wenn er über Hindenburg zu sprechen kommt: „Dieser Mann, Hindenburg, war für die Weimarer Republik im Aufbruch und im Vergehen ein Unglück der Deutschen.“ Oder wenn vom Umgang der politischen Führungsschicht mit Adolf Hitler die Rede ist: Einer sich „feiner dünkenden Elite“ fehlte es an „politischer Urteilskraft im Umgang mit dem politischen Gangstertum eines Hitlers. Kein Brüning, kein Schleicher, kein Papen hatten das Format, Hitler als das zu bekämpfen, was er war: ein Todfeind der Republik und einer jeden zivilisierten Nation.“

Besonders gelungen das kurze Porträt Adolf Hitlers: „Vielleicht nicht an klinischen Maßstäben, aber jedenfalls an alltäglichen Erfahrungswerten gemessen, hatte Hitler viel von einem Psychopathen. Seine narzisstische Persönlichkeitsstruktur war komplett auf sich bezogen, eine stets präsente Mischung aus Inferioritäts- und Superioritätsgefühlen, verbunden mit aggressivem Hass, der nicht die Fähigkeit ausschloss, seine Umgebung, sein Gegenüber instinktiv in seinen Schwächen zu erkennen und für sich zu instrumentalisieren. Auf viele in seiner bürgerlichen Umgebung wirkte er wie ein fremdartiges Wesen, rechthaberisch, unkultiviert, ein wenig animalisch, verklemmt und gehemmt im persönlichen Umgang.“

Mit dem Kleinhirn eines Dinosauriers

Das ist süffig geschrieben und führt Geschichte dorthin zurück, wo sie jenseits aller abstrakten Strukturen immer auch herkommt: auf die Handlungen einzelner Personen, die sehr wohl wissen, was sie tun oder nicht tun. Am Ende zieht Udo Di Fabio ein Resümee, das uns auch heute noch nachdenklich macht: „Das alte Leiden des Kaiserreichs bestand darin, dass Deutschland ein gewaltiger wirtschaftlicher und wissenschatlich-technischer Körper war, eine Nation mit immensen Kräften, aber mit dem zu klein geratenen politischen Kopf eines Dinosauriers. Dieses Leiden setzte sich in Weimar fort und verschärfte sich, als die Kräfte abnahmen und auch der Kopf noch kleiner wurde.“

Wo stehen wir heute? Jedem, der sich heute für Politik interessiert, sei das spannende neue Buch von Di Fabio als Selbstvergewisserung unserer deutschen Geschichte wärmstens ans Herz gelegt!

Udo Di Fabio: Die Weimarer Verfassung: Aufbruch und Scheitern. C. H. Beck Verlag, München, 299 Seiten, 19,95 Euro.

Straubinger Tagblatt vom 22. Juni 2019 

So nicht!

von Prof. Dr. Martin Balle | 15. Juni 2019

Vor wenigen Tagen war ich in einem ganz kleinen Kreis eingeladen zu einem Abendessen mit der neuen Vorsitzenden der CDU Annegret Kramp-Karrenbauer. Nach einem halbstündigen Vortrag durch die neue CDU-Chefin gab es im Anschluss daran eine gut zweistündige Diskussion mit der Frau, die den Willen hat, neue Kanzlerin dieses Landes zu werden. Mir wurde an diesem Abend klar, weshalb die Union in so kurzer Zeit einen solchen Absturz in den Meinungsumfragen aller Institute zu verzeichnen hat. Denn der Wähler hat am Ende doch ein untrügliches Gefühl für das, was im Lande geschieht.

Annegret Kramp-Karrenbauer hat ein glänzendes Detailwissen über alle Lebensbereiche, zu denen sie befragt wurde. Natur und Umwelt, Autobau oder Außenpolitik; aber was völlig fehlt, ist eine authentische eigene Perspektive auf die Welt. Sie spricht wie eine Buchhalterin, die mit Distanz die Welt besieht. Viele Einzelaspekte, aber kein ganzheitlicher Blick, keine integrale Weltsicht, aus der sich erklären würde, weshalb sie Kanzlerin werden sollte. Während die Menschen immer stärker entsetzt sind über das, was weltweit mit unserer Schöpfung geschieht, spricht sie vom „Umweltthema“, das man gerade in den Wahlkämpfen unterschätzt habe und das bei besserem Wetter wieder unwichtiger werde. Was ist das denn für eine Argumentation? Während andere Parteien immer stärker die Erfahrungswirklichkeit ernst nehmen, bleibt hier bei Annegret Kramp-Karrenbauer genau die Distanz eines Politikers zur Welt aufrechterhalten, die es abzutragen gelten würde, damit Politik wieder glaubwürdig wird.

Dasselbe gilt für die Außenpolitik. AKK will unbedingt an dem Zwei-Prozent-Ziel der Militärausgaben im Bundeshaushalt festhalten und hat kein Verständnis dafür, dass es vielleicht gerade jetzt das richtige Zeichen wäre, sich von den Wünschen des amerikanischen Präsidenten abzugrenzen. Was würden die anderen Nato-Partner gerade im Osten Europas denken, die sich für viel Geld in die Sicherheitsperspektive der Nato eingekauft hätten, wenn Deutschland hier schwächeln würde, war ihr sehr theoretisches Argument. Dass die Nato gerade in Russland längst als Bedrohung wahrgenommen wird, wo sie doch jetzt an der Grenze zu diesem Land steht, war ihr als Argument überhaupt nicht zu vermitteln. Auch an den Sanktionen gegenüber Russland will sie festhalten, wo doch heute aber die ganze Welt weiß, dass Sanktionen in der Regel auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen werden, während sie im Interessenausgleich der internationalen Politik im allerüberwiegenden Fall nur zu noch mehr Spannungen und Aggressionen führen. Den ganzen Abend erschien mir Annegret Kramp-Karrenbauer wie eine Schülerin, die das, was man ihr aufgetragen hat, brav auswendig gelernt hat und es jetzt ohne Zweifeln und Zögern vorträgt. Was für ein Unterschied zu einem Helmut Kohl oder Helmut Schmidt, die immer mit eigenem Weltbild und großer innerer Stärke zu führen verstanden.

Mir wurde an diesem einen Abend klar, welches Unglück Angela Merkel für ihre Partei war. Dass die Delegierten der CDU am Ende die Wahl hatten zwischen Friedrich Merz, der sich 15 Jahre in der Finanzindustrie herumgetrieben hatte und jetzt in die Politik als Chef (!) des Unternehmens zurückwollte, und der biederen Parteisoldatin Annegret Kramp-Karrenbauer – was ist das für eine Wahl! So also sieht eine Partei aus, in der die Vorsitzende über viele Jahre sich nur um den eigenen Machterhalt gekümmert hat, ohne für die Zukunft zu planen. Nicht nur, dass sie alles weggebissen hat, was irgendwie Konkurrenz hätte werden können. Vor allem was sie nicht tat, ist entscheidend: nämlich Leute zu fördern, die einen eigenen Kopf und einen eigenen politischen Willen haben. Das personelle Angebot, das die CDU heute machen kann, ist weit unter dem, was dieser ehemals stolzen und starken Volkspartei zu wünschen wäre. Annegret Kramp-Karrenbauer ist für mich als Kanzlerin schlicht nicht vorstellbar!

Aufs Cover des Spiegels hat es in dieser Woche Kevin Kühnert geschafft. Und das Nachrichtenmagazin erläutert in aller Ernsthaftigkeit, dass der kleine Junge jetzt Chancen habe, der neue Parteivorsitzende der SPD zu werden. Kaum jemand – und das gilt es schon festzuhalten – hat der SPD so geschadet wie Kühnert. Alles, was intern besprochen hätte werden müssen, hat dieser selbstsüchtige Jungspund der eigenen politischen Karriere willen in die Öffentlichkeit getragen! Der Absturz der SPD auf rund 15 Prozent heute, da hat genau er einen ungeheuren Anteil daran. Vollkommen zu Recht urteilt der Spiegel: „Auch in jenem Gespräch mit der Zeit war er zwar forsch mit seinen Forderungen, zeigte aber sonst wenig Substanz. Mit diesem Auftritt, insbesondere mit dem Zeitpunkt, gab er außerdem all jenen Kritikern recht, die in Kühnert vor allem ein Medienprodukt sehen, das auf eigene Rechnung spielt: Wie sich seine Vorstöße auf die Partei auswirkten, knurren manche Genossen, kümmere ihn offenbar nicht. Wäre Kühnert Vorsitzender oder Teil einer neuen Führung, müsste er sich medial wohl etwas zurücknehmen. Nur, was bliebe dann noch übrig vom Phänomen Kühnert?“ Eben nichts!

Beide Volksparteien, die Union und die SPD, haben also ein riesiges Führungsproblem. Und wir sehen in anderen europäischen Ländern, welches Unglück der Zusammenbruch eines stabilen Parteiensystems ist. Italien mit dem schrecklichen Salvini, oder auch Frankreich, wo nur noch ein Außenseiter wie Macron die Republik stabilisiert. Was passiert eigentlich, wenn er wirklich scheitert?

Die bürgerliche Mitte Deutschlands hat sich entschieden, sich hinter der Partei der Grünen zu versammeln. Das ist mehr als nachvollziehbar, auch wenn es ein Scheck auf die Zukunft ist, wo erst die Geschichte zeigen muss, ob er gedeckt ist. Aber festzuhalten bleibt auch: Die großen Volksparteien CDU/CSU und gerade auch die SPD, die ganz allein in der Weimarer Republik für stabile Verhältnisse sorgen wollte und im Reichstag auch ganz alleine gegen Hitler aufstand, dürfen nicht in die Geschichtsbücher der Gymnasien entschwinden. Ihre Erfahrung muss politisch weiter fruchtbar bleiben und darf für die Gestaltung der Demokratie heute nicht verloren gehen! So ist es also Aufgabe in diesen beiden großen Parteien selbst, dafür zu sorgen, ein anständiges und brauchbares Führungspersonal herauszubringen, das in der Öffentlichkeit wieder überzeugt und dem man zutraut, die Dinge nach vorne zu bringen. Der eitle Kevin Kühnert und die brave Annegret Kramp-Karrenbauer sind das sicher nicht! Immerhin überzeugt die Übergangsführung der SPD. Das sind allesamt gute Leute. Und dass sie zu dritt sind, ist positiv. Es deutet an, dass man Führung teilen kann. Dass es nicht nur um die Durchsetzung von Macht geht, sondern auch in der Spitze um das Gespräch miteinander, um so Politik nicht „durchzusetzen“, sondern eben zu gestalten.

Straubinger Tagblatt vom 15. Juni 2019 

Der andere wird zum Objekt

von Prof. Dr. Martin Balle | 08. Juni 2019

Von der EU bis Trump: In der Politik wird alles dem Machtstreben untergeordnet - Ein Essay

Das Schöne an der Psychologie ist, dass sie viel näher am Leben ist als die Philosophie. Auch näher an der Politik. Die Psychologie spricht vom Menschen, wie er wirklich ist. Die Philosophie allzu gerne vom Menschen, wie er sein sollte. Als ich vor wenigen Wochen den Kandidaten der EVP für Europa, Manfred Weber, fragte, warum jetzt plötzlich ein Streit aufkäme zwischen dem Europäischen Parlament und den Regierungschefs der Nationen, meinte er nur lächelnd: „Da geht es jetzt um die pure Macht.“ Und auf meine Frage an Horst Teltschik, den außenpolitischen Berater von Helmut Kohl, ob man nicht ausgleichend zwei Kommissionspräsidenten wählen könne, antwortete der, ohne zu zögern: „Das geht nicht, da geht es um die Machtfrage.“

Inbegriff des Narziss

Die Frage nach der Macht ist die zentrale Fragestellung der Psychologie. Denn alle Menschen wollen in gewisser Weise mächtig sein; aber alle Menschen finden eine Grenze ihrer Macht in der Macht des anderen Menschen. Der berühmte französische Psychoanalytiker Jacques Lacan hat das so beschrieben: Jeder Mensch wache als Gott in seiner Welt auf, er müsse aber dann enttäuscht bemerken, dass der andere Mensch genauso Gott sein wolle. In der wechselseitigen Anerkennung ihrer Bedürftigkeit des anderen und der so notwendigen friedlichen Verständigung mit dem anderen Menschen breche sich in der Begegnung von Menschen ihr Machtanspruch. Das Leben sei nichts anderes als das lebenslange Ausbalancieren der eigenen Lebenssituation im spannungsvollen Gefüge einer Gesellschaft, wo jeder jeden Tag seinen Platz auch immer neu suchen und finden müsse.

Die Politik ist voll von Menschen, die sich diesem Spiel entziehen wollen. Unvergesslich ist mir, wie der allzu kleine französische Präsident Nicolas Sarkozy auf einem Platz im Kreis der Mächtigen auf seinem Tisch eine „2“ eingraviert fand und nur bereit war, sich dorthin zu setzen, wenn sie sofort durch eine „1“ ersetzt würde. Das ist kindisch, aber es spricht doch Bände.

Der Inbegriff des politischen Narziss ist natürlich Donald Trump, der heute nicht weiß, was er morgen tut, und längst vergessen hat, was er gestern mit wem besprochen hat. Das absichtsvolle Pflegen von Beziehungen, das planvolle Handeln in Zeitfenstern, die realistisch sind, entfällt zugunsten eines Agierens, wo alles dem eigenen Machtanspruch untergeordnet bleibt.

Nahles war nicht zimperlich

Nur der politisch Mächtige kann sich ein solches Handeln leisten, wo der andere Mensch buchstäblich zum Objekt der eigenen Fantasien degradiert wird. Trump beschimpft an einem Tag den Präsidenten von Nordkorea, trifft sich zwei Wochen später mit ihm – und wieder zwei Wochen später bleibt immer noch unklar, was das alles sollte.

Der englische Politiker Boris Johnson ist eigentlich eine Witzfigur. Niemand würde im wirklichen Leben mit ihm Geschäfte machen wollen. Aber als Politiker, der seinen Narzissmus rücksichtslos ausagiert, hat er jetzt sogar Chancen, die verblendeten Wähler in England auf seine Seite zu ziehen.

Oft verbinden sich mit solchen Typen Hoffnungen, dass sie mit ihren Ämtern wachsen und sich ändern. Aber in der Ära Trump bleiben das ungedeckte Schecks auf die Zukunft. Ihrer machtlosen Wählerklientel demonstrieren sie eher in der Fortführung ihres Narzissmus, dass sie gewillt sind, weiter den starken Mann zu spielen, um so wiedergewählt zu werden.

Oft ist jetzt gesagt worden, dass die ehemalige Vorsitzende der SPD, Andrea Nahles, in der eigenen Partei in brutaler Weise zum Rücktritt gedrängt wurde. Die Revolution frisst ihre Kinder, heißt es. Auch Andrea Nahles war in der Wahl ihrer politischen Mittel auf ihrem Weg wenig zimperlicher. Den damaligen Vorsitzenden der SPD, Franz Müntefering, drängte sie durch eine eigene Kandidatur zur Generalsekretärin zum Rücktritt. Und Sigmar Gabriel, ehemals verdienter Parteivorsitzender und auch Außenminister, darf heute seine Sicht auf eine bessere Welt im ZDF bei Markus Lanz kurz vor Mitternacht erklären.

„Leeres Sprechen“

Da darf sich niemand wundern, wenn er davon spricht, dass „in seiner Zeit alles besser gewesen ist“, so als wäre das schon 20 Jahre her. Das ist der Preis der Macht, dass die, die das Spiel verloren haben, ihr eigenes Spiel zu spielen beginnen. Das ist nicht überraschend! Es ist schon seltsam, wie im Spiel um die politische Macht ein verständnisvolles Sprechen miteinander verkümmert. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan unterscheidet ein sogenanntes „volles Sprechen“, das der Mensch, der im Leben angekommen sei, habe, von einem sogenannten „leeren Sprechen“, das beim Narziss zu finden sei. Heute wird in den Talkshows gefragt, warum die Inhalte der Politik so sehr auf der Strecke geblieben seien. Ja, warum nur?

Noch fast zwei Jahre will Angela Merkel jetzt um die Welt fahren und im Ausland Hof halten. Und ihre potenzielle Nachfolgerin geht zu Hause Klingeln putzen, in der Hoffnung, in zwei Jahren vielleicht gewählt zu werden. Am Europawahlkampf hat Angela Merkel schon gar nicht mehr teilgenommen. Warum sollte sie, war ihre Position. Na bravo!

„Wie im Sandkasten“

International hat das bloße Agieren aus der Machtposition zu einem neuen Wettrüsten geführt. „Wie im Sandkasten“ gehe es zu, meint Horst Teltschik. Während früher Diplomatie, Abrüstung, Friedensgespräche mehr als der gute Ton waren und auch zu Erfolgen führten, entfällt das politische Gespräch heute immer mehr. Stattdessen werden Friedens- oder Abrüstungsabkommen aufgekündigt und ein neues Wettrüsten findet statt. Es war der junge Kanzler des kleinen Österreich, Sebastian Kurz, der den Mut hatte, Donald Trump ins Gesicht zu sagen, dass er seine Aufforderung, mehr für die Rüstung zu tun, nicht befolgen werde und sie mit den Worten konterkarierte, dass sie in Österreich andere Prioritäten hätten, zum Beispiel gute Schulen und Ausbildung für die jungen Menschen.

In Anne Wills Talkshow in dieser Woche über die tektonischen Machtverschiebungen in der SPD, war es die 23-jährige Studentin Luisa Neubauer, die jetzt seit zwei Jahren für die Grünen Politik macht, die einfach keine Lust hatte, über die Fragen der Macht zu diskutieren und – ohne danach gefragt zu werden – einfach immer über die globale Umweltkatastrophe sprach. Das war zwar eine klassische Themaverfehlung, aber – imponierend war es auch!

Straubinger Tagblatt vom 8. Juni 2019

Hunger nach Bewusstsein

von Prof. Dr. Martin Balle | 13. April 2019

„Irgendwann will sie wissen, warum er ist, wie er ist. Wie soll ein heller Mensch das Dunkle begreifen, denkt er. Er versucht es mit den Worten der Ärzte, sie hört zu und nickt. Depressionen seien keine Traurigkeit, sagt er, sie sind etwas ganz anderes. Er weiß, dass sie es nicht verstehen wird.“

So intoniert der Erfolgsschriftsteller Ferdinand von Schirach seinen neuesten Bestseller „Kaffee und Zigaretten“ im ersten Kapitel. Was folgt, sind 48 Skizzen aus seinem Leben, die auf einem schillernd-faszinierenden Lebensgrund geschrieben sind, von dem her diese Depression immer wieder durchklingt. In einer Talkshow mit dem Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo bekannte der sympathische Autor sich vor Kurzem zu dieser Krankheit und meinte, dass das Einzige, was helfe, Medikamente wären.

Die amerikanische Schriftstellerin Melissa Broder ist in einem Zeit-Interview vor wenigen Wochen fast noch offener. Sie spricht von ihrer lebenslangen Depression. Recht literarisch formuliert sie: „Es ist unheimlich, dass wir dieses Leben ungefragt bekommen! In der Bewusstlosigkeit gibt es diese Angst nicht.“ Und so hat sie also von Kindheit an versucht, diese traurige Überbewusstheit, unter der sie litt, aufzulösen: Drogen, „viele Pillen, vor allem Opiate. Ich musste immer high sein. Wenn ich hätte high bleiben können, hätte ich nicht nüchtern werden müssen. Aber das Runterkommen war schrecklich“. Auch ein intensives Sex-Leben war offenkundig nicht erlösend und so urteilt die attraktive junge Frau ganz offen: „Ich jagte allem nach, was potenziell vergnüglich war und die Hirnchemie verändert. Aber im Nachhinein kann ich sagen: Es gibt nicht genug Sex – und ich hatte viel Sex –, um diesen existenziellen Hunger zu stillen.“ Am Ende blieb ihr die digitale Sucht. Mit Leidenschaft twittert sie heute im Netz über sich selbst: „Es ist ein Hochgefühl. Das liegt an der Art, wie die Plattform designt ist, sie ist ja darauf ausgerichtet, dich süchtig zu machen. Im echten Leben würde ich nicht dasselbe fühlen, wenn ich meine Gedanken auf einen Platz hinausschreien würde.“ Ihre Twitter-Botschaften schreien jetzt ihre Depression in die Welt, kleine Kurz-Sätze, kaum Gedichte, die aber mittlerweile von fast einer Million „Follower“ regelmäßig erwartet werden. Ihr selbst hilft es in etwa so viel wie ihre Versuche mit Drogen und Sex, wenn sie bezeugt, dass Twitter für sie die „reine Dopamin-Sucht“ sei, aber „was die Depression angeht ... Ich fühle mich ständig wie ein Loser. Entweder habe ich das Gefühl, ich werde nie wieder etwas erreichen, oder ich schäme mich, weil ich so viel twittere“. Erst am Ende des langen Zeit-Interviews nimmt die Schriftstellerin eine Perspektive in den Blick, die heilsamer und zukunftsweisender erscheint als jeder Drogenrausch: „Ich hätte mir viel Leid ersparen können, hätte ich gewusst, dass kein Tief ewig anhält. Heute vertraue ich darauf, dass ich stets wieder aus der Trauer auftauchen werde.“ Und so versucht sie also heute, mit wenigen Medikamenten, dem Twittern, etwas Meditation und ihrer Liebe zu Hunden besser durch ihr Leben zu kommen.

Das eigentliche Stichwort aber liefert sie, ohne es selbst ganz zu bemerken, mit dem Begriff des „existenziellen Hungers“, unter dem sie leide. Wer müsste nicht bei diesem Wort an den Satz Jesu denken, wenn er sagt: „Ich habe Speise, die euch wahrhaft sättigt.“ Aber welche Speise soll das im 21. Jahrhundert sein? Das klingt doch zu absurd!

Noch absurder allerdings ist eine Szene im Neuen Testament, als die Jünger beklagen, dass sie die ganze Nacht die Netze ausgeworfen hätten, jetzt völlig erschöpft wären und nicht mehr könnten. Auf Jesu Gebot werfen sie die Netze nochmals aus und können den großen Fang kaum an Land ziehen. Was soll das?

Auf der anderen Seite: Wie oft geschieht es, dass gerade in dem Augenblick, da wir jede Hoffnung aufgegeben haben, das Rettende wie aus dem Nichts geschieht. Ein Kaufmann, der mit drei Firmengründungen ins Leere lief und aufgeben wollte. Als er es ein letztes Mal versuchte, gelang es, heute beschäftigt er über 10 000 Menschen und lacht viel, ich kenne ihn. Ein Arzt, der mit drei oder vier Therapieversuchen erfolglos war und schon unwillig noch einen Versuch macht, weil er fast schon den Glauben an sich und seine Heilkünste verloren hat – und genau jetzt ist er erfolgreich. Solche Beispiele gibt es doch viele.

Es gibt das Krankheitsbild der Depression und glücklicherweise gute Medikamente. Aber es gibt auch Fehlperspektiven, die verhindern, dass es uns leichter fällt, aus einer depressiven Gestimmtheit wieder herauszufinden. Wer stundenlang im Netz scheinbar das Leben fühlt, wacht oft genauso verkatert auf, als habe er einen schweren Rausch hinter sich. Mit solchen Fehlversuchen kann man Jahre vergeuden und gerät nur immer tiefer in die Krisen und die Resignation.

In seinem großen Roman „Schuld und Sühne“ erzählt Fjodor Dostojewski, wie die einzige Hoffnung der verlorenen Prostituierten Sonja die Erzählung von Lazarus ist. Lazarus, der schon gestorben war, aber von Jesus wieder auferweckt wird. An diesem Evangeliumstext hängt ihre ganze Hoffnung auf neues Leben, das sich am Ende des Romans dann auch für sie erfüllt.

Die Theologen sagen uns heute, dass die Lazarusgeschichte zwei Bedeutungsebenen in sich trage. Das eine: Es sei die Geschichte von Jesus selbst, der stirbt, aber gerade so ins ewige Leben aufersteht. Vor allem aber auch die zweite Deutung: dass von diesem Ostergeschehen her, das die Lazaruserzählung symbolisiere, vor gut 2 000 Jahren der Durchgriff Gottes auf jeden einzelnen Menschen möglich geworden sei. Von daher gebe es die spirituelle Heilsebene schon in dieser Welt, die Christen als Wirken des Heiligen Geistes bezeichnen.

Heute suchen Menschen ihr Heil jeden Tag. In der Esoterik, im Rausch, im Netz oder auch in einem manischen Leistungs- oder Konsumwillen. Schon diese Fehlversuche künden von dem, was die Melissa Broder einen unstillbaren existenziellen Hunger nennt. Aber all das macht offenkundig nicht satt. Der Glaube allein macht auch nicht satt, das wäre ein Missverständnis.

Aber wenn Broder sagt, dass ein Bewusstsein, dass keine Krise ewig dauere, tröstlich sei, so schlägt das den Bogen in eine bessere Welt: weil das Bewusstsein nicht mehr künstlich ausgeschaltet wird. Weil eine Ebene erlebt wird, die das eigene primäre Erleben reflektiert und nicht ausschaltet oder ins Extrem steigert. In solche Reflexion fließt bei vielen Menschen fast wie von selbst ein neues, ein spirituelles Bewusstsein ein, das plötzlich den ganzen Menschen und das ganze Erleben zu verwandeln versteht. Das ihn wie am eigenen Schopf packt und zu seinem Erstaunen ergreift und verwandelt. Dann ist es die Aufgabe, diesen Augenblick zu ergreifen und für den Alltag fruchtbar zu machen. Das ist mühsamer als das Surfen im Internet, der Rausch oder andere Lösungen, aber dieses Üben befriedigt. Das ist heute das Ostergeschehen.

Nicht mit Franziskus brechen

von Prof. Dr. Martin Balle | 02. März 2019

Die Enttäuschung über das Treffen der Kardinäle mit ihrem Papst in Rom am letzten Wochenende war also groß. Besonders enttäuscht waren viele von Papst Franziskus selbst. Er habe nicht nur nichts Konkretes entschieden, sich auch zu wenig mit den Opfern selbst getroffen und vor allem in seiner Abschlussansprache die Verfehlungen seiner Priester und Bischöfe in einen allgemeinen Kontext gestellt, anstatt das „mea culpa“ noch lauter und deutlicher auszusprechen. Dass auch Lehrer oder Sporttrainer sich an Minderjährigen vergriffen, damit habe er unsinnigerweise seine Abschlusserklärung eröffnet, noch bevor er auf die massiven Verfehlungen seiner Kirche entsprechend eingegangen sei. Gibt es aber doch etwas, was man zu seiner Entschuldigung anführen kann?

Die Kirche steht am Pranger, die katholische vor allem. Die also, die sich in ihren Sonntagspredigten gegen eine Relativierung aller Werte regelmäßig aussprechen, gerade die haben den ganz entscheidenden Wert der unverletzbaren Würde des anderen so massiv und infam untergraben. Gerade die, die vom Vertrauen leben und sprechen, haben genau dieses Vertrauen total missbraucht. Da kann man nur feststellen: Da geht es bei einer so gravierenden Sache in Wirklichkeit auch um die Existenz der Kirche. Das ist nicht eine Krise, die in wenigen Jahren heilen kann. Sondern, da steht die Autorität der Kirche als Ganzes infrage. Und zwar in einer Massivität, die zerstörerisch und selbstzerstörerisch ist. Wie kann man denn denen noch glauben? Das fragen aus gutem Grund heute viele. In dieser Situation also findet sich Papst Franziskus, der ja eigentlich aufgebrochen war, den verstaubten Laden in Rom aufzuräumen und auf den sich die Hoffnungen so vieler gerichtet haben. Wie kann er sich jetzt am besten verhalten?

Als 1983 das Nachrichtenmagazin Stern die Hitler-Tagebücher veröffentlicht hatte, im besten Glauben, dass diese ihm von einem Fälscher untergejubelten Bücher tatsächlich von Hitler geschrieben wurden, war das das Ende des Stern. Heute sind im Stern wunderbare Lesegeschichten und Reportagen zu finden, aber als ernsthaftes auch politisches Magazin hat der Stern seitdem nie mehr Fuß gefasst. Oder gerade vor wenigen Wochen: Was war das für ein Rückschlag für das Nachrichtenmagazin Spiegel, dass gerade die besten Reportagen von einem Fälscher erstunken und erlogen worden waren. Da geht es dann schon um die eigene Existenz. In einem vorauseilenden Gehorsam veröffentlichte Der Spiegel Art und Umfang des publizistischen Desasters, um Schaden vor allem von sich abzuwenden. Gerade dafür wurde er von den Kollegen der Zeit massiv kritisiert. Da habe man es sich zu einfach gemacht. Festzuhalten bleibt: Überall dort, wo gerade in der Kernkompetenz die eigene Autorität infrage gestellt ist, da droht ein existenzbedrohender Schaden.

Bei der katholischen Kirche geht es eigentlich um das Heil des Menschen. Ihm soll sie dienen. Eine Beichte soll ihm Neuanfang sein in ein anderes besseres Leben. Eine Krankensalbung Trost, dass er gerade jetzt im Letzten angenommen ist. Ein Sonntagsgottesdienst ein Kraftquell für eine neue Woche. Und jetzt also das! Das ist für die Kirche selbst ein Trauma. Da geht es nicht allein mehr darum, wie das für alle Zukunft zu verhindern ist, sondern um die Frage, ob es überhaupt noch eine Zukunft gibt. Das ist die Situation des Papstes, auf die er zu reagieren versucht. Das Trauma des Missbrauchs ist längst auch ein Trauma der Kirche! Was also tun? Mir scheint, dass der Papst versucht, aufzuzeigen, dass die Kirche inmitten der Gesellschaft der Menschen mit ihren Fehlern steht. Da kann man jetzt einwenden: Das ist billig! Aber was wäre, wenn er jetzt all die Zurufe von außen mit einem Mal aufgreift? Die überfällige Abschaffung des Zölibats, die sinnvolle Emanzipation der Frau auch für das Priesteramt, und was sonst noch alles gefordert wird. Beim Fußball gibt es eine vergleichbare Situation: Wenn ein Spieler augenfällig gefoult wird und der Schiedsrichter nicht sofort pfeift, mokiert sich schnell der Gegner. Pfeift der Schiedsrichter dann doch noch, rufen die Spieler der anderen Mannschaft: „Schiedsrichter, nicht auf Zuruf!“ Gemeint ist: Du musst selber entscheiden als Schiedsrichter, alles andere stellt deine Autorität infrage! Und mit diesem zu späten Pfiff ist sie schon infrage gestellt.

Das ist die Situation der katholischen Kirche von heute. Sie erhält Zurufe von allen Seiten, was denn zu tun sei, und die meisten davon sind nur allzu richtig. Aber sie verschanzt sich vor den Zurufen im Elfenbeinturm der Theologie und der theologischen Sprache, um die Deutungshoheit über sich selbst nicht zu verlieren. Und auch das ist bis zu einem gewissen Grade sehr nachvollziehbar. Zwischen diesen beiden Klippen – auf der einen Seite zu akzeptieren, dass die Verfehlungen gravierendst sind und unerträglich, und auf der anderen Seite zu versuchen, die Substanz zu retten, das heilige Fundament, auf dem die Kirche seit 2 000 Jahren doch auch noch steht, nicht einfach preiszugeben an die Kritik derer, die in den Medien jetzt den Finger nicht zu Unrecht so streng heben – steckt jetzt der arme Papst Franziskus, der ja eigentlich niemals Papst werden wollte. Hinzu kommen noch die konservativen Kräfte im Vatikan, die jede Chance suchen, um ihm zu schaden. Wahrlich eine schreckliche Situation! Und in dieser Situation versucht er jetzt einen Weg zu finden, seine Kirche zu retten.

Das Christentum hatte in den 2 000 Jahren immer zwei Seiten. Auf der einen Seite ist es eine Geschichte des Heils und der Heiligen. Dort sind die, die vom Heiligen Geist ergriffen Krankenhäuser bauten und für andere ihr eigenes Leben gaben. Und es gibt die dunkle Seite: von den Kreuzzügen über die Hexenverfolgungen bis zur Folter derer, die nicht rechtgläubig schienen. „Die Kriminalgeschichte des Christentums“, wie ein Autor das über Aberhunderte Seiten beschrieb. Der Missbrauch von Hunderten und Tausenden anvertrauten Menschen gehört zu diesen allerdüstersten Kapiteln dieser Geschichte, auch wenn es sich in diesem Buch noch nicht findet.

Aber ich glaube, man muss auch sagen, dass Papst Franziskus in das helle Kapitel des Christentums gehört. Der den Armen die Füße wäscht und das übliche Papstgewand ablehnt mit dem überlieferten Satz, dass „der Fasching vorbei sei“. Der nicht im Vatikan einzog, weil er von normalen Menschen umgeben bleiben wollte. Der sich in seiner Enzyklika dagegen wehrt, dass wir die Umwelt auf Kosten der zukünftigen Generationen verfrühstücken, und der sich für den Frieden in der Welt einsetzt wie kaum ein Papst je vor ihm. Den Stab über ihn brechen, heißt auch den Stab über die Heils- und Glaubenschance brechen, die sich mit ihm und den Guten, die es auch noch gibt, für uns vom Glauben her eröffnet. Heißt uns selber den Heilsweg zuzustellen, den Kirche immer noch auftun kann. Die Verbrecher aber, die sich dort eingenistet haben, gehören in aller Härte zur Rechenschaft gezogen.

Straubinger Tagblatt vom 2. März 2019 

Begegnung als Sinnprinzip

von Prof. Dr. Martin Balle | 09. Februar 2019

Der Psychotherpauet Erwin Möde deutet die Emmaus-Geschichte auch als innerweltliches Heilsangebot 

Unsere Gegenwart steht viel stärker im Zeichen der ganz großen Fragen der Menschheitsgeschichte, als es den meisten Menschen bewusst ist. Die Erweiterung des Denkbaren ins Kosmische durch die digitale Welt, das Ersetzen menschlicher Intelligenz durch künstliche Intelligenz, die Sehnsucht nach ewigem Glück in dieser Welt – all das sind Phänomene, die sich vor dem Horizont der Geschichte unseres Denkens vollziehen, ohne dass wir uns dessen heute allzu bewusst wären. Wir kennen scheinbar die Voraussetzungen unseres eigenen Denkens und Lebens kaum mehr.

Deshalb ist es mehr als dankenswert, dass der Psychotherapeut und Theologe Erwin Möde in seinem sehr tiefgründigen und schönen Buch „Spiritualität und Hermeneutik“ die Voraussetzungen unserer Gegenwart analysiert. Als christlicher Theologe zeigt sich Möde dabei gerade nicht als dogmatischer Verfechter des Christentums. Vielmehr zeigt er, wie die dogmatischen Festlegungen dem christlichen Glauben seinen eigenen Boden unter den Füßen weggezogen haben.

Unsere Triebwelt in Frage zu stellen, ist absurd

Als Psychotherapeut aber will sich Möde nicht der Mehrheit der Psychologen anschließen, die in ihren Therapien den Menschen keine Sinnangebote mehr machen, sondern zum bloßen Spiegelreflex einer gott- und sinnlosen Welt werden, in der sie dann dem Patienten immerhin helfen wollen, sich etwas besser zurechtzufinden. In diesem Sinn zitiert Möde den Psychoanalytiker und Schriftsteller Irvin Yalom: „Das existenzielle Konzept der Freiheit postuliert, dass das einzig wahre Absolute ist, dass es kein Absolutes gibt, dass die Welt kontingent ist – das heißt, dass alles, was ist, hätte auch anders sein können; dass menschliche Wesen sich selbst, ihre Welt und ihre Situationen innerhalb ihrer Welt erzeugen; dass es keinen Sinn gibt, kein großartiges Design des Universums; keine Leitlinien außer denen, die das Individuum erschafft.“

Weil aber beides trostlos ist, eine Welt ohne Gott und Sinn genauso wie eine Welt, in der Gott vom Glauben gleichsam verordnet wird, versucht Möde aus der Perspektive der Anthropologie, d. h. unter der Voraussetzung der Frage, wie der Mensch wirklich ist, Chancen und Abgründe des Menschen zu zeigen, so dass vor diesem Hintergrund der Sinn des Lebens plötzlich lesbar wird.

Der Mensch ist für Möde erst einmal ein begehrendes Wesen. Er suche nicht weniger nach der Befriedigung seiner Bedürfnisse als nach dem Sinn seines Lebens. Jede Theologie oder auch Philosophie, die die konkrete Triebwelt des Menschen in Abrede stelle, sei absurd. Aber im griechischen Wort Leben (Bios) stecke zugleich das Wort Bogen. Die Kunst des Lebens sei, den „Bogen nicht falsch zu spannen“, ihn weder „über- noch unterzuspannen“, sondern den Moment zu finden, in dem sich der Schuss löse, ohne das Ziel zu verfehlen. Unser Leben bedürfe sowohl des transzendenten Sinnhorizonts als auch der innerweltlichen Perspektive, in die sich dieser Sinn einschreibe.

Mit diesen Gedanken aber öffnet Möde die Tür zum Kern seines Anliegens, nämlich zur wahren Begegnung von Menschen. Möde erläutert dies anhand der Emmaus-Geschichte im Lukas-Evangelium. Nach dem Kreuzestod Jesu seien die dort erwähnten beiden Jünger ratlos und verloren gewesen. Im Gespräch mit Jesus aber, der sich ihnen auf dem Weg unerkannt dazugesellt habe, sei in ihnen plötzlich Sinn und Hoffnung aufgekeimt: „Heilsame Weise von Begegnung. Jede echte Begegnung geschieht unverhohlen und zugleich sprachlich-symbolisch vermittelt. Sie ist niemals Selbstzweck, sondern Aufweis und Ausdruck einer transsubjektiven Kraft und transpersonalen Sinndimension. Deshalb wirkt sie befreiend, weil sie den Menschen herauslöst aus seiner imaginären Eigenwelt, der Zentripetalkraft seines Egoismus und der Tautologie seiner Selbstdialoge.“

Das ist die Situation des Menschen von heute: Er sitzt vor den Echokammern des Internets und sucht dort vergeblich nach Sinn. In der wahren Begegnung aber geschehe Sinn, beteuert Möde, und weil er als Psychotherapeut zum Glauben nicht überreden will, sondern die Begegnung zwischen Jesus und den Jüngern nur symbolisch und therapeutisch deutet und sie auf jede wahre Begegnung zwischen Menschen überträgt, überzeugt er.

Die Visualisierung und der Fanatismus als Sackgassen

Auf diese Weise kann die Emmaus-Erzählung auch in unseren Tagen noch eine große Hilfe sein. Durch sie wird verständlich, wie absurd der Versuch ist, mit Macht und Gewalt jenseits des wahren Sprechens Konflikte zu lösen. Sie zeigt, wie unverwechselbar der Einzelne ist und wie jeder von uns aufgerufen ist, nicht zum Massenmenschen zu werden; und wie wichtig es bleibt, in die Liebe und in die Begegnung mit dem Anderen hineinzufinden, in ein Gespräch und eine Interaktion mit ihm.

Dadurch aber wird der Vorgang des Glaubens zu einer radikal innerweltlichen Frage: keine Vertröstung auf das Leben nach dem Tod, sondern eine Verwandlung in dieser Welt. Damit widerspricht Möde sowohl einem dogmatischen Glauben, der Sinn vorgibt, als auch allen philosophischen und ideologischen Modellen, die als Sinnersatz den Menschen um sein Leben betrügen wollen. Das Leben sei offen nach allen Seiten, es vollziehe sich unter den Vorzeichen des Sterben-Müssens und des Leben-Wollens. Der Mensch aber halte das schwer aus und folge deshalb seiner Sehnsucht nach „Eindeutigkeit“. Das Fehlen von Eindeutigkeit lasse ein „Spannungsmoment aufkommen, das den einfachen Bahnen des Lustprinzips zuwiderläuft“. Menschen versuchten aber allzu gern, sich ausschließlich im Rahmen des Lustprinzips zu verwirklichen.

Mit dieser Diagnose wird am Ende der Blick frei für die großen Sackgassen unserer Zeit. Da wäre zuerst einmal die Sucht nach Bildern, das, was der Verleger Hubert Burda den „icon turn“ unserer Zeit nennt. Eine große Fehlsteuerung, denn: „Es ist ein alter, fataler Irrtum des Menschen zu ‚glauben‘, das Auge wäre die via regia des Erkennens, die visuelle Sinneserfahrung wäre schon Sinnerfahrung. Zuerst ist das Ohr und dann – nachgeordnet – das Auge. Erst nach der Geburt ‚gehen uns die Augen auf‘. Doch schon viele Monate vorher im Mutterleib hören wir intensiv.“ Also dem Sprechen und Hören, dem guten Gespräch sollte der Vorrang vor dem Visuellen eingeräumt werden.

Und dann natürlich die zweite große Sackgasse: die Flucht vor der Vieldeutigkeit und Vielgestaltigkeit des Lebens in den Fanatismus und Fundamentalismus. „Der Fundamentalismus ist oppressiv, setzt zwanghaft auf Selbstverschließung, Entzug und Verweigerung“, so Möde. „Der Fanatismus agiert offensiv und grenzenlos expansiv mit hohem paranoischem Potenzial. Wann immer Fundamentalismus mit Fanatismus verschmilzt, bricht die fanatisierte Gruppe aus ihrem selbstgeschaffenen Ghetto aus, um gewaltsam-missionarisch zu bekehren oder zu vernichten.“

Den Weg ins Leben zu finden bedeutet für den Psychotherapeuten und Priester Erwin Möde dagegen, das Leben selbst als Heilsangebot zu erleben. Im Blick auf den Anderen und im Gespräch mit ihm werde ein transzendenter Sinn spürbar, der jeden von uns als einzelnen Menschen anspreche.

Beten als dynamisches Gespräch mit Gott

Weil Möde die Sache des Glaubens so tief im Kern des Menschen selbst verortet, kann er am Ende seines Buches sogar wagen, über eines der schwierigsten Themen überhaupt zu schreiben: über das Beten. Am Beispiel eines wunderbaren Gedichtes aus Rilkes Stundenbuch, in dem der Beter nach einer Zeit der Verwirrung und Verstörung zu Gott zurückfindet, wird die Haltlosigkeit von Nietzsches Postulat, dass Gott tot sei, deutlich. Beten wird dabei von Möde nicht als „vorschneller und imaginärer“ Weg zur „Gewissheit des Übersinnlichen“ verstanden, sondern als „spirituelles Heilsangebot“, das je neu zu finden ist: als ein „dynamisch-energetisches Aktgeschehen“, das den Glaubenden immer wieder neu ins Gespräch mit sich selbst und mit Gott führt.

Das Buch von Erwin Möde ist in dieser geistig kargen Zeit ein großer Wurf und eine wertvolle Zeitdiagnose, deren Lektüre sich lohnt.

 

Erwin Möde: Spiritualität und Hermeneutik. Text und Sinn – Mystik und Transformation. Pustet Verlag, Regensburg, 208 Seiten, 34,95 Euro.

Die Populisten dieser Welt

von Prof. Dr. Martin Balle | 19. Januar 2019

Irgendwie war es doch auch ein sympathisches Bild, wie der amerikanische Präsident Donald Trump beim Empfang seiner Football-Stars in großem Stil Hamburger und Cheeseburger auffahren ließ, weil wegen des Shutdowns in Washington die Küche seit Tagen kalt bleiben musste. Aber es entspricht ganz der Amtsführung von Donald Trump: Auf den ersten Blick nimmt seine hemdsärmelige Art für ihn ein; auf den zweiten Blick gibt es nicht einmal mehr eine vernünftige warme Mahlzeit für die Gäste im Weißen Haus. Ein Symbol für den Schaden, den seine nationalistische Politik vor allem auch in seinem eigenen Land anrichtet. Dass es in Großbritannien nicht besser gehen wird, wenn sich die nationale Perspektive am Ende tatsächlich durchsetzen sollte, wurde in dieser Woche in allen Medien eindringlich beschrieben. Bleibt die Frage, weshalb entscheiden eigentlich die Bürgerinnen und Bürger eines Landes gegen ihre eigenen Interessen? Weshalb wählen sie einen aberwitzigen und hoch aggressiven Hasardeur zu ihrem Präsidenten oder entscheiden im Fall Großbritanniens für den Ausstieg aus Europa, der am Ende vor allem ihnen selbst schadet?

 

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler analysierte vor wenigen Wochen in einem Gastbeitrag der Wochenzeitung Die Zeit exakt dieses Phänomen. Er stellt fest: „Man sollte nicht glauben, die Bedrohung der Demokratie gehe nur von einigen Reichen und Mächtigen aus. Im Gegenteil: In einigen Fällen sind es Teile des Volks selbst, die der Demokratie den Rücken kehren, weil sie mit deren Ergebnissen nicht zufrieden sind und ihnen die Bereitschaft fehlt, die Mühen und Lasten der Aufrechterhaltung einer demokratischen Ordnung auf sich zu nehmen. Die Wahl von Erdogan, Trump, Rodrigo Duterte auf den Philippinen und Jair Bolsonaro in Brasilien ist so zu erklären.“ Der ehemalige Leitartikler dieser Zeitung Fridolin Markus Rüb pflegte das immer mit dem schönen Satz zusammenzufassen: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.“ Als Grund für ein solches selbstzerstörerisches Verhalten sieht Münkler aber nicht nur eine Unzufriedenheit mit der notwendigen Langwierigkeit und Komplexität von demokratischen Prozessen, sondern auch die Sehnsucht danach, eine plurale Gesellschaft, die die Verschiedenartigkeit von Menschen und Interessen anerkennt, durch die Rückkehr zu einer nationalen Gemeinschaft abzulösen. Münkler diagnostiziert eine „nostalgische Sehnsucht nach der Geborgenheit früherer Gemeinschaften. Gemeinschaften sind und werden integriert, indem die Menschen den Zusammenhalt wollen und ihn gegen alle Widerstrebenden durchsetzen; Gesellschaften hingegen integrieren sich, indem ihre Teile miteinander konkurrieren und konfligieren“.

 

Trumps Devise „America first“ war deshalb für viele genauso attraktiv wie die Versuchung für manchen Briten, aus Europa auszusteigen. Die Botschaft war jeweils einfach und appellierte an die Ängste der Menschen, in komplexen Gesellschaften und Lebenssituationen Gefahr zu laufen, den Weg zu verlieren. Bei Donald Trump wird diese Politik der Abgrenzung und Abschottung gegen das Andere und Fremde regelrecht symbolisch, wenn er eine Mauer zu Mexiko bauen lassen will. Sein aggressiv vorgetragener Satz, dass die Mexikaner selbst die Kosten für diese Mauer tragen müssen, erinnert dabei durchaus an die Haltung der Nationalsozialisten, die den Juden in Deutschland 1938 in gespielter Empörung die Kosten für die Reichskristallnacht aufbürdeten. Dass Donald Trumps Amtsführung auch postfaschistoide Züge trägt, ist vielfach kommentiert worden und lässt sich an vielen Beispielen belegen. Alle Fachleute bestätigen heute, dass dem Drogenimport aus Mexiko durch eine Mauer kein Einhalt geboten werden kann, sodass es keinen vernünftigen Grund gibt, eine solche Mauer zu bauen. Es geht primär um die Stigmatisierung des Anderen und des Fremden.

 

In Deutschland nimmt der Verfassungsschutz jetzt die AfD stärker unter die Lupe. Das ist das richtige und ein wichtiges Zeichen. Denn wie fragwürdig die Politiker dieser Partei dann doch sind, wurde gerade jetzt wieder sichtbar. Der Bremer Bundestagsabgeordnete Franz Magnitz wurde eben nicht, wie schnell behauptet wurde, mit einem Holzscheit niedergestreckt und war so Opfer eines Mordanschlages, sondern wurde brutal umgerannt und fiel unglücklich auf seinen Schädel. Laufende Kameras, die es zufällig gab, konnten das eindeutig zeigen. Das ist dann doch ein entscheidender Unterschied. Aber das Mittel der Lüge oder auch des Verdrehens von Sachverhalten, wie es die AfD praktiziert, also Lüge und Manipulation als Mittel der Politik, wurde an diesem Fall sehr gut lesbar. Es muss darum gehen, diese Partei immer wieder zu entlarven als das, was sie wirklich ist: ein Abgrund von Ewig-Gestrigen, denen kein Mittel zu schade ist, um die Menschen in diesem Land zu manipulieren und unsere Demokratie zu diskreditieren.

 

Dabei geht es vor allem auch darum, dass wir uns die Perspektive unseres politischen Diskurses von denen nicht manipulieren lassen. So hat die Sprachforscherin Elisabeth Wehling vor Kurzem gezeigt, dass es Donald Trump gerade mit seinen unsäglichen Twitter-Tweets gelungen ist, die politische Diskussion in Amerika zu bestimmen: „Das alles ist keine mediale Irrfahrt, das ist Taktik und fast schon hohe Kunst. Den landesweiten Diskurs bestimmt Trump mittels Twitter meisterhaft. Trump nutzt dabei grundlegende Erkenntnisse der neurokognitiven Ideologieforschung: Sprache aktiviert im Gehirn stets einen gedanklichen Deutungsrahmen. Wenn seine Gegner toben, seine dreisten Botschaften mit Fakten und Expertise widerlegen, transportieren sie diese dennoch weiter; Trumps Worte verankern sich in den Synapsen der Wähler. Das menschliche Gehirn kann die Verneinung nicht denken, ohne die nicht verneinte Form derselben Aussage zu denken.“ Wenn Trump also sinngemäß sagt: Das Fremde ist das Böse – so liegt diese Botschaft auf dem Tisch und man mag ihr noch so oft widersprechen, sie bleibt gerade dadurch auf dem Tisch und die Diskutanten bleiben auf das Thema fixiert, das Trump gesetzt hat – und etwas bleibt immer hängen ...

 

In Amerika prallt die Kritik der Medien und der politischen Gegner an Donald Trump regelrecht ab und es ist durchaus möglich, dass er bei allem Irrsinn nochmals gewählt wird. In Deutschland immerhin funktionieren die Mechanismen von Kritik und Kontrolle in Politik und Medien noch so gut, dass einem noch nicht angst und bange ist. Aber dennoch wird gerade bei den Landtagswahlen im Osten die AfD in allen drei Fällen vergleichsweise gut abschneiden. Als Mittel gegen die Populisten dieser Welt empfiehlt Politikwissenschaftler Herfried Münkler „die Zivilgesellschaft mit ihren Vereinen und Verbänden“. Dort muss es Geborgenheit und Rückhalt geben. Nicht in einer Wiederbelebung der „völkischen Idee“, sondern in unserer Heimat.

Straubinger Tagblatt vom 19. Januar 2019 

Weihnachten 2018

von Prof. Dr. Martin Balle | 22. Dezember 2018

Dass der Schweizer Schriftsteller Max Frisch sich bei einem längeren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten das Leben nehmen wollte, steht heute außer Frage. Natürlich warnt die Literaturwissenschaft in ihrer unbefriedigenden Methodendiskussion davor, literarische Produktionen als autobiografische Zeugnisse zu lesen. Aber was Max Frisch im „Stiller“ als Nahtoderfahrung erzählt, ist ohne Zweifel eine eigene Erfahrung, die unbedingt ernst zu nehmen ist. Auf nur zwei Seiten wird beschrieben, wie Stillers Selbstmordversuch misslingt: „Die kleine Schusswaffe ... hatte einen viel leichteren Druckpunkt, als ich es vom Armeegewehr gewohnt war. Vermutlich ging die Waffe vorzeitig los, so dass das Projektil den Schädel nur streifte, ohne einzudringen ...“ Dennoch streift Stiller der Tod. Was er erlebt, erzählt er später: „... und dann war alles weg: bis auf eine runde Öffnung in der Ferne ... und der Zustand war unerträglich, dabei nicht schmerzhaft. Eher sogar Sehnsucht nach Schmerz ... die entsetzliche Pein bestand darin, plötzlich nichts mehr zu können, nicht rückwärts, nicht vorwärts, nicht stürzen zu können, kein Oben und kein Unten mehr, dennoch vorhanden zu bleiben, rettungslos ohne Schluss, ohne Tod.“ Eine unerlöste Situation also, kein Leben, kein Sterben, kein Raum, keine Zeit. Ein unhaltbarer Zustand, der aber erst einmal da ist, von Stiller erlebt wird und im Letzten unglaublich entsetzlich ist.

 

Was dann geschieht, ist eine spirituelle Wiedererweckung des Helden. Denn der erschrickt und dieses Erschrecken ist ein so tiefes Gefühl, dass es ihn ins Leben zurückführt. Stiller schreibt: „Und dass ich mich, einer Gnade gewiss, zum Leben entschieden hatte, merkte ich daran, dass ein rasender Schmerz einsetzte. Ich hatte die bestimmte Empfindung, jetzt erst geboren worden zu sein.“ Dem ersten Erschrecken folgen Träume, die „kettenweise“ kommen und von Stillers engsten Beziehungen handeln, nämlich zu seiner Ehefrau und auch zu seiner Mutter. Für den Leser wird erlebbar, wie Stiller in seiner innersten Seele eingesperrt gewesen war, in Bildern, die sich andere, aber auch er selbst sich von sich gemacht hatten. Es wird fast körperlich spürbar, wie er sich selbst nicht hatte wahrnehmen können und erst mit der Wiedergeburtserfahrung nach seinem Selbstmordversuch zu sich selbst findet. Seine Träume leiten ihn dabei an. Eine Erfahrung der Wiedergeburt also, die aus dem tiefsten Unbewussten heraus Leben neu schafft, verbunden mit dem Erleben des Schmerzes und der Bilderfahrung der Träume. Das Erschrecken aber über das nicht gelebte Leben als erste Erfahrung nach seinem versuchten Suizid nennt Stiller seinen „Engel“. Denn aus diesem tiefen Erschrecken heraus vollzieht sich seine Wieder- und Neugeburt. Am Ende gibt Stiller noch preis, dass er all das kaum fassen kann und es auch kaum in Sprache zu bringen ist: „Eigentlich kann ich bloß sagen: Ich habe damals eine Ahnung erlebt. Nicht die Scham verbietet mir, sie auf den Tisch zu legen, sondern ich kann es einfach nicht.“

 

Der Schlüssel zum Verständnis dieses Textes ist das Unbewusste. Aus dem Unbewussten heraus entscheidet sich Stiller für sein Leben, die Träume leiten ihn an, der Schrecken über das versäumte Leben ist sprachlos, aber doch les- und verstehbar. Der körperliche Schmerz in seiner extremsten Form, ein Urschmerz gleichsam, gibt Stiller sich selbst zurück. Während noch vor Jahren die Psychologie von den Theologen als glaubensfremdes Teufelszeug verdammt wurde, gilt das Unbewusste heute als Einflugschneise von wahrem Leben. Ins Unbewusste schreibe sich der Sinn ein, sagen heute Theologen und Therapeuten. Das Unbewusste ist die radikale Möglichkeit, sich selbst zu erfahren auf der Grenze zur Transzendenz, also zum Glauben. In der Tür, die das Unbewusste öffnet, beginnt die Glaubenserfahrung – und so spricht Stiller ganz recht von dem „Engel“, der ihn seither begleitet. Damit aber ist auch Glaube eine radikal persönliche Erfahrung und Begegnung, die sich nicht abstrakt herstellen, gleichsam machen lässt. „In mir begann es zu beten“, sagen die, die von der eigenen Glaubenserfahrung überrascht wurden.

 

Alle Erfahrungen aber, die Stiller macht, sind radikal subjektiv. Sie sind ganz persönlich. Sein Erschrecken, sein Schmerz, seine Träume, seine Scham, seine Sprachgrenze, die ein letztes Erzählen, was wirklich geschah, nicht zulässt, auch wenn er es immer wieder versucht. All diese Erfahrungen hat nur genau er gemacht. Sie sind nicht imitierbar, sie bleiben Unikate seines Lebens und ihm gerade in ihrer Nicht-Erzählbarkeit unverlierbar.

 

„Ich bin mein Gehirn“ hat ein Schweizer Philosoph auf Poppers Meisterwerk „Das Ich und sein Gehirn“ geantwortet, um damit zu sagen, dass kein Mensch in seiner Persönlichkeit von anderen erzählt werden kann. Das Leben kann nicht von Computern besser abgebildet werden, als es ist. Es kann von Computern im Gegenteil gar nicht abgebildet werden dort, wo es wirklich ist. Dort, wo der Mensch ganz er selber ist, in Augenblicken, in Freundschaften, in wahren Begegnungen, dort ist nur mehr spürbar, was geschieht und es entzieht sich eben den Algorithmen von Facebook oder Google. Das ist der entscheidende Widerspruch zum Digitalisierungswahn unserer Zeit. Die Weihnachtszeit ist also auch ein Einspruch gegen den Irrsinn einer weitgehend rationalen Planbarkeit von Leben, die am Ende lebensfeindlich ist. Ein Einspruch gegen die Verfügbarkeit von Leben, die vor allem auch dahin führt, dass wieder einmal einige Großkonzerne viel Geld verdienen.

 

In seiner immer noch lesenswerten Enzyklika „Laudato Si“ schreibt Papst Franziskus deshalb: „Dazu kommen die Dynamiken der Medien und der digitalen Welt, die, wenn sie sich in eine Allgegenwart verwandeln, nicht die Entwicklung einer Fähigkeit zu weisem Leben, tiefgründigem Denken und großherziger Liebe begünstigen. Die großen Weisen der Vergangenheit würden in diesem Kontext Gefahr laufen, dass ihre Weisheit inmitten des zerstreuenden Lärms der Information erlischt. Die wirkliche Weisheit, die aus der Reflexion, dem Dialog und der großherzigen Begegnung zwischen Personen hervorgeht, erlangt man nicht mit einer bloßen Anhäufung von Daten, die sättigend und benebelnd in einer Art geistiger Umweltverschmutzung endet.“ Eine solche im Übermaß digitalisierte Welt hindere uns, „mit der Angst, mit dem Schaudern, mit der Freude des anderen und mit der Komplexität seiner persönlichen Erfahrung direkt in Kontakt zu kommen“.

 

Heute ist es nicht so sehr nötig, die Welt noch digitaler zu machen. Noch kurzatmiger, noch oberflächlicher. Aus dem dreidimensionalen Lebensraum überzulaufen auf die glatte Computeroberfläche. Sondern Räume zu öffnen für Leben. Für wahres Gespräch, aber auch für wahre Stille. Weihnachten ist so beides: wahre Ansprache Gottes an den Menschen und genauso stiller Rückzugsraum aus der Betriebsamkeit des Alltags.

Straubinger Tagblatt vom 22. Dezember 2018

Suche nach dem Markenkern

von Prof. Dr. Martin Balle | 01. Dezember 2018

Es war schon ein sehr seltsames Schauspiel, als vor wenigen Wochen der ehemalige Fraktionsvorsitzende der CDU, Friedrich Merz, vor der Bundespressekonferenz in Berlin sein politisches Comeback verkündete. Wie Phoenix aus der Asche tauchte er auf, erklärte kurz, wie man seinen Namen richtig schreibe, um am Ende mit wenigen Floskeln anzumahnen, dass es mit Floskeln nicht getan sei. Dabei sagte er dennoch einen Satz, der zum Nachdenken Anlass gibt. Die CDU müsse ihren „Markenkern“ wiederentdecken. Dabei ist der Markenkern ein Begriff, der gar nicht aus der Politik kommt, sondern in der Werbepsychologie verwandt wird.

Zum sogenannten Markenkern gehört neudeutsch das „look and feel“ eines Produktes. Coca-Cola schmeckt nicht nur unverwechselbar anders als Pepsi, auch der Schriftzug, den man sofort erkennt, ist Teil der Identität des Produktes. Genauso bei der Creme Nivea oder der Milka-Schokolade. Die sind blau oder lila verpackt, der Schriftzug ist sofort erkennbar, mit dem Inhalt aber ist es hier schon schwieriger. Wer würde bei anderer Verpackung tatsächlich erkennen, ob er sich gerade mit Nivea-Creme eingeschmiert hat, oder ob es tatsächlich eine Milka-Schokolade war, die man sich noch schnell vor dem Schlafengehen genehmigt hat, wenn die Verpackung das nicht auf den ersten Blick anzeigen würde. Zum Markenkern gehören also immer die Kontinuität der Tradition und die Außenansicht, die das Produkt für den Verbraucher unverwechselbar machen soll.

Legt man solche Werbepsychologie zugrunde, dann wird vor allem schnell klar, weshalb die SPD auch bundesweit nur noch knapp über dem bayerischen Ergebnis liegt. Man kann nicht die zwei Führungsfiguren der Partei, Martin Schulz und Sigmar Gabriel, von heute auf morgen entsorgen und sich selbst auf die Schnelle ein ganz neues Gesicht geben. Wer ist denn die SPD heute unter der Führung von Andrea Nahles und Olaf Scholz? Da wird keine Identität erkennbar, kein Gesicht vorstellbar. Die SPD hat ihre Vorsitzenden sowieso schon über Jahre hinweg allzu oft ausgewechselt. Die traditionelle Wählerklientel der klassischen Arbeiterschaft gibt es auch nicht mehr und mit Gerhard Schröder hatte ein Kanzler die Partei so sehr auf den eigenen persönlichen Erfolg zugeschnitten, dass es auch hier massive Identitätsverluste gab, ganz gleich, wie man heute die Hartz-Reformen bewertet. Was der Partei jetzt aber vor allem geschadet hat, war der bedingungslose Machthunger von Nahles und Scholz, die solche Erwägungen hätten treffen müssen, aber eben nur an die eigene Karriere dachten. Scholz bereitete es in jeder Talkshow sichtliches Vergnügen, wenn über den damaligen Parteivorsitzenden Martin Schulz hergezogen wurde. Und ein Urgestein der SPD, ein ehemaliger bekannter bayerischer Oberbürgermeister, sagte mir letzte Woche, dass es bei Nahles nicht besser wäre, und war sichtlich entsetzt vom Abstieg seiner geliebten Partei. Heute sucht die SPD bei einberufenen Konferenzen künstlich ihr neues Profil – ein auswegloses Unterfangen.

Die CSU hat mit Blick auf den Begriff des Markenkerns ebenfalls einen recht seltsamen Weg eingeschlagen. Hier wird in jedem Interview betont, dass die neue CSU in voller Kontinuität mit der Parteigeschichte der letzten Jahrzehnte stehe. Das ist regelrecht das Programm der Partei. Der neue Ministerpräsident stellt sich zudem in nostalgischer Schwärmerei sogar die Möbel von Franz Josef Strauß in sein Büro und der schwer zu deutende Alexander Dobrindt kauft sich tatsächlich einen alten 3er-BMW auf dem Gebrauchtwagenmarkt, weil in genau diesem Auto Strauß gefahren sei. Auf der anderen und doch entscheidenden Seite aber hat man den ehemaligen König von Bayern, Horst Seehofer, mit aller Gewalt zum Hausmeister Deutschlands in Berlin degradiert und wundert sich in München tatsächlich über dessen Lustlosigkeit in seinem neuen Amt. Seehofer gibt in Berlin eine Mischung aus Django und Oblomow, auch das ein seltsames, aber immerhin verstehbares Schauspiel. Jetzt fordern selbst die ehemaligen Claqueure aus der eigenen Partei lauthals sein politisches Ende auch in Berlin. Wenn es dann demnächst kommt, werden sie tränenreich erklären, wie wichtig Horst Seehofer und sein Erbe für die Partei seien. Das Blöde ist nur: Jeder Wähler, der auch nur einen durchschnittlichen IQ hat, wendet sich bei solchem Schauspiel angewidert ab. Bei aller Beschwörung der Kontinuität der Geschichte der Partei ist es schon so: Der Machtkampf mit all seinen hässlichen Spuren, das ist auch ein unverdrängbares Erbe der neuen CSU, die sich jetzt in der Geste der Unschuld als Partei der Mitte wieder beruhigen will.

Und die CDU? Wer wird hier das Rennen machen? Es gibt viele, die glauben, dass Merz es schaffen kann, weil die Abneigung gegen Angela Merkel in der Partei so groß sei, dass ihre Generalsekretärin am Ende chancenlos ist. Aber wer Annegret Kramp-Karrenbauer auf ihrer Tour durch die Talkshows und Regionalkonferenzen jetzt erlebt, der spürt eine Frau, die doch viel mehr zu bieten hat, als sie in ihrem Amt der Generalsekretärin zeigen konnte. Und sie war nicht zehn Jahre lang abwesend und sie strahlt auch nicht die Aura der Finanzwelt aus, die am Ende doch abstößt. Viele erinnern sich zudem, dass Merz schon damals eher Provokationen in die Welt setzte, wie die Begriffe von der Steuer auf dem Bierdeckel oder den der Leitkultur, die aber niemals den Lackmustest der Wirklichkeit bestehen mussten. Von Nostalgie allein kann man nicht leben. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird sich Kramp-Karrenbauer deutlich durchsetzen und Merz für immer in der Finanzwelt verschwinden. Kramp-Karrenbauer strahlt heute eine Freiheit des eigenen Denkens und Sprechens aus, die für die CDU zu einer Chance werden könnte.

Und die anderen? Christian Lindner will jetzt doch regieren. Die Grünen wollten schon damals. Das Personal der Grünen überzeugt. Das Detailwissen der Führungsmannschaft überrascht. Jürgen Trittin und Joschka Fischer in ihrer unerträglichen Arroganz sind Geschichte, geblieben ist die Freiheit der Diskussion, die es bei Fischer und Trittin so auch nicht gab. Manches bei den Grünen ist amateurhaft und fast kindlich, aber der Ernst des Bemühens unverkennbar.

Die Grünen gehen bundesweit wohl auf über 20 Prozent. Eine CDU ohne Angela Merkel hat Chancen auf eine deutliche Erholung gegenüber den verheerenden Prozentzahlen, die heute in den Nachrichten aufscheinen. Ein neu gewählter Bundestag könnte so aussehen, dass den zwei großen Blöcken von Union und Grünen die kleineren Parteien SPD, Linke, AfD und FDP gegenüberstehen. Was für ein Wandel!

Und für die FDP mit ihrem Vorsitzenden, der damals nicht regieren wollte, gilt dann der Satz, dass man im Leben manchmal zweimal gefragt wird, häufig aber auch nur einmal. Was die politischen Inhalte angeht, wäre ein solcher Ausgang der nächsten Wahl eine Chance.

Straubinger Tagblatt vom 1. Dezember 2018

 

 

Sinn des Lebens erkennen

von Prof. Dr. Martin Balle | 05. Mai 2018

„Das Leben wird vorbei gewesen sein.“ Dieser Satz ist einer der Schlüsselsätze des weltberühmten Philosophen Martin Heidegger. Dabei ist dieser Satz vollkommener Blödsinn. Es gibt zwei Sätze, die dagegen klug und aufrichtig sind. Einer wäre: „Das Leben wird vorbei sein“ – aus der Perspektive des Lebens gesprochen. Der andere wäre: „Das Leben wird gewesen sein“ – aus der Perspektive des Denkens gesprochen. Der Satz „Das Leben wird vorbei gewesen sein“ spielt dagegen das Leben und das Denken in eine sowohl undenkbare als auch nicht lebbare Situation hinein: Der Schrecken des Todes wird so gerade nicht aufgelöst, sondern er ist für immer der Schatten, der sich als fürchterlicher Todesbote über jeden Sinn des Lebens legt.

Den wunderbaren Philosophen und Psychotherapeuten Dieter Wyss hat dieser schreckliche Nihilismus des Martin Heidegger so angewidert, dass er ihn in seiner monumentalen Studie „Kain: Eine Phänomenologie und Psychopathologie des Bösen“ in einem Atemzug mit Hitler und Lenin nennt. In der verschwurbelten Philosophie Heideggers sieht er „primär ein krankhaftes Geltungsbedürfnis“. Das Wegdenken jeder Erlösung des Menschen und das gedankliche Hineinstellen seiner Existenz in einen Abgrund von Angst und Sinnlosigkeit ist für ihn ein Anschlag auf die Menschenwürde und jede wahre Philosophie, die ja gerade menschenfreundlich sein muss.

Das haben aber alle Existenzialisten gemeinsam. Sie gruseln sich gerne mit der Einsamkeit und dem Tod. Ob Sören Kierkegaard aus Dänemark, Sartre in Frankreich oder eben Heidegger. Der Mensch bleibt für sie unerlöst und unerlösbar. Weder Gott noch der andere Mensch kommen als lebensrettendes Ufer der eigenen Existenz in ihren Blick. Am schlimmsten treiben es dabei Martin Heidegger und der Däne Sören Kierkegaard schon im 19. Jahrhundert. Es ist bei beiden der Abgrund der Angst, in den sie den Menschen mit ihrer Philosophie verstoßen wollen.

Für Kierkegaard ist die wahnsinnige Angst sogar der Urgrund des Glaubens. Aus seiner Angst heraus soll der Mensch im Todesaugenblick in das Gottesvertrauen springen. Als ganz Geängsteter wird er erlöst sein. Was für ein perverser Irrsinn! In seiner wunderbaren Arbeit über Kierkegaard hat ihn Theodor W. Adorno als das entlarvt, was er am Ende ist: ein Nihilist, der weder wahren Glauben noch wirkliche Philosophie hat, sich aber Christ schimpft.

Das Einzige, was diesen schrecklichen Existenzialisten abzugewinnen ist, ist ihre glänzende Analyse der postmodernen Gesellschaft. Kierkegaard nimmt in seinem Buch „Die Krankheit zum Tode“ alle modernen Zivilisationskrankheiten der heutigen Zeit voraus: die übersteigerte Sehnsucht des Menschen, nur er selbst zu sein, aber auch seine gegenteilige Sehnsucht, sich selbst ganz zu verlieren. Und Heidegger kennt die Langeweile der Menschen von heute. Angst und Langeweile sind für viele ihr Lebensthema geworden. Sie können keinen Sinn mehr spüren, ihr Leben nicht als wertvoll erfahren. Aber Heidegger und Kierkegaard nehmen diese Probleme dankbar auf und machen ihre grausame Philosophie daraus.

Was aber macht die Verführung dieser Denker aus? Weshalb sind so viele kluge Köpfe auf dieses Denken über Jahrzehnte und Jahrhunderte hereingefallen? Ein Grund liegt in der Gesellschaft von heute. Sie bietet viel zu wenig Raum für tiefgründiges Erleben und Spüren unseres Daseins. Im Alltag der Arbeit, in der schnelllebigen Welt der kurzatmigen Kommunikation kommt das, was der Mensch in seinem Innersten an Tiefe des Erlebens ersehnt, viel zu kurz. Wie eine Plastikwelt türmt sich die Zivilisation von heute vor unseren Augen auf. Ein Dschungel von leichtsinnigen Verführungen, die nichts einlösen und uns mit dem schalen Geschmack einer äußerlichen Existenz zurücklassen.

In der monumentalen Sprachwelt eines Martin Heidegger, der von Tod, Angst und Sorge „kündet“, liegt auch ein Rückruf zu den Kräften, die Leben zuerst ausmachen. Und weil Heidegger jeden Trost und jede Erlösung wegdenkt, werden diese Begriffe so überstark, dass sie zu faszinieren beginnen und einen seltsamen Bann auf unser Denken auszuüben vermögen. Diesem Bann muss man sich aber genauso entziehen wie dem Bann einer oberflächlichen Konsumgesellschaft, die unsere Seelen mit ihren Pseudoangeboten zukleistert.

Eine angemessene Antwort auf Heidegger wäre als Beispiel Karl Popper. Auch für ihn gibt es keine letzte Wahrheit, von der her wir sicher leben könnten. Aber das führt bei ihm nicht zu einer Perspektive der Sinnlosigkeit, die alle Werte relativieren würde. Sondern in vielen kleinen Schritten kann der Mensch für Popper immer weiter in der Annäherung an seine eigene Wahrheit kommen. Versuch und Irrtum – aber nicht lebenslanges Irren, das ist Poppers hilfreiche Philosophie, die ein ungeheuer menschenfreundliches Gesicht hat. Oder der Psychologe Erik Erikson. Er unterteilt das Leben in acht Abschnitte, die von verschiedenen Lebensaufgaben charakterisiert sind. Heideggers Welt ist zeitlos, der Mensch ist immer von Angst befallen und so dem Wahnsinn ausgeliefert. Der realistische Blick von Erikson erkennt dagegen die Chance des Lebens und sagt uns, was wir etwa mit Anfang 30 tun können, um am Ende auf ein erfülltes Leben zurückzublicken.

„Das Leben wird vorbei gewesen sein.“ Was für ein Blödsinn! Die Antwort des Christentums wäre dagegen, dass in Jesus Christus schon dieses Leben im Zeichen des ewigen Lebens steht. Dass diese Welt trotz aller Schatten erlöst ist. Dass damit auch diese Welt Aufgabe für uns ist, vor der wir nicht in Angst erstarrt zurückstehen dürfen. Selbst moderne marxistische Philosophen geben heute zu, dass im Glauben ein Hoffnungsgrund in diese Welt einverwoben ist, auf dem alle gesellschaftlichen Utopien für eine bessere Welt zu wachsen beginnen können.

Wenn Christen an jedem Sonntag die Erinnerung an Ostern feiern, dann feiern sie exakt diesen Hoffnungseinbruch in eine Welt, die auch düster sein könnte. Sie vergewissern sich der Hoffnungsperspektive, die schon in dieser Welt beginnt. Was im Glauben bei jedem Einzelnen genau geschieht, bleibt sein Geheimnis. Aber das Atemholen am Sonntag scheint doch für viele immer noch ein reeller Weg des Lebens zu sein, sonst würden sie es ja nicht tun. Es ist also auch sehr zu begrüßen, wenn die katholische Bischofskonferenz unter ihrem Vorsitzenden Hindernisse auf dem besseren Weg zu einem gemeinsamen Sonntag von Protestanten und Katholiken aus dem Weg räumt. Das gilt auch für das Geheimnis des Abendmahls. Als ich vor Jahren einem konservativen Bischof sagte, dass ein Priester, den ich sehr schätzte, die Protestanten und auch die Geschiedenen expressis verbis zur Kommunion einlade, meinte der entsetzt: „Dafür wird er sich vor Gott verantworten müssen.“ Hochwürden, das Entsetzen ist heute – nach Eurem Brief nach Rom – ganz auf meiner Seite!

Straubinger Tagblatt vom 5. Mai 2018

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